An den Kaiser Heinrich VII.

Textdaten
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Autor: Dante Alighieri
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Titel: An den Kaiser Heinrich VII.
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aus: Die unbekannten Meister – Dantes Werke, S. 223–228
Herausgeber: Albert Ritter
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1311
Erscheinungsdatum: 1922
Verlag: Gustav Grosser
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer: Albert Ritter (Karl Ludwig Kannegießer)
Originaltitel: An den Kaiser Heinrich VII
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: siehe auch

Vorbericht: Brief an den Kaiser Heinrich VII.

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[223]

An den Kaiser Heinrich VII.


Dem allerheiligsten Triumphator und einigen Herrn, Herrn Heinrich, durch Gottes Gnaden Könige[1] der Römer, allezeit Mehrer des Reichs, küssen die Füße alleruntertänigst Dante Alighieri, der unschuldig Verbannte, und alle den Landfrieden liebenden Tuskier insgesamt.


Als Zeugnis seiner unendlichen Liebe hat uns Gott das Erbe des Friedens hinterlassen,[2] damit in seiner wundersamen Milde die Mühsale des Krieges sich sänftigen und wir im Genuß desselben der Freuden des triumphierenden Vaterlandes würdig würden. Aber die Scheelsucht des alten unversöhnlichen Feindes, der dem menschlichen Wohlergehen stets und insgeheim nachstellt, hat dadurch, daß er einigen mit ihrem Willen das Erbe nahm, uns andre wider unsern Willen ruchlos beraubt. Daher haben wir schon lange über die Fluten der Verwirrung Tränen vergossen und flehten die Schirmherrschaft des gerechten Königs unverzüglich an, daß er die Trabantenschar des grausamen Tyrannen zerstreue und uns in unsre alten Rechte einsetze. Und als du, Nachfolger des Cäsars und Augustus, die Kuppen des Apennins überspringend, die ehrwürdigen Fahnen des Tarpejums zurückgebracht hast, sind sofort unsre langen Seufzer verstummt und die Überschwemmungen der Tränen zurückgewichen, und so hat uns, wie ein aufgehender ersehnter Titan, eine neue Hoffnung auf bessere Zeiten für Italien bestrahlt. Da sangen viele mit Maro [3]ihren Gelübden durch Jubel zuvorkommend, so die Saturnischen Reiche wie die Rückkehr der Jungfrau.

Aber weil unsre Sonne (raune uns dies ins Ohr die Brunst des Verlangens oder der Mund der Wahrheit) schon stille steht, wie man glaubt, oder rückwärts geht, wie man vermutet, als ob aufs neue Josua[4] oder des Amos Sohn geböte, werden wir fürwahr zu Zweifeln angetrieben und in die Frage des Vorläufers[5] mit den Worten auszubrechen: „Bist du es, der da kommen wird, oder sollen wir eines andern warten?“ Und obgleich ein langer Durst wütend in Zweifel verkehrt das, was gewiß ist, weil es nahe ist, wie es zu gehen [224] pflegt: glauben wir und hoffen wir nichtsdestoweniger auf Dich und schauen unverrückt in Dir den Diener Gottes und den Sohn der Kirche und den Beförderer des römischen Ruhmes. Und ich, der ich sowohl für mich wie für andere schreibe, habe, wie es der kaiserlichen Majestät wohlansteht, gesehen und gehört die Fülle Deiner Milde und Gnade des Tages, wo meine Hände Deine Füße berührten und meine Lippen ihren Zoll darbrachten. Da frohlockte meine Seele in mir, und stillschweigend sprach ich in meinem Herzen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!“[6]

Aber welch träge Verspätung Dir im Wege sei, wundern wir uns, sintemal Du schon längst im Tal des Eridamus als Sieger nicht anders Tuskien allein lässest, vergissest und vernachlässigst, als ob Du vermeinst, das Recht der Beschützung des Reichs begrenze sich auf das Gebiet der Ligurier; und gar nicht, wie uns dünkt, aufmerkend, wie die römische Macht nicht von den Schranken Italiens, nicht von dem Rande des dreigehörnten Europas eingeschlossen wird. Denn, wenn sie gleich, Gewalt erleidend, ihr Steuerruder von allen Seiten her zurückzog, gestattet sie dennoch kaum, nach unverletzlichem Rechte die Fluten der Amphitrite befahrend, von der eitlen Welle des Ozeans umgrenzt zu werden. Denn es ist uns geschrieben:[7]

„Aufstehn wird von dem edelsten Stamm der trojanische Cäsar,
Daß er begrenze das Reich mit dem Meere, den Ruhm mit den Sternen.“

Und als Augustus verordnet hatte, daß alle Welt geschätzt werde (wie der Stier, [8] von der Flamme des Feuers auflodernd, mit brüllendem Laute des Evangeliums verkündigt), wenn nicht von dem Hofe gerechtester Herrschaft das Gebot ausgegangen wäre, würde der eingeborene Sohn Gottes, der da Mensch ward, um vermöge der angenommenen Natur sich dem Gebote gehorsam zu erweisen, niemals von einer Jungfrau geboren zu werden gewillt gewesen sein, sintemal er nicht Ungerechtigkeit geraten haben würde, dem es ziemte, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.

