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Artikel „Myconius, Oswald“ von Karl Friedrich Ledderhose in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 127–129, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Myconius,_Oswald&oldid=- (Version vom 1. Mai 2024, 21:57 Uhr UTC)
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Myconius: Oswald M. ist im J. 1488 in der Stadt Luzern geboren. Seinen Geburtstag kennt man nicht. Sein Familienname ist Geißhüßler. Von seiner Familie weiß man nichts. Es scheint, daß sein Vater eine Mühle besessen hat, da der Sohn zu seinem Taufnamen den des Müllers (Molitoris) beifügte, ehe er sich Myconius nannte, den ihm Erasmus gegeben haben soll. Seine Eltern schickten ihn nach Rottweil am Neckar in die Schule, die damals in gutem Ansehen stand. Als der bedeutende Lehrer dieser Anstalt Michael Rubellus einem Rufe nach Bern folgte, zog M. nebst anderen tüchtigen schweizer Jünglingen ihm dorthin nach. Im J. 1510 ging er auf die Universität in Basel und beschäftigte sich mit den alten Classikern. War doch ein Jahrhundert vorher das Studium der alten Classiker erneuert worden. Der Humanismus ging der Reformation voraus und hat ihr großen Segen gebracht. Nach vierjährigen tüchtigen Studien wurde ihm vom Rath von Basel die Schullehrerstelle von St. Theodor, später die zu St. Peter übertragen. Damals trat er trotz seines spärlichen Einkommens in den Ehestand. Der Name der Erwählten ist nicht bekannt. Hier erfreute er sich des Umgangs des Erasmus von Rotterdam, sowie des hochberühmten Malers Hans Holbein des Jüngeren. Aber schon im J. 1516 nahm er einen Ruf an die Stiftsschule in Zürich an, und gab bald eine Schrift über die Schweiz heraus, in der bereits Aeußerungen fielen, die an die bald erfolgte Reformation anklingen. Auch stand er mit Ulrich Zwingli, der damals in Einsiedeln lehrte, in Briefwechsel und suchte in Zürich auf die Berufung des von ihm hochverehrten Mannes hinzuwirken. Zwingli trat am 1. Januar 1519 als Leutpriester sein Amt am großen Münster an. Doch währte seine Verbindung mit M. nicht lange, denn der tüchtige Schulmann, mit dem bedeutende Gelehrte in Briefwechsel standen, wurde von seiner Vaterstadt Luzern an die dortige Schule des Stifts berufen. Der Abschied von Zürich und namentlich von Zwingli ging ihm nahe. Er fand in Luzern noch seine alten Eltern und manche Freunde, aber als er mit seinen hauptsächlich durch Zwingli gewonnenen Ueberzeugungen offen hervortrat, erregte er bei den meisten Luzernern Anstoß, so daß selbst Zwingli ihm Vorsicht anrieth. Doch M. drang immer mehr in das Innere des Christenthums. Da mußte er sich denn „der lutherische Schulmeister“ [128] schelten lassen und wurden ihm sogar auf der Straße beleidigende Worte nachgerufen, ja er mußte sich sogar vor dem Rath zwei Mal vertheidigen. Er that es mit Würde und blieb unangefochten in seinem Amte. Seine Stellung wurde ihm jedoch immer unbehaglicher und er sehnte sich nach seinem geliebten Zürich zurück. Diese Sehnsucht wurde rascher erfüllt als er wohl ahnte. Ohne weitere Begründung wurde er seines Amtes entlassen. Er gehörte zur „lutherischen Secte“, und das war genug, um ihn auf die Gasse zu setzen. Da veranlaßte ihn der Administrator des Klosters Einsiedeln, der wohlgesinnte Diebold von Geroldseck, nach Einsiedeln zu kommen und den jungen Mönchen Vorlesungen zu halten. Hier zeigte