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Die Besteigung eines neuen Vulcans in Nicaragua

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die Besteigung eines neuen Vulcans in Nicaragua
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 829-830
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Besteigung eines neuen Vulcans in Nicaragua.

Der Europäer, welcher an der atlantischen Küste von Central-Amerika landet, fühlt sich in seinen Erwartungen meist getäuscht. Die Erdoberfläche jener Küstenstriche und ihre geologische Physiognomie unterscheidet sich fast in nichts von dem, was man zu sehen gewöhnt ist. Die Felsen sind nicht anders gestaltet als daheim, es ist derselbe Boden, und die Abwechselung von Hügeln, Bergen, Thälern und Ebenen bietet keine neue, auffallende Erscheinung. Anders ist der Eindruck, wenn der Fremde das tropische Wunderland zuerst an der Küste des stillen Oceans betritt. Hier umgibt ihn mit einem Schlage eine ganz neue Welt von eigenthümlicher Gestalt und Production. Er steht mitten in der Region der Vulcane. Vulcanische Kegel bis zu einer Höhe von 14,500 Fuß treten ihm überall gleichsam als Wächter der Landschaft entgegen. Sie krönen das Tafelland der Anden, erheben sich bald einzeln, bald in Gruppen mit der Regelmäßigkeit und Symmetrie von Pyramiden aus der flachen Ebene oder an den ungeheuern Seen des Landes und lassen ihre Rauchfahnen weithin am Horizonte wehen bis über die Hügel und welligen Ebenen von Mexico. Die ganze pacifische Küste ist gleichsam mit feuerspeienden Bergen besäet. Einige, wie der 3600 Fuß hohe Conseguina und der 4800 Fuß hohe Conchagua steigen direct aus dem Ocean empor; zwischen dem Isthmus von Panama und Tehuantepec aber zieht sich eine beinahe ununterbrochene Kette von mehreren hundert vulcanischen Piks einige Meilen von der Küste entfernt und parallel mit dieser hin.

Trotz der noch alljährlich stattfindenden Eruptionen, welche ganze Städte und Landschaften verwüsten, scheinen seit den letzten dreihundert Jahren die vulcanischen Erscheinungen in Mittelamerika im Abnehmen begriffen zu sein. Die meisten Vulcane sind erloschen oder haben seit Jahrhunderten kein anderes Lebenszeichen, als eine über ihrem Gipfel schwebende Rauchwolke, von sich gegeben. Nichts desto weniger haben sich auch neue Krater geöffnet und neue Vulcane sind entstanden. Der Izalco, in der kleinen Republik San Salvador, welcher gegenwärtig eine Höhe von 4000 Fuß, also etwa die des Vesuvs hat und sich in fortwährender Thätigkeit befindet, datirt sein Dasein erst aus dem Jahre 1770, und ich selbst hatte im Jahre 1859, zur Zeit meines Aufenthaltes im Staate Nicaragua [830] Gelegenheit, ein derartiges Naturereigniß in kleinerem Maßstabe zu beobachten. Da die Entstehungsart des vulcanischen Kegels, dessen Anfänge ich sah, nicht nur fast die aller Feuerberge in Centralamerika, sondern vielleicht mit wenigen Ausnahmen die aller Vulcane der Erde ist, so dürfte ein kurzer Bericht über das Phänomen für die Leser der Gartenlaube nicht ohne Interesse sein.

