ADB:Zimmermann, Karl

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Artikel „Zimmermann, Karl“ von Wilhelm Diehl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 280–283, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Zimmermann,_Karl&oldid=- (Version vom 5. Juni 2020, 22:24 Uhr UTC)
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Zimmermann: Justus Joseph Georg Friedrich Karl Z., berühmter hessischer Theologe und Prediger, wurde am 23. August 1803 als jüngster Sohn des Rectors des Gymnasiums zu Darmstadt Johann Georg Z. (s. S. 277) und als Bruder des späteren Hofpredigers Ernst Z. geboren. Er genoß den vorbereitenden Unterricht bei seinem Vater und seinem ältesten Bruder, Dr. Ludwig Christian Z., der nachher Conrector am Darmstädter Gymnasium ward und 1838 starb. Von 1813–1820 besuchte er das Gymnasium seiner Vaterstadt und studirte dann auf den Universitäten Gießen und Heidelberg evangelische Theologie. Nach absolvirtem Examen beschäftigte er sich eine Zeit lang in seiner Heimath mit Privatunterricht in der griechischen und lateinischen Sprache [281] und gründete dann mit einem Freund zusammen eine Privatlehranstalt. Aus dieser Lehrthätigkeit zog ihn sein Bruder Ernst Z., der inzwischen Hofprediger geworden war und aus Karl Z. gern auch einen Diener der Kirche machen wollte. Nachdem Karl Z. im J. 1827 eine provisorische und 1828 eine definitive Lehrerstelle an der Darmstädter Realschule übertragen worden war, übernahm er nämlich auf Drängen seines Bruders seit Pfingsten 1829 noch neben seinem Schulamte die Stelle eines ordinirten Hülfspredigers an der Stadtkirche mit dem Titel eines Freipredigers. Beide Stellen versah er bis zu dem Jahre 1832, in dem ihm, wiederum durch Vermittlung seines Bruders Ernst, das Amt eines Hofdiakonus mit dem besonderen Auftrag des Religionsunterrichts bei der Prinzessin Marie (der späteren Kaiserin von Rußland) übertragen wurde. Von 1833–37 versah er neben seinem Amte die Stelle eines Lehrers der Geschichte an der großh. Militärschule. 1835 wurde er zweiter, 1841 erster Hofprediger. Schon nach sechs Jahren erhielt er die Berufung ins Kirchenregiment und die Ernennung zum Prälaten und Superintendenten, womit zugleich die Stelle eines Oberpfarrers zu Darmstadt und Predigers an der Schloßkirche verbunden war. In dieser Stelle blieb er bis zum Jahre 1872, in dem er aus persönlichen Gründen um seine Pensionirung bat und sie auch erhielt. Er starb nach mehrwöchentlicher Krankheit am 12. Juni 1877.

Will man sich ein bestimmtes Urtheil über die Bedeutung Karl Zimmermann’s ermöglichen, so darf man seine amtliche Thätigkeit nur in zweiter Linie in Betracht ziehen. Damit soll nicht gesagt sein, als habe er in seinem Amte, besonders als Mann der Kirchenbehörde, nur Minderwerthiges geleistet. Hessen verdankt gerade umgekehrt seiner rastlosen Thätigkeit manche noch heute nachwirkende Förderung. Trotzdem liegt Zimmermann’s Bedeutung für den Kritiker auf anderem Gebiete. Er war ein hochbegabter praktisch-theologischer Schriftsteller, dessen Name auch im Ausland einen guten Klang hatte. Dies ist er geworden durch seine zahlreichen litterarischen Arbeiten.

