Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Acht Stunden „Cepo“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 514-515
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[514]
Acht Stunden „Cepo“.
Mexikanisches Spiegelbild.

Während die veruneinigten Staaten Deutschlands trotz des jahrelangen Schreies: „sein Vaterland muß größer sein,“ immer kleiner geworden sind, werden die vereinigten Nordamerika’s immer größer, z. B. jetzt wieder um ganz Mexiko, das erhabenste Stück Erde in landschaftlicher Beziehung, das verdorbenste und wahnsinnigste in politischer und socialer, da sich der alte corrumpirte spanische Eroberungsgeist hier am Wildesten ausgebildet und am Längsten gehalten. Jetzt unterliegt endlich diese faule spanische Kultur auch hier der anglo-sächsischen, nachdem der unverschämteste und letzte Tyrann, Santa Anna, mit Schimpf und Schande davon gejagt worden ist, und die Mexikaner zunächst so viel einsehen, daß sie nicht mehr politisch auf eigenen Füßen stehen können. Ob die wilde, schauderhaft gemischte und in unzählige Bastardsorten geschichtete Bevölkerung Mexiko’s im Stande sein wird, an die vereinigten Staaten gelehnt, aus seiner Rohheit und Ruchlosigkeit, aus seiner Treulosigkeit und Streit- und Mordsucht, aus seiner Eifersucht und aristokratelnden Bastardnasenhochtragerei sich heraus- und emporzufinden in die Kultur und Humanität, bleibt auch nach Santa Anna’s Sturze noch eine Frage, eine um so kitzlichere und weltgeschichtlich wichtigere Frage, als auch die vereinigten Staaten sich immer mehr einer großen Krise nähern, welche mit innerm Verfall ihrer Institutionen und äußerlichem Auseinanderfallen droht. Die Sklavenfrage und die Brutalität, mit welcher sie im Norden und Süden aufrecht erhalten und ausgedehnt wird, der zur Herrschaft kommende Knownothingismus, nach welchem die eingewanderten Anglo-Sachsen sich für national erklären, und die Deutschen und Ireländer als Eindringlinge, als Fremde todtschlagen, verjagen, deren Häuser verbrennen und mit einem förmlichen Vertilgungskriege bedrohen, diese frech um sich greifende Brutalität, welche schon zu einem „deutschen Auswanderungs-Vereine aus Amerika“ geführt hat, giebt uns zu immer größeren Befürchtungen für das Gedeihen des Westens auf seiner bisherigen Grundlage Anlaß und Gründe.

Was Mexiko betrifft, das durch seine glückliche Revolution gegen Santa Anna, trotz Sebastopol, auf unsere Beachtung Anspruch macht, so wissen wir wenig Bestimmtes über seine inneren Zustände. Man weiß nur im Allgemeinen, daß die Bevölkerung in zwei Hauptschichten, eine miserable, sklavische Arbeiterklasse und eine mehr als zehnfach geschichtete, faule, rohe, stolze Adelsklasse zerfällt. Im Uebrigen wird eine specielle Thatsache, ein bestimmtes Bild mitten aus dem Leben Mexiko’s vorläufig hinreichen, uns eine Vorstellung von diesem seltsamen Lande zu machen. Die Thatsache ward mir von einem Manne mitgetheilt, der sie an Ort und Stelle mit erlebt hatte.

„Schlechtes Wetter und Müdigkeit nöthigten mich, in einer „Hacienda“ (Meierei) Zuflucht zu suchen. Ungefähr einen Büchsenschuß von dem Haupt- und Herrengebäude krochen etwa 30 Hütten in der größten Unordnung, aber sehr malerisch durcheinander, die Wohnungen der Paeones oder Tagelöhner. Die Hütten sahen, wie gesagt, sehr malerisch aus: die üppige Natur dieses Landes hatte sich ein Vergnügen daraus gemacht, die schmutzigen, wackeligen, durchlöcherten Dächer und Wände mit dem dicksten Schleier von Ranken, Blättern und Blumen zu verhüllen. Jede Hütte stand in einer lebendigen Umzäunung wunderlichen, dichten, stacheligen Cactus, über welche das üppigste Gewebe großäugig blühender bunter Schlinggewächse hinwegwucherte, und nach allen Seiten im Winde winkte mit großblättrigen, blühenden Armen. Aber das Innere der Hütten! Wo die Natur zu schon, zu freigebig ist, verkümmert und verkommt der Mensch, dessen Kraft nicht im Boden wurzelt, sondern im Prometheustrotze seiner geistigen Kraft gegen das gefesselte Reich der Natur. Die Weichherzigkeit und überfließende Freigebigkeit der Natur hat auch Kleinasien und die ganze Türkei zu einer Wüste voller Ruinen, Unkraut und Ungeziefer gemacht und den Muselmann, einst der Schrecken der christlichen Welt, zum sterbenden Manne entnervt und abgeschwächt, so daß die Türkei, welche einst den Engländern und Franzosen zur Theilung mit Rußland angeboten ward, nun blos für England und Frankreich gerettet werden kann. Napoleon behält Constantinopel mit Zubehör, die Engländer mögen sich in Kleinasien Gelegenheit zum Geldmachen verschaffen.

