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Auch ein Hausmittel, das man aber nicht im Hause haben kann

Textdaten
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Autor: Dr. Richter
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Titel: Auch ein Hausmittel, das man aber nicht im Hause haben kann
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 55-57
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Auch ein Hausmittel, das man aber nicht im Hause haben kann.

Etwa vor 20 Jahren war ich einmal recht ernstlich erkrankt. Monatelang vorher unterleibskrank, vergällt und hypochondrisch, wurde ich im November von einem hitzigen Gelenkrheumatismus (sogenannter goutte volante) befallen, welcher mich bis zum Frühjahr an das Zimmer fesselte und bis in den Sommer hinken machte. Ich war so lahm, daß ich nicht den kleinsten Hügel ersteigen konnte.

Es wurde beschlossen, daß ich „etwas Ordentliches thun“, d. h. nach Karlsbad zur Cur gehen sollte. Es geschah. Damals fuhr man noch mit der Eilpost durch’s Gebirge, Tag und Nacht; letztere war bitterkalt. Mit Vergnügen ergriffen die Passagiere jede Gelegenheit, wenn es bergauf ging, auszusteigen und sich die erstarrenden Füße zu „vertreten“. Auch ich versuchte dies. Und siehe da, es ging! Selbst größere Berge hinauf gelang es. Ja, am folgenden Tage bestieg ich schon mit einem jugendlichen Reisegefährten die Felsenruine Neudeck und führte Nachmittags denselben auf den „Hirschensprung“ hinauf und dann auf die jenseitige Höhe des „Kreuzberges“ von Karlsbad. Ich war mobil geworden und ward es in den ersten Wochen immer mehr. Aber in den letzten wurde ich so elend und so hypochondrisch, daß ich rasch abreisen mußte. Zu Hause stellte sich dann nach und nach wieder Ordnung in meinem Organismus her. Aber eine Lehre entnahm ich mir aus diesem Erlebniß: daß ich eigentlich den Hauptschritt zur Genesung gethan hatte, bevor ich einen Becher Brunnen trank; – daß die Reise, die Körperbewegung, die Geistesanregung, die Nöthigung mir selbst zu helfen, mich schon vor der Cur auf die Beine gebracht hatten, – ohne damit zu leugnen, daß die Karlsbader Diät und Mineralquelle für Unterleib und Stoffwechsel manche nützliche Wirkung gehabt haben mögen.

Diesem Wink folgend, machte ich im nächstfolgenden Sommer eine kleine Bergreise, im zweitfolgenden eine größere, im dritten eine weite Reise nach Skandinavien, in späteren Sommern immer anderswohin alljährlich. – Und in gleicher Weise habe ich hundert Andere auf Reisen geschickt, Hunderte unterwegs kennen gelernt, welche dieselbe „peripatetische Cur“ (Wandercur) mit gleichem Nutzen als Schutz- und Heilmittel gegen allerlei Krankheiten gebrauchten. Ich bin daher wohl im Stande, über den Werth und richtigen Gebrauch dieses „meines liebsten Hausmittels“ (um mit College Bock zu reden) – welches freilich nicht zu Hause zu haben ist – ein paar Worte mitzutheilen.

Wir sprechen zuerst von den gewöhnlichen kürzeren Wandercuren, besonders in den Bergen des lieben Vaterlandes ausgeführt; dann wollen wir über die größern des Klimawechsels wegen nach Süd oder Nord oder über Meer gerichteten Gesundheitsreisen ein paar Worte hinzufügen.

1. Wander-Curen.

Der geplagte Schüler und sein noch viel geplagterer Lehrer, der Student und seine Professoren, der Rechtsauwalt und der Richter, – sie alle haben ihre jährlich zum bestimmten Tag wiederkehrenden Ferienwochen, die sie zum Wandern verwenden können. Andere Staats- und Privat-Diener nehmen sich Urlaub. Der Kaufmann, der Gewerbtreibende, der Arzt etc. machen sich selbst jährlich auf ein paar Wochen geschäftsfrei, um zu reisen, NB. wenn Letzterer so gescheidt ist, eine gefestigte Gesundheit, dem Gelderwerb vorzuziehen, und wenn er so glücklich situirt ist, daß er einige kleinere Geschäfts-Einbußem (die jeden Abwesenden betreffen) leicht verschmerzen kann.

So ein paar Wochen Freiheit, welche man, in Land und Flur herumstreifend, am besten in den Bergen umherkletternd, zubringt, – das ist eine Medicin, köstlicher und heilsamer als irgend eine aus der Apotheke!

Zunächst unterliegt dabei Geist und Körper einer allgemeinen Umwandlung, welche man mit dem sogenannten Fruchtwechsel beim Feldbau vergleichen kann. Man genießt eine andere Kost, als die [56] zu Hause gewohnte, und ein täglich anderes Getränk. Man athmet eine andere Luft. Man hat tagtäglich neue Sinnes- und Seeleneindrücke, nimmt eine ganz andere geistige Nahrung zu sich. Der Geist erhebt sich aus den kleinen und engherzigen Kreisen des bisherigen Alltagslebens zu freieren und weiteren Anschauungen über Natur und Menschenleben. Auch die Geschäfte und Sorgen, bis auf die unvermeidlichen Reisegezänke und Abenteuerchen, sind ganz andere als zu Hause. Es kommen, so zu sagen, ganz andere Gehirn- und Organtheile in Function, und die bisher zu Hause eintönig thätig gewesenen ruhen mittlerweile aus. – Namentlich kommt fast das gesammte Muskelsystem, das der willkürlichen sowohl wie das der unwillkürlichen Bewegungen, in neue, zu Hause ungewohnte Thätigkeiten, bei dem Herumklettern, Wandern, Fahren zu Wasser und zu Lande (Ausgleiten, Bergabkollern und ähnliche Extratouren ungezählt); man athmet auf ganz andere Weise und tiefer als zu Hause ein; das Herz schlägt rascher; die Darmmuskulatur vollzieht ihre wurmförmigen Windungen anders. Kurz, das Reisen ist an sich eine Art von Heilgymnastik des ganzen Menschen, und äußert auch die Wirkung einer solchen (präciser und rascher als die selbstlobige sogenannte schwedische gewisser speculativer Heilkünstler!). Das überflüssige Fett des Körpers (was die Reitlehrer „das faule Fett“ nennen) schwindet in wenig Tagen; die Muskeln werden straffer und zeichnen sich schärfer unter der Haut ab; das Körpergewicht wird geringer; damit werden die Körperbewegungen leichter (was man besonders in den Füßen fühlt); man schwitzt weniger bei Anstrengungen, als zu Anfang der Reise; alle Körperfunctionen, besonders die Ausleerungen, gehen geregelter vor sich; – und mit dem allen geht Hand in Hand eine Umwandlung des geistigen Wesens. Man wird thatkräftiger und minder empfindlich. Man erkältet sich weniger leicht, trotzdem, daß man auf die Hitze kalt trinkt, daß man stundenlang in nassen Strümpfen wandelt, daß man in Hemdenärmeln schwitzend in der eiskalten Bergluft herumklettert, – Alles Frevel, welche Einem zu Hause sehr übel bekommen würden. Ja, dieses letztgenannte Klettern in der dünnen, kalten Bergluft scheint eine ganz besondere, den ärztlichen Schwitzmethoden (Hydropathie, Dampfbad etc.) weit überlegene Curmethode zu sein, wobei die kräftigere Oxygenation des Blutes durch den eingeathmeten Bergsauerstoff, die reichliche Ausscheidung durch die Hautporen und die gleichzeitige Abkühlung der Haut und der Lungen zu einer rascheren Bethätigung des gesammten Stoffwechsels zusammenwirken. – Aber auch an andern Organen bemerkt der Reisende bald diese Abhärtung und erhöhte Thatkräftigkeit. Der Magen verträgt die harte und nicht immer schmackhaft bereitete Kost besser; das Auge wird von Schnee und Sonne weniger geblendet, die Fußsohle von den Steinen weniger gedrückt; Hunger, Durst, schlechtes Lager, Hitze und Kälte afficiren den Körper und Geist weniger. Alles das trägt dann mächtig bei zu einer Reform des Charakters, welcher den „gereiften Mann“ immer sehr vortheilhaft vor jedem Stubenhocker auszeichnet.

