Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: A. St.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Aus dem Vatikan
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 606–607
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[606]
Aus dem Vatican.
Eine Plauderei von A. St.
Monterotondo bei Rom, am 19. August 1879.

Heine sagt in seinen „Geständnissen“, er wäre gewiß ein zierlicher Abbate, ein Monsignore geworden, ja er hätte am Ende vielleicht gar jenen erhabensten Ehrenposten erklommen, den er, trotz seiner „natürlichen Bescheidenheit“, nicht ausgeschlagen haben würde – er hätte sich zum Papste krönen lassen, sich ruhig niedergesetzt auf den Stuhl Petri, allen frommen Christen das Bein hinstreckend zum Fußkuß, wenn die Wahl des Conclaves auf ihn gefallen und aus ihm etwas Besseres geworden wäre, als ein – Dichter.

„Es sei ’ein Pfäfflein noch so klein,
Es möchte gern ein Päpstlein sein.“

Das Sprüchlein kommt mir unwillkürlich in den Sinn, wenn ich mir die neuesten vertraulichen Mittheilungen aus dem Vatican vergegenwärtige. Der Papst Leo der Dreizehnte treibt es wahrhaftig bunt; er scheert sich um keine Tradition, um keine Gepflogenheit: er operirt über die Köpfe des „heiligen Collegiums“ hinweg, kehrt das Unterste zu oberst und entwickelt eine solche drakonische Willkür, daß auch die Frömmsten seiner Umgebung rathlos in die Kniee sinken und beten: O lieber Herrgott, werde hart!

[607] Leo der dreizehnte duldet nur einen Vertrauten, nur einen Günstling, nur einen Gewaltigen an seiner Seite, und dieser eine ist sein Bruder. Aus dem „kleinen Pfäfflein“ ist mittlerweile ein Kardinal geworden, und weil auf dem Stuhle Petri für zwei Pontifexe kein Platz, so wird – was die Christenheit auch darüber denken möge – Signor Giovanni Pecci in ein paar Wochen, wenn nicht noch früher, zum päpstlichen Staatssecretär erhoben werden.

In der Ministerkanzlei ist man auch schon vollständig in Bereitschaft und die unglückliche Eminenz Lorenzo Nina, heute nur noch ein Lückenbüßer, erwartet stündlich die officielle Bestätigung ihrer Enthebung, um zu gehen. Das heißt Lorenzo Nina geht nicht, er wird schier – und ich glaube sogar in des Wortes bestem Sinne – „gegangen“. Es ist eine traurige Periode, die der alte Mann mit seiner liebenswürdigen Gutmüthigkeit jetzt hinter sich hat.

Die Aergerlichkeiten und Aufregungen der letzten Wochen haben seine Gesundheit merklich angegriffen – er ist krank. Nina hat die Demüthigungen und kränkenden Herausforderungen seines Souverains Monate hindurch mit solcher christlichen Geduld ertragen, daß man ihm nur gratuliren möchte zu seinem Sturze. Und in diesem Sturze Nina’s, in diesen dramatischen Zusammenstößen des Pontifex mit seinem Minister liegt die neueste, höchst ergötzliche Signatur jener Palastgeheimnisse, über welche die Schranzen in den Vorzimmern der Curie so viel Heiteres zu erzählen wissen.

Die Beseitigung Nina’s fällt wie ein Funke in die ohnehin gährende Zündmasse, die sich seit Leo’s des Dreizehnten Regierungsantritt im Vatican und namentlich im Schooße des heiligen Collegiums angehäuft. Nina hat viele Gegner, aber noch viel mehr Anhänger. Leo der Dreizehnte dagegen hat fast das ganze Cardinalscollegium gegen sich. Das Letztere fühlt sich gereizt durch den Gleichmuth und die selbstbewußte Vornehmheit, mit der es ignorirt wird, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, geht die Mißbilligung zwischen dem Jupiter des Vaticans und den himmelstürmenden Giganten, die seine Macht empört, einem gewaltsamen Ausbruche entgegen.

Mit der Einführung eines Bruderregiments, fürchten die Zopfmeier der Curie, werde die ohnehin fieberhafte Neuerungslust Leo’s des Dreizehnten eine entschiedene Richtung annehmen und darüber die gute alte Tradition, sowie jener Charakter der Unveränderlichkeit verloren gehen, welcher die Einrichtungen der Kirche so ehrwürdig erscheinen läßt. Der Papst ist ein guter Pilot und das Kirchenschifflein ihm ein williger Organismus, den man mit Vernunft lenken soll. Der heutige Katholicismus erscheint ihm als ein Körper, der am Krebs leidet. Er wagt zwar noch keine Operation auf Leben und Tod, aber er zeigt sich doch als kühner Operateur. Die vielhundertjährige vaticanische Hausrechnung hat er gründlich reformirt. Da waren die fetten Sinecuren – heute sind ihre Inhaber nichts als Pfründner, die nicht mehr honorirt, Holländer, Franzosen, Deutsche, Schweizer, die wieder abgeschoben werden in die Thäler, woher sie gekommen. Wo der Staub des Mittelalters an den Einrichtungen gefressen, fährt Leo der Dreizehnte lustig mit dem Flederwisch darüber und stäubt, wo es noth thut, selbst mit rauher Hand, den Schmutz hinweg. So hat eine seiner jüngsten Aenderungen gar viel böses Blut gemacht unter den Saugmäulern des Peterspfennigs. Diese waren nämlich auf den katholischen Heiligenkalender abgerichtet, welcher so viele Feiertage vorschreibt, wie Heilige darin Platz haben, sodaß durch die Feier von Namenstagen kleinerer oder größerer Heiliger und durch sonstige Festlichkeiten über hundertundachtzig Tage im Jahre „geschwänzt“ wurden. Das war viel kostspielige Andacht, und Leo der Dreizehnte, als ein weiser Sparmeister, strich schnell hundert Namenstage kleiner Heiliger aus dem Kalender.

