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Textdaten
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Autor: Heinrich Seidel
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Titel: Allerlei Thiere
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 290–292
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Allerlei Thiere.
Eine Plauderei von Heinrich Seidel.

Die kleinen Geschichten, welche ich hier erzählen will, haben sich nebst einer Reihe ähnlicher in meiner Familie zugetragen und verdanken ihren Ursprung der Liebhaberei für allerlei Gethier, welche, ein durchgehender Zug in meiner Familie, in meinem jüngeren Bruder Hermann zum besonderen Ausdruck gelangt ist. Da nun wohl selten ein Lieblingsthier anders als auf eine unnatürliche Weise zu Grunde geht, so hätte ich hier eine ganze Reihe von tragischen Ereignissen schildern können. Ich ziehe vor, bei nachstehender Auswahl Trauriges und Heiteres in anmuthigem Wechsel zu mischen.

Auf eine merkwürdige und noch immer nicht ganz aufgeklärte Weise kam eine weiße Maus zu Tode, welche mein jüngster Bruder Paul in seiner Kindheit zärtlich pflegte. Das hübsche Thier war äußerst zahm und wohnte in einem kleinen Holzkasten mit Drahtgitter, der auf dem geräumigen Schreibtisch meiner Brüder stand. Dieser Käfig war nie verschlossen und das zierliche Geschöpf lief den ganzen Tag auf dem Schreibtisch zwischen den Büchern herum, ohne jemals daran zu denken, seine Excursionen weiter auszudehnen. Eines Tages wurde eine wilde schwarze Maus gefangen und trotz des Protestes meiner Mutter dem kleinen weißen Prinzen zugesellt. Die Thierchen schienen sich gut zu vertragen, allein am andern Morgen war ein Loch in den Käfig genagt und die schwarze Maus verschwunden. Seit dieser Zeit war die weiße ganz verwandelt. Zwar von ihrer Zahmheit hatte sie nichts eingebüßt; sie duckte sich wie immer geduldig zusammen und stieß ein zartes Warnungsquietschen aus, wenn man sie in die Hand nehmen wollte, allein eine starke Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt; sie lief auf dem Tische schnüffelnd und suchend umher und probirte mehrfach über den Rand in die Tiefe zu gelangen. Eines Tages war sie verschwunden, jedoch nicht lange. Einige Zeit, nachdem ihre Abwesenheit bemerkt war, entstand ein erbärmlicher Lärm unter dem Fußboden des Zimmers, ein Gequietsch und Gerappel, welches die Mäuse bei Erledigung ihrer Familienzwistigkeiten anzuwenden pflegen, erhob sich, und plötzlich kam aus dem Mauseloch hinter dem Ofen die weiße Maus in großer Angst hervorgestürzt. Sie war offenbar herausgeworfen worden.

Einige Tage hielt sie sich nun ruhig auf ihrem Tische, jedoch der Friede ihres Gemüths war gestört. Meine Schwester behauptete, die Maus säße jeden Nachmittag am Rande des Tisches auf Zumpt’s Grammatik und seufze – die rothen Augen sehnsüchtig auf das Mauseloch gerichtet. Und es kam eine Zeit, wo die Sehnsucht die Vorsicht überwog, und wo sie wiederum verschwunden war. Aber diesmal erhob sich ein Lärm, noch viel entsetzlicher als das erste Mal, und am Ende kam das Thierchen mühsam aus dem Mauseloch hervor und blieb erschöpft auf dem Fußboden liegen. In seinem rosigen Schnäuzchen hatte es einen Biß und auf dem weißen Sammetfell standen rothe Blutflecke. Man legte es in eine Schachtel aus Watte und flößte ihm Milch ein. Am andern Morgen lebte es noch, aber gegen Mittag ward es matter und matter, reckte sich noch einmal und verschied; mein Bruder sagte, an seinen Wunden, meine Schwester aber behauptete, an gebrochenem Herzen.

In seiner Sterbeschachtel ward der weiße Prinz im Garten feierlich begraben, und mein Bruder errichtete auf seinem Grabe ein Denkmal mit der Inschrift: „Hier ruhet tief betrauert von Paul Seidel seine weiße Maus.“

Später hatte mein Bruder Hermann einen Thurmfalken aufgezogen. Das Thier führte den Namen Hanne, war außerordentlich zahm und flog frei umher. Wenn mein Bruder ihn rief, schwang Hanne sich von einem benachbarten Dache oder aus der hohen Luft herab und setzte sich auf seine Hand. Eines Tages half aber alles Rufen und Locken nicht; der Vogel kam nicht, und man glaubte schon, er habe das Weite gesucht, als plötzlich acht [291] Tage später Paul ihn auf dem Hofe eines kleinen von Arbeitsleuten bewohnten Nebenhauses schreien hörte. Er stürzte sofort zu Hermann, und Beide begaben sich spornstreichs in das Nebenhaus. Auf dem Hofe war die ganze Familie um Hanne versammelt, und der Hausvater fütterte den schreienden, offenbar sehr hungrigen Vogel mit Fleisch. Hermann ging gerade auf die Gruppe zu, und nun entspann sich folgendes dramatische Zwiegespräch.

