Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Aufruf an die Wiener
Untertitel:
aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 291–292
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1910
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: Erstdruck in „Die Fackel“, Herausgeber Karl Kraus, Nr. 300 vom 9. April 1910, S. 13–15 Internet Archive[H 1]
Quelle: PDF bei Commons
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[290]
AUFRUF AN DIE WIENER
Geschrieben am Todestage Luegers
(1910)


Mit Lueger wird der schutzherr der karlskirche zu grabe getragen.

In ihm lebte die idee Karls VI., der mit der kirche einer großen, breiten avenue, die sich vom schottentor über den josefsplatz nach der wieden erstrecken sollte, einen abschluß geben wollte.

Der bau der ringstraße hat diese idee vereitelt.

Anlage und stellung der kirche, ihre – nicht durch den grundriß gerechtfertigte – frontale ausdehnung, die zu dem ernüchternden innenraum im stärksten gegensatze steht, zeigen uns deutlich, daß ein straßenabschluß geschaffen werden sollte, zu dem das gotteshaus nur als vorwand diente.

Die alte grundidee war nicht mehr durchzuführen. Wir haben zu allerletzt ein recht, den erbauern der ringstraße einen vorwurf zu machen. Wir selbst haben ja zum beispiel das alte projekt Maria Theresias, die durch die anlage von gebäudekeulen den enkeln gelegenheit geben wollte, die praterstraße in das herz der inneren stadt zu führen, fallen gelassen.

Lueger und mit ihm die einsichtigen wollten der karlskirche geben, was ihr gebührt, was sie braucht.

Die karlskirche braucht zu ihrer fassung große horizontale flächen und linien. Die kann nur ein öffentliches gebäude schaffen. Die wiener aber meinen, daß das öffentliche gebäude vor die stadt gehört.

Man hat wohl nur aus versehen die hofmuseen nicht [291] auf die schmelz gebaut. Sonst würden sich heute an ihrer stelle zinshäuser erheben.

Der schutzpatron des baugedankens der karlskirche, der mann, der die macht hatte, den vandalismus, der der kirche und dem stadtbild droht, abzuwehren, ist gestorben.

Es besteht kein hindernis mehr, daß der wiener geschmack seinen willen durchsetzt und das museum auf die schmelz kommt.

Aber auf dem bereitgehaltenen platze werden sich drei zinshäuser erheben.

Und nun erlasse ich einen aufruf an die wiener: Spendet geld für eine tafel.

Ich rufe alle wiener auf, damit eine ehrentafel auf das mittlere zinshaus komme, auf welcher zum ewigen gedächtnis die namen aller eingemeißelt werden sollen, deren hingebungsvollem wirken in wort und schrift der bau dieser drei zinshäuser zu verdanken ist.

Die geldspenden brauchen nur klein zu sein, denn es gibt so viele wiener, und eine tafel kostet nur wenig.

Zu jeder spende möge der name des mannes genannt werden, der sich um den bau der drei zinshäuser verdient gemacht hat.

Aus diesen namen soll dann eine auswahl getroffen werden.

Wer ehrlich für den gedanken der zinshäuser eingetreten ist, wird mit stolz seinen namen auf der gedenktafel lesen.

Anmerkungen (H)

  1. [458] Dieser aufsatz hält die stellungnahme von Adolf [459] Loos zu dem viel bekämpften geplanten gebäude des historischen museums der stadt Wien von Otto Wagner auf dem karlsplatz fest. Der sachverhalt wird in der geschichte des museums, dessen leiter der herausgeber dieses bandes derzeit ist, noch darzustellen sein. Das museumsgebäude auf der schmelz wurde glücklicherweise ebensowenig gebaut wie die drei zinshäuser, deren mittleres Loos so scharf ironisierend mit einer gedenktafel versehen wollte. Seit 1959 steht auf dem bauplatz von damals ein, freilich nicht mehr nach Wagners plänen gebautes, museum der stadt Wien.