Wie muß man, aber reisen, um für Gesundheit und Vernichtung von Krankheitsanlagen auch wirklich Nutzen zu ziehen ? – Denn man kann leider auch das Gegentheil davon tragen, sich durch eine falsche Reiseart krank, ja zeitlebens untüchtig machen. – Zuvörderst soll der Gesundheits-Reisende (denn nur von diesem ist in allem Folgenden die Rede!) zwar nicht ganz planlos in die Welt hinausfahren, vielmehr möglichst über die Natur und Eigenthümlichkeiten der zu bereisenden Gegenden durch mündliche Erkundigungen, durch Kartenstudium und durch das Lesen von Reisebüchern sich im Voraus unterrichten. Aber die Ausführung der Reise hängt bei dem Gesundheits-Reifenden von so vielerlei Umständen, von Wetter, Stimmung, Gesellschaft, Gelegenheit u. s. w. ab, daß es fast unthunlich ist, auf Tage, viel weniger auf Wochen hinaus einen bestimmten Plan festzuhalten. Ich habe solche Unglückliche getroffen, welche sich für ihre paar Ferienwochen solche Reisepläne Tag für Tag und Etappe für Etappe hatten aufschreiben lassen und sie mit aller Strenge durchführten. Bei Nebel auf den Rigi hinauf, bei Regen und beziehentlich Schnee durch’s Berner Oberland, bei schönem Wetter städtische Merkwürdigkeiten und Kirchen besehen, in der Mittagsgluth anstrengende Märsche gemacht etc. – und solche Leute glauben eine Ferienreise gemacht zu haben und beschweren sich, wenn sie im nächsten Herbst verstimmter und kränklicher sind, als vorher! – Der Gesundheits-Reisende muß seinen Plan so zuschneiden, daß er immer über mehrere, den gegebenen Umständen entsprechende Möglichkeiten gebieten kann; er muß z. B. bei heißem trockenem Wetter in die Nebenthäler und an die Flußquellen hinauf oder über die Wasserscheiden hinweg, bei trübem Himmel in den belebten waldigen Hauptthälern dahin reisen, bei klaren Tagen auf die Höhen und Aussichtspunkte hinauf steigen, bei entschieden regnerischem Wetter aber in irgend eine größere Stadt oder einen Badeort flüchten, wo man gute Gesellschaft, merkwürdige Persönlichkeiten, Lectüre, vielleicht sogar Theater, Kunst- und wissenschaftliche Sammlungen finden kann. Bei Alpenreisen kann man sich aus andauerndem Regenwetter dadurch retten, daß man geschwind mit der Post hinüber nach Italien fährt, wo in der Regel die entgegengesetzte Witterung herrscht oder wenigstens nur kleine Bruchstücke der an den Alpen sich niederschlagenden Wolken hinübergelangen. Sehr zweckmäßig ist es, irgend einen an oder in dem Gebirge gelegenen größeren Ort oder guten Gasthof zum Ausgangspunkte zu wählen, dort die Bagage zu lassen und von da aus Tagesausflüge nach den benachbarten Seitenthälern oder Höhen zu unternehmen; dann weiter nach einer zweiten Station, wo man es ebenso macht. – Ueberhaupt darf eine Gesundheitsreise niemals in eine Hetzerei ausarten. Man nehme sich nicht zuviel vor und sei immer bereit, das Vorgenommene bei Gelegenheit fallen zu lassen. Wo man ein gemüthliches Unterkommen, hübsche Wirthsleute, ein freundlich gelegenes Zimmer, eine nette Gesellschaft findet: da bleibe man tagelang, wenn man gleich bei der Herreise gemeint hatte, nur ein paar Stunden daselbst zu weilen. Ubi bene, ibi mane!

Was auch vorfällt, immer bewahre man seine Gemüthsruhe beim Erdulden wie beim Ausführen. Man verliere nicht den Gleichmuth, wenn nicht Alles so klappt oder stimmt, wie man es vielleicht im Voraus berechnet oder gewünscht hatte, oder wie man es zu Hause gewohnt war. Man bleibe bei guter Laune, wenn Wetter und Wind, Menschen und Thiere, Wege und Flüsse etc. unseren Plänen nicht entsprechen. Man lerne warten. Aber wo gehandelt werden muß, da sei man auch rasch bereit und entschlossen, ohne Nörgelei und ohne durch Hindernisse sich zu ereifern. Man reise früh zeitig aus und komme Abends bei Zeiten in’s Quartier. Wer spät ankommt, hat sich’s selber zuzuschreiben, wenn er im Gasthof von verschlafenen oder dünkelhaften Kellnern albern empfangen und schließlich in eine Dachstube oder ein ungesundes Hofquartier logirt wird. Insbesondere auf den Eisenbahnlinien hüte man sich, spät Abends mit dem letzten Zuge in einer größeren Stadt anzukommen, wenn man nicht im Voraus um Logis geschrieben oder telegraphirt hat. Ich ziehe meist vor, auf der letzten oder vorletzten Station zu bleiben oder seitabwärts nach irgend einem Städtchen oder Badeörtchen abzubiegen, das nicht unmittelbar an der Bahn liegt; weil ich dort den Vortheil habe, freundlich empfangen und zuvorkommend bedient zu werden. Der frühmorgens Eintreffende wird dann auch in größeren Städten und vornehmen Hotels rücksichtsvoll empfangen und hat oft die Auswahl unter den besten Zimmern. – Die Effecten mit Post vorauszuschicken, hat oft sein Bedenken. Aber auch wenn man sein Gepäck bei sich führt, muß man unaufhörlich darauf achten, besonders auf den von Sommertouristen überschwemmten Eisenbahn- und Dampfschifflinien, z. B. in der Schweiz oder am Rheine. Wo nicht, so läuft man Gefahr, daß dasselbe plötzlich nach einer ganz anderen Richtung hinwandert, um erst nach Tagen, Wochen oder gar nicht wiederzukommen. Ich könnte schauerliche Vorfälle dieser Art erzählen!

