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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Aus dem Hundeleben!
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 827-829
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Aus dem Hundeleben!

In einer früheren Nummer dieses Blattes ist uns eine höchst anziehende Schilderung unseres lieben Hausthieres, des Hundes, gegeben, der seit undenklichen Zeiten der treueste Gefährte des Menschen war. Erlauben Sie mir heute diese Schilderung durch einige Specialbilder zu ergänzen, die vielleicht auch nicht ohne Interesse für Ihre Leser sein dürften.

Wer von Euch, meine lieben Leser, hat wohl noch einen Mops gesehen? Einen echten stiftsfähigen Mops von 16 Ahnen? Erstaunt sehet Ihr mich an und verstehet nicht einmal die Frage, geschweige, daß ein solches Geschöpf je leibhaftig vor Eure Augen gekommen wäre. In meiner frühen Jugend habe ich sie noch gekannt, diese hocharistokratische Hunderace mit den dummen Glotzaugen, im Abendrothe ihrer Existenz. Ich habe noch das Ende ihrer Blüthezeit erlebt, wo kein wohlgenährter geistlicher Würdenträger, kein invalider Baron, keine vornehme nervenschwache Dame standesgemäß leben konnte, ohne einen solchen mit wappenverziertem Halsbande geschmückten Kläffer. „Otium cum dignitate“ war der Wahlspruch dieser verwöhnten Bestien, deren einziges Geschäft darin bestand, zu schlafen und Zuckerwerk zu fressen, und zu ihrer Unterhaltung mit der hochgeborenen Gebieterin um die Wette die bürgerlichen Untergebenen anzukeifen. Wahrhaft wunderbar war der Takt, mit welchem ein gut erzogener Mops den Adel von der bürgerlichen Canaille zu unterscheiden wußte; ja, ich kann mich der persönlichen Bekanntschaft eines Mopsgenies rühmen, das aus bürgerlichen Händen kein Zuckerbrod nahm, den Rang der Besucher auf den ersten Blick erkannte, und als vollendeter Höfling darnach sein Benehmen einrichtete.

So war denn der Mops das getreue Abbild des bornirten Uebermuthes der höheren Stände im vorigen Jahrhundert, gepaart mit gedankenloser Faulheit, ohne irgend eine jener schätzbaren Eigenschaften, die das Hundegeschlecht in seinen zahlreichen Racen zu treuen Freunden des Menschen macht. – Es ist auffallend, daß dieses Geschöpf weder auf Bildwerken des Alterthums noch des Mittelalters zu finden ist; wohl aber bildet es im 17. und 18. Jahrhunderte die gewöhnlichste Staffage auf den Portraits schlemmender Sinecuristen und alter Damen aus den privilegirten Ständen. Seit dem Verfalle der Zopfzeit ist er gleich anderen Ausgeburten einer wurmstichigen Civilisation immer seltener geworden, und es dürfte in einem Menschenalter schwerlich bei uns noch ein lebendes Exemplar dieser wenig begabten Hunderace am Leben sein. Die Verhältnisse, welche Sinecuristen und Möpse mit in’s Leben riefen, scheinen in unserem Vaterlande glücklich beseitigt; mit ihnen aber sind beide gekommen und ausgestorben.

Als ob die Natur nicht genug Häßlichkeit an diesem Thiere verschwendet hätte, entstellte man dasselbe noch durch abgestutzte Ohren; und weil der beständige Genuß von Zuckerwerk und Mangel an Bewegung den Magen fortwährend in dem Zustande der Indigestion erhielt (denn auf Spaziergängen mußte die Zofe der gnädigen Gebieterin den feisten Hund nachtragen), lagerten auf seinem von Natur schon grämlichen Gesichte beständig hypochondrische Gewitterwolken, die sich bei der geringsten Veranlassung in knurrenden Tönen entluden.

