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Artikel „Stolle“ von Gustav Roethe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 405–408, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stolle&oldid=- (Version vom 25. Oktober 2020, 17:26 Uhr UTC)
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Stolle hießen verschiedne Dichter des 13. und 14. Jahrhunderts. Ein 1215 oder wenig später in Kärnten oder sonst in der Nähe von Oesterreich gedichteter Scheltspruch Walther’s von der Vogelweide scheint einen St. als Vertreter unhöfischer, auf den Geschmack eines rohen Publicums speculirender Dichtung zu bekämpfen: unzweifelhaft denselben, den ein anonymer Spruch unter lauter österreichischen Dichtern zwischen Walther und Neidhart anführt und als ‚den [406] boc mit sange‘ charakterisirt. Wahrscheinlich also ein bürgerlicher Fahrender bajuvarischen Stammes, der mit der kräftig derben Kost seiner vielleicht etwas cynischen Lieder dem an der feinen höfischen Dichtung übersättigten Gaumen selbst der höfischen Hörer zusagte und ein robusterer Vorgänger Neidhart’s gewesen sein wird.

Besser ist uns der mitteldeutsche (hessische oder thüringische) Spruchdichter Meister Stolle bekannt, dessen Sprüche die Jenaer Meisterliederhandschrift eröffnen. Daß er anfangs 1256 in Baiern sich aufhielt, machen zwei Sprüche wahrscheinlich, welche die Hinrichtung der Herzogin Maria zornig beklagen; daß er noch nach 1273 dichtete, bezeugt der Spruch, mit dem er sich an dem typischen Geschelte auf König Rudolf’s Geiz betheiligt; daß er alt geworden ist, darf man vielleicht aus der persönlichen Fassung seines Räthsels vom Alter folgern, doch ist dieser Schluß bereits ganz unsicher. Und alle andern Daten, die man aus Stolle’s Sprüchen gewinnen wollte, sind unerweisbar oder beruhen auf unechten Gedichten. Die Zahl der echten Dichtungen Stolle’s ist darum sehr schwer zu bestimmen, weil er keine besondere Strophenform anwandte, sondern sich ausschließlich der langzeiligen, ursprünglich wol zehn-, schon bei St. meist vierzehnreimigen Almende bediente: diese Almende aber war, wie schon der Name andeutet, Gemeingut, von dem nachweislich noch fast ein halbes Dutzend bekannter Dichter Gebrauch gemacht hat, von den anonymen ganz abgesehen. Daß die Ueberlieferung der Meistersänger St. außerdem noch ein paar Töne, einen Blüth-, hohen, (Rosen-, Pflug-) Ton beilegt, ist natürlich ebenso werthlos, wie ihre Angabe, der alte Stoll habe Stephan geheißen und sei Seiler oder Barbier gewesen. Inhalt und Form seiner beglaubigten Dichtungen weist den Meister St. in die Reihe der mitteldeutschen Spruchpoeten; von seinem langen Aufenthalt im Süden Deutschlands zeugen nur leise Spuren höfischer und technischer Schulung. Daß die Lust des Frauendienstes ihn gestreift, verräth weniger ein allgemein gehaltenes Frauenlob, als die ausschließliche Bevorzugung, die er in den dankenden und bittenden Sprüchen seiner Frömmigkeit der Himmelskönigin zollt: redet er sie doch gar ganz höfisch ‚Ihr‘ an. Auch die Gnade Gottes selbst betont er zwar einmal in polemischem Gegensatz zum Hardegger, der mehr die Gerechtigkeit Gottes hervorgekehrt hatte; sonst aber werden Gott und Jesus von ihm lediglich angerufen, wo es ihm gilt, die pflichtvergessene Geistlichkeit, die der Laien spottet, den Glauben fälscht und nur der Habsucht fröhnt, zu strafen. Denn auch St. vereinigt, wie das zumal seit Walther traditionell ist, fromme Gläubigkeit und bittern Pfaffenhaß. Doch beruft er sich gern auf weise Pfaffen und Prediger, eine gelehrte Neigung, die auch in lateinischen Brocken, in Citaten aus der Bibel und andern Büchern u. s. w. durchbricht. Der heiligen Katharina gedenkt er, um die unschuldsvolle Dulderin Maria von Baiern durch diesen Vergleich zu ehren. Merkwürdig genug ist ihm der Pfad zum Himmel grade und einfach, der zur Hölle tief, krumm und naß: aber eine derartige, dem biblischen Gleichniß stracks entgegenstehende Vorstellung ist auch sonst geläufig, z. B. bei Raumsland, an den St. öfter noch anklingt. Gleichnisse verwendet er gern: die beliebte Fabel von der erfrornen Schlange warnt ihn davor, dem ungetreuen zu dienen; mit Löwenstimme und Straußenaugen stattet er, wol einer Anregung Reinmar’s v. Zweter folgend, den rechten Herren aus; in einer Variation der berühmten Meneniusfabel erläutert er das Unglück, das ein schlechter Papst der Christenheit bedeute; die Bestrafung des Unkrauts, die von der novalesischen Chronik Held Walther nachgesagt wird, dient St. zur Mahnung an die Herren, recht Gericht zu halten; der Esel in der Löwenhaut belegt die Vergänglichkeit alles Scheinwesens. Wenn nun mit diesem selben Beispiel eine verbreitete Hofzucht einsetzt, so ist’s vielleicht kein Zufall, daß auch St. einen Spruch [407] dem Thema der Hofzucht widmet, freilich in einer grobianischen Umkehrung, die St. zum Vorläufer einer später überaus verbreiteten satirisch-komischen Stilart macht. Es ist ihm im Grunde grimmiger Ernst mit seiner grobianischen Lehre: daß Zucht und Sittlichkeit, daß Kunstsinn und Gerechtigkeit den Herren abhanden gekommen sei, denen er darum entschlossen sein Lob kündigt, diese ewige Klage der Fahrenden erklingt bei ihm oft, eindringlich und nicht so gedankenlos geschenkgierig, wie bei den meisten. Es macht ihm Sorge, wie eine neue Pseudo-Aristokratie des Geldes emporkommt, die der alten der Geburt nicht das Wasser reicht, und wie die armen edeln Ritter bei allen ihren Verdiensten keine Würdigung mehr finden. Und das grobianische Element, das sich in jener Lehre aussprach, verführt ihn wol auch zu Kraftworten des Zornes, deren ärgstes er, verkleidet als Beichtvater, einem sterbenden reichen Geizhals ins Gesicht schleudert. Er bereitet diese Pointe durch einen Dialog vor, wie er denn diese Form so gern gebraucht, wie kaum ein andrer Spruchdichter. Zwar ist ein Gespräch zwischen Keie und Gawan über die beste Art des Hofdienstes, das die Jenaer Hs. ihm beilegt, nicht sein Eigenthum; aber ein König unterredet sich bei ihm mit einem weisen Manne, die Treue wechselt mit der Untreue, die Wahrheit mit der Unwahrheit erregte Worte. Der Redende wird dabei jedesmal gewissenhaft angegeben. Das erweckt mehr den Schein regelmäßiger Anapher, als sie beabsichtigt ist: dagegen entspricht der strafferen oberdeutschen Anapher sein Spottspruch auf König Rudolf, der mit höchst belustigender Beharrlichkeit jedes Lob, das er dem Fürsten spendet, durch den eintönig constanten Zeilenanfang ‚er gibt doch Nichts‘, kreuzt. Aber gerade hierin ist Stolle’s technische Abhängigkeit von einem oberdeutschen Vorbilde unzweifelhaft. Reim und Wortschatz Stolle’s enthält sich des dialektischen überwiegend; ob in Stolle’s Versbau nicht bereits Anfänge der Silbenzählung durchblicken, läßt die mangelhafte Ueberlieferung nicht sicher erkennen. Ein derber Geselle, auch in der Wahl der Mittel nicht fein, wird St., rührend wie fromm erhebend, belustigend wie schimpfend, seine Hörer sicher gepackt haben. Ein Zeugniß für die Beliebtheit seines Namens ist es immerhin, daß die Meistersinger, die ihm die Almende zuschreiben, den alten Stoll unter ihre zwölf alten Meister aufgenommen haben.

