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Artikel „Zinkeisen, Johann Wilhelm“ von Ernst Friedländer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 331–334, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Zinkeisen,_Johann_Wilhelm&oldid=- (Version vom 22. November 2019, 12:03 Uhr UTC)
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Zinkeisen: Johann Wilhelm Z. wurde am 12. April 1803 zu Altenburg geboren. Nachdem er in Jena und Göttingen zuerst Theologie, sodann Geschichte studirt hatte, wurde er Lehrer am Blochmann’schen Institute in Dresden, lebte dann in München und habilitirte sich im Anfang des Jahres 1831 als Privatdocent für Geschichte und Staatswissenschaften an der Universität zu Leipzig. Hier schrieb er den ersten Theil seiner „Geschichte Griechenlands“, der 1832 erschien, worauf er im Juni des folgenden Jahres vom Herzog von Sachsen-Altenburg den Professortitel erhielt. Z. lebte dann zum Zwecke umfassender historischer und publicistischer Studien in Paris, wo er im September [332] 1840 vom kgl. preußischen Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten durch Vermittlung Leopold Ranke’s völlig unerwartet den Ruf erhielt, an der Redaction der Staatszeitung, deren gänzliche Reorganisation beabsichtigt war, theilzunehmen. Fast um dieselbe Zeit waren kurz nach einander mit ihm von Göttingen, Heidelberg und Kiel, zum Theil ebenfalls durch Ranke’s Vermittlung, Unterhandlungen wegen Uebernahme einer Professur der Geschichte und Staatswissenschaften angeknüpft worden, während Cotta ihn unter sehr günstigen Bedingungen für die Direction der Augsburger Allgemeinen Zeitung zu gewinnen trachtete. Er hatte während seiner Pariser Zeit den 3. und 4. Band seiner Geschichte Griechenlands erscheinen lassen (der 2. Bd. ist nicht herausgekommen) und den ersten Band seiner großen Geschichte des osmanischen Reiches in Europa geschrieben, was ihm im J. 1834 einen Ruf an die Universität zu Athen eintrug, den er ablehnte, weil ihn die allzu genaue Kenntniß der griechischen Zustände nicht dahin lockte. Auch seine größeren Aufsätze über Versailles, Lafayette, den Jakobinerclub und zahlreiche Artikel über französische Zustände sind in der Augsb. Allg. Ztg. in den Jahren 1836–40 sowie in v. Raumer’s historischem Taschenbuche, in der Minerva u. a. O. erschienen. Die Bedeutung der ihm angebotenen Stellung und dringendes Zureden Ranke’s und anderer hochgestellter Männer, denen es um die Sache zu thun war, bewogen Z. selbst mit sehr beträchtlichen persönlichen Opfern dem Rufe zu folgen und so siedelte er mit Frau und Kind, er war seit 1839 verheirathet, nach Berlin über, zunächst nicht um die Redaction im ganzen zu führen, sondern nur daran theilzunehmen, namentlich für die auswärtige Politik, deren Bearbeitung er zu leiten und zu beaufsichtigen haben sollte. Als er im Anfang December sich den drei mit den Preßangelegenheiten betrauten Ministern vorstellte, wurde ihm indessen eröffnet, daß er dazu bestimmt sei, vom 1. Januar 1841 ab die gesammte Hauptredaction der Staatszeitung als verantwortlicher Redacteur zu übernehmen. So ehrenvoll und annehmbar nun auch die Stelle war, so hatte sie vom ersten bis zum letzten Tage doch den großen Nachtheil für Z., daß sie einen provisorischen Charakter trug, der trotz seiner häufigen Bemühungen, endlich einmal etwas Definitives zu schaffen und seine amtliche Stellung zu fixiren, in Permanenz erklärt wurde und schließlich dazu führte, ihn in materielle Noth zu bringen. Aber nicht nur die persönliche Stellung des Hauptredacteurs litt unter diesem Zustande, sondern das ganze Institut der Staatszeitung krankte daran, und wurde auch durch die Einrichtung eines Curators dafür, zumal da dieses etwas undankbare Amt schnell von einem zum anderen überging, nicht gebessert. Vom December 1841 ab fanden Erwägungen statt, wie das Staatszeitungs-Institut reorganisirt werden könne oder ob es besser sei, es ganz eingehen zu lassen. Die dieses berathende Commission tagte bis in die Mitte des Jahres 1843 und lehnte den Plan die Zeitung ganz in Privathände übergehen zu lassen, aus finanziellen Gründen ab. Vom 1. Juli 1843 ab trat dann an Stelle der Staatszeitung die Allgemeine Preußische Zeitung ins Leben, die durch die Genehmigung des Königs in der Allerh. Cab.