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Textdaten
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Autor: Dante Alighieri
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Titel: An die italienischen Kardinäle
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aus: Die unbekannten Meister – Dantes Werke, S. 228–232
Herausgeber: Albert Ritter
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Entstehungsdatum: 1314
Erscheinungsdatum: 1922
Verlag: Gustav Grosser
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer: Albert Ritter (Karl Ludwig Kannegießer)
Originaltitel: An die italienischen Kardinäle
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: siehe auch

Vorbericht: Brief an die italienischen Kardinäle

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[228]

An die italienischen Kardinäle (1314)

Den italienischen Kardinälen Dante Alighieri aus Florenz.


„Wie sitzet einsam die Stadt, die volkreiche: wie eine Witwe ist geworden die Herrin der Völker!“[1] Einst verpflanzte der Pharisäer Fürstenbegierde, das alte Priestertum beschimpfend, den Dienst des levitischen Stammes nicht nur, sonder bereitete aus dem auserwählten Volke Davids Belagerung und Verderben. Er aber, der allein ewig ist, dies von der Warte der Ewigkeit schauend, erfüllte die gotteswürdige Seele des prophetischen Mannes auf sein Geheiß mit dem Heiligen Geist, und er beweinte das heilige, beinahe zerstörte Jerusalem mit obigen Worten, die sich ach! nur zu sehr wiederholen.

Auch uns, die wie denselben Vater und Sohn, denselben Gott und Menschen und dieselbe Mutter und Jungfrau bekennen, deretwegen und zu derer Heil zu dem, der dreimal wegen seiner Liebe gefragt wurde, gesagt worden ist:[2] „Petrus, weide den hochheiligen römischen Schafstall“ – –, uns betrübt es, Rom (dem nach so vielen Triumphzügen durch Worte und Werke Christus die Weltherrschaft bestätigte; das auch jener Petrus und Paulus, der Heidenbekehrer, zum Apostelsitze durch das eigene vergossene Blut einweihte; das wir jetzt mit Jeremias, nicht mit der Klage nachkommend, sondern ihm nachklagend, als verwitwet und verlassen zu beklagen gezwungen werden), ach nicht minder als den kläglichen Bezirk der Ketzereien zu schauen.

Der Gottlosigkeit Begünstigter, Juden, Sarazenen und Heiden, verlachen unsern Gottesdienst und rufen, wie verlautet: „Wo ist ihr Gott?“. Und vielleicht schreiben sie dies [229] ihrer Hinterlist und Gewalt gegen den Schutz der Engel zu: Und was noch schrecklicher ist, einige Sterndeuter und unreife Wahrsager heißen das notwendig, was Ihr, die Wahlfreiheit mißbrauchend, zu erwählen vorgezogen.

Ihr nun, gleich Hauptleuten der streitenden Kirche vorgesetzt, unbekümmert den Wagen der Braut auf der offenbaren Spur des Gekreuzigten zu leiten, seid gleich jenem falschen Wagenlenker Phaeton aus dem Geleise gewichen und habt, wiewohl es Euch zukam, der nachfolgenden Herde die Wildnisse dieser Pilgrimschaft zu lichten, sie selbst zugleich mit Euch in den Abgrund gerissen. Und nicht zur Nachahmung zähle ich Euch Beispiele auf, da Ihr Rücken, nicht Mienen für das Fuhrwerk der Braut habt, und in Wahrheit diejenigen Priester genannt werden könnet, die sich dem Tempel abkehrten:[3] Euch, die Ihr das Feuer vom Himmel fallen sehet, wo jetzt Altäre von fremdem Feuer erglühen; Euch, die Ihr Tauben in den Tempeln verkauft, wo das, was durch keinen Preis ermessen werden kann, auf verderbliche Weise zum Tauschhandel feilgeboten worden ist. Aber harret der Geißel,[4] harret des Feuers und verachtet nicht die Geduld dessen, der Euch zur Reue erwartet. – Wenn Ihr aber an dem vorher Euch kredenzten Abgrunde zweifelt, was soll ich Euch anders zur Erklärung antworten, als daß Ihr mit dem Demetrius dem Alcimus beipflichtet?[5]

