Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Moritz Lindeman
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Auf dem Häringsfang in Schottland
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 358–359
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[358]
Auf dem Häringsfang in Schottland.


Schottland ist ein classisches Land für Fischerei. Der Reichthum seiner rasch fließenden Bergströme, seiner Seeen und Föhrden, wie der das Land umschließenden Meerestheile an Fischen ist groß. In den Flußmündungen, wie eine Strecke hinauf in’s Land ist zu bestimmten Jahreszeiten der Lachsfang äußerst ergiebig, beispielsweise schätzt man den Werth der Lachsfischerei des Tay allein auf jährlich 18,000 Pfd. Sterl., und der jährliche Brutto-Ertrag des Fanges dieses werthvollen Tafelfisches in Schottland wurde mir bei meiner Anwesenheit im vorigen Herbst auf 200,000 Pfd. Sterl. angegeben. Dennoch tritt diese Fischerei, welche auf das Sorgfältigste durch eine Reihe von Gesetzen und Einrichtungen, wie auch durch eine von Betheiligten errichtete und unterhaltene Brutanstalt gehegt und gepflegt wird, zurück vor der Bedeutung und dem Umfange der alljährlich zu verschiedenen Zeiten an den Küsten und Inseln Schottlands betriebenen Häringsfischerei. Alles vereinigt sich zu einem massenhaften Fange, der unter den für die Verwerthung günstigsten Verhältnissen ausgeübt wird. Die wichtigste Gegend für dieses Gewerbe ist die Ostküste Schottlands, und hier fällt die Hauptfangzeit in die Monate Juni bis August. Zu dieser Zeit verweilte ich im vorigen Sommer in Schottland und unternahm mit einem Peterheader Fischerboot eine nächtliche Fischerfahrt.

Dieser kleine Hafen ist auf einer in die See hinausreichenden Landzunge äußerst günstig für den Betrieb gelegen. Es ist nämlich sehr wesentlich, daß die Böte nur eine kurze Fahrt bis zu höchstens fünf deutschen Meilen von der Küste, zu der Stelle, wo der Häring zu ziehen pflegt, zurückzulegen haben. Für die eigentliche Hochseefischerei sind die Böte nicht eingerichtet. Peterhead ist denn auch ein rechter Fischerort, und zur Sommerszeit duftet hier Alles nach Häring, was freilich für den daran nicht Gewöhnten nicht eben angenehm ist. Zweiräderige Wagen mit Fischabfällen oder zum Trocknen bestimmten Netzen rollen den ganzen Tag über durch die Straßen und über den Hauptplatz des sonst sauberen und freundlichen Ortes, dessen Häuser, wie fast überall in Schottland, aus Granit erbaut sind, gleichsam zur Versinnlichung des bekannten Wortes, welches ein Grundrecht des britischen Volkes kernig ausspricht: „Mein Haus ist meine Burg.“ Am Hafen entrollt sich uns das Bild emsigster Thätigkeit. Weitaus die Mehrzahl der Fahrzeuge besteht aus Häringsböten, sogenannten Halbdecksböten, deren größter Raum für die Aufnahme der Netze und des Fanges bestimmt ist, während eine kleine Kajüte mit Ofen und Schlafstätten nur eben für die fünf Mann, welche gewohnt sind, auf solchem Fahrzeuge zu hausen, groß genug ist. Diese Häringsböte haben eine Länge von etwa 45 Fuß, eine Breite von 16 Fuß und nur einen Mast.

Dem regen Leben in und vor dem Hafen, wo zahlreiche Fahrzeuge mit ihren rothbraun getheerten Segeln – die Nummern und Buchstaben auf den Segeln geben den District an, wo das Fahrzeug registrirt ist – aus- und einliefen, entsprach die rastlose Thätigkeit am Lande. Eine Menge Frauen und selbst kleine Mädchen sind um große Tröge, welche im Boden festgemacht sind, emsig beschäftigt; neben ihnen liegen, in Körben aufgehäuft, die silberglänzenden Fische, welche jene Böte mit den jetzt zu einem Berge aufgestapelten Netzen dem Meere abgewonnen haben. Diese Netze bestehen aus baumwollenen mit Catechu getränkten Fäden. Es ist die Arbeit des Ausweidens der Fische, welche hier im Gegensatze zu der deutschen und holländischen Fischerei am Lande verrichtet wird. Die holländischen und deutschen Fahrzeuge fischen nämlich, auf so und so viel Tagereisen von der Heimath entfernt, auf hoher See. Der Häring wird daher dort an Bord ausgeweidet und in Fässer verpackt, und dieser Betrieb bedingt also größere Fahrzeuge und mehr Mannschaften. Hier sehen wir wiederum Mädchen mit dem Verpacken der ausgeweideten Heringe in Fässer beschäftigt, wobei immer eine Lage Salz und eine Lage Häringe abwechseln. Der Betrieb der schottischen Häringsfischerei geschieht auf Grund des bei diesem Gewerbe überhaupt fast überall durchgeführten Antheilssystems. Ein Viertel des Ertrages kommt dem Boote zu, das bald nur Einem, bald aber Mehreren gehört. In die verbleibenden drei Viertel theilt sich die Mannschaft bis auf Einen, der von den Uebrigen im Lohne angenommen wird, nach einem bestimmten Maßstabe, wobei selbst der Schiffsjunge einen kleinen Antheil erhält. Die Netze gehören den Fischern; ein jedes dieser Netze kommt auf etwa dreiundeinhalb Pfund Sterling zu stehen.