-Ordre vom 3. Juli desselben Jahres ein königliches Staatsinstitut war, das nur einen anderen Titel erhielt „um die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Zeitung auch äußerlich zu documentiren“. Indessen sollte sie nach wie vor dazu dienen, die Maßregeln der preußischen Regierung nach innen wie nach außen in loyalem Sinne zu vertreten und zu motiviren, das monarchische Princip zu verfechten und die preußische Verfassung, Gesetzgebung und Verwaltung gegen die Angriffe, welche andere Blätter etwa dagegen richteten, mit Energie, aber zugleich mit der nöthigen Würde in Fassung und Sprache zu vertheidigen, überhaupt das Interesse an den vaterländischen Instituten zu beleben. Z. behielt die Redaction, [333] wurde aber auch jetzt noch nicht als Staatsbeamter anerkannt, sondern hinsichtlich seiner persönlichen Verhältnisse auf spätere definitive Anordnungen vertröstet. Inzwischen erhielt er auch die Aufsicht über den von Dr. Hermes redigirten Theil der Allg. Pr. Ztg., so daß nun auch die auf die inländischen und deutschen Angelegenheiten bezüglichen Artikel seiner Genehmigung unterlagen, und eine Zeit lang nahm er nebenbei die Geschäfte des stellvertretenden Curators wahr. Als nach dem Schlusse des ersten vereinigten Landtages (1847) das dringende Bedürfniß vorlag, der gouvernementalen Presse eine dem Interesse der Regierung entsprechende bestimmte Organisation zu geben, wozu die Allg. Pr. Ztg., die infolge des vereinigten Landtages bedeutend an Theilnehmern gewonnen hatte, die beste Gelegenheit bot, geschah doch nichts, um dem Zeitungsinstitut einen bestimmten definitiven Zustand zu schaffen; nur die Aenderung trat damals ein, daß an Stelle der drei bisherigen Censur-Ministerien der Minister des Inneren allein die Leitung der Zeitung übernahm. Als dann im folgenden Jahre die Katastrophe hereinbrach, hatte Z. schwer darunter zu leiden, daß er immer noch nicht in einer definitiven Stellung war. Infolge eines ihm durch das damalige Staatsministerium unmittelbar aus dem königlichen Schlosse zur Aufnahme in die Allg. Pr. Ztg. zugeschickten Artikels über die Vorfälle vom 15. bis 19. März drang nämlich früh am 20. März bei nächtlicher Weile ein bewaffneter Haufen in seine Wohnung (Schulgartenstraße 4, jetzt Königgrätzer Straße, am Potsdamer Thore) ein, verlangte mit den entsetzlichsten Drohungen Rechenschaft dafür und wollte ihn zwingen, den Verfasser des Artikels zu nennen. Als Z. sich nicht dazu verstand, wurde ihm eine Pistole vorgehalten und mit dem Tode gedroht, falls er nicht sofort eine Erklärung niederschreiben würde, die man ihm in die Feder dictirte und dann am Morgen als von ihm „freiwillig“ abgegeben, in alle Blätter setzte, eine Scene, die man von der Straße aus durch Flintenschüsse nach den Fenstern seiner Wohnung begleitete; die Schüsse aber erklärte man seiner erschrockenen Frau zur Beruhigung für Freudenschüsse. Es ist von Interesse, dieses „freiwillige“ Geständniß zu lesen. Wir lassen es daher hier folgen: „In Folge einer aus Berliner Bürgern bestehenden Deputation, welche so eben bei mir erschienen ist, erkläre ich freiwillig, daß mir der in No. 81 enthaltene Artikel unter Berlin, über die Ereignisse vom 15. bis 19. März von der Ministerialbehörde zur Aufnahme in die Allgemeine Preußische Zeitung zugeschickt worden ist, so daß er, da er diese Ereignisse völlig entstellt, von mir nicht vertreten werden kann“. gz. Dr. J. W. Zinkeisen. – Am Morgen des 21. März eilte Z. nach dem Schlosse und bat um seine Entlassung, falls man nicht im Stande wäre ihm für seine Functionen und seine Familie Schutz zu gewähren; und da das in jenem Momente der äußersten Spannung, wo man jeden Augenblick den Wiederausbruch des Revolutionssturmes befürchtete, nicht möglich war, vielmehr an demselben Vormittage ein zweiter noch stärkerer bewaffneter Haufen in das Local der Redaction eingedrungen war, um sich seiner Person zu bemächtigen, dem er nur durch einen glücklichen Zufall entging, so legte Z. seine Stelle nieder und verließ noch vor Abend mit seiner ganzen Familie von sieben Personen Berlin.