Das Fußwandern gehört mit zum Wesen der Gesundheitsreisen, darf aber bei diesen nie übertrieben werden. Am besten wandert man in der Morgenkühle drei bis vier Stunden lang, und benutzt dann in den Mittags- oder Nachmittagsstunden irgend eine Fahrgelegenheit, um der Hitze zu entgehen und – besser zu verdauen (zu welchem Zwecke eine im Wagen nach rechts rückwärtslehnende Sitzweise mit von sich gestreckten Beinen besonders empfehlenswerth ist). – Man wandere ruhig, hetze nie, man setze gleichmäßig einen Fuß um den andern in der (zuerst von dem Physiologen Weber nachgewiesenen) Pendelschwingung der Ober- und Unterschenkel, der einzigen Gehweise, welche ohne Anstrengung viele Stunden lang fortgesetzt werden kann, und mittels deren sich auch die erfahrenen Reiseführer trotz scheinbarer Langsamkeit so sicher und ausgiebig „vorwärtsschrauben“. Besonders bergauf gehe man langsam; wer leicht in Kurzathmigkeit und Herzklopfen verfällt, wird sogar gut thun, auf größere Berge hinauf zu reiten [57] und nur bergab oder im Ebenen zu wandern. Alle Jahre erleben wir in unsern vielbesuchten Felsengegenden, daß Leute aus der Ebene von dem ungewohnten steilen Klettern Bluthusten und üble Nachkrankheiten davon tragen.

In Alpengegenden ist dem nicht Einheimischen doppelte und dreifache Vorsicht nöthig. Man wage sich in die Alpengebirge nicht ohne Führer oder Träger, nicht ohne das Wetter vorher richtig abzupassen und Sachkundige vorher darüber zu befragen; denn Regen, Schnee, Nebel, Sturm bringen dort dem Ungeübten die schwersten Gefährdungen für Gesundheit und Leben. Man entschlage sich als Gesundheitsreisender völlig der den Kraftmenschen so anlockenden Liebhaberei, hohe vergletscherte und in den ewigen Schnee reichende Alpenpässe zu überklettern, um auf ungewöhnlichen Wegen in neue Thäler zu gelangen; man kehre lieber am Ende des Thales, wo das Schöne aufhört und die kahle, steinige Wildniß beginnt, wieder um und genieße das Thal abwärts noch einmal. Gletscherbesteigungen gehören kaum in das Gebiet der Gesundheitsreisen.

Die Kleidung muß bei Bergreisen auf eine möglicherweise sehr empfindliche Kälte berechnet sein. (Am Gurgl-Gletscher im Oelzthal hatten wir Mitte August nach anhaltend drückender Hitze plötzlich einen Tag lang + 4 Grad R. und am andern Morgen beim Ausmarsch + 2 Grad R.) Man führe also außer dem leichten Sommerüberzieher (Twine) einen dickeren Plaid oder Paletot und ein Paar Wollstrümpfe bei sich. Sehr empfehlenswerth ist die Mitnahme eines feinen (Mailänder) seidenen, gewirkten Unterziehjäckchens, welches zusammengerollt in einer Rocktasche getragen werden kann. Die Wanderschuhe müssen doppelsohlig und die Sohlen mit Leinölfirniß getränkt sein, vor Allem aber gut sitzen; man muß sie längst vor der Reise probirt und ausgetreten haben. Ein übelsitzender oder enger Schuh kann eine ganze Reise verderben! – Ein seidener Regenschirm mit festem, aber zähem Stab (aus starkem Washington-Rohr) dient gegen Regen und Sonne und ersetzt jeden Wander- und Alpenstock. (Mit letzterem namentlich gerathen Ungeübte nur in Gefahr, weil sie ihn gewiß im Augenblick der Noth gerade verkehrt gebrauchen!) – An der Uhrkette trage man einen kleinen Reise-Compaß (überall für ein paar Groschen zu haben), mit dessen Hülfe man sich in der Gegend, wie im Reisehandbuch und auf den Specialkarten zurecht findet. Von letzteren sollte der Fußwanderer immer die besten und neuesten bei sich führen!

Von ärztlichen Hülfsmitteln muß der Gesundheitsreisende etwa Folgendes bei sich führen: Ein kleines chirurgisches Besteck, in jeder Brieftasche anzubringen, enthaltend Scheere, Federmesser, Aderlaßlanzette, Pincette (Zängelchen, z. B. um Splitter auszuziehen), Heftpflaster (möglichst dünngestrichen, zwischen Wachspapier verwahrt), englisches Pflaster, Nähnadeln und Zwirn (ohnehin wegen etwaiger Kleidungsbeschädigungen unentbehrlich), krumme Wundnadeln. In einem kleinen (vielleicht Unzen-) Fläschchen trage man ein geistiges Getränk, wie Rum, Boonekamp, Kirschwasser etc. bei sich; theils gegen anwandelnde Schwache, theils um damit das Trinkwasser zu verbessern. Wenn man in die Berge hineinwandert, muß man außerdem noch etwas Eßwaare: Semmel, ein Würstchen, eine Tafel Chocolade etc. bei sich führen; denn man kann plötzlich von Nebel, Regen und Schnee an Stellen befallen und stundenlang festgebannt werden, wo man nichts zu essen findet und doch nicht wagen darf, weiter zu gehen. – Gegen Durchfall und Kolik, als die zwei häufigsten Reisekrankheiten, führe man nicht bloß eine Bauchbinde bei sich, sondern auch ein paar Opiumpulver (aus einem halben Gran Opium und sechs bis acht Gran Zucker, auch wohl mit einem halben Gran Ipecacuanha gemischt als sogenannte Dover’sche Pulver). Ein ganz kleines Fläschchen mit Chamillen-Tinctur dient bei gleichen Zufällen, sowie bei frischen Erkältungen überhaupt; ferner zur Theebereitung, indem man ein paar Tropfen in eine Tasse träufelt und dann heißes Wasser darauf gießt. Wer nach Bädeker’s Rath Arnicatinctur bei sich führt (welche ich nicht für Laien empfehlen möchte), kann aus dieser auf ähnliche Weise schweißtreibenden Thee bereiten.

