Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Adolf und Karl Müller
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Dachssucher und seine Jagd
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 604–606
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[604]
Thier-Charaktere.
Von Gebrüder Adolf und Karl Müller.
Der Dachssucher und seine Jagd.[1]


Leibhaftig und fesselnd präsentirt sich auf unserm Bilde der rauhe, derbe Bündel Dachssucher, wie er den „Grimmbart“, diesen beliebten, mysteriösen Gegenstand der Nachtjagden jugendlicher Waidmannsgemüther gefunden, „gestellt“ hat und „verbellt“. Es ist der untrügliche, wackere Hund im Grunde derselbe, der als sogenannter „Saubeller“ zum Auffinden der Wildsauen gebraucht wird. Hier figurirt er als „ Dachssucher“. Er ist ein echter Abkömmling seiner beiden vorzüglichsten Ahnen, des Schäferhundes und des diesen in sicherem Finden noch übertreffenden eisgrauen Spitzpommers stärkerer Rasse. Der Mangel an Flüchtigkeit des letzteren in der Verfolgung des Wildes führte zur Kreuzung zwischen Pommer und Schäferhund oder zwischen rauhhaarigem Pinscher und Pommer. Meist trüb und dunkel gefärbt, entweder eisgrau, schwarz mit dunkelgelben Abzeichen, sowie

[605]
Die Gartenlaube (1879) b 605.jpg

Der „verbellende“ Dachssucher.
Nach dem Aquarell-Original von C. F. Deiker aus dem Prachtalbum „Der Hund und seine Jagd“ von Adolf und Karl Müller.

graugelblich, stellt er ein Geschöpf von etwas wüstem Aussehen in einer Höhe von nur dreißig bis fünfunddreißig Centimeter dar, das aber voller Leben und Entschiedenheit ist. Mit seinem feurigen Temperamente und seiner Unempfindlichkeit gegen Nässe und Kälte verbindet sich Klugheit und eine scharfe Nase. Kraft dieser Eigenschaften bewährt er sich so tüchtig zum „Ausmachen“ und Verbellen dort der Sauen, hier des Dachses. Wie man aber der Vorliebe des Saubellers, an zahmen und Wildschweinen „laut auszugeben“, schon frühe Nahrung geben kann, indem man ihn öfters an diese Thiere bringt und ihn diese verbellen läßt, so daß er die „Fährten“ von Wildschweinen allein nur aufnimmt und verfolgt: so mag die andere Ausgabe des Saubellers, der Dachssucher, sich auf der Bühne seiner lebendigen Bethätigung gleichsam vor unsern Augen entwickeln. Wir wählen hierzu einige Thatsachen und Scenen aus unserer eigenen Jagdpraxis.

Aber – so könnte mit scheinbarem Rechte der Thierfreund uns einwenden – warum der Jagd auf den harmlosen Dachs von einer Seite her das Wort reden, die das Thier ja schon so oft entschieden in Schutz genommen und seine Befreiung aus dem Jagd- und Forstbanne befürwortet hat? Es würde ungereimt erscheinen, die Verfolgung des unermüdlichen Vertilgers von Kerf-, Weichthieren und Würmern in den Saatkämpen, auf den Culturstellen des Waldes und überall da anzurathen, wo er sich nur in dieser vorwiegend wirthschaftlich nützlichen Eigenschaft bewährt; dagegen ist in den Gegenden des Weinbaues, wo er gewaltig schadet, die Jagd auf ihn geboten.

[606] Eben taucht nach einem Gepolter in der „gangbarsten“ (besuchtesten) Röhre die weiße Blässe eines Dachses aus dem Bau hervor, um sogleich wieder zu verschwinden. Einen Augenblick später erscheint der ganze weiß- und schwarzbindige Kopf Grimmbarts über dem Ausgang, um zu „sichern“. Jetzt steigt es schattenhaft an der stark „ausgeführten“ (ausgeraumten) Röhre heraus: sie ist es, die behutsame „Dächsin“ oder „Fähe“, im Begriff, ihr „Geheck“ (Nachkommenschaft) zur Weide auszuführen. Wohl zeigt das tief ausgetretene Pfädchen den „Steig“ an, welchen allabendlich die Alte mit den Jungen zur nahen Waldwiese geht. Auch jetzt hält sie den „Paß“ vertraut, nachdem durch wiederholtes Sichern die Umgegend geprüft ist. Auf einen murksenden Ton der Dächsin kommt ein weißes Bläßchen nach dem andern in den Röhren des Baues zum Vorschein: in Abständen von etwa hundert Schritten folgt ein halbwüchsiges Dächschen auf das andere der Mutter zur Weide.

