Am Tage nach der Schlacht

Textdaten
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Autor: Theodor Fontane
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Titel: Am Tage nach der Schlacht
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 424–427
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[424]

Am Tage nach der Schlacht.

Zur Erinnerung an den vierten Juli 1866.

Es war spät, als es andern Tags in den Bivouacs lebendig wurde. Man hatte unter Todten fest geschlafen. Nun begann das Suchen und Bestatten; furchtbare Anblicke boten sich, aber man kam darüber hinweg, die Einen durch die hohe Freudigkeit des Sieges, die Andern durch lethargische Ermattung, die Körper und Geist gefangen hielt. Noch Andere stumpften ab unter der Fülle der Eindrücke. Eine Thatsache ist es, man richtete sich ein, man machte sich’s bequem; wer schreiben konnte, schrieb; mancher Tropfen fiel auf’s Papier, aber – man lachte auch wieder. Ein Soldatenherz trauert nicht auf lange.

Wo Zeit und Ort es gestatteten, unter Obstbäumen, im Schatten einer Scheune, saß man beisammen und plauderte von den Erlebnissen des Tages vorher. Das Lieblingsthema waren natürlich die Heldenstücke. Hier erzählte man von einem fünfzehnjährigen Fähnrich, der, eben aus dem Cadettencorps gekommen, gerade so viel Kanonen erobert habe, als er Jahre zählte, dort von einem Tambour, der einen Oesterreicher mit seiner Trommel eingefangen, von einem andern, der nach Verlust seiner Trommelstöcke mit blutigen Fingern Sturmmarsch geschlagen, dort gar von einem ganzen Musikcorps, das, im Walde überrascht und eingeschlossen, mit Tuba und Posaune sich den Weg in’s Freie gebahnt habe. Besondern Beifall fand auch Folgendes. Bei Dohalitz hielt ein Fuhrwerk hinter einem Geschütz, das seine Bespannung verloren hatte. Der Kutscher sah neugierig zu. Der Batteriechef sprengte an den Fuhrmann heran: Spannen Sie Ihre Pferde vor’s Geschütz. Rasch!“

„Zu Befehl, Herr Hauptmann.“

„Waren Sie Soldat?“ –

„Vierte Artillerie-Brigade.“

„Da können Sie gleich den erschossenen Stangenreiter ersetzen.“

Der Fuhrmann that, wie ihm befohlen.

An andrer Stelle ließ man das Heroische und hielt sich an’s Scherzhafte.

„Wo willst Du hin mit der Gans?“

„Sie ist verwundet, Herr Leutnant, ich hab’ mich ihrer blos angenommen.“

Bei der 7. Division wußte man von der Jagd zu erzählen, an der plötzlich, auf zehn Minuten hin, Alles theilgenommen [425] hatte, als zwischen Cistowes und Chlum ein aufgescheuchter Hase erschien; pommersche Grenadiere hatten einen Generalswagen erbeutet, der von einer mit vier Jungen auf dem Wagenkissen liegenden Prince-Charles-Hündin energisch vertheidigt worden war, „energischer als manche Position“. Rührender war die Geschichte vom Hunde des sächsischen Hauptmanns; der Hund bellte und zerrte, bis man ihm in ein Kornfeld folgte, wo, mit zerschossenen Füßen und unfähig sich zu bewegen, sein Herr unter den Aehren lag.

An solch’ beweglichen Scenen war kein Mangel, und so plauderte man in den Bivonacs. – Wir aber machen einen Gang über das Schlachtfeld hin, an den Seenen vorüber, wie sie der „andre Tag“ bot. Unser Weg führt uns vom rechten nach dem linken Flügel.