„Doch das beiläufig. Aber so viel ist – auch noch beiläufig – gewiß, daß man die Geschichte jedes Volkes besser aus der Gestalt und Formation der Scholle, auf der es lebt, verstehen lernt, als aus diplomatischen Aktenstücken und geheimen Staatsarchiven, aus denen die Geschichts-Professoren ihre monströsen Bücher fabriciren. Diese außen üppig-schöne, innen von Schmutz und Elend starrende Hütte Mexiko’s ist der wahre Schlüssel zu dessen Geschichte.

„Die Bewohner dieser Hütten sind freie Arbeiter, aber viel schlimmer dran, als der Sklave Nordamerika’s, den das Gesetz und das Interesse der Eigenthümer durchschnittlich vor dem gröbsten Elend zu schützen weiß, während der freie mexikanische Paeon allen Launen und Brutalitäten des Arbeitgebers ausgesetzt und erbarmungslos verlassen ist, sobald er krank oder arbeitsunfähig wird. Kein Gesetz, kein Erbarmen, kein Krankenhaus für ihn. Um jede Hütte ist ein Fleckchen Land, welches der Paeon in gestohlenen Stunden kärglich mit Taback und „pimento“ (eine Art Pfefferstaude) bebaut. Der Gewinn daraus gehört ihm, aber er hat nie Gewinn, er arbeitet immer mit Schaden. Ein brutales Monopol, noch fortgeerbt aus der spanischen Herrschaft, zwingt ihn, seinen Weizen, seinen Mais, seine Werkzeuge, alle seine Bedürfnisse in der Hacienda des Grundherrn zu kaufen. Die monopolisirten [515] Preise übersteigen stets seine Mittel, so daß er immer auf Kredit kaufen muß, und sein Schuldenregister immer größer, die Abhängigkeit von dem einzigen Gläubiger immer drückender wird. Der dia de raya, Zahltag, sonst unter den Arbeitern freudig begrüßt, ist ihm deshalb ein Tag zunehmenden Elends.

Da ich mich später sehr lange in der Nähe der Hacienda aufhielt, hatte ich oft Gelegenheit, in das Innere der Hütten und der Zustände dieser Päones zu blicken. Der Laden, in welchem sie allein alle ihre Bedürfnisse kaufen mußten, stand in der Mitte des unter lachendste Vegetation begrabenen Dorfes. Eines Morgens war ich Zeuge des Geschäfts darin. Jeder Päon, der sich einstellte, zog ein etwa sechs Zoll langes hohles Stück Rohr aus der Tasche und entrollte daraus zwei Stückchen Papier, das eine des Gläubigers, das andere seine Rechnung. Von der Bilanz dieser beiden Rechnungen hing der Kredit der Käufer ab. Unter ihnen fiel mir gleich von vornherein ein ganz besonders hohlbackiges, abgemagertes Individuum auf, das immerwährend ängstlich umhertrippelte, bis sich die andern Käufer verlaufen hatten. Es rauchte dabei eine Cigarito nach der andern, augenscheinlich um den bellenden Hunger zu betäuben. Endlich trat es entschlossen an den Ladentisch und forderte ein Cuartillo Mais.

„Ihr Rohr,“ antwortete der Diener.