Die litterarischen Arbeiten Karl Zimmermann’s tragen wie die seines Bruders Ernst zuerst mehr philologischen Charakter. Sein erstes Werk ist eine zum Gebrauch bei seinem Unterricht bestimmte „Erklärung des regelmäßigen griechischen Zeitwortes auf ω“, der sich 1831 ein „Lateinisch-teutsches Wörterbuch zum Gebrauch in höheren Bürger- und Elementarschulen, sowie in unteren und mittleren Klassen der Gymnasien, mit besonderer Rücksichtnahme auf die leichteren Classiker und Gedikes Chrestomathie. Mit einem Anhang enthaltend: Erklärung der wichtigsten Nomina propria“ anschloß. Die durch den Einfluß seines Bruders hervorgerufene stärkere Hinneigung zu theologischen Studien zeitigt dann einige in der Allgemeinen Kirchenzeitung herausgegebene Aufsätze und Recensionen aus dem Gebiet der Theologie und die Veröffentlichung der „Parabeln zur Nahrung für Geist und Herz für die reifere Jugend und insbesondere zum Behuf des Religionsunterrichts“ (1831, mit H. Palmer zusammen). Theologischer Schriftsteller wird Z. erst nach dem Tod seines Bruders Ernst. Es hängt das damit zusammen, daß er da erst in die pastorale Thätigkeit hineinkam. Mitbeigetragen mag zu dieser Aenderung auch der Umstand haben, daß er glaubte, es seinem Bruder schuldig zu sein, das von ihm begonnene Werk weiterzuführen. Thatsache ist jedenfalls, daß er die von Ernst Z. übernommene Fortsetzung des früher von Degen geleiteten „Jahrbuchs der theologischen Litteratur“ sofort nach Ernst Zimmermann’s Tod sich übertragen ließ und in seiner Biographie über Ernst Z. vom Jahr 1833 die Weiterführung des „Homiletischen Handbuchs für denkende Prediger“ wenigstens in Aussicht stellte. Diesen Arbeiten reihen sich in den folgenden Jahren die Publicationen einzelner Reden und Predigten (besonders Reformationsfestpredigten, so 1838, 1841, 1842 [282] u. s. w.) sowie kleinerer Predigtsammlungen an (so 1834 „Bilder aus dem christlichen Familienleben. Acht Predigten“; 1836 und 1837 „Die Bergpredigt unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi in rel. Vorträgen behandelt“, 2 Bde.; 1837 „Das Gebet des Christen. Eilf Predigten“, Neustadt a. O.; 1837 und 1839 „Das Leben Jesu in Predigten“, 6 Bdchn.; 1840–1851 „Die Gleichnisse und Bilder der heiligen Schrift in Predigten“, 7 Bde.; 1842 „Sieben Predigten in der Fasten- und Osternzeit“ und „Die christliche Toleranz. Fünf Predigten“). Ihnen folgt die Herausgabe der Zeitschrift „Die Sonntagsfeier, wöchentliche Blätter für Kanzelberedsamkeit und Erbauung im Vereine mit protest. Kanzelrednern herausgegeben“ seit 1834, welcher sich seit 1838 ein Beiblatt „Literarische Blätter für Homiletik und Ascetik“ anschließt. Diese Zusammenstellung von Publicationen zeigt, daß Karl Z. schon am Anfang der 40er Jahre einer der fruchtbarsten und tüchtigsten praktisch-theologischen Schriftsteller seiner Zeit genannt zu werden verdient. Daß er dies auch für das Urtheil weiterer Kreise wurde, kommt aber von einem anderen Umstand her. Es fällt nämlich in diese Zeit eines der größten Werke Karl Zimmermann’s, jedenfalls dasjenige, das zur Begründung seiner Bekanntschaft auch in nichthessischen Gebieten wesentlich beigetragen hat, seine rege Antheilnahme an der Stiftung und dem Ausbau des Gustav-Adolf-Vereins. Kann man ihn auch nicht den Vater des Gustav-Adolf-Vereins nennen, da schon neun Jahre bevor er im J. 1841 in der Allgemeinen Kirchenzeitung die protestantische Welt zur Gründung eines Vereins für hülfsbedürftige protestantische Gemeinden aufforderte, eine auf Anregung des Superintendenten Großmann gebildete Gustav-Adolf-Stiftung bestand, so hat doch erst durch diesen Aufruf und die an ihn sich schließenden Verhandlungen und Bemühungen Zimmermann’s das Gustav-Adolfs-Werk Leben und Bedeutung erlangt. Jedenfalls ist die Gründung des großen Gustav-Adolf-Vereins sein Werk. Daß Z. das selbst fühlte, zeigt die Liebe und Begeisterung, mit der er bis in sein Greisenalter grade an der Ausgestaltung dieses Werkes arbeitete, als Schriftführer des Hessischen Hauptvereins, als Mitglied des Centralvorstandes, als Leiter des Gustav-Adolf-Boten, des ältesten Vereinsblattes und als begeisternder Redner auf den Hauptversammlungen. Seiner besonnenen und eifrigen Leitung vor allem ist es zu danken, daß der Verein manche schwere Stürme, die ihn im Anfang seines Bestehens umbrausten, bestand und sich zu der jetzigen Blüthe erheben konnte. Von den Schriften, die er im Interesse dieses Vereines schrieb, seien außer den Beiträgen zu dem „Boten des ev. Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung“, den er von 1843 bis zu seinem Tode redigirte, genannt: „Der Gustav-Adolf-Verein“ (1854, 7. Aufl. 1867); „Bauten des Gustav-Adolf-Vereins in Bild und Geschichte“ (2 Bde., 1861 bis 1876); „Tabea oder die Frauenvereine der Gustav-Adolf-Stiftung“ (1864); „Der Gustav-Adolf-Verein nach seiner Geschichte, seiner Verfassung und seinen Werken“ (1878). Ja die Arbeiten auf diesem Gebiet nahmen ihn in den letzten dreißig Jahren seines Lebens so in Anspruch, daß hinter ihnen seine anderen Publicationen an Bedeutung weit zurückstehen. Gewiß, er hat auch in dieser Zeit die „Sonntagsfeier“ weiter herausgegeben (bis 1872) und Predigten (vgl. „Der Christ in Kriegsnoth“, 1870; „Evangelische Gedanken im Kriege“, 1871, und andere Einzelpredigten und kleinere Predigtsammlungen, deren Aufzählung hier unterbleiben möge) veröffentlicht. Aber schon bei einem großen Theil seiner veröffentlichten Predigten tritt die directe oder indirecte Bezugnahme auf das Gustav-Adolf-Werk deutlich hervor. Es sind zu einem großen Theil Reformationsfestpredigten. Die anderen mehr populär-wissenschaftlichen Arbeiten dieser Periode sind ebenfalls Werke für die Gustav-Adolf-Sache; so seine Ausgabe von Luther’s reformatorischen Schriften in 4 Bänden, seine Schrift „Luthers Leben“ [283] (1. Aufl. 1846, 2. Aufl. 1855), seine Lebensbilder aus der Reformationszeit, seine Ausgabe von Luther’s Briefen an Frauen (1854) und sein Büchlein „Nehmet euch der Heiligen Nothdurft an“, welch letzteres eine Sammlung von Beispielen aus dem Gebiete des Gustav-Adolf-Vereins darstellt und mehrere Auflagen erlebte.

