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Artikel „Toll, Robert Baron von“ von Friedrich Bienemann (1838–1903) in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 416–421, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Toll,_Robert_Baron_von&oldid=- (Version vom 20. Juli 2024, 07:34 Uhr UTC)
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Toll: Robert Baron v. T., baltischer Geschichtsforscher, esthländischer Landrath und kaiserlich russischer Obrist der Cavallerie, wurde am 23. Januar (4. Februar) 1802 auf dem Gute Linnamäggi im werroschen Kreise Livlands geboren. Sein Vater, Adolf v. T., Assessor des Dorpater Landgerichts, starb bereits am 25. Juli (6. August) 1805, die Wittwe, Karoline v. Baranoff, mit sechs Kindern in zerrütteten Vermögensverhältnissen zurücklassend. Nach dem Zwangsverkauf des Gutes zog sie in die esthländische Heimath; die beiden ältesten Söhne, unter denen Robert der zweite war, wurden in das Seecorps nach St. Petersburg gebracht. Doch Robert’s Kränkeln bewog bald seinen Vaterbruder, Johann Wilhelm v. T., die Knaben zu sich auf das Gut Wodja im jerwischen Kreise Esthlands zu nehmen, um sie mit seinen vier Söhnen unter der so strengen wie liebevollen Leitung seiner Gattin, Juliane v. Wedel, und dem Unterrichte eines tüchtigen Hauslehrers zu erziehen. Hier erhielten die Verwaisten das entbehrte Elternhaus in vollem Maaße zurück. Zusammen traten sie im September 1816 als Junker in das Noworossiiskische Dragonerregiment, das im Minskischen stand. Robert begann damit eine außerordentlich günstige Laufbahn: er rückte 1818 zum Fähnrich, 1821 zum Lieutenant auf, indem er zugleich ins Hauptquartier der ersten Armee nach Mohilew in die Lehrschwadron gesandt wurde. Nach zwei Jahren erhielt er hier für Auszeichnung im Dienste den Rang des Stabscapitäns, wurde 1825 zum Adjutanten beim Commandeur des vierten Reservecavalleriecorps Generallieutenant Borosdin I ernannt und war mit 25 Jahren Capitän. Die im Türkenkriege 1828/29 namentlich vor Turnu bewiesene Tapferkeit hatte seine Ueberführung zu den reitenden Gardejägern zur Folge; und als T. zum Sturm auf die Festung Rahowo als erster Freiwilliger sich meldete und auch als einer der ersten am 28. Mai (9. Juni) 1829 an das feindliche Ufer gelangte, wurde er vom Generaladjutanten Baron Geismar mit den erbeuteten Fahnen nach Schumla zum Obercommandirenden Grafen Diebitsch gesandt, der ihm den Wladimirorden 4. Cl. persönlich an die Brust heftete. Im Juli d. J. ließ er sich auf seinen Wunsch als Major ins Kargopol’sche Dragonerregiment versetzen, wurde aber 14 Monate darnach zu den Kinburn’schen Dragonern übergeführt, wiewol er, durch Krankheit gefesselt, erst ein halbes Jahr später, im April (Mai) 1831 bei diesem Truppentheil eintreffen konnte, dem er bis ans Ende seines activen Dienstes angehörte. Dieses Ende wurde ihm freilich bald bereitet. Denn seine Dragoner waren zum Corps des Generaladjutanten v. Rüdiger gestoßen, der den polnischen Aufstand in Wolynien eben gedämpft hatte, nun Ljublin besetzte und den Wieprz abwärts gegen die Weichsel vorrückte. Auf diesem Marsche kam es anläßlich des Ueberganges [417] über den Wieprz am 7. (19.) Juni zum Treffen bei Budzisko unweit Lysobyki, wo die Dragoner gegen die Truppen des polnischen Generals Turno stark im Gefecht waren; trotz seines Sieges hatte General v. Rüdiger eine