„Dat’s min,“ sagte mein Bruder, indem er auf Hanne deutete, der, als er meinen Bruder erblickte, im höchsten Grade aufgeregt wurde und mit den schmählich verstümmelten Flügeln schlug. Der Arbeitsmann sah meinen Bruder mit pfiffigem Grinsen von der Seite an.

„Dat gift vel so’n Vagels,“ sagte er.

„Denn faten’s em doch mal an!“ erwiderte mein Bruder. Nun hätte man aber Hanne sehen sollen, wie er laut schreiend mit den Flügeln schlug und mit Schnabel und Klauen die Hand des Arbeitsmannes von sich abwehrte. Hermann sah mit stiller Ueberlegenheit diesem Kampfe zu; endlich streckte er dem Vogel die Faust hin und sprach:

„Hanne, kumm!“

Hopp, da saß er. Triumphirend hielt mein Bruder dem verblüfften Mann das Thier unter die Nase:

„Wat seggen’s nu?!“

„Je, denn ward dat doch wol Ehr Vagel sin,“ meinte er kleinlaut, und die beiden Brüder zogen im Triumph mit dem Wiedergefundenen nach Hause.

Ein dritter meiner Brüder, welcher Capitain eines Hamburg-Amerikanischen Dampfers ist, brachte eines Tages einen Waschbär mit, ein drolliges Thier, welches außerordentlich zahm wurde, an welchem aber wieder das Merkwürdigste sein sonderbares und tragisches Ende ist.

Er hatte eines Tages seine Kette abgestreift und sich, der ungewohnten Freiheit froh, auf die Wanderschaft begeben. Verschiedene Gärten hatte er schon durchmessen, ungesehen und unbelästigt, als ihn sein Forschungstrieb endlich in den Garten der Bürgerressource führte. Hier war er eben im Begriff, in den großen Tanzsaal, dessen Thür geöffnet war, einzutreten, als ihn das Schicksal ereilte und er gefaßt wurde. Man brachte das seltsame und unbekannte Geschöpf zu dem nächsten Thierverständigen der Gegend, zu einem Schlächtermeister. Dieser befühlte es und fand, daß es fett war, und da er bemerkte, daß von ihm etwas Besonderes in dieser Sache erwartet wurde, so folgte er dem Instinct seines Berufes und erklärte, er könne in dieser Angelegenheit nichts weiter thun, als dieses ungebräuchliche Thier kunstgerecht zu schlachten. Worauf es auf den Block gelegt und abgestochen wurde. Mein Bruder kam eben nur noch zur rechten Zeit, um das Fell für sich zu retten.

Ein andermal hatte er drei kleine Eichhörnchen, so jung, daß sie noch auf’s Saugen angewiesen waren. Es wurde eine Säugeflasche construirt mit einer Federpose als Mundstück, allein die Thiere glaubten nicht an diese Vorrichtung und drehten mit muffigem Gesichtsausdrucke die Köpfe weg, wenn ihnen diese Flasche dargeboten wurde. „Aha,“ sagte mein Bruder, „ihr seid gewohnt, im Dunkeln zu trinken.“ Als ich an demselben Tage in sein Zimmer kam, war ich verwundert, nur die hinteren Theile seines Leibes zu bemerken, welche aus seinem Bette hervorragten; der Oberkörper war ganz und gar unter dem Kissen verschwunden.

„Hermann, was machst Du da?“ fragte ich verwundert. Mit dumpfer, von Bettfedern halb erstickter Stimme gab er die vergnügte Antwort.

„Ich säuge meine Jungen!“

Er war mit der ganzen Eichhörnchengesellschaft unter die Bettdecke gekrochen, und dort in dem warmen Dunkel, wo sie sich zu Hause fühlten, glaubten sie an Alles.

Ein Wagenfabrikant in der Stadt besaß einen Affen, welchen sein Sohn, ein Seemann, mitgebracht hatte. Dieser Affe wurde sehr oft verschenkt; er kam aber immer wieder, weil die Besitzer bald seiner müde wurden und ihn zurückbrachten. Auf den Besitz dieses Affen hatte Hermann schon lange seine Wünsche gerichtet, und als er eines Tages hörte, daß das Thier wieder einmal zu Hause sei, ging er zu dem Wagenfabrikanten und trug ihm sein Anliegen vor.

„Sei känen em girn krigen, Herr Seidel,“ sagte dieser. „Und wenn sei em nich mihr hebben willen, denn schicken’s em man na minen Swigersähn, Herrn Afkat Wulf; de hett segt, hei wull em nehmen.“

Der Affe wurde in der Thür des stets geöffneten Torfstalles angekettet und erhielt eine alte wollene Decke, in welcher er sich des Nachts einwickelte. Meinen Bruder liebte er alsbald zärtlich, allein mit den übrigen Bewohnern des Hauses hat er sich nie befreundet. Obgleich er nur kurze Zeit sich bei uns aufhielt, sind seine Thaten doch unzählige. Meine Mutter war eines Tages auf dem Hofe beschäftigt, Hauben gestickte Tücher und ähnliches zartes Waschwerk selber zum Trocknen an die Leine zu hängen, und als sie nun nach der gethanen Arbeit sich umsah, um sich wohlgefällig des vollendeten Werkes zu freuen, da war die Leine leer, denn der Affe, in dessen Bereich diese Wäsche aufgehängt wurde, hatte alle Stücke hinter ihrem Rücken leise heruntergezupft und neben einander säuberlich in dem schmutzigen Rinnsteine wieder ausgebreitet.