Der Mops lernte nichts, als etwa aufrecht sitzen und ein Pfötchen geben. Seine Schönheit bestand in einem runden Kopfe mit ganz kurzer, dicker, schwarzer Schnauze und sehr faltiger Stirn, seine Ohren waren von Natur klein und hingen ihm am Kopfe herab; um ihn noch schöner zu machen und den Kopf ganz rund erscheinen zu lassen, wurden den Jungen die Ohren ganz kurz am [828] Kopfe weggeschnitten, oder auch ganz abgedreht. Der Schweif ward niemals gestutzt, der Mops trug ihn eng zusammengewunden auf dem Rücken, er mußte aussehen wie eine Brezel. Seine Farbe war fahl mit schwarzem Rückenstreifen. Selten gab es weiße Möpse, schwarze und scheckige fast gar nicht.

Wie jetzt die schwachen Nerven von unseren Damen als ein Beweis ihrer feineren Bildung zur Schau getragen werden, so gehörten damals Migräne und Vapeurs zu den Borrechten der höheren Stände. Auch dem Mopse fehlten letztere nicht, was aber keineswegs dazu beitrug, ihn liebenswürdiger zu machen; kurz, es war dieses Geschöpf in Allem ein Abbild seiner Zeit, einer Zeit, welcher sammt dem unschuldigen Mopsgeschlechte durch den boshaften Voltaire und seine Geistesverwandten zu Grabe geläutet worden ist. – Ach, gar Vieles haben die leidigen Aufklärer verschuldet, manchen alten Lebensnerv durchschnitten! Nur auf hocharistokratischem Boden konnte diese Hunderace gedeihen, auf bürgerlichem Gebiete starb sie ab, wie eine wässerige Sumpfpflanze, die man in fruchtbares Ackerland versetzt. So entgehen auch die Thiere nicht den Einflüssen der großen Epochen der Menschengeschichte, so sind auch sie nur ein Glied in der Kette der Schöpfung; und wie der Sturz von Perrücke und Zopf der Vorläufer war von dem Falle eines königlichen Hauptes, so war mit dem Abhandenkommen einer faulen Aristokratie das Todesurtheil des Mopsgeschlechtes ausgesprochen.

Die Gartenlaube (1860) b 828.jpg

Affenpintscher, Hirtenhund und Mops.
Originalzeichnung von Wegener in Dresden.

Vor einigen Jahren wünschte die Königin Victoria ein Paar Möpse zu besitzen; in England waren aber deren nirgends mehr aufzutreiben; da wendeten sich die englischen Agenten endlich an den Sitz des deutschen Bundestages, und es gelang ihnen auch, in Frankfurt noch ein Paar dieser antediluvianischen Geschöpfe zu entdecken. Leider befanden sie sich im getrennten Besitze zweier alten Damen, wovon die eine sich nicht einmal für englisches Gold von diesem Schatze, einem echten Vollblutmopse, trennen wollte. So war denn die letzte Hoffnung geschwunden, das edle Geschlecht der Nachwelt erhalten zu sehen!

Da, im letzten Augenblicke, war es den rastlosen Bemühungen der englischen Diplomatie doch endlich noch gelungen, zu dem in Frankfurt erworbenen Mopse im äußersten Sibirien, da wo an der Grenze des himmlischen Reiches Knute und Zopf in freundnachbarlichem Verkehr sich begegnen, die letzte Mopshündin von reinem Geblüte aufzufinden und zu annectiren. Von den aus dieser frankfurt-chinesischen Liaison unter dem günstigen Einfluß der Hofatmosphäre entsprossenen Descendenten ist laut Zeitungsnachricht ein hoffnungsvolles Paar durch den englischen Hof an den russischen übersendet worden, und hat auch dort sich bereits vermehrt.