Er zieht sein simples Verzeichniß von Soll „und Haben“ zitternd heraus, der Diener wirft’s ihm nach dem ersten Blick hin und verweigert jede weitere Erhöhung des Kredits. Noch mehr zitternd steckt das unglückselige Jammerbild sein Rohr wieder ein, steht stechend und verzweifelt umher und wollte fortschwanken. Von Mitleid ergriffen, bezahlte ich die von ihm verlangte geringe Quantität Mais, worüber der Unglückliche so erstaunt und entzückt war, daß er mir, um mir seine Dankbarkeit zu beweisen, noch einen Real (5 Silbergroschen) abborgte und mich außerdem flehentlich bat, ihn in seine Hütte zu begleiten, wo sein Weib sterbenskrank läge und so sein Einkommen geschmälert habe, daß ihm der Kredit abgeschnitten ward, als er dessen am Dringendsten bedurfte.

In der Hütte bildeten ein paar irdene Gesäße und einige Ochsenhäute das ganze Mobiliar, Auf einer dieser Häute lag ein abgemagertes, elendes Weib, um welches zwei Kinder in großer Unschuld und noch mehr Schmutz spielten. Sie schwang mit matter, knöcherner Hund ein an Aloe-Fibern aufgehangenes Bündel, in welchem ein Säugling schlief. Ich rieth statt der Pimento- und Cactusfrüchte, von denen die Leute seit Wochen ausschließlich gelebt, eine geeignetere Kost und Diät, aber sie horchten mit traurigem Kopfschütteln zu, bis der Mann plötzlich freudig die Hände rieb und entzückt rief, die heilige Jungfrau habe ihm eine herrliche Idee eingegeben, die sein Glück begründen werde und müsse. Alles Fragen half nichts, er behielt das Geheimniß seiner Idee für sich und wiederholte nur immer ganz entzückt: „Eine gloriose, triumphirende Idee.“

Zwei Tage darauf begegnete ich dem Eigenthümer der Hacienda, vor welchem niedergebeugt und die Mütze in der Hand drehend mein Päon, dem die heilige Jungfrau die triumphirende Idee eingegeben, wie ein zum Strange verurtheilter armer Sünder stand.

„Ah, Sennor Don Ramon,“ rief ich, „wie steht’s? (como esta?)[1] Was giebt es Neues?“

„Daß meine Leute sich mit den Panthern gegen mein Vieh verbunden haben, das giebt es Neues,“ erwiederte Sennor Don Ramon ganz rothbraun vor Wuth. „Nun hab’ ich noch ein Füllen verloren und zwar durch die Dummheit dieses Kerls hier. Sie wissen,“ fuhr er mit steigender Leidenschaft fort, „daß diese verfluchten Panther alle Nächte Verwüstungen unter meinem Vieh anrichteten. Gestern nun kommt dieser Hallunke hier zu mir und behauptet, die heilige Jungsfrau habe ihm eine triumphirende Idee zu meinem Gunsten eingegeben.“

„Das war mein Glaube,“ bemerkte der Angeklagte bescheiden.

„Also, er schlug vor,“ fuhr der Don fort „an einem gewissen Platze ein Füllen als Lockspeise für die Panther anzubinden. Er wolle dann die ganze Nacht mit einem geladenen Gewehre in einem Versteck dabei wachen und jeden Panther, der sich dem Köder nähern würde, niederschießen. Ich war thöricht genug, ihm ein Füllen von sechs Monaten dazu zu bewilligen . Was hast Du mit dem kostbaren Thiere gemacht, Schlingel?“

„Sehen Sie, Sennor Mästro,“ sagte der Päon furchtsam „ich hielt mich zwei Stunden lang im Dickicht versteckt. Zehn Schritt davon schlug das angebundene Füllen um sich und lockte die Panther an. Endlich leuchtete es wie zwei brennende Cigarren durch die Finsterniß. Ich zielte dahin, empfahl meine Seele der heiligen Mutter Gottes, wandte den Kopf ab und drückte los.“

„Und statt des Panthers schossest Du das Füllen todt, Hallunke!“

„O, Sennor Mästro, ich lähmte es blos ein Bischen –“

„Ganz gleich, geh’ und laß Dir vom Secretär acht Stunden Cepo geben.“

„Aber es war doch eine triumphirende Idee,“ sagte der so Verurteilte, indem er langsam und schluchzend ging, um sich selbst dem Cepo zu überliefern.