Der Mißmuth über solche „Willkür“ kennt keine Grenzen mehr. In der Umgebung des Papstes fragt man sich laut, ob eine solche „Mißwirthschaft“, ein so empörendes Alleinregiment auf die Dauer ertragen werden könne, ertragen werden dürfe. Ob? Die Frage dünkt mich eine unbeantwortbare.

An finstere Pläne ist der tückische Priestergeist allerdings seit jeher gewöhnt, und nichts ist leichter, als einen Tyrannen aus der Welt zu schaffen, wenn es unter der Devise ad majorem Dei gloriam geschehen kann. Heimliche Winke hat Leo der Dreizehnte bereits empfangen, und er mag darüber gelächelt haben, wenn er auch innerlich an ihre Furchtbarkeit glauben muß. Der jähe Tod des Cardinals Franchi ist heute noch ein Geheimniß, und der größte lebende Staatsmann stellte seinem eigenen diplomatischen Spürtalent ein glänzendes Zeugniß aus, als er die Vermuthung aussprach, der Cardinal Franchi sei nicht auf natürliche Weise gestorben. Warum hat auch dieses Priesterthum eine so traurige Geschichte, die unwillkürlich auf solche Gedanken bringt!?

Desto ruhiger und kühler geht Leo der Dreizehnte seine Wege. Die letzten Ziele, die er dabei im Auge hat, sind nicht leicht abzusehen, aber es scheint fast, als ob sie das Pontificat aus dem versumpften Gleise mittelalterlicher Glaubenswuth in christlich edlere Bahnen lenken sollen. Dieses möchten die Kläffer im Vatican vereiteln, und sie belfern laut und ungeberdig, weil sie den Führer einzuschüchtern hoffen, ehe die Karawane marschfertig geworden. Leo der Dreizehnte läßt sie gewähren; sie haben nämlich eine ausgezeichnete Nase, und sie wittern durch alle Thüren und selbst durch die undurchdringliche, fast mysteriöse Zugeknöpftheit, deren sich der Papst befleißigt, seine Pläne und seine geheime „Machinationen“. Leo der Dreizehnte, sagen sie, schließt sich seit geraumer Zeit den ganzen Vormittag in seinem Schlafzimmer ein und schreibt und grübelt dort, wenn nicht über Alchemie, so doch über gar gefährliche Dinge, daß Einem gruseln könnte. Um ungestörter zu sein, benütze er sein Schlafzimmer als Arbeitscabinet, zu welchem Niemandem der Zutritt gestattet ist außer seinem Bruder. Trotz der Heimlichkeit des Papstes hat man indessen herausgeforscht, was er in seiner Einsamkeit ausbrütet. Neue Dogmen nicht; Dogmen sind kein Stoff für die spitzigen Zähne Leo’s des Dreizehnten, aber eine großartige Kirchenreform, wie sie die vaticanische Camarilla in ihrem Blödsinn schon einmal unter Pius dem Neunten befürchtete. Diejenigen, die nicht daran glauben, wissen hinwiederum ganz bestimmt, daß Leo der Dreizehnte sich mit kirchenpolitischen Neuerungen von großer internationaler Bedeutung trage. Er will, sagen diese, die katholischen Elemente der ganzen Welt einer einheitlichen politischen Disciplin unterwerfen, um mit dieser Heeresmacht dem Katholizismus seine frühere staatsrechtliche Bedeutung und die ihm gebührende Theilnahme am politischen Leben zurückzuerobern. Als treuen Famulus in der Verbreitung dieser weltgeschichtlichen Pläne habe sich Seine Heiligkeit seinen Bruder, den zukünftigen Staatssecretär, zur Seite gestellt. (An dem guten Willen zu diesem letzteren Zweck ist allerdings nicht zu zweifeln. D. Red.)