Dantes Liebe, Sonne, Mond und Sterne bewegend von Dante Gabriel Rossetti, Seite 224

[225] Scham erfülle deswegen, auf der engsten Tenne der Welt umgarnt gehalten zu werden, den, welchen die ganze Welt erwartet; und es entgehe dem Scharfblicke des Augustus nicht, daß die toskanische Tyrannei im Vertrauen auf die Säumnis Stärke gewinnt und, täglich den Übermut der Böswilligen aufmunternd, neue Kräfte sammelt, Verwegenheit der Verwegenheit hinzufügend. Es donnere abermals jenes Wort des Curio an den Cäsar:[9]

„Während, befestiget nicht noch gestärkt, die Parteien erzittern, Scheuche die Rast; stets schadete dem, der gerüstet ist, Aufschub. Gleiches Bemühen und Frucht wird mit größeren Kosten erkaufet.“

Es donnere jenes Wort, das aus den Wolken her abermals den Äneas mahnt:[10]

„Wenn dich die Glorie nicht aufregt so gewaltiger Dinge,
Und nicht um eigenen Ruhm zu dem Werke du selber dich anschickst:
Doch den Askan, den erblühenden, schau’, und des Erben Julus
Hoffnungen, dem das italische Reich und die römischen Reiche
Zustehn.“

Denn Johannes,[11] Dein königlicher Erstgeborner und König, dessen nach dem Untergang des aufgehenden Tages die stellvertretende Nachkommenschaft der Welt harrt, ist uns ein zweiter Askanius, der, die Spuren des großen Erzeugers im Auge habend, gegen die Turnus allenthalben wie ein Löwe wüten und gegen die Lateiner wie ein Lamm milde sein wird. Vorbeugen möge sie den hohen Ratschlüssen des allerheiligsten Königs, daß nicht der himmlische Richterspruch Samuels aufs neue sich schärfe:[12] „Ist’s nicht also, da du klein warst vor deinen Augen, wurdest du das Haupt unter den Stämmen Israels? Und der Herr salbte dich zum Könige über Israel, und der Herr sandte dich auf den Weg und sprach: Ziehe hin und töte die Sünder, die Amalekiter!“ Denn auch du bist zum Könige geweiht, damit Du die Amalekiter tötest und des Agag nicht schonest, und Ihn rächest, der Dich gesandt hat, an dem viehischen Volk und an seiner festlichen Feier, dia ja nach den Amalekitern und dem Agag schmecken, wie das Gerücht sagt.

[226] Verweilest Du in Mailand so den Frühling wie den Winter und wähnst du die giftige Hyder durch Abschlagen der Köpfe zu vertilgen? Wenn Du der Großtaten des ruhmvollen Alciden gedacht hättest, würdest Du erkennen, daß Du getäuscht werdest wie er, dem das giftige Tier, immer mehr Häupter hervortreibend, zum Schaden anwuchs, bis der Hochherzige die Quelle des Lebens traf. Denn nicht frommt es, um die Bäume zu entwurzeln, daß man die Äste abhaue, weil sie aufs neue durch den Saft des Erdreichs nur um so häufiger Zweige treiben, solange die Wurzeln noch unversehrt sind, um Nahrung zu saugen. Was, o einziger Fürst der Welt, wirst Du sagen können, vollbracht zu haben, wenn Du den Nacken des störrischen Cremonas gebogen haben wirst? Wird nicht wider Vermuten die Wut in Brescia oder Pavia emporschwellen? Gewiß, sie wird! Und wiederum wenn die Geißel sie dort zur Ruhe gebracht hat, sofort wird eine andre zu Vercelli oder Bergamo oder anderwärts von neuem emporschwellen, bis die Wurzel dieser Abtrünnigkeit vertilgt ist, und wenn die Wurzel eines solchen Irrsals ausgereutet ist, mit dem Stamme die stehenden Zweige verdorren.