Das Mitleiden mit dem Unglücklichen ließ mir keine Ruhe, so daß ich nicht umhin konnte, den Ort der Cepo’s und anderer Strafinstrumente aufzusuchen. Der Cepo ist ein barbarischer Pranger, ähnlich den früher in England üblichen „stocks“, d. h. zwei Klötzen, auf deren einem der Bestrafte lag, deren anderer aber, gewöhnlich zu diesem Zwecke durchlöchert, die Füße desselben in die Höhe festhielt. Der Cepo aber ist grausamer und knebelt die Füße in einer Höhe, daß der Bestrafte nur auf dem Nacken eine Stütze für den ganzen Körper findet, eine Lage, die nach einigen Stunden unerträglich wird. Ich sah etwa ein halb Dutzend solcher Cepo’s in einem Hofe der Hacienda aufgestellt, einige mit einem Schirm gegen die Sonne bedeckt, welcher als bedeutende Milderung der Strafe gilt. Ich suchte nach meinem Päon, fand aber dafür Martingalo, einen der Schäfer, aber ohne Schirm, so daß er in dem Brande der Sonne lag, als sollte er gebraten werden.

„Wie kommst Du hierher?“ fragte ich verwundert.

„Ach, Sennor Cavalier,“ antwortete er kläglich, „nur wegen meines guten Herzens. Als ich hörte, daß Einer meiner Freunde zu acht Stunden verurteilt war, gab mir die heilige Jungfrau den mitleidigen Gedanken ein, daß ihm etwas Zerstreuung gut thun werde. So kam ich hierher mit einigem kleinen Gelde und einem Spiel Karten. Unglücklicher Weise aber hatte mein Freund kein anderes Capital als seine acht Stunden Cepo, in welchen er eben eingespannt werden sollte. Doch setzte ich erst zwei wirkliche Realen gegen sein Versprechen, daß er ebenfalls zwei Realen zahlen würde, wenn er verlöre. Ich war sonst immer sicher und spielte glücklich, da ich ein hübsches Kunststück beim Spiel verstehe; aber jetzt verlor ich. Ich verlor und gewann wieder, bis ich aber zuletzt doch Alles, bis auf gar nichts, verloren hatte. Mein Mitspieler, ein guter Kerl, schlug mir dann, um mir Gelegenheit zu geben, daß ich Alles wieder gewinnen könnte, seine acht Stunden Cepo als Einsatz vor. Gewönne ich, wollte er mir alles Geld zurückgeben, sollte ich aber verlieren, müßte ich die acht Stunden Cepo für ihn übernehmen. Diesmal gewann ich, aber natürlich blos die acht Stunden Cepo. Meine Ehre erforderte es jetzt, zum Verwalter zu gehen und seine Einwilligung zu der Stellvertretung zu erbitten, um so mehr -“

„Als Du glaubtest, er werde Nein sagen,“ unterbrach ich ihn. „Er Nein sagen? O, im Gegentheil, mit der niederträchtigsten Höflichkeit willigte er ein.“ Dabei suchte er sich bald mit den Ellenbogen zu stützen, bald die eine oder die andere Hand als Sonnenschirm zu brauchen und seine furchtbare Lage durch alle möglichen Rückungen und Renkungen zu erleichtern.

Die größte Erleichterung schien ihm der Dollar, den ich meinem Schützlinge zugedacht hatte, und nun ihm gab. Er betheuerte, daß dieses Geschenk für eine besondere Gelegenheit, sein Glück zu machen, aufbewahrt werden sollte. Eine solche bot sich ihm kurz nachher: er spielte mit dem Besitzer eines westindischen Sclaven um diesen Sclaven und gewann ihn.

So einfach dieses Bild aus dem mexikanischen Leben ist, enthält es doch genug Elemente zu dem Beweise, daß dem Mexikaner die Verjagung ihres Tyrannen, Santa Anna, und der Anschluß an die nordamerikanischen, sklavenenthusiastischen Freistaaten nicht viel helfen wird, so lange sie solche sociale Beziehungen, solche Gerechtigkeitspflege, solche Arbeiterverhältnisse, solche Spiele um Menschen und Cepo haben. Unter solchen Verhältnissen folgt oft dem Mann der Ruthe der Zuchtmeister mit „Scorpionen.“



  1. Spanisch: Wie steht’s? Französisch: Wie tragen Sie sich? Englisch: Wie thut Ihr Thun? u. s. w., in jeder Nation anders, just nach ihrer kulturhistorischen und physikalischen Eigenthümlichkeit.