Umgehung durch die überlegenen feindlichen Streitkräfte zu besorgen, zog sich deshalb wieder flußaufwärts und beauftragte T., ihm mit zwei Schwadronen den Rücken zu decken. Am 16. (28.) nahm dieser mit der zweiten Schwadron den Posten beim Flecken Bielzyce ein. Hier wurde er am Morgen des 23. Juni (5. Juli) von zwei Abtheilungen der Grotthuß’schen Parteigänger unter der Führung der Capitäne Huot (Giyot) und Giedroye überfallen, seine Schwadron vernichtet und er selbst, nachdem sein Pferd niedergestochen und er zehn Bajonnettwunden empfangen hatte, durch einen furchtbaren Hieb übers Gesicht von der rechten Schläfe bis zum rechten Nasenflügel besinnungslos gemacht und als todt auf dem Platze gelassen. Doch von den Bewohnern des Orts noch zeitig genug aufgefunden, ward er unter der Pflege des örtlichen Apothekers soweit gebracht, daß er nach drei Monaten in die Behandlung des kaiserlichen Leibarztes Geh. Rath v. Rauch zu St. Petersburg gelangen konnte. Im November d. J. zum Obristlieutenant befördert und unter Beizählung zur Cavallerie zur Herstellung seiner Gesundheit beurlaubt, verlebte er die nächsten Jahre in Reval, bis der Zustand seiner Wunden ihn 1834 nöthigte, ausländische Heilquellen aufzusuchen. Der kgl. preuß. Generalstabsarzt der Armee Geh. Rath v. Graefe verordnete ihm Teplitz und Gastein, sodann mehrjährigen Gebrauch der Bäder zu Gurgitella auf Ischia und zu Lucca. Kaiser Nikolaus bewilligte ihm das Reisegeld. T. verweilte vier Jahre in Italien, mit dem regelmäßigen Winteraufenthalt in Rom, den er Studien auf dem Gebiete der alten Kunst widmete. Namentlich beschäftigte ihn die Herstellung von Gemmennachbildungen in farbigen Glaspasten, durch die er eine wohlgeordnete ausführliche bildliche Darstellung der ägyptischen, griechischen und römischen Mythologie, sowie einer Geschichte Roms zusammenbrachte. Sie gefiel dem Dichter Shukowski, der sich in Begleitung des russischen Thronfolgers in Rom befand, so gut, daß der Großfürst sie auf seinen Rath ankaufte. Ein Abdruck dieser Sammlung in Gyps ist im esthländischen Provinzialmuseum zu Reval. – Im Herbst 1839 verließ T. Italien, stellte sich dem Kaiser Nikolaus bei dessen Anwesenheit in Wien vor und erhielt die Ermächtigung, wohin er immer wolle reisen zu dürfen. Er benützte diese Erlaubniß sogleich nach Paris zu gehen, dessen Besuch damals russischen Unterthanen versagt war, und kehrte über die Schweiz, Berlin und Warschau im Herbst 1840 in die Heimath zurück. Noch im selben Jahre erhielt er gelegentlich seines 25jährigen Dienstes im Officiersrange das Georgenkreuz 4. Classe. Der Ausführung seiner Absicht, wieder activ in die Armee zu treten, etwa den Feldzug gegen Chiwa mitzumachen, wirkte eine entscheidende Wendung in seinem Lebensgange entgegen, indem ihm nach dem Tode seines Oheims Friedrich Ludwig v. T. der Besitz des von seinem Großoheim Karl Gustav v. T. 1780 gestifteten Familienfideicommisses, des Gutes Kuckers im wirländischen Kreise Esthlands, am 24. Juni (6. Juli) 1841 auf dem satzungsmäßigen Wege des Looses unter den gleichberechtigten Eventualerben zufiel. Damit war Robert v. T. die Bahn seines gemeinnützigen Wirkens in der Heimath gewiesen. Auch suchte er in der Folge um seinen Abschied aus der Armee an und erhielt ihn am 7. (19.) November 1852 als Obrist der Cavallerie mit Uniform und voller Pension in ehrenvollster Weise.