Ganz besonders haßte das Thier unser Mädchen, welches seinerseits eine große Furcht vor ihm hatte. Er suchte sie fortwährend durch grinsendes Fletschen der Zähne und durch plötzliche Angriffe aus dem Hinterhalt zu ängstigen, sodaß sie nur mit Furcht und Zittern in den Stall ging, um Torf zu holen. Einmal hatte er sie dermaßen bei dieser Gelegenheit in’s Bein gebissen, daß sie nicht mehr dazu bewogen werden konnte, diesen Stall zu betreten. Der Affe wurde in Folge dessen eine Treppe höher in der Bodenluke angekettet, wo er von nun ab sein Wesen trieb und die Menschheit von oben verachtete.

Eines Tages hörte mein Bruder ein erbärmliches Hülfegeschrei auf dem Hofe, und als er hinab eilte, fand er unser Mädchen in einer tragikomischen Situation. Sie hatte unter der Bodenluke Wäsche aufgehängt, ahnungslos und keines Ueberfalles gewärtig. Der Affe hatte sie anfangs von oben beobachtet; dann war er leise an seiner Kette hinabgeklettert, die mit einem Riemen um den Unterleib befestigt war, hatte sich daran hinabhängen lassen und vermöge seiner Fähigkeit, wenn es eine Bosheit galt, sich regenwurmartig zu verlängern, war es ihm geglückt, das spärliche Haargeflecht des Mädchens zu ergreifen und nun war er beschäftigt, mit einem Ausdruck teuflischer Befriedigung das arme wehrlose Geschöpf zu zausen und zu zerren, bis endlich mein Bruder Erlösung brachte.

Eine besondere Fertigkeit besaß er darin, sich seiner Kette trotz aller Vorsichtsmaßregeln zu entledigen, um seine Freiheit dann zur Ausübung der wildesten und verwerflichsten Thaten zu mißbrauchen. Er wurde weit von unserer Wohnung in fremden Betten vorgefunden, aus welchen er, als man sich ihm näherte, entfloh; er stieg in alle Fenster ein, welche er offen fand, und stiftete unsägliches Unheil; er verdarb die Jugend, ärgerte das Alter und versuchte Aufruhr und Rebellion. Endlich, nachdem er durch seinen Unfug einen ganzen friedlichen Stadttheil in Empörung versetzt, einen Straßenauflauf verursacht und die löblichen Organe der Sicherheitsbehörden von den Dächern herab verhöhnt hatte, erhielt meine Mutter ein Schreiben von der Polizei, durch welches sie „wegen unbefugten Umherlaufenlassens wilder Thiere“ in zwei Thaler Strafe genommen wurde. Dies gab dem Affen den Rest, und mein Bruder erhielt strengen Befehl, das Thier augenblicklich abzuschaffen. Er erinnerte sich der letzten Worte des Wagenfabrikanten und beauftragte einen Dienstmann, den Affen mit einer Empfehlung von ihm bei dem Advocaten Wulf abzuliefern.

„Ne, ik fat em nich an,“ sagte dieser, „hei bitt (er beißt).“

Der Affe wurde in einen Sack gesteckt und sollte nun dem Dienstmann übergeben werden.

„Ne,“ hieß es wieder, „so fat ik em noch nich an; hei bitt.“

Der Dienstmann mußte eine Karre holen, und nun fuhr er den Affen, der in seinem Sack die wahnsinnigsten turnerischen Evolutionen vollführte, davon. Auf dem Hofe des Advocaten stülpte er die Karre um und sagte:

„Ne Empfehlung von Herr Seidel, un hier wir de Ap!“

Herr Wulf, der ebenfalls ein Thierfreud war und sich viele Hühner und zwei prachtvolle Pfauen hielt, beging die Thorheit, den Affen auf einer Mauer seines Hofes anzuketten, welche seinen Pfauen zum Lieblingssitz diente. Eine Stunde später hatte er diese beiden prachtvollen Thiere des herrlichen Zierraths, ihrer [292] Schweife, bis auf die letzte Feder beraubt. Das Maß war voll. Der Affe wurde in einen vergitterten Kasten gesperrt und nach Dömitz geschickt, woselbst ein Liebhaber sich ebenfalls zu ihm gemeldet hatte. Dömitz ist die einzige Festung des Landes, und so darf man wohl annehmen, daß er zur Strafe für seine unzähligen Schandthaten sein verbrecherisches Leben auf der Festung beschlossen hat, denn seitdem hat man niemals wieder von ihm gehört, und seine Spur ist verloren gegangen.