Bei Blasen an den Füßen schneide ich am liebsten die ganze losgelöste Oberhaut ringsum ab und lege auf die rothe Wundfläche das dünngestrichene Heftpflaster. Wenn diese Procedur auch im ersten Augenblick schmerzhaftes Brennen macht, so bewirkt sie doch hinterher um so mehr Schutz, Ruhe und Heilung. Wenn das Heftpflaster zu sehr reizen sollte, so nehme man statt dessen Bleiweißpflaster, ebenfalls ganz dünn auf Leinwand gestrichen. Ueber dieses Letztere kann man alsdann noch Heftpflaster kleben. – Man verhütet dieses Wundgehen dadurch, daß man richtig gebaute Schuhe trägt (s. u.), in den Strümpfen keine Falten duldet, die glatte Seite derselben nach inwendig kehrt (auch wohl durch Abreiben mittels trockner Seife noch glatter macht), und daß man allabendlich die Füße mit Branntwein abwäscht.

Gegen wundmachende Fußschweiße (besonders zwischen den Zehen bei vielen Leuten entstehend) ist das beste Mittel, vorher sämmtliche Strümpfe an der entsprechenden Stelle (also gewöhnlich an der die Zehen aufnehmenden Spitze) in eine Lösung von Weinsteinsäure (etwa 4 Loth auf eine Kannenflasche Wasser) einzutauchen und dann wieder trocknen und plätten zu lassen. Der Schweiß nämlich, besonders wo er stockt (z. B. in den Schuhen und Achseln) erleidet eine rasche, faulige Zersetzung, welche das so übelriechende und die Haut anätzende Ammoniak erzeugt. Dieses aber wird von der trockenen Weinsteinsäure sofort angezogen und zu einem milden, geruchlosen Salze gebunden.

Die Gartenlaube (1862) b 057.jpg

Gegen das Einwachsen der Nägel muß man schon vor der Reise sorgen, indem man dieselben (gewöhnlich die der großen Zehe) in der Mitte längshin (bei a a) mittels eines Glasbruchstückchens dünn schabt und die Ecken am freien Rande des Nagels (b d) so verschneidet, daß sie vor der etwas ausgebogten Mitte desselben hervorstehen. Durch diese beiden Proceduren legt sich der Nagel bei jedem Auftreten der Fußspitze ganz flach und kann also gar nicht einwachsen. Hingegen durch das übliche Hinwegschneiden seiner Kante drückt er sich immer tiefer in das Fleisch der Zehe hinein.

Hühneraugen (Leichdornen) umwickele ich gewöhnlich mit einem Streifen des oben erwähnten dünngestrichenen Heftpflasters, nachdem ich vorher das Horn mittels des Federmessers flach abgeschnitten habe. Schützt dies noch nicht genug, so lege ich ein Stückchen Handschuhleder mit dem gewöhnlichen grünen Cerat oder dem officinellen schwarzen Leichdornpflaster auf den Leichdorn und wickele einen dünnen Heftpflasterstreifen darüber. Ich habe seit vielen Jahren alle angepriesenen geheimen Hühneraugenpflaster probirt und keines besser befunden als jene beiden, längst in allen Apotheken vorkommenden. – Uebrigens merke man sich ein für allemal: Der Urheber der Hühneraugen ist allemal der Schuhmacher, wenn er die Schuhe nicht für den Fuß, wie er ist, (und zwar für jeden von beiden besonders) gefertigt hat, sondern nach einem Ideale, wie der Fuß sein sollte. Der Himmel behüte eines Jeden Beine vor den Idealen der Schuster! Wie aber der Wirklichkeit entsprechend die Schuhe gestaltet werden müssen, das lehrt am besten der Züricher Professor der Anatomie, Dr. Herm. Meyer, in seiner Broschüre „über die richtige Gestalt der Schuhe“ (Zürich 1858, 8. und vorher in der Gartenlaube 1857, Nr. 27, S. 373.)

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2. Klima-Curen.

Das Reisen, sogar nach den entfernteren Breiten und Erdtheilen, ist heutzutage durch den Allerweltsgleichmacher, den Dampf, mittels Eisenbahnen und Dampfschifflinien so bequem, billig und rasch geworden, daß jetzt eine Menge Menschen daran denken können, eine Curmethode zu gebrauchen, welche ehedem nur den Allerreichsten zugänglich zu sein pflegte. Diese Curmethode, dieses souveränste aller „Hausmittel“ ist: der gänzliche Wechsel des Klima’s für ein halbes Jahr oder länger. – Man kann aber zu Gesundheitszwecken aus nördlichen Breiten nach dem Süden reisen (der bei uns gewöhnlichste Fall), oder aus heißen Ländern in kühlere, beziehendlich gebirgige Lagen übersiedeln, oder Seefahrten nach fernen Continenten unternehmen. Hierüber gestatte ich mir ein paar Worte, namentlich über die Winterreisen nach dem Süden.

Gleichwie sich viele Menschen, anstatt ihre Gegenwart sachgemäß und thatkräftig auszunutzen, nach verlorenen goldenen Zeitaltern oder nach zukünftigen Paradiesen sehnen: so bewegt auch viele Personen ein Fortweh, ein umgekehrtes Heimweh, welches ihnen vorspiegelt, daß es anderwärts weit besser und hübscher sein müsse. Diese Vorstellung steckt namentlich in den meisten nördlichen Völkern und erzeugt in ihnen einen Trieb nach schönen, warmen Ländern, welcher unzweifelhaft die Ursache gewesen ist, welche seit uralten Zeiten die Völkerwanderungen nach dem Süden und Westen hervorgerufen hat. In ähnlicher Weise sind in den gemäßigten Strichen Europas eine Menge Privatleute von dem Wunsche beseelt, den „köstlichen Süden“, von dessen Herrlichkeiten sie längst geträumt, zu besuchen, insbesondere aber einmal den Winter über in einem wärmeren Klima zuzubringen und so ihren Kalender um einen Winter zu betrügen. Dieser Wunsch ist sicherlich durch die Unbilden unseres nordischen Klima’s ganz gerechtfertigt. Wer die Mittel dazu hat und nichts dadurch versäumt, thut sogar ganz wohl, denselben zu erfüllen, schon der geistigen Bildung wegen. (Beispiele: Goethe, Winkelmann u. A.) Aber hier sprechen wir nicht von denen, welche aus Luxus dahin reisen, sondern von denen, welche ihrer Gesundheit wegen, zu Vorbauungs- oder Heilungs-Zwecken südliche Winterasyle aufsuchen. Denn gerade diese begehen oft durch eine Südreise so arge Mißgriffe, daß sie nicht blos bittere Enttäuschungen, sondern oft sogar grenzenloses Elend und gänzlichen Ruin ihrer Gesundheit dadurch herbeiführen.