Der Antritt von Kuckers bot dem Besitzer keineswegs nur eine behagliche Existenz, sondern legte ihm als nunmehrigem Familienhaupte auch sehr bestimmt umschriebene Pflichten für die Verwaltung des Stiftungsvermögens und [418] für das Wohl der bedürftigeren Familienglieder auf; er stellte an ihn ferner das Ansinnen, die mit dem Fideicommiß verbundenen Sammlungen an Büchern, Urkunden und Münzen von provinzialgeschichtlichem Interesse zu pflegen und zu vermehren. Das war vom Vorgänger in reichem Maaße geschehen. Durch 28 Jahre im Besitze des Gutes, hatte er die Stammtafeln von 46 esthländischen Adelsgeschlechtern, darunter die Hälfte aus der Ordenszeit, ausgearbeitet, die überkommenen 46 Urkunden um 698 vermehrt und eine Sammlung vaterländischer Münzen zusammengebracht, die vielleicht die reichste Privatsammlung in Esthland geworden ist. Auf diesem Wege schritt der Obristlieutenant Robert v. T. fort, von der Empfindung erfüllt, „daß Männer, welche im Besitz von unveräußerlichen Familiengütern sich befinden, mehr als andere sich verpflichtet fühlen müssen, dem Lande ihre geistige Thätigkeit zu widmen“. Schon früher in Reval mit geschichtlichen Studien beschäftigt, gab er sich jener Verpflichtung mit demselben Eifer und Erfolge hin, mit dem er seine wirthschaftlichen Aufgaben löste. Bereits nach zehn Jahren hatte er den Kuckers’schen Urkundenschatz auf über 2000 Nummern gebracht und plante, sie durch den Druck der Oeffentlichkeit zu übergeben. Als 1853 die Mitwirkung des baltischen Rechtshistorikers und Begründers des Liv-, Esth- und Kurländischen Urkundenbuchs Dr. Friedrich Georg v. Bunge für das Unternehmen gewonnen wurde und Baron T. sich zur Tragung der Kosten des Werks entschloß, ward es in bedeutend erweitertem Umfang in Angriff genommen. Der erste Band des ersten Theiles der „Est- und livländischen Brieflade. Eine Sammlung von Urkunden zur Adels- und Gütergeschichte Est- und Livlands in Uebersetzungen und Auszügen“, die dänische und die Ordenszeit in 1508 Nummern umfassend, erschien 1856. Das Jahr darauf brachte den zweiten Band: die Register. Hatte v. Bunge die Redaction der ersten Abtheilung und namentlich die Uebertragung der Urkunden ins Hochdeutsche, was für den populären Zweck des Werkes geboten war, übernommen, so lieferte er in der zweiten Abtheilung nur das Wort- und Sachverzeichniß, während T. die Personen- und Ortsregister ausarbeitete. Das Vorkommen einer nicht geringen Zahl von Namen bisher ganz unbekannt gewesener Landesherren und Ordensbeamten Esth- und Livlands im Personenregister brachte den Verfasser auf den für die wissenschaftliche Behandlung der livländischen Ordenszeit epochemachenden Gedanken, Amtslisten der Gebietiger nach ihrer Würde und Zeitfolge unter Benutzung aller ihm zugänglichen Quellen und Hülfsmittel zusammenzustellen. Der erste Versuch dieser Chronologie, der für die Ordensbeamten auch noch nicht überholt ist, ward in der erwähnten Registerabtheilung als Anhang veröffentlicht. Die Arbeit an der Vervollständigung dieser seiner eigensten wissenschaftlichen Lebensaufgabe und an ihrer Controle durch die Herbeiziehung der von den Gebietigern geführten amtlichen und persönlichen Siegel und der von ihnen geschlagenen Münzen hat den Forscher nie wieder ruhen lassen, wenn auch an ihrer selbständigen Vollendung ein schweres Augenleiden in seinen letzten Lebensjahren ihn behinderte. Es war ihm noch vergönnt, die beiden jüngeren Gelehrten, welche sich der Herausgabe einerseits der Chronologie, andererseits des Textes zu den schon lang von ihm selbst fertiggestellten Siegel- und Münzabbildungen zu unterziehen entschlossen, mit seinem ehrenvollen Auftrage zu betrauen; aber vor der Inangriffnahme der Arbeit war er schon entschlafen. Inzwischen war bereits 1861 und 1864 der zweite Theil der „Brieflade“, die schwedische und polnische Zeit von 1561 bis 1697 in 1065 Nummern unter Mitwirkung von Eduard Pabst herausgegeben. Der dritte Theil erschien dann als „Chronologie der Ordensmeister über Livland, der Erzbischöfe von Riga und der Bischöfe von Leal, Oesel-Wiek, Reval und Dorpat. Aus dem Nachlasse von Baron Robert von Toll herausgegeben von Dr. Philipp [419] Schwartz“ 1879; der vierte 1887 unter dem Titel: „Siegel und Münzen der weltlichen und geistlichen Gebietiger über Liv-, Est- und Curland bis zum Jahre 1561 nebst Siegeln einheimischer Geschlechter. Aus dem Nachlasse von Baron Robert von Toll mit Hinzufügung eines Textes für die Siegel herausgegeben von Dr. Joh. Sachssendahl.- Mit 87 Tafeln“. Diese letzten zwei Theile bezeugen Toll’s geistige Durchdringung und geschichtliche Auffassung des von ihm zusammengebrachten Urkundenmaterials und vermögen in der strengen Durchführung ihrer Methodik für die Siegellehre weithin grundlegend und vorbildlich zu wirken.