So ist denn doch wieder Hoffnung vorhanden, daß das edle Geschlecht der Möpse in den höheren Sphären fortlebe, und unsere Kindeskinder nicht vergebens zu fragen brauchen: „Was ist das wohl für ein Thier, das Gellert beim Mondenscheine spazieren gehen läßt?“

Eigenthümlich ist die Wahrnehmung, daß bei den Möpsen, wie bei manchen anderen alten Geschlechtern, schon seit langer Zeit die Ehen nur wenig fruchtbar waren. Darwin sieht dieses im Allgemeinen als einen Beweis an, daß die betreffenden Geschöpfe aufgehört haben, zeitgemäß zu sein, und deshalb ihrem Untergange entgegen gehen. – Ueberhaupt legt dieser geistreiche Naturforscher in Betreff der Entstehung und des Aussterbens der Thier- und Pflanzenarten, wovon uns jede Gebirgsformation in ihren fossilen Ueberresten zahlreiche Beispiele liefert, ein großes Gewicht auf den Einfluß äußerer Verhältnisse, die seinen Wahrnehmungen zufolge die Eigenthümlichkeiten der organischen Schöpfungen bedingen, die Arten hervorbringen und verschwinden machen. – Wie der Mops [829] im vorigen Jahrhundert sich der Gunst decrepiter Frauen und der Männer neutrius generis erfreute, so war damals seiner Gelehrigkeit wegen der possenhafte Pudel die Freude der Jugend, der Stolz der Bummler; auch er ist schon außer Mode gekommen, seit der zunehmende Ernst des Lebens dem Geschmack an solcherlei Kunststückchen sehr enge Genzen gesteckt hat. Bereits gehört er zu den seltneren Hunden, er wird jedoch nicht ganz aussterben, so lange Gaukler und Affentheater das Volk belustigen, und Faulenzer das Bedürfniß fühlen, ihre Zeit mit nobelen Passionen todtzuschlagen.

Im Gegensatze zu dem weiblichen Mopse des 18. Jahrhunderts erscheint vom Alterthume an bis über das 17. Jahrhundert hinaus der gewaltige, kluge und tapfere Fanghund als Begleiter abgehärteter, thatkräftiger Männer aus den höheren Ständen; er ist jedoch seit der überhandnehmenden Verweichlichung immer seltener geworden und wird bald aus dem übercivilisirten Europa ganz verschwunden sein. Bei dem höheren Bürgerstande hat dafür jetzt der philanthropische Neufundländer sich besonderer Gunst zu erfreuen. Auch der Spitz, der Cincinnatus unter den Hunden, der treue unbestechliche Wächter von Haus und Hof, nähert sich bereits in manchen Gegenden dem Verfalle seines Geschlechtes; in den Städten hat ihn der spießbürgerliche gemeine Pinscher schon zum größten Theile verdrängt. Der bürgerliche, pflichtgetreue Spitz, noch sehr verbreitet und geschätzt bei dem biedern, einfachen Schweizervolke, bewacht bei uns nur noch das Schiff des Flußschiffers und den einsamen Meierhof, fern von dem Geräusche der Stadt; wo aber der Landmann bereits das städtische Gewand angenommen hat, da findet man auch bei diesem meist nur moderne Hundeformen von unreiner Race. Woher die zahlreichen, in ihren Eigenschaften oft sehr ausgezeichneten Hunderacen stammen, welchen Arten sie ihren Ursprung verdanken, das wird wohl mit Gewißheit nie ermittelt werden; wissen wir doch über die neuesten derselben, die kaum einige Jahrzehnte bekannt sind, nichts Zuverlässiges; sie erscheinen, werden Mode und verschwinden, um wieder von anderen Formen ersetzt zu werden. Nur wo der Mensch unter unveränderten Verhältnissen dahinlebt, nur da bleibt auch sein treuer Begleiter sich gleich.

Eine bisher unbekannte Race, der Affen- und Stachelpinscher, ein Mittelding zwischen dem kleinen Spitz und dem spanischen Pinscher, war bestimmt die Stelle des Mopses einzunehmen. Der Kopf dieses Monstrums ist spitz und lang, die Ohren spitz und aufrecht stehend, das Gesicht erinnert an die Physiognomie des Pavians, das Haar ist schwarz mit gelben Spitzen, borstenartig und dünn, so daß die Haut an mehreren Stellen durchscheint. Der Schweif ist fast bis 10 Zoll lang und wird in leichtem sichelförmigem Bogen aufrechtstehend getragen. Dies ist die Gestalt des Affen- oder Stachelpinschers. Er ist schon ausgeartet und zeigt meistens einen starken Bart um die Nase und Unterkiefer, die buschigen, stacheligen Augenbraunen haben sich zum Schleier über die Augen verlängert, und der Körper ist bei manchen mit langen seidenen Haaren bekleidet. Die Farbe wechselt, sie ist bald weiß, bald gelb, grau, rostfarben, schwarz und schwarz mit gelber Abzeichnung; blaugraue Seidenpinscher werden sehr geschätzt.