Still beobachtend ist das Auge des fern vom Baue unter Wind anstehenden Waidmannes dem Ausgehen der Dächse gefolgt. Er hat neben dem alten „gearbeiteten“ (gebrauchten) Sucher „Hellauf“ den jungen Zögling „Schnurr“ an der Leine, der heute seine erste praktische Probe auf der Suche nach Dächsen ablegen soll. Nach einer Weile führt der Jäger die Hunde auf den Bau. Unter dem Zuspruch: „Hu, das Dächschen, Hellauf! Such’ das Dächschen, Schnurr!“ hat er die Hunde „gelöst“. Der hoffnungsvolle Lehrling folgt dem alten Meisterhunde eifrig auf dem Steig, mit Leichtigkeit die warmen Spuren des Gehecks „fortbringend“ (verfolgend). Ohne Säumen folgt der Führer den Hunden, die nicht lange darauf in der Richtung der Waldwiese „laut ausgeben“. Der hinzueilende Jäger trifft die beiden Hunde vor einem der jungen Dächse laut. Bei seiner Annäherung mit dem Zuspruches „Hu, faß das Dächschen!“ packt Hellauf den verbellten Dachs, ein Beispiel für Schnurr, ebenfalls zuzufahren. Ein Stich mit der Dachsgabel – einem langen Stock mit eiserner Gabel – in’s Genick des Gepackten giebt diesen dem Eifer der Hunde noch eine Weile preis.

Auf diese Weise opfert man schon im Sommer ein und das andere Stück der Dachsgehecke für das Einhetzen des jungen Hundes, und derselbe ist für die Nachthatze im Herbste gearbeitet.

Es war eine schöne Octobernacht, in der ich einst, meine zwei „fermen“ Dachssucher zur Linken an der Leine, mit einem Jagdgefährten, der einen leichten Hatzhund führte, sacht und schweigsam nach einem heimischen Feldgehölze in der Wetterau zog. Der Wald trug sein herbstlich verklärtes Laub, welches, beschwert vom Thau, von Zeit zu Zeit raschelnd zur Erde fiel. Dicht stand der Nebel in der Tiefe der Wiesenthäler, aber klar und rein erfüllte der Vollmond die stille Herbstnacht. Von dem nahen Kirchthurme trug der Nachtzug die Schläge der Mitternachsstunde über’s Feld herüber. Wir lenkten bald unsere Schritte in die „Hainbach“, einen heimlichen Winkel des Gehölzes. Dort war ein Hauptbau Meister Grimmbarts tags vorher „gezeichnet“, das heißt: es waren schwache Reiser oder derbe Grasstengel vor die „befahrensten“ (betretensten) Ausgänge kreuzweis gestellt worden. Mein Gefährte trug die „Dachssäcke“ oder „Hauben“, und Beide hatten wir die Dachsgabeln zur Hand. Die Dachshauben waren von meinem Begleiter, einem geriebenen Dachsfänger der Wetterau und des nahen Vogelbergs, gefertigt, Netze von einem Meter Länge und einem halben Meter Breite mit starkem Bindfaden weitmaschig und nach dem Ende zu verjüngt gestrickt, welch letzteres in einem sieben bis acht Centimeter breiten eisernen Ring auslief. Rings um den breiten Eingang ist eine drei bis vier Meter lange Leine als Struppe durchgezogen, und in den Endmaschen des Eingangs sind fingerlange Holznägel, die „Heftel“, in kleinen Abständen eingeknebelt.

Geräuschlos nahten wir jetzt dem Bau. Ein Blick auf die gezeichnet gewesenen Röhren thut kund, daß mindestens zwei Dächse den Bau bereits verlassen haben, da vor zwei Ausgängen die Zeichen nach außen geschoben liegen. In kurzer Zeit sind mit den schon vorbereiteten und in die Nähe des Baues geschafften Reiserwellen, den „Bolzen“, alle Röhren mit Ausnahme der beiden gangbarsten „verreisert“ oder fest verstopft. Gleich darauf werden die Dachshauben in die zwei offen gelassenen Ausgänge eingelegt, nachdem die „Heftel“ am Eingang der Säcke stramm um den Rand der Röhren „eingeheftelt“, die Hauben alsdann mit etwas Erde und Land bedeckt und die Struppleinen derselben an zwei nahen Reideln befestigt worden sind.