Schon das Epitheton ‚der alte‘ verräth uns, daß die Meistersänger auch einen jungen Stolle kannten. Von ihm meldet die Colmarer Handschrift, er habe nur die drei Bare gedichtet, die sie mittheile, und sei dann gestorben. Aber ihr Zeugniß wird dadurch entkräftet, daß eben die Strophen, die sie dem jungen St. gibt, theils geradezu als Eigenthum des jungen Spervogel bezeugt sind (s. A. D. B. XXXV, 143), theils in der Strophenform diesem nahe stehen. Andere Meisterliedersammlungen nennen den jungen St. Friedrich, und legen auch ihm, wie dem alten St., den hohen und den Blüthton bei, dies höchst wahrscheinlich mit Unrecht. Dagegen ist ebenso wahrscheinlich sein Eigenthum der 28reimige lange Ton, den z. B. die Steirer Handschrift, die den alten Meister und den alten Nachdichter Stoll sorgsam sondert, ihm zuweist. In diesem langen Ton hat nun eine Weimarer Handschrift ein Gedicht, unterschrieben ‚Dichts Fridrich Stoll‘, das in der ersten Person erzählt, wie St. von Marburg nach Mainz zog und dort in der Herberge mit Frauenlob und Regenbogen zusammentraf; ihre edle Kunst befreundet sie schnell; die großen Meister bezahlen ihm schließlich die Zeche und schenken ihm ein Rosenkränzlein. Die Glaubwürdigkeit dieser an sich gar nicht unwahrscheinlichen Geschichte wird freilich dadurch erschüttert, daß wir widerlegbare Schulfabeln von genau demselben Typus haben. Aber wenn wir das Typische abziehen, bleibt doch bestehen, daß der Erfinder des langen Tons ein Friedrich Stoll aus Marburg war.

Der älteste Stolle bei Walther von der Vogelweide (hsg. von Lachmann) [408] 32, 11 und Minnesinger, hsg. von v. d. Hagen III, 31b; vgl. Schönbach, Anzeiger f. d. Alterth. IV, 7. – Die Sprüche Meister Stolle’s gab von der Hagen heraus in den Minnesingern III, 1–10; vgl. dazu IV, 706 fg. und Die Gedichte Reinmar’s v. Zweter, hsg. von Roethe S. 254, 270. Durch die schwache Leipziger Dissertation von W. Seydel, Meister Stolle nach der Jenaer Handschrift (Leipzig 1892), bin ich in keiner Hinsicht gefördert worden. – Zum jungen Stoll vgl. Meisterlieder der Colmarer Handschrift, hsg. von Bartsch S. 73. 168. 523; Germania XXVIII, 43 f.; Germanist. Studien II, 232.