Es war am 11. April des besagten Jahres, als die Bewohner der Stadt Leon durch ein Getöse beunruhigt wurden, das fernem Donner glich und aus der Richtung des Momotombo zu kommen schien, eines 7300 Fuß hohen Vulcans, der, obgleich seit längerer Zeit in Ruhe, dennoch fortwährend Asche und Rauch auswirft und dann und wann wie im unruhigen Schlafe zu murmeln scheint. In der Nacht vom 12. zum 13. April wurde das Getöse stärker und anhaltender, und es folgten nun Erderschütterungen, die in Leon zwar nur schwach wahrzunehmen waren, in der Nähe der Berge aber die Landbewohner mit Schrecken erfüllten. Am Morgen des 13. April öffnete sich am Fuße des erloschenen Vulcans Las Pilas ein Krater. Eine dicke Schicht alter Lava wurde durchbrochen, eine Feuersäule stieg empor, und geschmolzene Lava wurde weit und breit umhergeschleudert. Diese ersten gewaltigen Ausbrüche währten indessen nur wenige Stunden; dann ergoß sich ein breiter Strom glühender Lava über den Rand des Kraters und floß, Alles verheerend was sich ihm in den Weg stellte, westlich nach einem etwas tiefer liegenden Terrain ab. Während dieses Lavaergusses war die Erde fast vollkommen ruhig. Am 14. hörte die Lava auf zu fließen, und nun folgte eine Reihe von Eruptionen, die regelmäßig drei Minuten währten und nach einer Pause von genau drei Minuten wiederkehrten. Jeder Ausbruch war von einer Erderschütterung begleitet und begann mit dem mehr als hundert Fuß hohen Aufsteigen einer Flammensäule, welcher Massen rothglühender Steine folgten. Der größte Theil derselben stürzte in den Krater zurück, ein Theil hingegen fiel am Rande desselben nieder und bildete in Kurzem einen kegelförmigen Hügel. Diese Explosionen währten sieben Tage und konnten Nachts von Leon aus sehr deutlich wahrgenommen werden.

Am Morgen des 22. April machte ich mich in Begleitung eines Freundes auf, um den neuen feuerspeienden Berg genauer zu besichtigen. Noch hatte Niemand gewagt, sich dem Orte zu nähern, dennoch gelang es uns, einige Vaqueros [1] von der Hacienda [2] Orota zu bestimmen, uns als Führer zu dienen. Der Weg, den wir anfänglich zu Pferde machten, führte über alte zerrissene Lavabetten, die nur mit großer Vorsicht zu passiren waren, und nachdem wir etwa drei Viertheile unserer Wanderung zurückgelegt, sahen wir uns genöthigt, unsere Thiere zurückzulassen und uns unsern eigenen Füßen anzuvertrauen. Um vorerst einen Ueberblick zu gewinnen, erkletterten wir eine kahle, von Lava und Schlacken gebildete Höhe, von welcher ab wir den neuen Vulcan überschauen konnten. Er erschien von diesem Punkte wie ein ungeheurer umgestürzter Kessel, in dessen Boden sich ein Loch, der Krater, befand. Aus diesem Krater rann an einer Seite des Steinhaufens hinab ein glühender Lavastrom, über welchem sich die Luft in zitternder Bewegung befand. Das Auswerfen von Steinen hatte seit diesem Morgen aufgehört. Nur eine dichte Rauchwolke stieg langsam aufwärts und wurde von einem starken Nordost über die Wipfel der Bäume hingeweht. Der ganze, aus losem Steingeröll gebildete Kegel war von dem durch alle Spalten aufsteigenden Schwefeldampfe gelb gefärbt, die Bäume, über denen derselbe hinstrich, hatten ihre Blätter und zarten Zweige verloren und glichen riesenhaften Skeletten.

Diese anscheinende Ruhe verlockte uns, den jungen Vulcan näher in Augenschein zu nehmen, und trotz der Warnungen unserer Führer verließen wir unsern sichern Standpunkt und gingen windwärts an noch heißen Lavasümpfen vorüber, durch Felder von stachligen Cactussen und Agaven dem Feuerberge zu. Es hatte keine Schwierigkeiten, den Fuß des Kegels zu erreichen, der von ganz regelmäßiger Gestalt an seiner Basis etwa 800 Fuß im Durchmesser haben und zweihundert Fuß hoch sein mochte. Die Steine, aus denen er aufgehäuft war, zeigten sich fast alle mehr oder weniger abgerundet und von der verschiedensten Größe. Die kleinsten mochten ein Pfund, die größern vielleicht 500 Pfund wiegen. Wir hörten bei unserer Annäherung nichts, als ein leises, unterirdisches Donnern, welches von einem fast unmerklichen Zittern des Bodens begleitet war. Begierig, die Wahrheit des Volksglaubens zu prüfen, nach welchem eine Eruption losbricht, sobald sich ein menschlicher Fuß dem Krater eines thätigen Vulcans nähert, machten wir uns daran, den Kegel zu ersteigen. Da ich fürchtete, die Steine, an die wir uns beim Emporklimmen halten mußten, in der Nähe des Kraters noch zu heiß zu finden, versah ich mich mit zwei Stöcken, die mir zur Stütze dienen sollten; mein Freund verachtete dies Hülfsmittel, hatte aber bald Ursache, das zu bereuen.