Ich erwähne dies, um darzuthun, daß die Polizisten und Spione im Vatican um kein Haar schlechter sind, als irgendwo in der Welt. Würden aber auch diese Späher lügen, dann bliebe freilich immer noch die auffallende und seltsame Lebensweise Leo’s des Dreizehnten, sein verborgenes Treiben, das die Neugierde lauernder Höflinge reizt. Der Papst steht um fünf Uhr Morgens auf und gönnt seinem Kammerdiener zur Noth, ihm beim Ankleiden behilflich zu sein und das Gemach in Eile zu reinigen. Sein Frühstück besteht in einer Tasse leichten Milchthees und einer Brodsemmel oder einem der in Rom üblichen Kaffeegebäcke, maritozzi genannt. Nach abgeräumtem Thee entfernt sich der Bediente und wird vor elf Uhr nicht wieder gerufen. Leo der Dreizehnte arbeitet während dieser Zeit ohne Unterbrechung und schenkt, außer seinem Bruder, der sein ständiger Mitarbeiter ist, Niemandem Zutritt. Es kommt mitunter vor, daß sogar hohe Würdenträger in geschäftlichen Angelegenheiten abgewiesen werden.

Um elf Uhr entfernt sich der Papst, indem er die Thür eigenhändig verschließt und den Schlüssel zu sich nimmt. Der Lakai empfängt die Weisungen zum Mittagsimbiß, welcher Punkt zwölf Uhr eingenommen wird. Die Stunde bis dahin füllt Leo der Dreizehnte in verschiedener Weise aus. Sind wichtige Staatsgeschäfte zu erledigen, so verfügt er sich entweder selbst in’s Secretariat oder es wird der Minister in die päpstliche Kanzlei bestellt. Ein andermal besichtigt er die ihrer Vollendung entgegengehenden Loggien und promenirt in Begleitung einiger Intimen, die sich zur Aufwartung gemeldet, in den Corridors und Gallerien des piano nobile. Nur selten und in ganz besonderen Fällen wird Audienz gewährt – ein Actus, dem sich Leo der Dreizehnte mit aufrichtigem Widerstreben unterzieht. Manchmal unternimmt er in jener heißen Tageszeit eine Erholungsfahrt in den schattigen Palmengängen der vaticanischen Gärten. Punkt zwölf Uhr wird zu Mittag gespeist, und die Hauptmahlzeit hält der Papst nach italienischer Sitte nicht des Mittags, sondern am Abend. Er speist in der Regel allein, selten in Gesellschaft seines Bruders. Einladungen finden nicht statt.

Leo der Dreizehnte ist eine äußerst nüchterne Natur und seine ganze Lebensweise, namentlich aber seine Tischgewohnheiten contrastiren vorteilhaft mit der überschwänglichen, gedankenleeren Genußliebe seines Vorgängers. Pius der Neunte hielt Mittags und Abends königliche Tafel und glänzende, lärmende Gesellschaft, in deren Mittelpunkt er sich, als ein geborenes Unterhaltungstalent, mit anakreontischer Nachlässigkeit zu stellen wußte. Leo der Dreizehnte ist ein sittenstrenger Mann, der sich selbst kasteit, und er speist frugal, weil ihm kein Genuß Selbstzweck ist. Keine Blumen, keine strotzenden Leuchter und auch keine fröhlichen Gesichter beleben seine Tafel. Man denke sich einen in mäßigem Wohlstande lebenden Schulgelehrten an einem häuslich gedeckten Tische, und man hat ein ungefähres Bild von dem dreifach gekrönten Oberhaupte der ganzen Erde, wenn er seine Mahlzeit einnimmt. Der Mittagsimbiß des Papstes besteht in der Regel aus einer Bouillonsuppe, gebackenem oder aufgebrühtem Hühnerfleisch mit Gemüse und einer Torte (Biscuit oder Genfer) mit Obst als Dessert. Für Pfirsiche, die jetzt gerade saisonmäßig, hat der Papst eine leidenschaftliche Vorliebe. Nicht wenig mundet Seiner Heiligkeit der römische Weißwein, von dem ab und zu ein Schöppchen über den normirten halben Liter getrunken wird. Nach Tische eine kurze Promenade, mitunter auch intimes Cercle, und hierauf die im Süden unvermeidliche Siesta. Diese dauert bis halb vier oder vier Uhr, worauf dringende Staatsgeschäfte erledigt und die jeweiligen Audienzen an die Chefs der Congregationen etc., aber nur an zwei bestimmten Wochentagen, ertheilt werden. Dann eine halbstündige Fahrt durch die Gärten, während welcher Leo der Dreizehnte auszusteigen und eine Strecke zu Fuß zu promeniren pflegt. Um halb sieben Uhr Pranzo, wie die Italiener ihre Hauptmahlzeit nennen. Diese pflegt aus vier in hausbackener Einfachheit zubereiteten Gängen zu bestehen und dauert bis gegen halb acht Uhr. Seine Heiligkeit schmaucht dann nicht ohne Wohlbehagen eine jener stark aromatisirten Trabucco-Cigarren, welche ein leidiges Erzeugniß der in der ganzen Welt berüchtigten königlichen Regia dei tabacchi sind. Um neun, spätestens halb zehn Uhr zieht sich der Papst in seine Gemächer und in das Dunkel seiner Arbeitsstube zurück.