An der Est- und Livländischen Brieflade war der Dragonerobrist zum Kenner der Landesgeschichte geworden. Mit regstem Eifer verfolgte er alle Spuren, die zur Entdeckung neuer Quellen wiesen. Lebhafter Verkehr mit Geschichtsforschern nach allen Seiten hin förderte ihn in seinem rastlosen Bemühen. Behufs der sphragistischen Studien hatte er die Ausbeutung des schwedischen Reichsarchivs ins Auge gefaßt und zur gründlichen Vorbereitung hierauf sich ein eben erst nach Livland gelangtes älteres schwedisches ungeordnetes Verzeichniß von Urkunden verschafft, die 1621 von Mitau nach Schweden entführt sein sollten. Mit sicherem Blicke ersah er aus dem Register, daß das verloren geglaubte livländische Ordensarchiv sich im Reichsarchiv zu Stockholm befinde, und forderte den Dorpater Professor Karl Schirren auf, im nächsten Sommer 1860 ihn nach Stockholm zu begleiten, um die Annahme durch ernste Nachforschung zur Gewißheit zu erheben. So geschah es. Die Erwartung traf in ausgedehntestem Maaße zu. Während T. den Siegeln nachging und sich mit deren galvanoplastischer Darstellung nach von den Originalen gewonnenen Guttaperchaabdrücken beschäftigte, auch ihre Gravirung auf Kupfer mittels der Wagnerschen Reliefmaschine kennen lernte, hob Schirren den wiedergefundenen Schatz des alten Ordensarchivs und anderes mehr, sodaß als Ergebniß dieser und der im folgenden Sommer von ihm wiederholten Reise nach Stockholm und Kopenhagen sowol ein „Verzeichniß livländischer Geschichtsquellen in schwedischen Archiven und Bibliotheken“ von 232 kleingedruckten Seiten in gr. 4° (Dorpat 1861–68), wie eine Textausgabe von „Quellen zur Geschichte des Untergangs livländischer Selbständigkeit“ aus schwedischen und dänischen Archiven in elf Bänden (Reval 1861–85) herausgegeben werden konnte. – Die fast beispiellose Liebe, von der T. für die heimathliche Geschichte beseelt war, und die Opferfähigkeit, zu der sie ihn antrieb, auch wenn deren Ziel keineswegs mit den besonderen wissenschaftlichen Aufgaben, die er sich gestellt, zusammenfiel, erhellt weiter aus seinen Bemühungen, die Zamojskische Handschrift der Chronik Heinrich’s von Lettland, der Grundlage baltischer Geschichtskunde, zu erlangen, von deren Existenz ihn im December 1862 der Akademiker Kunik in St. Petersburg nach einer Notiz Bielowski’s in einer Lemberger polnischen Zeitschrift unterrichtet hatte. Endlich glückte es ihm, durch eine Reise nach Warschau im Herbst 1865, des Codex, der inzwischen von Dr. Wilhelm Arndt für die Ausgabe des Chronisten in den Monumenta Germaniae bearbeitet worden war, habhaft zu werden und ihn nach Dorpat für einige Zeit entführen zu dürfen, wo Dr. Eduard Winkelmann ihm eine Abschrift anfertigte, Schirren aber eine sorgfältige Variantenausgabe auf Grund des Gruber’schen Druckes in den Scriptores rerum Livonicarum mit mustergültiger Beschreibung des Codex besorgte. Eine eigene Untersuchung Toll’s ist noch im elften Bande der Mittheilungen der Gesellschaft für Geschichte und Alterthumskunde der Ostseeprovinzen „Zur Chronologie der Gründung des Ritterordens vom St. Marienhospital des Hauses der Deutschen zu Jerusalem“ (Riga 1868) veröffentlicht. Sie stellt die einzelnen Irrthümer des von Dudik aufgefundenen und in seinem Werk: Des hohen [420] deutschen Ritterordens Münz-Sammlung in Wien (Wien 1858) herausgegebenen ältesten Berichtes über die Gründung des deutschen Ordens zurecht. Es war aber dem Verfasser entgangen, daß schon 1861 Max Toeppen im ersten Bande der Scriptores rerum Prussicarum in einer der Beilagen zu Peter von Dusburg’s Chronik diese Arbeit besorgt hatte. Die später gewonnene Einsicht in das Ueberflüssige seines Unternehmens durfte sich mit der Genugthuung darüber paaren, daß die Ergebnisse beider Forscher die gleichen gewesen.

