ADB:Schmelka, Heinrich Ludwig

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Artikel „Schmelka, Heinrich Ludwig“ von Raphael Löwenfeld in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 634–636, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schmelka,_Heinrich_Ludwig&oldid=- (Version vom 30. Oktober 2020, 19:29 Uhr UTC)
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Schmelka: Heinrich Ludwig S., † am 27. April 1837 zu Berlin, ausgezeichneter Komiker und Darsteller komischer Charakterrollen. Ueber seinen Geburtsort und seine Abstammung bewahrte er sein Leben lang ein hartnäckiges Schweigen. Erst einige Tage vor seinem Tode offenbarte er das Geheimniß seiner Geburt, das für seine Richtung und seine Schicksale sehr bestimmend gewesen zu sein scheint. Er war der Sohn eines vermögenden Adligen, eines Herrn v. L., nach anderen eines Freiherrn v. S. aus einer sehr bekannten Familie, und war nicht, wie alle seine Collegen und Freunde glaubten, in Riga, sondern in [635] Schwedt geboren. Das Jahr seiner Geburt läßt sich mit Sicherheit nicht angeben. Bei seinem Tode hielt ihn seine Umgebung für einen Mann von 65 Jahren, demnach wäre er 1772 zur Welt gekommen. Ueber seine Mutter ist nichts bekannt. Seine Jugend scheint aber in glücklichen Verhältnissen verlaufen zu sein, denn er besaß eine genügende Bildung, und der Hang zur Jagd, die zu seinen Hauptvergnügungen gehörte, läßt auch darauf schließen, daß die ersten Jahrzehnte seines Lebens weniger von dem Kampf um das Alltägliche beherrscht waren als die späteren. Seine Zeitgenossen erzählten, er sei, ehe er sich der Kunst zuwandte, mit sogenannten spanischen Reitern umhergezogen und habe auf Märkten und in Buden die Menge durch Sprünge und Possen ergötzt. In vielen seiner Rollen wirkte er auch noch in späteren Jahren durch die Gelenkigkeit seines Körpers und durch eine überraschende Fertigkeit im Springen. Das Theater betrat S. zuerst in Riga, daher kommt es wohl auch, daß man in Deutschland die livländische Hauptstadt für seinen Geburtsort hielt. Er fand ziemlich früh den Weg nach Prag, wo er den Grund zu seinem Künstlerruhm legte. Er war hier eines der beliebtesten Mitglieder des ständischen Theaters, welches unter der tüchtigen Leitung von Schopf und Liebig stand. Er wirkte sowohl im Schauspiel wie im Singspiel. Von Prag kam er nach Breslau; hier schuf er „in tollster Kraft und Lebensfrische seine heitersten Rollen“, in welchen er dann an größeren Bühnen gastirte. 1817 trat er 11 Mal, 1818 15 Mal am Hoftheater zu Berlin auf. Sein eigentliches Gebiet indessen fand S. erst, nachdem er in Wien den berühmten Hasenhut gesehen und sich mit Eifer auf die Nachahmung dieses Meisters und auf die Erlernung der Wiener Mundart geworfen hatte. Er gewann eine so große Fertigkeit in der Localsprache, daß er sie mit Vorliebe auch außerhalb Wiens bis an sein Lebensende gebrauchte. In der Kunst der Darstellung war er Hasenhut überlegen, was auch die Wiener anerkannten. „Wahre komische Kraft – keine Pickelhäringsspäße. Das ist ein tüchtiger Mann“ – schreibt Costenoble in seinem Tagebuch nach Schmelka’s Gastspiel im Theater an der Leopoldstadt vom 18. Juni 1822, wo er in Kotzebue’s „Brandschatzung“ und Leoni’s „Diener zweier Herren“ den Elias Marder und den Truffaldino gespielt hatte. Besonders aber waren es die Stücke Bäuerle’s, deren genialster Vertreter auf der Bühne S. wurde.