Unsere Aufgabe erwies sich als ziemlich schwierig, denn die losen Steine wichen bei jedem Schritte unter unsern Füßen und rollten polternd den Abhang hinab; dennoch war es uns gelungen, uns zu einer ziemlichen Höhe hinauf zu arbeiten, als mein Freund, der um einige Schritte voraus war, plötzlich einen Schmerzenslaut ausstieß. Er hatte einen fast glühenden Stein angefaßt, und seine Hand verwandelte sich augenblicklich in eine einzige Brandblase. Der kleine, für meinen Freund nicht eben angenehme Vorfall brachte einen Aufenthalt von wenigen Minuten hervor, und ich war eben beschäftigt, die mühsam erklommene Höhe nach dem Augenmaße zu schätzen, als mich ein neuer Angstruf meines Gefährten aufschreckte. In demselben Moment fühlte ich mich fast betäubt von einem ganz nahen entsetzlichen Getöse, welchem ein Gefühl folgte, als drehe sich der Steinkegel mit mir im Kreise und sänke dann in sich zusammen. Schneller als ein Gedanke sah ich aufwärts und erblickte über mir eine ungeheure Wolke von Rauch, Steinen und Asche, durchzuckt von unzähligen Blitzen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks – im nächsten Momente flog ich in fast übermenschlichen Sätzen über die rollenden Steine hinab. Ich erreichte den Boden zugleich mit meinem Gefährten und gerade früh genug, um einem Regen von Steinen zu entgehen, der im nächsten Augenblicke an der Stelle niederprasselte, auf der wir noch eben gestanden hatten. Ich brauche wohl nicht zu versichern, daß wir keine Zeit verloren, um uns, trotz stachliger Cactusse und Agaven, in größter Schnelligkeit aus der gefährlichen Nahe des Gegenstandes unserer Neugier zurück zu ziehen.

Die Eruption dauerte etwa eine Stunde und wurde nur von Zeit zu Zeit durch einen Moment der Ruhe unterbrochen, in welchem der Berg schwere, röchelnde Athemzüge zu thun schien. Das Ende der Explosion war ein ebenso plötzliches wie der Ausbruch, und vergebens warteten wir mehrere Stunden auf ein neues ungestümes Lebenszeichen. Unsere Führer versicherten zwar, daß es, um ein solches hervorzurufen, nur eines zweiten Versuchs bedürfe, den Kegel zu ersteigen, aber wir hatten nicht eben Lust, dies noch einmal zu riskiren.

Von jener Zeit bis zu meiner Entfernung ans Central-Amerika habe ich nur noch von einer einzigen Eruption des jungen, hoffnungsvollen Vulcans gehört. Dieselbe fand in Folge des ersten starken Regens statt. Ob er später seine Thätigkeit so energisch fortgesetzt hat, wie der Anfang erwarten ließ, habe ich nicht in Erfahrung bringen können.

Wenige Tage bevor ich und mein Freund unsere Inspectionsreise nach diesem feuerspeienden Berge unternahmen, traf in Leon eine Deputation der Bewohner jener Gegend ein, welche den Bischof ersuchte, sich nach dem Orte des Schreckens zu begeben und den neuen Vulcan zu taufen. Die christliche Handlung, hofften sie, sollte ihn beruhigen und seine Ausbrüche wenigstens für das Leben der Menschen unschädlich machen. Der Prälat versprach, diesen Wunsch zu erfüllen, und einige Tage war in der Stadt von nichts die Rede, als von dieser Taufe – da die Ausbrüche aber nachließen, so wurde die Ceremonie, zu meinem nicht geringen Aerger, auf gelegenere Zeit verschoben.

Die Taufe der Vulcane ist übrigens in Mittelamerika ein sehr alter Gebrauch. Nach der Eroberung des Landes durch die Spanier vollzog man die Ceremonie an allen Vulcanen in Nicaragua. Nur der Momotombo, dessen Höhe bis jetzt keines Menschen Fuß betreten hat, empfing die christliche Weihe nicht. Die Priester, welche beauftragt waren, das Kreuz auf seinem Gipfel aufzupflanzen, verunglückten wahrscheinlich, ehe sie ihre Aufgabe zu erfüllen vermochten; wenigstens hat man nie wieder etwas von ihnen gehört.





  1. Hirten.
  2. Meierei.