sich viel Empfänglichkeit für die reine Lehre. Nach wenigen Monaten verließ er jedoch Einsiedeln, und seinem Zwingli hatte er es zu verdanken, daß er als Lehrer an der Frauenmünsterschule in Zürich angestellt wurde. Wie er hier Schule gehalten, das hat uns einer seiner besten Schüler, Thomas Plater, getreulich geschildert. Ueberhaupt ist das Leben dieses Schülers mit dem seines Meisters innig verflochten. Hier in Zürich war es, wo M. seine Gaben nicht blos der Schule widmete, sondern sie auch in den Dienst der Kirche stellte. Er hielt nach Anordnung Zwingli’s Bibelstunden, wozu noch andere sprach- und bibelkundige Männer verwendet wurden. Der Rath beauftragte ihn dazu und setzte ihm einen Gehalt aus. Da zeigte sich bald, daß der Schulmeister auch ein guter Prediger sei. Eine kirchliche Ordination hat er nie erhalten. Seine Schule, der er vorstand, blühte, die Schülerzahl stieg bis auf siebenzig. Bei öffentlichen Disputationen trat er nicht auf, obwohl er mit seinem Herzen daran Theil nahm. Als Zwingli in der Kappler Schlacht geblieben war, war es Plater, der seinem Meister die Nachricht brachte. „Da fraget mich“, erzählt er, „mein Präceptor Myconius: Wie ist es gangen? Ist Meister Ulrich umkommen? Als ich sagt: Jo leider! da sprach er mit traurigem Herzen: Das müsse Gott erbarmen, nun mag ich in Zürich nit mehr bleiben“, „denn“, setzte Plater hinzu, „Zwingli und Myconius sind viele Jahre gar gute Fründ gsyn“. Zu diesem Schmerze kam noch ein anderer, daß ihm sein einziger hoffnungsvoller Sohn Felix starb. Damals reiste Plater nach Basel, um seine Studien wieder aufzunehmen. Bekannt mit dem Stiefsohn des berühmten Bürgermeisters Jakob Meier theilte Plater demselben mit, daß M. sich wohl für die frei gewordene Stelle zu St. Alban eignen würde. Es gelang, und Plater erhielt zu seiner Freude den Auftrag, M. zu holen. Als M. angekommen war, mußte er eine Probepredigt halten, er that es aus dem Stegreif so gewaltig, daß Dr. Grynäus zu Dr. Simon Sulzer sagte: „O Simon, Laß uns Gott bitten, daß uns der Mann bleibt, denn der kann lehren“. Am 22. Decbr. 1532 wurde er zum Prediger von St. Alban erwählt. Er kam um seine Entlassung in Zürich ein und siedelte nach Basel über. Wenige Wochen vorher hatte Oekolampadius, der Reformator Basels, seine Augen geschlossen. Wer sollte sein Nachfolger, oberster Seelsorger und Pfarrer werden? Man fiel auf den Pfarrer von St. Alban, der kaum seine Pfarrei angetreten hatte, im August 1532. „Unerwartet und befremdend ist mir Alles“, schreibt M. „Dringend bitte ich Gott, mich eher von der Erde wegzunehmen, als zuzulassen, daß durch meine Amtsführung seine Ehre geschmälert werde“. Mit seiner Stellung als Antistes war zugleich eine Professur an der Universität verbunden. Einen theologischen Grad suchte er nicht allein nicht, sondern erklärte sich sogar auf das entschiedenste dagegen. Weil man seine wissenschaftliche Tüchtigkeit kannte, so ließ man ihn gewähren. Der unruhige Karlstadt, welcher ebenfalls an der Universität lehrte, machte ihm viel Verdruß. Er ließ sich aber nicht stören, namentlich nicht in der Ordnung des Kirchenbannes, und er trat darin ganz in die Fußstapfen Oekolampad’s. Schon auf der ersten Synode im J. 1533 legte er [129] ein entschiedenes Bekenntniß ab, sowohl was die Lehre als auch den Wandel betrifft. Namentlich drang er auf einen würdigen Wandel der Geistlichen. Die Obrigkeit