Der seltene Mann ging jedoch nicht im Historiker auf; er war auch ein außerordentlich wirthschaftlicher Verwalter des ihm zum Nießbrauch und zur Mehrung zugefallenen Besitzes, ein hervorragender Anreger und Förderer landwirthschaftlichen Fortschritts, so in der Wiesencultur, in der Viehzüchtung, im Kartoffelbau. Als immer thätiger Gartenfreund widmete er sich lebhaft den mannichfachsten Acclimatisationsversuchen und suchte durch Gründung eines Esthländischen Gartenbauvereins solche Bestrebungen zu verallgemeinern. Ein Verehrer der Landschaftsgärtnerei wußte er seine Ent- und Bewässerungsunternehmungen zur landschaftlichen Verschönerung des Gutes zu verwerthen und zog zur Ausführung seiner Pläne einen geschickten, später sehr bekannt gewordenen Landschaftsingenieur (Stimming) auf mehrere Jahre nach Kuckers, worauf eine ganze Reihe Gutsbesitzer dem gegebenen Beispiel folgten. Auch für alle merkwürdigen Naturereignisse hatte er Auge und eine stets offene Hand, wenn es galt, ihre Erscheinung im Bilde festzuhalten und zu verarbeiten. Die schönen Versteinerungen im silurischen Kalk auf Kuckers’schem Gebiete haben dank der Freigebigkeit des Besitzers den Namen des Gutes in viele Museen, so in die zu Berlin, Straßburg, London, Stockholm u. a. getragen.

Ein Freund und väterlicher Berather seiner Bauern war er der Ansicht, daß der gesunde und conservative Sinn eines esthländischen Edelmanns eine befriedigende Lage des Bauernwirths und eine selbständige Stellung der Bauerngemeinde verlangen müsse, da sie die natürliche Bundesgenossenschaft des Gutsbesitzers sei. In früheren Jahrzehnten galt er den Gegnern auf den die Agrarfrage erörternden Landtagen wol als „Liberaler“; zu Anfang der sechziger Jahre, wo politische Reformen auf der Tagesordnung standen, hielt er an der corporativen Geschlossenheit der Landesverwaltung auch in der Justizpflege fest. Seine Ansicht sprach er in der Denkschrift aus: „Die estländische Landesverfassung und die Commissionsvorschläge zur Reorganisation der Landesbehörden vom September 1863. Als Msc. gedruckt“. Wie sein Vorgänger im Fideicommiß war er langjähriges Mitglied der Matrikelcommission der esthländischen Ritterschaft; der Landesjustizpflege diente er 1857–60 als Mannrichter und 1862–68 als Landrath und Mitglied des Oberlandgerichts; von 1864–68 war er Oberkirchenvorsteher für Wirland. Ueber diese amtliche Thätigkeit hinaus betheiligte er sich an vielen communalen Interessen des Landes und der Stadt Reval, in der er für die Familienstiftung einen stattlichen Burgsitz auf dem Domberge erworben hatte. So gehörte er zu den Männern, die zuerst um das Zustandekommen einer Eisenbahn durch Esthland bemüht waren; so nahm er eifrigst Theil an der Begründung des esthländischen Provinzialmuseums, der Revaler Freiwilligen Feuerwehr und anderer gemeinnütziger Institute.

Im October 1843 mit Marie Irene Wilhelmine Gräfin Igelstrom vermählt, wurde er im August 1869 Wittwer. Zugleich entwickelte sich das Augenübel immer mehr, um deswillen er auch seine öffentlichen Aemter niedergelegt hatte. Auch verursachten die alten Wunden aus dem Polenkriege ihm plötzlich wieder Pein. Im Sommer 1870 unternahm er die letzte Reise ins Ausland, nach Gastein, wo er den Ausbruch des deutsch-französischen Krieges erlebte und seinen Gang mit dem Interesse des alten Officiers und der Begeisterung eines [421] deutschen Mannes verfolgte, die ihm die Kraft verlieh, am Tage der ersten Sedanfeier in Berlin in Jugendfrische sich zu tummeln. Die letzten sechs Jahre verbrachte er meist auf Kuckers in ungebrochener geistiger Spannkraft und Theilnahme an allem Wissenswerthen und Menschlichen, von der jüngsten Tochter unter seinen fünf Kindern mit Auge und Hand in seinen Studien und Beschäftigungen unterstützt. Am 7./19. December 1876 endete er sein thatenreiches Leben.

Die Vorworte der angeführten Werke. – Nekrolog in der St. Petersburger Zeitung Nr. 332 vom 15./27. Decbr. 1876. – Ausführliche schriftl. Mittheilungen des esthländischen Ritterschaftssecretärs Baron Harald v. Toll.