Die Patienten, denen von ärztlicher Seite manchmal (also nicht in allen Fällen) eine Uebersiedelung für die Winterszeit in ein südliches Klima, in einen sogenannten südlichen klimatischen Curort oder ein südliches Winterasyl anzurathen ist, sind hauptsächlich folgende:

1) Brustkranke, namentlich a) Tuberculöse, so lange sie sich noch in den früheren Stadien ihres Uebels befinden, b) Emphysematiker, welche von ihren begleitenden Brustkatarrhen und Asthmen viel geplagt werden, c) Herzkranke, welche sich in ähnlichem Falle befinden.

2) Erkältbare, theils a) von Rheumatismus und Gicht Geplagte, theils b) von allerlei unaufhörlich wiederkehrenden Katarrhen der Gesichts-, Hals-, Brust-, Unterleibs- oder Geschlechts-Organe (oft auch wohl von stetem Wechseln der Katarrhe von einem Organ zum andern) Heimgesuchte.

3) Blutarme, beziehentlich Bleichsüchtige, Skrofulöse, an Brightscher Niere Leidende.

4) Jugendliche, eben in der Entwicklung begriffene Personen.

5) Schwächliche, nervöse, zärtliche, siechende, altersschwache oder vorzeitig alternde Individuen.

6) Genesende aus schweren Krankheiten, besonders nach Typhus oder nach stark eingreifenden, besonders Ouecksilber-Curen.

7) Gemüthskranke, besonders Melancholiker.

Die Vorzüge, welche das südliche Klima dem kranken oder kränkelnden Nordländer bietet, sind folgende. Bei uns zwingt der lange, lichtarme Winter und das wechselvolle Frühjahr, welches meistens bis Mitte Juni immer wieder aus warmen Tagen in empfindliche Kälte und Nässe zurückfällt, zwingt der nie trocknende und erst spät ausgewärmte Erdboden, zwingt die Kühle der Höfe und Hausfluren etc. solche Kranke, entweder ganz die Stube zu hüten und dadurch welk und stubensiech zu werden, oder falls sie ausgehen, laufen sie Gefahr, durch eine kleine Unvorsichtigkeit schwere Erkrankungen, Rückfälle, sogar den Tod davon zu tragen. Diese Gefahr ist nun zwar auch im Süden nicht ganz beseitigt; denn der Unvorsichtige kann sich auch dort an kalten Tagen, oder in der stets gefährlichen Morgen- oder Abendluft, oder beim Besuch der Kirchen und Museen, bei Volksfesten etc. ganz tüchtig erkälten, und es giebt auch im Süden Orte genug, wo Rheumatismen, Katarrhe, Tuberculosen etc. an der Tagesordnung sind. Aber durchschnittlich gewährt der Süden doch eine wärmere, mildere Luft, welche zugleich auch an manchen Orten durch die fortbestehende Vegetation und Pflanzenblüthe reiner und gewürzhafter ist. Er gewährt dem Kranken die Möglichkeit, täglich (wenige ganz schlechte [350] Tage ausgenommen) mindestens ein paar Stunden ohne Gefahr im Freien zuzubringen, sogar unter freiem Himmel sitzen zu können. Damit ist zugleich die Möglichkeit gegeben, reichlichere und doch nicht anstrengende Körperbewegungen und ergiebigere Einathmungen zu machen; damit jedenfalls verbunden eine größere und nachhaltigere Aufheiterung des Gemüthes, wozu ohnedies die Schönheit der Landschaft das Ihrige beiträgt. Auch die veränderte (meist bessere) Nahrung, das saftigere Ochsenfleisch der Maisländer, das Obst, die Trauben, Feigen und Südfrüchte, die grünen Gemüse, die Fische und sonstigen Seeproducte tragen das Ihrige bei zur körperlichen wie geistigen Erneuerung und Anfrischung eines eingewanderten Nordländers. Für die einzelnen obengenannten Classen von Patienten wird der Winteraufenthalt in einem südlichen Klima dadurch zum Heilmittel, daß es

1) den Brustkranken die Möglichkeit gewährt, ohne Rückfälle ihrer Katarrhe circa 1½ Jahr lang die Schleimhäute ausruhen und gründlich ausheilen zu lassen. Denn gerade darin besteht das Gefährliche unseres Klimas, daß die Schleimhäute immer neu gereizt werden, wie eine Wunde, die man nicht zuheilen läßt! An sich sind diese Krankheiten, die Lungentuberkeln, die Emphyseme, die Herzübel, gar nicht so gefährlich. Sie werden es nur durch die ewigen Katarrhe, welche namentlich gern in die tuberkulösen Lungen hinunterwandern und dadurch nicht nur neue Tuberkelnachschübe bewirken, sondern auch eine eiterige Erweichung und peripherische Entzündung der vorhandenen Tuberkelmasse hervorrufen, welche schließlich zu Zerstörung und Schwindsucht führt. Einmal gut ausgeheilt (wozu ein- oder zweimaliger Aufenthalt im Süden, oder mehrwinterliches Tragen des Respirators die besten bekannten Mittel sind), kehren solche böse Katarrhe nicht so leicht zurück; daher findet man Tausende, die ein hohes Alter erreichen mit verkalkten und verhornten Tuberkelmassen in den Lungenspitzen, sogar mit verheilten oder zur Gewohnheit gewordenen (ein innerliches Fontanell darstellenden) Tuberkelhöhlen. – Aehnliches gilt von den Emphysematikern, wo das „Lösen“ des Katarrhs in milder, feuchtwarmer Luft eine Hauptsache ist; desgleichen von den Herzkranken, deren Todtmacher meistens ein Katarrh ist.

2) Daß es den Erkältbaren, Gichtischen, Rheumatischen und allerorts Flüssigen die beneidenswerthe Möglichkeit gewährt, sich sechs Monate lang behaglich in freier Luft (wie bei uns etwa im Juli bis September) zu bewegen, ohne Rückfälle zu erleiden. Hierdurch ist dann die Möglichkeit gegeben, daß die vorzugsweise erkrankenden Gewebe und Organe (die loci minoris resistentiae, wie die Pathologen sagen) erstarken und sich regeneriren können. Darin besteht die sogenannte Nachwirkung der Klimacur.