Auf dem Problufer Kirchhof war man am Begraben. Man hatte meist nicht weit zu tragen, denn am dichtesten lagen die Gefallenen auf dem Kirchhof selbst. Der Kirchhof ist in allen modernen Schlachten Lieblings-Kampfesstätte; die Todten fallen zu den Todten. In den Kirchthurm hatte eine Granate ein großes Loch geschlagen, das Pfarrhaus war durchlöchert, in dem Zimmer des Pfarrers steckten eilf Kugeln. Vor dem großen Dorfbrunnen stand ein Posten, um die letzten Wasserreste für die Verwundeten zu sichern. An der Dorflisière, nach Westen zu, hinter einem Heckzaun lagen sächsische Jäger in langer Reihe; weiter nach Westen hin, von wo unser Angriff kam, unsre Sechsundfünfziger. Eben schritt ein Trauerzug auf den Kirchhof zu. Es waren Füsiliere von der neunten Compagnie, die ihren Hauptmann, von Monbart, zu Grabe trugen. Sie hatten für ihn in Eile einen schlichten Sarg gezimmert und sein letztes Haus mit Blumen geschmückt. Die Braven ehrten sich selber, indem sie ihren Führer ehrten. Als sie ihn in sein Grab gesenkt, dicht an der Kirche, kratzten sie seinen Namen in die Wand des Gotteshauses ein; eh’ die Sonne unter war, stand noch manch’ andrer Name denrunter.

Von Problus bis Mokrowons ist eine halbe Stunde. Hier wir der Wiesengrund wie gepflügt. In der Meierei lagen Vierundfünfziger. Aus ihr heraus trugen sie eine Bahre, auf der zwei Todte lagen, ein galizischer Katholik, ein pommerscher Protestant. Der Ortspfarrer folgte in reichem Ornat, neben ihm ein evangelischer Geistlicher im Feldrock mit Binde und Päffchen. Der eine betete sein de profundis und Pater noster, der andre schloß mit dem Vaterunser. Der katholische Geistliche nahm die Schaufel und warf Erde in die Gruft; dann reichte er sie dem protestantischen Geistlichen, der nun ein Gleiches that. Ein Augenzeuge schreibt: „Ich hatte doch in etwas den Eindruck von dem ,ich glaube an eine heilige allgemeine christliche Kirche’.“

Neben Mokrowons liegt Dohalitzka. Mitten im Dorf, auf einem freien Platz, stand ein großes Crucifix, umgeben von fünf stattlichen Linden. In die eine war eine Granate eingeschlagen und hatte einen mannsstarken Ast wie ein Reis zersplittert; die Splitter lagen umher, das Staket war zertrümmert, aber der Gekreuzigte war unversehrt. Muß doch vor ihm alle Gewalt sich beugen! In der schönen, weithin sichtbaren Kirche befanden sich über hundert Verwundete. Einzelne hockten in den Gängen der hochgewölbten Kirche, die Mehrzahl lag um den Altar herum und blickte hinauf zu dem Bilde des Gekreuzigten. Orgel und Kanzel waren hinausgetragen, die Fenster zerschossen, und doch war das ganze Gotteshaus mit seinen Bewohnern eine gewaltige Predigt von dem „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Und sie waren mühselig und beladen. Einer lag da mit gespaltenem Schädel, so daß man auf das Hirn sehen konnte; einem andern war die Schulter weggerissen; er starb; auf einem groben leinenen Tuch (er war nicht anders transportirbar) ließen sie ihn in die Gruft hinab; da lag er in seiner Blöße und seine gebrochenen Augen, die Niemand ihm zugedrückt, schauten aus der Grabestiefe zum Himmel auf. Mangel an Allem, kein Stroh, kein Wasser. Einem österreichischen Rittmeister reichte ein Feldgeistlicher ein Bröckchen Schiffszwieback und einen Tropfen Wein; dem wieder Auflebenden stürzten die Dankesthränen aus den Augen, und er segnete die Hand, die ihm mit so Wenigem so viel gethan.

Von Dohalitzka führt ein hübscher Weg etwas bergab nach Sadowa. Es sind nur zwanzig Minuten. Hier in Sadowa lagen die Schwerverwundeten in der Zuckerfabrik zwischen den Kesseln und hydraulischen Pressen des Siedehauses. In dem Wirthshause, wohin man die verwundeten Officiere geschafft hatte, war es schon wieder leer geworden. Hier hatten Oberstlieutenant v. Pannewitz vom Regiment Elisabeth und Freiherr von Putlitz vom neunundvierzigsten ausgehaucht; schon hatten sie dem Nepomnkbilde gegenüber, das neben dem Wirthshause steht, hart an der Straße „unter den Aepfelbäumen von Sadowa“ ihr Grab gefunden. Treue Hände richteten eben die schlichten Grenze auf. Der katholische Todtengräber kniete, während die letzten Worte gesprochen wurden, am Grabe und betete mit.