Nachdem alles so geräuschlos vorbereitet worden, löse ich erwartungsvoll die Sucher. Diese umkreisen den Bau und fallen bald einen der Steige an. Mein Begleiter bleibt mit dem Hatzhund Sultan in gutem Winde in der Nähe des Baues, während ich schnell den Hunden folge, die über einen kleinen Waldkopf hinab zu Thal suchen. Von der Höhe aus kann ich gerade noch die Richtung der Suche verfolgen, wie sie über eine Schlucht der Trift zugeht, welche am Waldsaume herzieht. Dort auf dem Außenfeld sind Baumstücke, unter welchen Meister Grimmbart neben der nächtlichen Erdmast an Kerfen, Schnecken und Würmern sich den Zehnten holen wird. Die Ahnung trügt mich nicht, denn kaum bin ich glücklich einen breiten versumpften Bach in der dunklen Tannenschlucht gewatet, so geben die Hunde draußen auf der Trift laut aus. Dort erreiche ich sie an einem dichtbedornten Raine vor einem Dachse. Ich schaffe mich behutsam und unversehens hinter den Verbellten, dessen Gebiß unter beständig ergrimmtem Brummen laut an einander schlägt wie Händeklatschen. Ich steche den Grimmen von hinten mit der Gabel ab. Der stumm verendende Dachs zeigt einen „Rüden“ oder ein Männchen an, der, „geheest“, im Nu an einem Obstbaume der Trift hängt.

Weiter geht die Suche. Die Hunde verschwinden nach längerem Kreisen, wie zwei schwarze Streifen, im Nebel der nahen Wiesen in’s Feld hinein, einem Dorfe zu. Ich halte mich auf einer Anhöhe zwischen Flur und Wald, gespannt in die Ferne horchend. Plötzlich bringt mir ein Wehen der Nacht den Laut der Hunde zu. Aber es bedünkt mich, als ob die Jagd unstät hin und her gehe. So ist’s: denn jetzt verkündet der helle Laut der Hunde, daß sie hinter einem flüchtig gewordenen Dachse jagen. Die Hatze geht unverkennbar nach dem Walde. Ich kehre einen kürzeren Weg durch die Hainbach nach dem Bau zurück, welchem sich jetzt, wie deutlich vernehmbar, die Hatze nähert. Dort steht ja der Gehülfe, obendrein mit dem scharfen „Sultan“, der, zuverlässig im Packen, jedem „Grimmbarte“ gewachsen ist. Bald endet auch die Hatze in dem Waldwinkel, wo der Bau liegt, und Alles ist grabesstill.

Erwartungsvoll komme ich dort an. Da finde ich meinen Gefährten mit „Sultan“ und den Suchern verblüfft vor einer dichtverwachsenen Röhre, an welcher die Hunde scharren und „pfeifen“. Meine Blicke begegnen denen meines Begleiters: Jeder hält den Vorwurf für den Andern zurück, weil er uns Beiden zu gleichen Theilen gebührt. Aus der verdutzten Miene des stummen Gehülfen, sowie dem Gebahren der Hunde lese ich nun den ganzen Hergang einer verfehlten Hatze. Die Röhre war von uns Beiden beim Verreisern übersehen und offen gelassen worden und der schlaue „Grimmbart“ hatte sich durch rasches „Einfahren“ in dieselbe glücklich salvirt.

Adolf Müller.
  1. Im Geiste des obigen Artikels sind Schilderungen gehalten, welche die unseren Lesern seit Jahren rühmlichst bekannten Gebrüder Adolf und Karl Müller in dem Album: „Der Hund und seine Jagd“ (Frankfurt a. M., May und Söhne) den deutschen Waidmännern und Naturfreunden demnächst bieten werden. Mit sechszehn Original-Aquarellen und einer Titelvignette von C. F. Deiker geschmückt, verbreitet sich das dankenswerthe Buch eingehend über die Pflege, Erziehung und Schule des Hundes, wie überhaupt über den Lebensgang desselben bis zu seiner vollkommenen Jagdpraxis. Das prachtvoll ausgestattete Album, von dem in diesen Tagen die erste Lieferung versandt werden wird, und das dem Publicum noch vor Weihnachten abgeschlossen vorliegen soll, ist ein Werk von großem praktischen Werthe für alle Jagd-, Thier- und Naturfreunde und sei denselben hiermit warm empfohlen.
    D. Red.