3) Die hier benannten Blutleeren bedürfen vor allen der Wärme, haben fast immer kalte, oft auch wässerig anschwellende Füße und Hände, frieren viel und erkälten sich oft. Bei manchen derselben, z. B. bei den Bright’schen Nierenkranken, gilt es geradezu, mittels des Klimas eine Trockencur durchzuführen; man sendet diese besonders nach Aegypten, wo der Winter zugleich warm und trocken ist.

4) Für Jugendliche, in der Entwicklung Begriffene, besonders wenn sie von letzterer angegriffen werden, blaß und mager aussehen, schlank in die Höhe schießen, ohne sich auszufüllen etc. Solchen erzeigt man durch einen südlichen Winteraufenthalt oft eine Wohlthat für’s ganze Leben. Der ganze Wachsthumsproceß des Menschen ist ja, wieder der Pflanzen, nur ein Hervorknospen einer Zelle aus der andern; und dieser wie jener wird ja durch Nichts mächtiger gefördert, als durch Licht und Sonnenwärme, wie sie der Süden bietet, der Norden aber im Winter verweigert! – Aehnliches gilt

5) von den Schwächlichen und

6) Genesenden. Bei letzteren kommt zum Theil noch hinzu, daß die südliche Wärme es gestattet, die einverleibten Arzneistoffe (namentlich das aller frommen Wünsche unerachtet noch immer nicht entbehrliche Quecksilber) aus dem Körper wieder auszuscheiden, was im nordischen Winterklima fast gar nicht, oder nur durch die zu Winterszeit so gefährlichen Warmbad- und Schwitzkuren möglich ist.

7) Wenn man Gemüthskranke, d. h. Melancholiker (denn die Narren, Wahnsinnigen und Geistesschwachen passen doch wohl kaum zu Südreisen), in die warmen Winterasyle schickt, so verfalle man nur nicht in den gewöhnlichen Fehler aller Laien, welche solche Personen mit aller Gewalt lustig machen wollen, sie in Gesellschaften, Bälle, Concerte schleppen, sie auf Reisen aus einer Stadt in die andere, in alle Museen, Kirchen und sonstigen Sehenswürdigkeiten führen. Alle diese Dinge dürfen erst in der Genesungsperiode und sobald der Patient selbst einigen Trieb danach äußert, zur Geltung kommen. Während der Melancholie ist das Hirnleben, das Gemüth des Patienten wie ein seiner Haut beraubter Finger, wie ein entzündetes Auge; jeder gewöhnliche, einem Gesunden ganz gleichgültig scheinende Reiz wirkt auf ihn schmerzerregend, verstimmend und betrübend. Er sucht Ruhe, stille gemüthliche Existenz, und wird nur durch diese geheilt. Auch im südlichen Aufenthaltsort muß man ihm diese verschaffen, und die Vorzüge eines solchen vor dem nördlichen beruhen eben nur darin, daß die milden, lieblichen Einwirkungen, daß Licht, Farbenschmelz, Wärme, Pflanzengrün, Blüthenduft etc. vorwiegen und die ganze Umgebung total neue Eindrücke mit sich bringt.

In vielen der benannten Fälle macht übrigens das Klima mit seinen Nebeneinflüssen die Cur nicht allein, sondern nur zum Theil, oder dient nur als Förderungsmittel neben dem Fortgebrauch irgend anderer ärztlicher Heilmittel. Zu letzterem aber gehört wesewlich ein guter Arzt, ein Artikel, an welchem es im Süden bei der dort waltenden Volks- und Gelehrtenschulenbildung leider allenthalben noch sehr fehlt! Den gewöhnlichen aderlaßsüchtigen oder brechweinsteinwüthigen Praktikern jener Länder in die Hände zu fallen, heißt in die Gefahr kommen, zu Tode „cavourt“ zu werden.

Aber auch noch andere Nachtheile hat der Süden für den Heilung suchenden Nordländer. Einerseits giebt es überall kalte oder doch durch den Wärmeunterschied empfindlich kalt erscheinende Tage und Stunden. Namentlich sind oft die Morgen und Abende auffällig kalt; in allen Südländern nimmt man gern den Mantel mit, wenn man ausgeht, und Viele halten es dort (sogar an der Goldküste Afrika’s) zur Sicherung der Gesundheit nothwendig, immer Wolle auf der bloßen Haut zu tragen! – Dazu kommt noch der Uebelstand, daß im Süden die Wohnungen und Betten gar nicht so gegen Kälte eingerichtet sind, wie im Norden. Daher friert der Deutsche in Italien (so wie der Russe in Deutschland) mehr, als in seinem Vaterlande. Insbesondere ist Zugluft in allen südlichen Ländern ein stehender Artikel; die Häuser sind eben, weil sie mehr vor Hitze als vor Kälte schützen sollen, luftiger eingerichtet: Thüren und Fenster schließen nicht, und durch die Wände pfeift oft der Wind. Dem Italiener ist die Zugluft etwas so Gewöhnliches, daß er nicht einmal ein Wort in seiner Sprache dafür hat (wie der Engländer kein Wort für „Langeweile“, weil sie sein Normal-Zustand ist). – Manche Orte haben noch ihre besondern klimatischen Schädlichkeiten, wie z. B. Südfrankreich und Nizza den scharfkalten Mistral, Rom die Malaria, Italien überhaupt den Sirocco, auch Aegypten und Algier die erschlaffenden und erstickenden Wüstenwinde, Venedig den Mangel an Pflanzengrün, namentlich aber alle südlichen Länder das viele Ungeziefer und vor Allem die Höllenkinder, die Moskito’s. Und auch an zweibeinigem Ungeziefer fehlt es nicht: Prellerei, Diebstahl, Perfidie, Lärm und Schmutz sind in den Südländern mehr eingebürgert, als im Norden, oder drängen sich wenigstens dem Reisenden und Hülfsbedinfügen mehr auf, als dort. – Auch in der Kost ist Manches dem nordischen Magen zuwider, z. B. das Schmoren in Oel, der matte, saure auf Schläuchen und ohne Keller aufbewahrte Wein, die ledernen Macaroni, die klumpige Polenta, die Wassermelonen, das halbreif gepflückte Obst u. dgl. mehr.

Endlich ist der Süden bekanntlich nicht frei von Krankheiten; vielmehr sind die herrschendsten derselben, die Sumpffieber, die Diarrhöen und Ruhren, so wie deren Folgeübel, die Milz- und Leberkrankheiten, – fast noch schlimmer als unsere einheimischen Katarrhe und Brustübel, an denen es übrigens auch dort nicht ganz fehlt!