Im Wirthshause mußten auch sterbende Oesterreicher gelegen haben. Eine Soldatengruppe, Pommern vom Colberger Regiment, fanden eben ein kleines Amulet zwischen den Ritzen der Dielen und mühten sich die Inschrift zu entziffern. Es glückte erstmals ein Officier herantrat. Die Inschrift war in französischer Sprache: „O Maria, ohn’ Sünd’ empfangen, bitt’ für uns.“ Es mochte vom ungarischen Oberst Serinny, Commandeur des Regiments Würtemberg, hier verloren sein, der die Nachtstunden, ehe man ihn nach Horsitz schaffte, in diesen Räumen zugebracht hatte. Oberst Serinny, als der Jobanniterritter v. Werder ihm ein Stück Commißbrod und ein Restchen Madeira gab, hatte es mit den Dankesworten hingenommen: „Und ich, ich darf nicht einmal wünschen, Ihnen einen gleichen Liebesdienst leisten zu können.“

In Ober-Dohalitz, das nur ans zehn bis zwölf Häusler-Etablissements besteht, sah es grausig aus. Aus diesen Häusern, als sie in Brand gerathen waren, hatten sich alle Verwundeten, die sich noch bewegen konnten, meist Oesterreicher, in die Höfe und Gärten geschleppt; die anderen waren verbrannt. Jene hatten seit vierundzwanzig Stunden kein anderes Labsal gehabt als den Nachtthau. Als endlich Hülfe kam, hörte man nichts als den Ruf woda, woda, und wenn ihnen Wasser aus einem nahe gelegenen Teich gereicht wurde, klang es Dzieki, Dzieki von ihren zitternden Lippen.

Aehnlich wie im Hola-Walde, an dessen Südspitze Ober-Dohalitz liegt, sah es im Swiep-Walde aus und in den Dörfern, die ihn umgeben, in Cistowes, in Benatek, in Maslowed und weiter zurück in Cerekwitz.

In Cistowes lagen viele Siebenundzwanziger und Gardefüsiliere. Dazu welche Bilder auf der Dorfgasse! Ein Jäger, an die Wand gelehnt, auf sein Gewehr gestützt, war stehend gestorben. In einem Brunnen mit zertrümmerter Einfassung lag ein todter Ulan, mit dem Pferde hineingestürzt. Eine der Scheunen war mit österreichischen Verwundeten überfüllt. Einer, ein Banater vom Regiment Coronini, war durch die Brust geschossen. Unter jammervollem Keuchen bemühte er sich krampfhaft, den Mantel von der blutbedeckten bloßen Brust wegzuziehen; es wollte nicht glücken; Keiner verstand ihn; endlich bemerkte man, daß noch dreißig Patronen in der Tasche seines Mantels steckten, deren Gewicht ihm fast den Athem geraubt hatte.

Cerekwitz, außerhalb des eigentlichen Schlachtrayons gelegen, bot wenig Bilder der Zerstörung; aber in seinem Schlosse, das zu einem großen Lazarethe eingerichtet war (Geheimer Rath Dr. Wilms leitete dasselbe später in einer auch vom Feinde als musterhaft anerkannten Weise), reihte sich Lager an Lager. Auf dem einen lag Hauptmann v. Westernhagen vom 27. Regiment, durch die Brust geschossen. Er hatte die Hoffnung aller Lungenkranken und Verletzten.

„Ich denke wieder besser zu werden.“

Der Arzt tröstete ihn.

„Steht es so um mich? Nun, wie Gott will.“

Nicht weit von ihm lag ein anderer Officier von der siebenten Division. Er wußte, daß es zu Ende ging. Als der Geistliche an sein Bett trat, sagte er leise:

„Ich fühle, daß meine Wunde tödtlich ist. Meine Sünden, deren ich viele begangen habe, thun mir herzlich leid und ich wünschte wohl, daß ich ein neues Leben anfangen könnte. Ach, in der Jugend lebt man so dahin.“ Danach ward er still; dann sagte er: „ich werde wohl sterben, ob ich schon noch leben möchte.“

In die Halle des Schlosses wurde ein 66er Füsilier getragen; man hatte ihn erst spät im Kornfeld gefunden; nun legten sie ihn nieder auf die Fliesen. Er war durch den Mund geschossen und ein dicker Blutschaum stand auf seinen Lippen. Als einer der Diaeconen an ihn herantrat und ihm einen Trunk Wein anbot, erwiderte er: „Ach ja, wie gern, aber ich mache Ihnen ja die Flasche schmutzig.“

[426] Wer es hörte, dem traten die Thränen in die Augen, bei diesem Zeugniß von Selbstverleugnung.