Vielleicht werft ihr erzürnt ein: Wer ist es, der vor der plötzlichen Strafe Ozas[6] nicht zurückbebend zu dem obwohl wankenden Altar sich erhebt? Freilich, ich bin der von Jesus Christus geweideten Schafe eines der kleinsten, der ich kein Hirtenansehen mißbrauche, da ich keine Reichtümer habe. Nicht also durch Reichtümer, sondern durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und „der Eifer seines Hauses verzehrt mich“. Denn auch in dem Munde der Säuglinge und der Unmündigen ertönte schon die gottgefällige Wahrheit, welche die Pharisäer nicht nur verschwiegen, sondern auch boshaft zu bestreiten versuchten. Durch diese habe ich die [230] Überzeugung von dem, was ich höre. Ich habe überdies zum Lehrer den Philosophen, der die ganze Sittenlehre vortragend, alle seine Freunde unterwies, die Wahrheit vorzuziehen. Auch der Vorwitz des Oza – und wer möchte diesen gleichsam unbesonnenen hervorbrechenden zum Einwurf gebrauchen wollen? – möge sich nicht von dem Makel seines Frevels reinwaschen, weil er auf die Bundeslade, ich aber auf die ausschlagenden und aus der Bahn weichenden Stiere acht habe.

Nicht also scheine ich jemanden zum Zank gereizt, sondern vielmehr die Röte der Verwirrung sowohl bei Euch als auch bei andern, die bloß dem Namen nach Archimandriten der Welt sind (sofern nur nicht die Scham gänzlich ausgereutet ist), entzündet zu haben, da über so viele, wenn auch nicht vertriebene, doch vernachlässigte und auf den Weiden unbewachte Schafe nur eine einzige Stimme, eine einzige fromme, und zwar eine nicht öffentliche – als wäre es bei dem Leichenbegängnis der Mutter Kirche – sich hören läßt.

Ist es nicht so? Die Gier hat sich ein jeglicher zur Gattin genommen, die niemals, wie die christliche Liebe, der Frömmigkeit und Gerechtigkeit, sondern immer der Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit Gebärerin ist. Ach, heiligste Mutter, Braut Christi, welche Söhne gebierst du dir im Wasser vom Geist dir zum Erröten! Nicht Caritas, nicht Asträa, sondern blutsaugende Töchter sind dir zu Schnüren geworden. Und welche Kinder dir diese gebären, das wissen außer dem cunensischen Prälaten[7] alle. Es liegt dein Gregorius von Spinnen umwebt; es liegt Ambrosius in den unbesuchten Schlupfwinkeln der Geistlichen, es liegt Augustinus, weggetan sind Dionysius, Damianus und Beda: aber den Spiegel,[8] den Innocentius und den von Ostia[9] führen sie im Munde. Warum? Jene suchten Gott als ihr Ziel und Heil, diese streben nach Geld und Pfründen.

Aber, o Väter, haltet mich nicht für einen Phönix auf Erden. Denn, was ich schwatze, murmeln, murren und träumen alle – und wer bezeugt nicht das Aufgedeckte? – [231] Einige sind in Verwunderung befangen: werden auch diese immer schweigen und ihrem Schöpfer nicht ihr Zeugnis geben? Es lebt der Herr; und der Bileams Eselin zum Sprechen brachte, der ist auch der Herr der neuzeitigen Tiere.

Schon bin ich geschwätzig geworden: Ihr habt mich dazu gezwungen. Schämet Euch denn, von der Erde und nicht vom Himmel her, daß er Euch Eure Sünden vergebe, überführt und ermahnt zu werden. Recht freilich verfährt die Scham mit uns, wenn sie von der Seite bei uns anklopft, wo sie nebst den andern Sinnen auch das Gehör erfüllt und in uns die Rechtlichkeit, ihre erstgeborne, erzeugt und denjenigen Vorsatz der Besserung in uns hervorbringt, den vielleicht eine edelmütige Langmut in Schutz und Schirm nehmen wird.