Hierüber kommt noch, daß viele im Süden Reisende sich und Andern ihren Aufenthalt vergällen und verleiden, indem sie à la Nicolai über allerlei Kleinigkeiten nörgeln und klagen. Solche Leute vergessen, daß es eben an jedem Orte der Welt anders zugeht, daß jeder Fleck neben seinen Vorzügen auch eigene Schattenseiten hat, und daß man, wenn man erstere genießen will, letztere mit in Kauf nehmen oder mittels Geld und Witz abpariren muß! – Man kann eben auf so einer Reise nicht alle gewohnten häuslichen Bequemlichkeiten und Marotten befriedigen; man kann nicht, so zu sagen, die ganze Heimath mit ihren guten Freunden, Klatschgevattern [351] und Spießbürgerlichkeiten in der Reisetasche mitnehmen. Vielmehr muß man darauf bedacht sein, sich für die vorübergehende Curzeit rasch eine neue Häuslichkeit und Geselligkeit zu schaffen.

Die Länder und Ortschaften, welche zum Behufe südlicher klimatischer Curen aufgesucht werden, lassen sich folgendermaßen classificiren:

1) Süddeutsche: nämlich Meran und Gries in Südtyrol und die am Nordost-Ende des Genfer Sees beisammen liegenden, unter dem Namen Montreux oder Vevey bekannten verschiedenen Ortschaften bis hinter nach Bex. (Für viele, besonders für schwere Brustkranke, nur als Durchgangspunkte im Spätherbst und Vorfrühjahr zu benutzen, weil der Winter hier oft noch sehr streng ist).

2) Südfranzösische: namentlich Pau, sodann Montpellier, Nimes, Hyères, Cannes, Antibes und das jetzt dazu annectirte Nizza, welches alle Klimate, vom italienischen bis zur ewigen Schneelinie, in wenigen Stunden Raum vereinigt. (Sämmtlich mehr oder weniger einem scharfen Nordwinde, Mistral genannt, im Winter ausgesetzt.)

3) Südalpinisch-oberitalienische: erstens die kleinen Städte längs der goldenen Riviera von Nizza bis Genua (also Villafranca, Monaco, Mentone, San Remo, Oneglia, Savona etc.), welche alle den Vorzug haben, gegen Nord von den hohen Seealpen geschützt zu liegen und gegen Süd das warme Mittelmeer nebst afrikanischen Winden zu genießen; – zweitens die am steilen Südabhange der Alpenkette, besonders an den Seen (Maggiore, Lugano, di Como und Garda) gelegenen, z. B. Pallanza, Lugano, Varese, Como, Riva etc; – und drittens Venedig, das mit den Vorzügen jener noch die eines Inselklimas theilt, aber gleich ihnen einzelne recht harte Winter haben kann.

4) Italienische: besonders Pisa, Florenz, Rom, Neapel und vor Allem das reizend in seiner Goldmuschel (Concha, d'Oro heißt nämlich das Thal) eingebettete Palermo.

5) Andre Mittelmeer-Inselorte: z. B. auf Corfu, Malta, jedenfalls auch auf mehreren griechischen Inseln.

6) Spanische: vor Allem Malaga, dann Cadix, Alicante, Valencia, Sevilla u. a.

7) Afrikanische: einerseits Algier und einige Nachbarstädte, andererseits Aegypten (eigentlicher: die Nilreise stromaufwärts während der Wintermonate).

8) Atlantisch-insulare: vor Allem das unvergleichliche Madeira, sodann die Azoren und endlich sogar westindische Inseln, namentlich Havanna.

Es versteht sich von selbst, daß damit nicht alle zu Südklimacuren geeigneten Orte genannt sind, sondern nur die, welche jetzt vorzugsweise von Kranken besucht und einigermaßen für solche Besucher eingerichtet sind.

Es begreift sich leicht, daß die genannten Orte unter sich unendliche Verschiedenheiten und jeder seine eigenthümlichen Vorzüge wie Nachtheile haben werden. Und zwar nicht blos in klimatischer Hinsicht (wo man mit den üblichen Eintheilnngen in ein feuchteres oder trockneres, erregenderes oder erschlaffenderes Klima nicht weit kommt), sondern auch in socialer, politischer, religiöser, kurz in jeder menschlichen Rücksicht, welche bei Kranken doppelt genau genommen werden muß. – Da nun andererseits auch die Kranken untereinander in medicinischer und allgemeinerer Hinsicht höchlichst verschieden sind, so ist es klar, daß der kahle Rathschlag, „nach dem Süden zu reisen“, gar nicht genügt, sondern daß eine sehr specielle Erwägung und Wahl, „wohin und wie weiter?“ statthaben muß. Da nun nur äußerst wenige Aerzte hierüber eigene Erfahrungen haben, die Urtheile und Vorschläge der Laien aber in der Regel an großer Einseitigkeit für oder wider einen bestimmten Ort laboriren, so ist hier ein gedruckter Rathgeber unentbehrlich. Der beste mir bekannte ist: Sigmund’s Broschüre „über südliche klimatische Curorte“ (2. Auflage. Wien, 1859), besonders wenn man dazu die durch vergleichend-klimatologische Bemerkungen und selbsteigne treue Beobachtungen ausgezeichneten Werkchen von Vivenot, über Palermo (Erlang. 1860) und von Mittermaier, über Madeira (Heidelb. 1855, mit einem Nachtrag, Berlin 1861 bei Reimer) hinzuzieht. Diesen kann man noch der Vollständigkeit halber (da Sigmund nur die von ihm selbst besuchten Orte bespricht) hinzugesellen: Neil, über Aegypten, von Tschirsky und Pichler, über Meran, Macario, über Nizza, Joseph, über Venedig u. a. Das ältere englische Buch von Francis, „on climate“ (Lond. 1853) enthält außer allgemeinen Bemerkungen über Klimacur hauptsächlich werthvolle Notizen über Spanien, welches er mehrere Jahre nebst Italien etc. besucht hat. Das neueste Werk von Dr. R. E. Scoresby-Jackson, „medical Climatology“ (London, 1862), enthält ziemlich speciell eingehende Orts- und Klima-Beschreibungen der meisten Orte, welche heutzutage von kranken Engländern zur Sommer- oder Wintercur aufgesucht werden.

Wer aber die ganze Klima-Angelegenheit von einem höheren und naturwissenschaftlich-exacten Standpunkte aus kennen lernen will, der muß unbedingt die zwei wichtigen Bücher von Mühry, „die Grundzüge der Klimatologie“ (Lpz. u. Heidelb. 1858) und „die geographische Meteorologie“ (1860) studiren. Zwei Werke deutschen Fleißes, welche wenigstens in der Bibliothek keines Arztes fehlen dürfen, wenn er auf dem Standpunkt der neuern Naturwissenschaft zu stehen behaupten will!