Weißt Du nicht, trefflichster unter den Fürsten, und nimmst Du nicht wahr von dem Gipfel der Warte Deiner Hoheit, wo das Füchslein solches Gestankes, gesichert vor den Jägern, sich verbirgt? Freilich nicht aus dem stürzenden Po, nicht aus der Tiber trinkt das verbrecherische, wohl aber die Fluten des strömenden Arno vergiftet bis jetzt sein Rachen und Florenz (weißt Du es etwa nicht!?), Florenz heißt das greuliche Schandtier. Sie ist die Natter, die sich gegen die Eingeweide ihrer Mutter kehrt, sie ist die faulende Bestie, welche die Herde ihres Herrn mit Ansteckung befleckt; sie ist die lasterhafte und gottlose Myrrha, welche nach den Umarmungen ihres Vaters Cynaras entbrennt; sie ist jene ungeduldige Amata, welche zurückstoßend die schicksalgebotene Vermählung, den schicksalsverbotenen Eidam[13] zu wählen nicht scheute, sondern wie eine Furie ihn zum Krieg

[227] herbeirief, und zuletzt, ihr übles Wagnis zu büßen, mit dem Seil sich erhenkte. Wahrlich, mit natterhafter Wildheit sucht sie die Mutter zu zerfleischen, indem sie die Hörner des Aufruhrs gegen Rom wetzt, das sie zu seinem Bilde und Gleichnis schuf. - Wahrlich, mit dem Brodem des Eiters haucht sie verpestenden Dampf aus, von welchem die benachbarten Schafherden ohne ihr Wissen hinschwinden, indem sie mit dem Köder falscher Schmeicheleien und Erdichtungen die nächsten sich zugesellt und die Zugesellten betört. Wahrlich auch für die Umarmungen ihres Vaters lodert sie, indem sie sucht mit verruchter Keckheit Dir die Zustimmung des höchsten Oberbischofs, der der Vater der Väter ist, mit Gewalt zu entreißen. Wahrlich, der Satzung Gottes widerstrebt sie, den Götzen des Eigenwillens anbetend, wenn sie mit Verschmähung des gesetzmäßigen Königs nicht errötet, die Sinnlose, dem Könige, der nicht der ihrige ist, Rechte, die nicht die ihrigen sind, für eine zu ihrem Unheil zu übende Gewalt als Friedensbedingungen anzubieten. Aber des Strickes sei gewärtig das verwilderte Weib, um sich daran zu erhenken. Denn oft wird jemand den halsstarrigen Sinn hingeben, damit er, hingegeben, das tue, was sich nicht geziemt. Und sind gleich die Taten ungerecht, so erkennt man doch, daß die Strafen gerecht sind.

Auf denn, laß ab von Deiner Säumnis, Du erhabener Stamm Isais, schöpfe Dir Vertrauen aus den Augen Deines Herrn, des Gottes Zebaoth, vor welchem Du handelst, und wirf diesen Goliath[14] mit der Schleuder Deiner Weisheit und mit dem Stein Deiner Kraft danieder; denn bei seinem Fall wird die Macht und der Schatten der Furcht das Lager der Philister bedecken: die Philister[15] werden fliehen, und Israel[16] wird frei sein. Dann wird unser Erbteil, welches wir ohne Unterlaß als uns beraubt beweinen, uns wiedergegeben werden. Und wie wir jetzt, der hochheiligen Stadt Jerusalem eingedenk, als Verbannte in Babylon, seufzen, so werden wir dann, als Bürger und im Frieden wieder aufatmend, des Jammers der Verwirrung frohlockend uns erinnern.

[228] Geschrieben in Tuskien an der Quelle des Arno am sechzehnten Tage des Monats April 1311 im ersten Jahre des heilbringenden Zuges Heinrichs, des gotterfüllten, nach Italien. |}


  1. Könige, weil er erst am 29. Junius als Kaiser gekrönt wurde.
  2. Joh. 14, 27. „Meinen Frieden lass’ ich euch.“
  3. Virg. Bucol. 4, 6.
  4. Josua 10, 13
  5. Luk. 7, 19
  6. Joh. 1, 29.
  7. Virg. Aen. 1, 286.
  8. Luk. 2, 1.
  9. Lukan’s Pharsal. 1, 280
  10. Aeneid. 4, 272
  11. Der König von Böhmen, damals 12 Jahre alt.
  12. 1. Samual. 15, 17
  13. Mit Kopisch auf den König Robert von Sicilien zu beziehen; wie auch nachher „der König, der nicht der ihrige ist;“ der gesetzmäßige ist der Kaiser.
  14. Florenz
  15. Die kleineren Städte Italiens
  16. Italien oder die ganze Christenheit

Anmerkungen (Wikisource)

Die Anmerkung entstammen aus:

K. L. Kannegießer (Hrsg/Übers.)
Dante Alighieri's prosaische Schriften mit Ausnahme der Vita Nova - Zweiter Theil.
Leipzig; Brockhaus Verlag, 1845;