ging damals Hand in Hand mit der Kirche und es wurde strenge Sittenzucht geübt. Wenn auch M. alles that, um dem Worte Gottes Bahn zu machen in die Herzen der Menschen und seine Geistlichen dazu anzuleiten, so war und blieb ihm doch die Hauptsache, als Bote des Heils den Gemeinden gegenüber dazustehen. Das ist auch der Inhalt seines Hirtenbriefes an die Decane der Landschaft im Februar 1534. Schon vorher war das Glaubensbekenntniß von Basel veröffentlicht worden. Oekolampad hatte den Grund dazu gelegt und M. es ausgeführt. Auch Mühlhausen im Elsaß hatte es angenommen. In der Lehre vom h. Abendmahl ist es nicht mehr Zwingli, an dem M. früher so sehr hing, sondern mehr die calvinische Lehre, welcher die Basler Confession huldigte. Auch für die Schule trat M., der alte Schulmeister, kräftig ein. Der Geistlichkeit wurde die Aufsicht über die niederen Schulen übergeben. Ueberall ist es die Vermittelung, die M. liebte. Das sieht man am deutlichsten in der Lehre des h. Abendmahls, wie er sie in seinem Commentare zu Marcus niedergelegt hat. Er hatte ein theilnehmendes Herz für die verfolgten Protestanten und stimmte darin ganz mit Basel, welches die aus Frankreich vertriebenen Protestanten bei sich aufnahm. Das Haus des M. stand offen für Flüchtlinge, Calvin und andere fanden bei ihm Herberge. In den Trübsalseiten der Kirche, die er erlebte, „nehme ich“, sagt er, „meine Zuflucht zu Gottes Wort und zum Gebet, und dann offenbart er sich mir wieder in neuem Licht“. In besonderen Freundschaftsverhältnissen stand er zu Bullinger in Zürich. Zürich blieb seinem Herzen überhaupt immer von Interesse, aber auch die anderen reformirten Kirchen der Schweiz standen mit M. in Verbindung. Hie und da wurde er um Gutachten ersucht. Ueberall war es ihm darum zu thun, die Einigkeit im Geiste aufrecht zu erhalten; zudem bewahrte er eine vaterländische Gesinnung als guter Schweizer. Er schämte sich nicht, sich öffentlich als Luzerner zu bekennen. Wir besitzen von M. kein größeres dogmatisches Werk. Er schrieb eine kurze Biographie Zwingli’s. Was ihn auszeichnete, war die Schrifterklärung. Noch in späteren Jahren legte er sich eifrig auf die hebräische Sprache. Daß er darin und namentlich im Griechischen tüchtig war, beweist sein Commentar zu Marcus, der an praktischen Gedanken fruchtbar ist. Seine Predigten waren einfach und auf tüchtige Schrifterklärung gegründet. Er konnte auch ernstlich die Laster strafen. In seinem Leben suchte er sich als Christ zu erweisen. Er hatte auch trübe Zeit durchzumachen, aber er sagt: „Nirgends finde ich Ruhe, als in dem Herrn“. Als die Pest in Basel eingedrungen war, ergriff sie auch ihn in der Kirche, so daß er die Kanzel verlassen mußte. Doch genas er wieder, aber nicht lange mehr währte sein Lebenslauf. Im Frühling 1551 traf ihn mitten in der Predigt ein Schlag. Er mußte nach Hause getragen werden. Er erholte sich nie ganz, und als die Pest aufs Neue einkehrte, ergriff sie auch ihn im October 1552, und am 14. entschlief er im 64. Jahre seines Alters. Nach wenigen Wochen folgte ihm seine Gattin. Simon Sulzer, sein alter Schüler und Nachfolger im Amte, hielt ihm die Leichenpredigt über 2. Tim. 4, 7.

Sein Leben ist beschrieben von Hagenbach, der auch ausgewählte Schriften beigefügt hat; ebenso von Kirchhofer: Oswald Myconius, Antistes der Baslerischen Kirche, Zürich 1813, und in Herzog’s Realencyklopädie.