Die Stadt Rom, die jetzt von beiden Lichtern verlassen ist, ein Gegenstand des Mitleidens für den Hannibal, geschweige für andre, die da einsam sitzt und verwitwet, wie oben ausgesprochen wurde – in welchem Zustande sie ist, das stellet nach dem Maß unsrer Einbildungskraft vor die Augen aller Sterblichen. Und Euch kommt dies am meisten zu, die Ihr als Kinder den heiligen Tiberstrom kanntet. Denn wenngleich das Haupt Latiums von allen männiglich mit frommer Liebe zu umfassen ist als der gemeinschaftliche Urquell ihrer bürgerlichen Sittigung; so wird es doch mit Recht für Eure Pflicht gehalten, es auf das sorgsamste in Ehren zu halten, da sein Urspung Euch das Dasein gegeben hat. Und wenn die übrigen Italer das gegenwärtige Elend mit Schmerz erfüllt und mit Schamröte übergossen hat, wer möchte dann zweifeln, daß Ihr erröten und jammern müßt, die Ihr die Ursache einer so großen Sonnenverfinsterung gewesen seid?

Du vor allem, Ursus,[10] daß nur nicht die gunstberaubten Amtsgenossen Deinetwegen ruhmlos bleiben, und daß jene der streitenden Kirche ehrwürdige Fahnen, die sie vielleicht nicht ausgedient, aber unverdient, mit Zwang niedergelegt hatten, auf das Ansehen der römischen Hoheit wiederaufnehmen [232] möchten. Du auch, Anhänger der übertiberinischen andern Partei,[11] damit der Zorn des verstorbenen Vorstehers in Dir wie ein Pfropfreis in fremdem Stamme Zweige triebe, hattest das gleichsam besiegte Karthago noch nicht von Dir getan; – konntest du diese Gesinnung dem Vaterlande der edlen Scipionen vorziehen, ohne mit Dir selbst in Widerspruch zu geraten?

Besser werden wir es (wenn es gleich nicht möglich ist, daß nicht ein Schandmal und Brandzeichen dem apostolischen Stuhle verbleibe, und eine Versündigung gegen ihn, dem Himmel und Erde gehören), wenn einmütig Ihr alle, die Ihr die Urheber dieser Verwirrung waret, für die Braut Christi, für den Sitz der Braut, welcher Rom ist, für unser Italien, und, um es vollständig zu sagen, für die ganze Pilgerschaft auf Erden männlich vorkämpfet, damit Ihr aus den Schranken des schon begonnenen Kampfes, die allseits von dem Rande des Ozeans beschaut werden, Euch selbst mit Ehre darbietend ein „Ehre sei Gott in der Höhe“ vernehmen könnet, und damit die Schmach der Gaskogner, die von so grausamer Begier entbrennend, den Ruhm der Lateiner sich zuzueignen streben, für alle Jahrhunderte den Nachkommen ein Beispiel sei.


  1. Klagelieder Jeremia I, 1.
  2. Joh. 21, 15–17.
  3. Hesekiel 8, 16.
  4. Joh. 2, 15.
  5. 1. Makkab. 7, 9.
  6. 2. Samuel. 6, 7–9. Nach Luther’s Uebersetzung: Und da sie kamen zur Tenne Nachon’s, griff Usa zu und hielt die Lade Gottes, denn die Rinder traten beiseit aus. Da ergrimmte des Herrn Zorn über Usa, und Gott schlug ihn daselbst um seines Frevels willen, daß er daselbst starb bei der Lade Gottes.
  7. Gheradinus Malaspina.
  8. Der Rechtsspiegel von Wilhelm Durante gegen Ende des 13. Jahrhunderts.
  9. Heinrich von Segusia, Kardinal von Ostia, schrieb einen Kommentar über die Dekretalen
  10. Neapoleo Ursinus, Freund der Kolumnenser und Ghibellinen mit dem Kardinal von Ostia, stimmte getäuscht den übrigen Kardinälen bei im J. 1305 bei der Papstwahl.
  11. Vielleicht Franciscus Gajetenus, schon früher ein Feind der Ghibellinen. Uebertiberinisch (transtiberina), insofern die Guelfen der Ehre und den Rechten Roms (der Tiber) zu nahe treten.

Anmerkungen (Wikisource)

Die Anmerkung entstammen aus:

K. L. Kannegießer (Hrsg/Übers.)
Dante Alighieri's prosaische Schriften mit Ausnahme der Vita Nova - Zweiter Theil.
Leipzig; Brockhaus Verlag, 1845;