Im J. 1824 ging er nach Berlin; er war der erste Künstler, der die Bretter des neuerrichteten Königstädtischen Theaters betrat. Gerade mit den künstlerischen Vorzügen, die er sich in Wien zu eigen gemacht hatte, errang er hier seine größten Erfolge. Das Localstück und die Mundart sprachen in Berlin umsomehr an, als hier noch beides fehlte. Er führte in Berlin ein sehr zurückgezogenes Leben, nur im Verkehr mit der Wittwe eines verstorbenen Collegen Scholz und einem Genossen seiner Kunst, Rott. Seine Gewissenhaftigkeit als Künstler, seine Verträglichkeit als College waren allgemein anerkannt. Als Bäuerle’s Stücke durch Raimund’s phantasiereiche Zauberspiele in den Hintergrund gedrängt wurden, begann auch der Stern des besten Darstellers seiner Rollen zu erbleichen, denn in den Raimund’schen Stücken übertraf ihn Spitzeder. Sogar auf seinem eigensten Felde erwuchsen ihm allmählich Nebenbuhler von Bedeutung. Er selbst hatte Beckmann aus Breslau nach Berlin an das Königstädtische Theater berufen, und der Schüler wuchs dem Meister bald über den Kopf. Als mit den Jahren der Mangel an Gesangsgabe sich immer fühlbarer machte, und die Schwäche seines Gedächtnisses merklich zunahm, fühlte er sich immer mehr zurückgedrängt und litt auch seelisch darunter. Er wohnte in den letzten Jahren auf einem kleinen Besitz in Pankow bei Berlin. Hier starb er am 27. April 1837, nachdem er noch einige Tage vorher, schon in ernst leidendem Zustand, den Herrn v. Pappendeckel in den „Schwestern von Prag“ gespielt hatte. Tausende folgten [636] seiner Bahre. Am Abend vor der Bestattung hatte Beckmann durch ein wohlgelungenes Couplet auf den Verstorbenen in Pankow hingewiesen, der sonst von der Bühne herab ein hundertköpfiges Publicum erheitert hatte, und das hatte genügt, um Alles, was in Berlin Sympathieen für das Theater hatte, zur Theilnahme aufzurufen.

Das Verzeichniß seiner Rollen ist ein sehr großes; die folgenden seien hier aufgeführt, um die Richtung seines Talents und seine Vielseitigkeit zu kennzeichnen: Lämmlein in Holtei’s „Trauerspiel in Berlin“, Hohes Alter in Raimund’s „Bauer als Millionär“, Rechenmeister Grübler in „Jurist und Bauer“, Staberle in „Bürger in Wien“ von Bäuerle, Schloßinspector Pünktlich in „Kunst und Natur“, Marder in „Brandschatzung“, Zeckerl in „Freund in der Noth“, Magister Lassenius in „Hofmeister in tausend Aengsten“, Notar Vorteil in „Nr. 777“, Bürger van Dielen in „Peter I. in Saardamm“, Murchel in Angeli’s „Postwagen-Trübsale“, Fähnrich Rummelpuff in „Die falsche Primadonna“, Lorenz im „Hausgesinde“. Die Wirkung seiner schauspielerischen Leistungen führen die Zeitgenossen auf die eigenthümliche Verbindung von Komik und Ernst zurück, die man auch Raimund nachsagt.

Auch litterarisch war S. für die Bühne thätig. Eine Hamlet-Travestie aus seiner Feder hatte großen Erfolg, und eines seiner Lustspiele, „Wenn nur die Rechte kommt“, ist auch (in Holtei’s Theater-Almanach, Jahrg. 1821) im Druck erschienen.

Siehe Almanach für Freunde der Schauspielkunst auf das Jahr 1837, herausgeg. v. L. Wolff. Berlin 1838. – Gubitz, Der Gesellschafter, 1837. – Wurzbach, Biogr. Lexikon, 30. Thl. Wien 1875.