Auch im Schlosse von Horenowes war ein Lazareth. Hier lag Oberst v. Zychlinski, für den sein Muster-Bursche einen mächtigen Topf Rahm in einem Versteck entdeckt hatte. Als der Rahm den Obersten erquickt hatte, trat Pastor Bester aus Waldenburg den Rahmtopf wie eine Erbschaft an. Freund und Feind wurden mit diesem Leckerbissen gespeist und ein österreichischer Hauptmann vom Regiment Mecklenburg, der beim „preußischen Erbsenwerfen“, wie er sich ausdrückte, zwei Kugeln in den Arm erhalten hatte, erklärte ein Mal über das andere, daß ihm in der „ganzen verflixten Campagne“ nichts so geschmeckt habe wie dieser Topf Rahm. – Aber solcher heiteren Bilder waren nicht viele. Der Major Noak de Hunyad vom Regiment Sachsen-Meiningen, ein Serbe von Geburt und nur leicht verwundet, eilte durch alle Gänge des Schlosses und rief nach einem Geistlichen: „ein Unterofficier seines Regiments sei am Sterben“. Endlich fand er, was er suchte. Ein lutherischer Geistlicher trat an das Lager des griechisch-katholischen Szegediners und reichte ihm das Abendmahl. – Um dieselbe Stunde wurden Gefangene in den Schloßhof gebracht, elf an der Zahl. Sie hatten vom Saum des Swiep-Waldes aus auf eine unserer Patrouillen geschossen und waren umstellt und aufgehoben worden. Bei mehreren fanden sich Patronen in den Rocktaschen, bei einem alten Graukopf einige Dutzend Zündnadel-Patronen im Aermel. Einer war mit dem noch warmen Gewehrlaufe in der Hand gefaßt worden; die anderen hatten die Gewehre fortgeworfen.

Wahrscheinlich waren diese elf Strolche (vier von ihnen sollen später gehängt worden sein) ein Bruchtheil jener Bande, die in der Nacht vom dritten auf den vierten auf dem ganzen Schlachtfelde, namentlich aber im Hola- und Swiep-Walde, die Tobten geplündert und – es muß gesagt sein – viele von den Verwundeten elendiglich gemordet hat, um auch sie dann als Tobte ausrauben zu können. Es ist nur allzu beglaubigt, daß Cannibalen-Thaten aller Art geschehen sind, Thaten, unter denen die Geschichte vom abgeschnittenen Finger, um den Ring leichter abstreifen zu können, zu den harmloseren zählt. Von dem Schrecklichsten mag der Schleier ungelüftet bleiben. Nur Folgendes finde Platz hier:

Ein Officier schreibt: „Ich hatte am 4. Juli du jour und mußte das Schlachtfeld passiren. Ganze Reihen lagen todt neben den Gewehren, stürmend von den Kartätschen niedergerissen; daneben die Trophäen unseres Sieges, Waffen, Gewehre, Pulverwagen, Kanonen. Auf einer derselben stand mit Kreide: ,Diese Kanone habe ich erobert. Gottlieb Zanke.’ Darunter hatte ein Anderer geschrieben: ,Das ist nicht wahr; ich nahm sie. K. Hencke.’ Doch ich will Dir von Anderem erzählen. Wir kamen in ein Gehölz, das zwischen den drei Dörfern Cistowes, Benatek und Maslowed liegt (der Swiep-Wald). Hier hatte der Kampf am meisten gewüthet; eine Menge todter Oesterreicher lagen unter und über einander, etwas entfernter sahen wir Gesindel, das beschäftigt schien, die Leichen zu plündern. Um sie wie Raubvögel zu verscheuchen, schossen wir unsere Revolver ab. Und wirklich, sie verschwanden oder schienen zu verschwinden. In demselben Augenblick, wer beschreibt unser Erstaunen! erhoben sich wohl zwanzig von den Todtgeglaubten, streckten uns stehend ihre Arme entgegen und baten mit schwacher Stimme um Wasser. Das Wenige, was wir bei uns hatten, war bald verbraucht. Ich versprach einem österreichischen Oberst, der vorn am Gehölz lag, sobald als möglich mit Wasser und einem Arzt wiederzukommen, und ritt nach dem nächsten Dorf. Aber wo hier Hülfe hernehmen! Endlich glückte es, aber wohl zwei Stunden mochten vergangen sein. Als wir in den Wald zurückkamen, erkannten wir den Platz kaum wieder. Die Oesterreicher alle geplündert, ohne die Uniformen lagen sie da, keiner regte sich mehr. Ich trat heran und rief: ,Hier ist Wasser, Wasser!’ Alles vergeblich, still blieben sie. Den österreichischen Obersten konnte ich unter den Todten nicht mehr herausfinden. Entsetzt verließen wir den Wald.“[1]