Zur Ausführung der also beschlossenen Reise gehört nun wieder Mancherlei. Vor allem Geld! Wer den Zweck, die Gesundheit, erreichen will, darf vorkommenden Falls, unterwegs und in dem Südasyl, die nothwendigen Kosten nicht scheuen, so sehr ich auch Vorsicht gegen die allerseits drohenden Prellereien lobe. (Worüber bei Sigmund a. a. O. mehrere gute Verhaltungsregeln.) Nächstdem ein Vorrath von Geduld, um auch bei mannigfachen Schwierigkeiten und vorfallenden Gemeinheiten sich nicht zu ärgern, die zur Heilung unentbehrliche gute Laune nicht zu verlieren. Wer zu Haus gut und reichlich zu essen gewohnt ist, lasse sich auf der Reise nichts abgehen. Die Kleidung sei für schroffe Wechsel eingerichtet: fast wie für den nordischen Winter, außer daß man die Pelze zu Haus läßt. Denn die Witterungssprünge von + 30 auf + 10 sind gerade so empfindlich und so gefährlich, wie von + 10 auf 0 oder weniger. Eine Wohnung bestelle oder suche man sich zeitig, da deren Zahl jetzt im Verhältniß zur Zahl der nach Süden Reisenden nicht rasch genug zunimmt. Diese Wohnung richte man sich bei Zeiten nach nordischer Art auf den Winter ein; man sorge, daß Thüren und Fenster gut schließen, beziehentlich verklebt werden, daß wirkliche Oefen gesetzt, Teppiche gelegt werden etc. Denn nach Südländer-Art auf steinernen Fußböden zu gehen und an den Kaminen vorn zu braten, hinten zu frieren, ist für einen kranken Nordländer wie Gift.

Man trete die Hinreise nach Süden im September, höchstens October, die Rückreise nach dem Norden nicht vor dem Juni an; denn Mitte Juni haben wir manchmal noch rauhes Wetter, welches dem aus Süden Anreisenden doppelt empfindlich fällt. Beide Reisen mache man wo möglich mit Umgehung der Alpenpässe; die Eisenbahntour über den Semmering und die über Straßburg-Lyon sind jedenfalls allen anderen Linien vorzuziehen; wenn die Brennerbahn fertig sein wird, auch diese; vor der Hand kann diese niedrigste aller Alpeneinsenkungen bei mildem Wetter und in verschlossenem Glaswagen in einem Tage von Innsbruck bis Brixen oder umgekehrt wohl von den meisten Kranken ohne Gefahr überschritten werden. Man richte sich so ein, nur kurze Tagereisen zu machen und allenthalben bleiben zu können, sobald sich der Kranke zur Weiterreise unbefähigt fühlt. Meist wird man durch den Telegraphen geheizte Zimmer und gute Betten vorausbestellen können.

Gute Gesellschaft zu finden, ist bei einem solchen Winterexil eine Hauptbedingung. Wer es haben kann, bringt sich solche am liebsten mit; jeder Andere ist auf den Zufall angewiesen. Dem ließe sich aber recht gut abhelfen, wenn es Sitte würde, daß gegen den Herbst hin ein oder mehrere Parteien, welche einen Winter im Süden zuzubringen beabsichtigen, dies vorher in den Zeitungen oder durch ein Circular bekannt machen und Andere zum Anschluß auffordern wollten. Denn es giebt jetzt eher zu viele als zu wenige „Südensehnsüchtige“ in deutschen und anderen nördlichen Ländern.

Unzweifelhaft reisen schon jetzt eine Menge Leute nach dem Süden, welche nicht dahin passen, welche besser thäten, zu Hause zu bleiben und dort mit den nöthigen Vorkehrungen ruhig zu leben oder doch zu vegetiren. Andere versprechen sich Wunderdinge, rasche Erfolge, welche das Klima gar nicht leisten kann. Sie möchten, daß die Krankheit wie weggeblasen würde, und erwägen nicht, daß dieselbe gewöhnlich ein weit durch die edelsten Gewebe fortgewucherter Zerstörungsproceß ist, bei welchem der Sachkundige froh ist zu sehen, daß nach und nach allmähliche Vernarbungen, Verschrumpfungen, Vertrocknungen und Verkalkungen des krankgewesenen, für seine ehemalige Function unrettbar verloren gegangenen Organes oder Gewebes eintreten! – Ja, sogar um dieses Ergebniß zu erzielen, ist oft ein einziger Winter nicht genügend, sondern Patient [352] muß zwei oder mehr Winter hintereinander im Süden und während der Zwischenzeit in einem sorgfältig ausgewählten Sommeraufenthalt zubringen, wo möglich auch ohne strapaziöse Zwischenreisen. Dies sind solche Fälle, wo z. B. der Patient im Winter in Italien lebte, sich dann im Frühling nach den oberitalischen, im Sommer nach den Schweizerseen oder den Südtyroler „Sommerfrischen“ hin zieht; oder wo er den Winter in Malaga, den Sommer in Granada zubringt u. dergl.; oder solche, wo er wie ein echter Zugvogel im Herbst beim Genfer See anfängt, dann nach Nizza, später nach Pisa, Rom, Neapel, Palermo, Aegypten zieht, um im Frühling auf ähnliche Weise wieder nördlich zu wandern. (Wohlgemerkt, wenn seine Krankheit überhaupt und sein Geldbeutel ein derartiges Wanderleben verträgt!)

Soviel über die Südklimacur! Es giebt deren noch andere, wie oben erwähnt. So flüchten sich alljährlich Tausende während der heißen Jahreszeit in die „Sommerfrischen“ der Berge und waldigen Thäler, z. B. in unserer Nähe die Südtyroler und Oberitaliener in die Gebirge von Friaul, Krain (besonders nach Veldes), Tyrol (besonders in’s Pusterthal und dessen Nebenthäler), oder nach dem Engadin (St. Moritz, Samaden) und vielen Schweizer-Orten. Gleiches geschieht in anderen Welttheilen. Denn vor der Hitze und den Insektenstichen zu fliehen, ist fast noch wünschenswerther, als vor der Kälte, vor welcher man ja (wie besonders die Russen uns Deutschen lehren) sich mittels guter Einrichtungen schützen kann. – In andern Ländern flüchtet man im Sommer nach der See, weniger wegen des Badens, als wegen der stets fächelnden kühlen und stärkenden Seeluft. – Aber auch die Seereisen, besonders längere und nach den Passatgegenden gerichtete, gehören zu den wichtigeren Curmitteln, besonders für manche Arten der Lungentuberculose! – Mit der Zeit, mit den Fortschritten der vergleichenden Erd- und Klimakunde (Geographie und Klimatologie) wird man vielleicht noch mehrere, für besondere Leiden besonders dienliche Klima-Sorten und Klimacuren kennen und anwenden lernen. Für unseren Leserkreis wird jedoch Obiges wohl als Anregung völlig hinreichend sein.

Dr. Richter.