Unsere Fahrt schien eine günstige zu werden. Allem Anscheine nach war kein Unwetter zu erwarten; blau wölbte sich der Himmel, und eine frische Brise wehte vom Lande. Mit zwei Freunden vertraute ich mich daher ruhig einem dieser kleinen Fahrzeuge an, welches der mir bekannte Chef eines großen Häringsgeschäfts von Peterhead ausgesucht hatte. Einige hundert Fischerfahrzeuge verließen mit uns zu gleicher Zeit den Hafen, und es war eine Lust zu sehen, wie unser Fahrzeug, welches ein guter Segler war, allmählich die ganze, mit ihren rothbraunen Segeln im Sonnenscheine lustig dahin gleitende Flotille überholte. „Mary Isabella“ war der Name unseres Bootes; es gehörte dem Fischer Anderson aus Pettenweem, einem Fischerdorfe an der Föhrde des Forth. Im Ganzen bestand die Besatzung aus sieben Mann. Darunter befanden sich Herr Anderson und sein Sohn, drei Fischerleute, ein Junge und ein nur für die Dauer der jetzigen Sommerhäringsfischerei angenommener Arbeiter, ein Maurergeselle aus Edinburgh. Die Fahrt ging gleichmäßig und ruhig von Statten, still und emsig that Jeder das Seine; nicht ein Scheltwort hörten wir auf der ganzen Fahrt, in Kurzem war Alles für die Fischerei vorbereitet. Der Fang geht in der Weise vor sich, daß eine Reihe von Netzen, die an einer durchgehenden Leine befestigt und deren Lage durch eine Anzahl mit dem Netze in Verbindung stehender luftgefüllter Ballons (Dogs) aus Schaffellen oder Guttapercha kenntlich ist, hinabgelassen werden. Das Fahrzeug zieht, am Fischplatze angekommen, die Segel ein und treibt vor dem Winde. Der Umfang eines solchen Netzes ist folgender: Länge der Leine, an welcher das Netz befestigt ist, neunzehn Faden, Länge des Netzes sechszig Yards, Tiefe desselben fünfundvierzig Fuß englisch; ein Quadratfuß eines solchen Netzes enthält ungefähr fünfzig Maschen.

Da der Zug der Häringe ungefähr parallel der Küste, von Norden nach Süden ging, so kam es darauf an, daß die Netze, welche, getragen durch die Ballons, wie ein Gitterwerk aus Baumwollenzeug senkrecht im Wasser gehalten werden, den Zug der Fische gleichsam auffingen. Die Häringe gerathen mit ihren Kiemen in die Maschen und werden auf diese Weise gefangen. Wir waren etwa zweiundzwanzig Miles von der Küste, als Master Anderson, ein bedächtiger wohlerfahrener Fischer, es an der Zeit hielt, die Netze auszuwerfen. Eine Anzahl Böte in unserer Nähe schickte sich zu der gleichen Arbeit an. Mast und Segel wurden gestrichen, die Netze langsam von drei Leuten in das Wasser gelassen, wobei der vierte die Ballons nach einander nachwarf. Im ungewissen Lichte des Abends – es war bereits auf acht Uhr – ging das ganze Geschäft mit größter Ruhe vor sich. Die Strahlen des Mondes glitzerten auf [359] der glatten Wasserfläche, und wo man hinblickte, sah man die dunkeln Punkte der treibenden Netzballons. Halb zwölf Uhr Nachts wurde eines der Netze zur Probe aufgezogen, und der Fang erwies sich als ziemlich reich. Die frischgefangenen Häringe, welche zum Theil noch lebten, sahen in ihrem silbernen Schuppenkleide ganz prächtig aus. Einzelne sprangen und zappelten. Die Arbeit des Ausschüttelns, beziehungsweise des Ausnehmens der Fische aus den Maschen wird mit großer Geschwindigkeit verrichtet, und zwar in der Weise, daß das Netz, nachdem es von einem Mann an Backbordseite aufgezogen, quer über den offenen für die Fische bestimmten Raum emporgeholt und ausgeschüttelt wird, wobei drei Mann auf der Backbordseite, zwei Mann auf der Steuerbordseite ihren Posten haben, während der sechste die Ballons einnimmt. Der Schiffsjunge hat seinen Platz an der Stelle, wo die Netze aufgenommen werden, und fischt die bei dem Aufnehmen des Netzes aus den Maschen fallenden Häringe mit einem Hamen aus der See. Der Fang ergab sich als ein mittelguter. Das Quantum betrug fünfundzwanzig Crans (das Maß der Fischer, während im Handel die Tonne und das Barrel den Maßstab giebt).