Vom Swiep-Walde aus wandten wir uns nach Chlum, um hier unsere Wanderung zu schließen. Es wird erzählt: „General Herwarth v. Bittenfeld sei am 4. früh von Problus nach Chlum hinüber geritten; seine Söhne standen in der Garde; sein Vaterherz wollte wissen, wie’s ,drüben’ abgelaufen sei. Als er von Rosberitz nach Chlum hinaufritt, hielt er an, sah in den Hohlweg hinein und sagte dann kopfschüttelnd:, Das geht über Problus.’ Und – es ging über Problus!“ .

Ein Feldgeistlicher schreibt: „Welch ein Anblick wartete unser hier, als wir endlich Chlum erreichten! Gleich am Ausgange des Dorfes, in einem Hohlwege, begegneten wir den Hufspuren des ,rothen Pferdes’, von dem die Apokalypse spricht. Schritt vor Schritt wuchsen die Würgezeichen. Unsere Ponies scheuten – ein todtes Pferd lag am Wege, dort wieder eins, daneben noch die Leiche eines Reiters, eines österreichischen Ulanen, der seinen Säbel in erstarrter Faust hielt. Auf beiden Seiten des Weges, dessen lehmiger Boden reichlich roth gefärbt war (ein anderer Bericht sagt: ,Wie ein rother Bach kam es den Hohlweg herunter’), zwischen zertrümmerten Wagen und Kanonen, lagen Haufen von Todten. Die schönen großen Leute vom ersten und dritten Garde-Regiment, Garde-Füsiliere vom Bataillon Waldersee, Braunsberger Jäger und Füsiliere vom zweiten Garde-Regiment deckten hier mit ihren Leibern die Wahlstatt. … So kamen wir bis auf den Kirchhof. Welch’ grellen Mißton gab heute der Name ,Friedhof’! Jedes Grab eine Würgebank!“

In der Chlumer Kirche, deren Thurm und Dach von mehreren Granaten getroffen war, lagen die Verwundeten in so dichten Schichten, daß man mit äußerster Behutsamkeit zwischenhin gehen mußte, um keinen zu verletzen. Auf dem Altarplatz ruhte, in seinen Feldmantel gehüllt, General v. Hiller; auf dem edlen Angesicht hatte der Tod die Freundlichkeit, die ihn im Leben kennzeichnete, nicht ausgelöscht, sondern verklärt. Neben ihm lag Major v. Neuß. Mancher von den Verstümmelten sah auf die Todten und seufzte vor sich hin: „Wär’ ich erst so weit!“ Gebete wurden gesprochen; deutsch, polnisch, böhmisch, ungarisch klang es laut und leise durcheinander. In der Sacristan-Wohnung neben der Kirche lagen in einem Zimmer zwei preußische Officiere, Lieutenant v. Pape, vom zweiten Garde- und Hauptmann v. Braun vom 43. Regiment, beide dem Tode nahe. Lieutenant v. Pape, mitten durch die Leber geschossen, litt schwer; keine Lage zur Linderung seiner Schmerzen war ihm zu verschaffen. „Ach, es geht auch so nicht!“ klagte er mit erlöschender Stimme. Er fühlte, wie es um ihn stand. Hauptmann v. Braun, durch die Lunge getroffen, lechzte nach einem Trunk Selterwasser. Und doch gab es kaum Wasser in Chlum. Die Brunnen waren theils ausgeschöpft, theils absichtlich (in unglaublicher Verblendung von Seiten unserer Feinde) verschüttet und verunreinigt. Mit vieler Mühe mußte das Wasser von dem am Fuß des Dorfes gelegenen Teiche heraufgeholt werden. Kam dann ein frischer Trunk, so streckte Alles die Hände aus: „Geistlicher Herr, i bitt’, mir auch, mir auch, i bitt’!“