Erwähnen wir noch, daß Karl Z. wie sein Bruder Ernst bei allem Verständniß für das kirchliche Leben im Auslande sich ein reges und warmes Interesse für seine hessische Heimath bewahrte und aus diesem Grunde mehrere an ihn ergangene ehrenvolle Rufe aus Anhänglichkeit zu seinem Fürstenhause ausschlug, so haben wir die wesentlichsten Züge seines Lebensbildes dargestellt. Eine Zusammenstellung der ältesten Schriften Karl Zimmermann’s gibt Scriba im Hess. Schriftstellerlexikon, 2. Abthlg., S. 836 f. Es enthält die Titel von 30 bis zum Jahr 1843 publicirten Schriften und Predigten. Die seit diesem Datum erschienenen Arbeiten auch nur einigermaßen genau zusammenzustellen, sind wir wegen ihrer Fülle nicht im Stande. Die wichtigeren sind auch im Obigen bereits citirt.

Ueber Zimmermann’s Leben vgl. das oben citirte Biogr.-lit. Lexikon, dessen Angaben durch Privatmittheilungen von uns ergänzt sind. Ueber Zimmermann’s Stellung zum G.-A.-V. vgl. die Festschrift zur Feier des fünfzigjähr. Bestehens des Hessischen Hauptvereins der Gustav-Adolf-Stiftung, Darmstadt 1893, und die Kirchl. Korrespondenz f. die Mitglieder d. Evang. Bundes 1896, September. Sonstige kleinere Artikel über Z. schöpfen zumeist aus diesen Quellen oder bringen wenigstens nichts Neues.