Die Häringsfischer pflegen über die Lieferung eines bestimmten Quantums Häringe in so und so viel Hundert Crans einen Vertrag mit den Häringssalzern abzuschließen, welche Letztere die Fische, in Barrels gepackt und gesalzen, theils direct verschicken, theils sie wiederum an Großhandlungshäuser zur Versendung übergeben. Der Werth des Fanges dieser Nacht war etwa dreißig Pfd. Sterl. (gleich sechshundert Reichsmark). Die Revision der Netze nach dem Fischen erforderte noch einige Zeit, dann kam der für die Leute willkommene Moment der Ruhe und eines sehr primitiven Genusses, welcher in heißem Kaffee und frischgebratenen Häringen bestand. Auch die Zeit, während die Netze im Wasser waren, wurde noch von Einem der Leute dadurch ausgenutzt, daß er mittelst der Angel dem Blackfischfang oblag. Das Resultat war nicht weniger als zweiundzwanzig Stück dieser Fische von der Größe eines Kabeljaus. Die Burschen machten einen gewaltigen Lärm, wenn sie mit Hülfe einer starken Angelschnur auf Deck geholt wurden.

Die Rückfahrt nach Peterhead war eine sehr langsame, denn da der Wind allmählich abstarb, bedurften wir wohl drei Mal soviel Zeit, als bei der Ausfahrt, denn die Aushülfe der Ruder ist doch nur eine ungenügende. Das Wetter blieb schön. Schon am Vormittage zeigten uns unsere Fischer am Horizonte in einer schwachen Rauchwolke unser Ziel, Peterhead, welches wir erst am Abend erreichten. Bei der Einfahrt in den Hafen war ein gewaltiges Gedränge der ein- und auslaufenden Böte. Immerhin war unsere Fahrt durch das Wetter im höchsten Grade begünstigt gewesen. Die Schwierigkeiten und Gefahren dieser Küstenfischerei sind nicht gering. Noch vor wenigen Wochen hatte ein mehrere Tage währender Sturm, wie unsere Fischer uns in ihrem sonderbaren schottisch-englischen Dialekt erzählten, arg unter der Fischerflotte gehaust und mehrere Menschenleben gefordert. Dennoch lieben diese Leute ihren Beruf, der ihnen reichliche Existenz sichert.

Man rechnete, daß im vorigen Sommer auf einer Strecke der schottischen Ostküste von einer Länge von siebenzig englischen Meilen zwischen Aberdeen und Fraserburgh 1881 Böte mit dem Häringsfang beschäftigt waren, welche Häringe im Werthe von einer halben Million Pfd. Sterl. landeten. Die Gesammtzahl der an der ganzen Ostküste bis nach denn Orkney-Inseln hinauf, und ferner an der Westküste und den Hebriden beschäftigten Böte war aber 5600, welche von 35,000 Leuten bemannt waren. Das Salzen und Packen der Häringe am Lande giebt außerdem noch 30,000 Menschen Beschäftigung. Der Gesammtwerth des schottischen Häringsfischereiertrags (Brutto) war über 1½ Millionen Pfd. Sterl..

Deutschland ist einer der Hauptabnehmer der schottischen Häringe und Stettin der wichtigste Einfuhrplatz. Im Ganzen wurden im Jahre 1873 in das Zollgebiet des deutschen Reichs beinahe 800,000 Tonnen Häringe eingeführt. Um auch Deutschland einen Antheil an dem Ertrage der Fischerei zu sichern, hat sich vor einigen Jahren in Emden die „Emder Häringsfischereigesellschaft“ gebildet, welche den Häringsfang in der Nordsee nach der verbesserten holländischen Methode durch eine Anzahl Logger betreibt. Der Brutto-Werth des Fischereiertrags dieser Gesellschaft war im Jahre 1875 77000 Thaler. Die Förderung der deutschen Fischerei-Interessen ist in neuerer Zeit durch den vor einigen Jahren gebildeten Fischereiverein in Berlin in die Hand genommen. Derselbe ist sehr thätig, verfügt aber leider über nur geringe Mittel. Den Bemühungen dieses Vereins, welcher eine umfassende Untersuchung veranstaltete, sind die soeben erschienenen von dem Custos des landwirthschaftlichen Museums in Berlin, Dr. L. Wittmack, bearbeiteten „Beiträge der Fischereistatistik des Deutschen Reichs, sowie eines Theils von Oesterreich, Ungarn und der Schweiz“ zu verdanken. Dieses werthvolle Werk, welches eine höchst interessante Karte über die Verbreitung der wichtigsten Tafelfische in Deutschland enthält, stellt leider fest, daß fast von allen Seiten über bedeutende Abnahme der Fische geklagt wird. Wer dieses Werk liest, der wird nicht in Zweifel darüber sein, daß die Pflege dieses wichtigen Zweigs der Volksernährung und des Volkserwerbs in Deutschland, verglichen mit England und den Vereinigten Staaten von Nordamerika, viel zu wünschen übrig läßt.

     Bremen, im April 1875.

Dr. M. Lindeman.