Am vierten Juli Abends war Begräbniß auf der „Höhe von Chlum“, an selbiger Stelle, auf welcher der Sieg des vorhergehenden Tages zur Entscheidung gebracht worden war. Der Platz bot eine weite Umschau über den größten Theil des weiten Schlachtfeldes. Neben dem für General v. Hiller bestimmten Grabe waren noch neun andere Gräber aufgeworfen, welche die Leichen der übrigen gefallenen Officiere der ersten Garde-Division aufnehmen sollten. Die Mehrzahl derselben, in Folge eines mißverstandenen Befehls, war aber schon an der Kirche von Chlum bestattet worden. Nur Obristlieutenant v. Helldorf fand neben v. Hiller seine Ruhestätte. Unweit der Gräber war ein großer Theil der erbeuteten Geschütze aufgefahren. Der König, um seinen gefallenen General auch im Tode noch zu ehren, war aus dem zwei Stunden entfernten Hauptquartier zur Beerdigung herbeigekommen; auch die Prinzen wohnten der Feier bei. Die Officiere der Division waren vollzählig erschienen. Divisionsprediger Rogge trat an die Gräber und sprach über den Text: „Die Edelsten in [427] Israel sind auf deiner Höhe erschlagen. Wie sind die Helden gefallen!“ Mit sichtlicher Bewegung, nach beendigter Feier, warf der König seine Handvoll Erde in die beiden Gräber; dann hieß es: „Legt hoch an!“ und die Kugeln pfiffen über die Todten hin.

Am andern Tage begrub Oberst v. Pape seinen einzigen Sohn. An der Nordseite der Kirche von Chlum war ihm von seinen Cameraden die letzte Ruhestätte bereitet. Die Gruft war mit grünen Zweigen und Laub ausgelegt; in vier Soldatenmäntel eingehüllt, wurde der Dahingegangene in dieselbe niedergelassen. Die Regimentsmusik blies den Choral: „Was Gott thut, das ist wohlgethan“, und zum Schluß: „Wie sie so sanft ruhn“. Der Geistliche, der die Feier leitete, schreibt: „Da hab’ ich gesehn, wie stark der Christenglaube macht. Wohl mochte des Vaters Herz aus vielen Wunden bluten, als er den Sohn hier in fremder Erde zurücklassen mußte, aber er blieb standhaft und fest, und als die Feier geendet und das Grab geschlossen war, wandte er sich an die um dasselbe versammelten Officiere seines Regiments mit den Worten: ‚Meine Herren, das liegt hinter uns, wir aber gehen vorwärts mit Gott für König und Vaterland‘.“

Auf dem weiten Felde hin überall ein Begraben, meist still, in großen Gräbern, ohne Sang und Klang, kaum daß die Liebe der Cameraden Zeit fand, ein schlichtes, namenloses Kreuz aufzurichten. Aber auch ihnen, den Namenlosen, schlägt dankbar unser Herz.

Am fünften Juli brach die Armee auf, um südwärts zu marschiren. Die Arbeit war gethan; die Verwundeten hatten ihr Lager, die Todten ihr Grab. Freilich nicht alle; es waren ihrer zu viele; noch am achten war das Feld nicht völlig klar.[2] Ein Officier vom vierten Corps, der an genanntem Tage von Nedelist aus, wo er ein Commando hatte, einen Ritt über das Schlachtfeld machte, hat uns folgende Schilderung gegeben:

„Verflossenen Sonntag ließ ich mein Pferd satteln, die ,Bella’, die Ihr kennt, um einmal ganz allein das Schauerliche des Schlachtfeldes zu sehen. Das war jedenfalls für mich an diesem Tage das Beste: ich hatte nichts um mich her als meinen Burschen und einen großen schwarzen Jagdhund, das Geschenk eines sterbenden österreichischen Officiers. Die untergehende Sonne warf bereits ihre letzten Strahlen auf das Feld, als ich aus Nedelist herausritt, und der kühle Abendwind trieb mir den Leichen- und Blutgeruch entgegen. Einen nicht an diesen Geruch Gewöhnten würde eine Ohnmacht angekommen sein: ich kannt’ ihn schon und ritt weiter, um nach Chlum und Sadowa zu gelangen, wo die Hauptschlacht geschlagen worden war. - Todtenstille herrschte ringsum, welche nur manchmal durch die Unruhe meines Pferdes und Hundes unterbrochen wurde. Beide vertrugen den scharfen Blutgeruch nicht; sobald wir an eine Stelle kamen, wo ein Verwundeter gelegen hatte, schnaufte Bella mit weit geöffneten Nüstern und stampfte mit den Hufen auf den Boden, der Hund ging in großen Kreisen um die bezeichnete Stelle herum und heulte fürchterlich. Erst nach einer Aufmunterung mit den Sporen ging das Pferd ruhig über Alles hinweg und jagte endlich eine Lerche auf, die zwar singend in die Höhe stieg, aber einen Gesang anstimmte, wie ich ihn sonst bei Lerchen nie gehört habe. Es klagte mehr, als es schmetterte. Dieser Vogel war seit mehreren Tagen der erste, der mir zu Gesicht kam, denn während des Schlachtenlärms hatten sich die freundlichen Sänger entfernt. Ohne ein gewisses Ziel zu verfolgen, ritt ich weiter und gelangte zu einer Muttergottesstatue. Ach, welch ein trauriges Schauspiel bot sich hier dar! Um sie herum lagen zwanzig Todte, einige mit halbgeöffneten gebrochenen Augen, die nach dem Muttergottesbilde hin gerichtet waren. Andere hielten Rosenkränze und Crucifixe in den Händen: sie hatten wahrscheinlich bis zu ihrem Ableben gebetet; nur Einer hatte ein Spiel Karten vor sich liegen, von denen er eine krampfhaft in der erstarrten Hand hielt. An den Leichen zeigten sich die verschiedenartigsten Wunden. Einem Jäger hatte die Kugel den ganzen Hinterkopf weggerissen. Jedenfalls sind an dieser Statue mehrere gefallen, und andere Verunglückte sind zu ihnen gekrochen, um daselbst ihr Leben zu beschließen. Ich sprang vom Pferde und kniete nieder, um für die Todten zu beten.

Ueber Westar und Sweti ritt ich zurück. Dicht bei Sweti auf einer hochgelegenen Stelle, wo eine Batterie gestanden haben mochte, ragte eine Wischerstange auf. An die Stange lehnte sich ein österreichischer Artillerist wie schlafend; unter jeden Arm hatte man ihm eine Kugel geschoben. Wie ein Schatten stand das Ganze an dem immer dunkler werdenden Himmel. Es erschütterte mich tief. Ich nahm das Bild mit in meinen Traum.“

Th. Fontane.

  1. Auch Thaten christlicher Liebe kamen vor; leider wohl nur sehr vereinzelt. Wir geben ein solches Beispiel. Zwischen Ober-Dohalitz und Dohalitzka lag ein 49er, vergessen, unter unsäglichen Schmerzen, kein lebendes Wesen in der Nähe. „Schon glaubte ich mich dem Tode nahe (so erzählt er selbst), als ein junges Mädchen erschien, einen großen Weinkrug in der Hand, und mir zu trinken gab; dann holte sie Wasser und wusch und verband meine Wunden. Wie hab’ ich’s da empfunden: ,Und Gott sandte seine Engel!– Der Name dieses heldenmüthigen Mädchens, die noch viele Andere in gleicher Weise erquickte, war Josepha Kalma, eine Czechin, – Uebrigens sei gleich bei dieser Gelegenheit ausgesprochen, daß es sehr fraglich ist, ob die Schlachtfeld-Geier blos böhmisches Gesindel waren. Viele Gerüchte sprechen von „Marodeurs“, und mannigfache Anzeichen liegen vor, daß unserer eigenen Armee seltsame Gestalten folgten. Man hat diesem Punkt ernste Aufmerksamkeit gewidntet.
  2. Die böhmischen Dorfbewohner weigerten sich zum Theil, beim Grabmachen behülflich zu sein, und knurrten auf czechisch vor sich hin: „Wen die Preußen todt geschossen haben, den mögen sie auch begraben.“ Mehr als einmal bequemten sie sich in der That erst, als eine Section vorgetreten und das Commando gegeben war: Fertig zum Feuern!“ Das half jedes Mal und auch die Nationalsten verstanden dann deutsch. (Daß die besseren czechischen Classen uns im Allgemeinen günstiger gesinnt waren als die Deutsch-Böhmen, diese Thatsache wird durch solche Einzelvorkommnisse nicht tangirt,)