Während Zinkeisen’s Abwesenheit gerieth die Allgemeine Preußische Zeitung schnell in Verfall und war kaum noch zu halten, so daß ihre völlige Umwandlung in ein streng officielles Organ der Regierung gerathen schien. Als daher Z. nach kurzer Zeit nach Berlin zurückgekehrt war und nunmehr um seine Entlassung bat, da lag nichts näher, als daß man ihn aufforderte, die gewünschte Umwandlung so schnell als möglich vorzunehmen und dann wiederum an die Spitze des neubegründeten Instituts zu treten. Der amtliche Theil des Preuß. Staatsanzeigers sollte die Mittheilung aller von der Regierung mittelst der [334] Centralbehörden ausgehenden Erlasse, Bekanntmachungen, Gesetze u. s. w. enthalten, er war das anerkannte Organ des Staatsministeriums. Der nicht amtliche Theil war dazu bestimmt, ein möglichst objectives Bild der Tagesgeschichte aus bewährten, zuverlässigen Quellen zu geben. Das große Vertrauen, das sich in diesem Anerbieten aussprach, bewog Z. Ende Mai (1848) die Direction des „Staats-Anzeigers“ zu übernehmen, da ihm auch zugesichert wurde, daß nun endlich seine Stellung als Staatsbeamter anerkannt und geregelt werden würde. Die Direction des Staats-Anzeigers ging vom Minister des Innern auf den der auswärtigen Angelegenheiten über, ein Curator wurde zunächst nicht wieder ernannt, aber die definitive Organisation des Instituts verzögerte sich im Drange der Verhältnisse abermals. Im April 1849 ging dann die Leitung des Staats-Anzeigers auf das Staatsministerium über und wurde mit der Leitung des Litterarischen Büreaus verbunden. Auch abgesehen von seiner Thätigkeit als Hauptredacteur der Staatszeitung und des Staatsanzeigers ist Z. bemüht gewesen, sich der Regierung nützlich zu machen. So hatte er gleich nach seiner Ankunft in Berlin auf höhere Veranlassung und mit ausdrücklicher Genehmigung des Königs eine Verbindung zwischen Madrid und dem kgl. Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten eingeleitet und acht Jahre lang lebhaft vermittelt und unterhalten, die in Ermangelung jedes diplomatischen Verkehrs mit Spanien, so lange gewichtige Rücksichten die Anerkennung der Königin Isabella II. nicht zuließen, der Regierung erhebliche Dienste leistete. In dieser ganzen Zeit ist keine directe Mittheilung von Madrid an das Ministerium gelangt, die nicht durch Zinkeisen’s Hände gegangen wäre, denn er allein hatte den Schlüssel zur Chiffreschrift, in der diese Mittheilungen geschrieben waren, die zum Theil von großem Interesse und bedeutender politischer Wichtigkeit gewesen sind. Seine umfangreiche, mühsame und verantwortungsreiche Thätigkeit als Hauptredacteur des Staatsanzeigers hat Z. dann auch nach der stürmischen Zeit noch mehrere Jahre fortgesetzt, bis er plötzlich zu seiner großen Ueberraschung Ende März 1851 die Nachricht erhielt, daß es beschlossen worden sei, den Staats-Anzeiger in seiner jetzigen Form als politische Zeitung zum 1. Juli eingehen zu lassen und daß er selbst sich demgemäß darauf gefaßt zu halten habe, von diesem Tage ab auf Wartegeld gesetzt zu werden. Und so geschah es. Z. lebte fortan mit einer großen Familie bei einem sehr mäßigen Wartegelde als Privatmann in Berlin, wo er seine wissenschaftliche und litterarische Thätigkeit fortsetzte: er führte seine „Geschichte des osmanischen Reiches in Europa“ bis zum siebenten Bande, der 1863 erschien. In den Jahren 1852 und 1853 veröffentlichte er seinen „Jakobinerklub“, 1854 „Drei Denkschriften über die orientalische Frage“. – Der Vollständigkeit halber nennen wir noch seine Jugendschriften, die in Jena gekrönte Preisschrift und Dissertation: „Commentatio historico-critica de Francorum Majore domus“ (Jenae 1826), sowie seine Habilitationsschrift: „Samnitica. Dissert. hist.-crit.“ (Lips. 1831). – Z., der sich in seinem Amte als Redacteur nach dem Urtheile der Minister „als ein thätiger, rechtlicher, wohlgesinnter und mit allen nöthigen Kenntnissen versehener Mann bewährt hat“, starb in Berlin am 5. Januar 1863.

Acten des Königlichen Geheimen Staats-Archivs zu Berlin. – Wolff, Berliner Revolutions-Chronik. Berlin 1851. Bd. I, S. 287 f. – (Koner) Gelehrtes Berlin im Jahre 1845. Berlin 1846. S. 375.