Auffallend ist der Charakter dieser Hunde. Sie haben wenig Ortssinn, suchen ihren Herrn mehr mit den Augen als mit der Spur, verlaufen sich leicht, halten sich lieber bei den Pferden im Stalle, als in der Stube bei den Menschen auf, sind sehr wachsam und muthig und große Feinde der Ratten, daher sie auch Rattenfänger und Stallpinscher genannt werden. Eine kleinere Art dieser Hunde heißt Skottish Terriers. Der Affenpinscher läßt sich leicht mit dem Pferde verkaufen, weil er dieses mit wenig Ausnahmen mehr liebt als den Herrn. Der Affenpinscher auf unserem Bilde rettete schon zweimal einem Pferde das Leben und behütete seinen Herrn vor großem Verluste. Ein Pferd des Generals v. M. hatte sich des Nachts die Halfter vom Kopfe gestreift und dieselbe sich derart um den Hals gedreht, daß es dem Erstickungstode nahe, röchelnd und stöhnend im Stalle lag. Plötzlich machte der bei dem Pferde wachende Hund einen solchen Lärm, daß der im nahen Hause schlafende Reitknecht aufwachte und, durch das eigenthümliche angstvolle Bellen und Schreien des Hundes bewogen, in den Stall ging, wo er das röchelnde Pferd fand. Er konnte dasselbe nicht allein lösen, sondern mußte mehrere Leute zum Beistand holen, die das Pferd denn auch glücklich retteten. Unser Hund ließ sonst Niemanden in den Stall, selbst seinen eigenen Herrn nicht, wenn er in Civil war, diese Nacht aber bellte er nicht einmal und begrüßte die Fremden ungewöhnlich freundlich.

Ein Pferd, das einmal verliehen wurde und nicht gleich wieder zurück kam, suchte er auf und lief sieben Stunden von Dresden bis Großenhain und kehrte dann mit demselben zurück. Als die Pferde verkauft wurden, blieb er bei seinem Lieblingspferde.

Unser alter treuer Hirten- und Viehhund, dessen ausführliche Charakteristik wir nächstens bringen werden, stammt unbedingt von den Steppenhunden ab, die in den großen unabsehbaren Ebenen Asiens von der Jagd auf Antilopen leben. Man ist darüber einig, daß der wilde Hund, namentlich die eine, dem Wolf und Schakal ähnliche Form, schwarz von Farbe war, mit gelbbrauner Abzeichnung und gelbbraunen Flecken über den Augen. Wir finden dergleichen Hunde, besonders als Vieh-, Hirten- und Hofhund, noch überall auf dem flachen Lande, wie in den Hochgebirgen Deutschlands, Italiens und Frankreichs, in Norwegen und Schweden. Er ist meistentheils langhaarig, hat einen spitzen, glatten Kopf, meist spitze aufrechtstehende Ohren, eine Haarkrause, welche Hals und Kopf umschließt. Die Beine (Läufe) sind kurz behaart, zuweilen nach hinten gefranzt, der Schweif ist langbehaart, buschig und bildet eine sogenannte Fahne oder Wedel und wird aufrecht in halbmondförmigem Bogen getragen. Von diesem Urbilde des Hundes, wie er eben noch vorkommt, leiten die Naturforscher alle Hunderacen ab.

Nach den auf uns gekommenen Beschreibungen und Abbildungen kannten die Alten so verschiedene Hunderacen, wie wir heut zu Tage haben, nicht. Wir finden den Windhund, den Haus- und Hirtenhund mit spitzen Ohren und gedrungener Gestalt, und einen dem Pudel ähnlichen Hund. Ob Nimrod und Esau, die gewaltigen Jäger, Hunde hatten, wissen wir nicht.