ADB:Molique, Bernhard

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Artikel „Molique, Wilhelm Bernhard“ von Josef Sittard in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 22 (1885), S. 106–107, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Molique,_Bernhard&oldid=- (Version vom 23. September 2020, 04:35 Uhr UTC)
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Molique: Wilhelm Bernhard M., einer der größten Geigenvirtuosen aller Zeiten und zugleich vorzüglicher Componist. wurde am 7. October 1802 zu Nürnberg geboren, von seinem Vater, welcher dortselbst Stadtmusikus war, erhielt er den ersten Unterricht nicht nur auf der Violine, sondern überhaupt beinahe in allen musikalischen Instrumenten; doch das merkwürdige Violinspiel des sechsjährigen Knaben setzte schon damals Kunstkenner in Erstaunen, und er wandte bald seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit dem Studium der Violine zu. Im J. 1816 ließ ihn König Maximilian I. von Baiern, welcher auf das wunderbare Talent des Knaben aufmerksam gemacht worden war, nach München kommen, damit er beim ersten Soloviolinisten der Hofcapelle, dem berühmten Pietro Rovelli sich weiter ausbilde. Nachdem M. zwei Jahre ernstem Studium obgelegen, ging er nach Wien, woselbst er eine Stelle in dem Orchester des Theaters an der Wien erhielt. Ein Jahr darauf (1820) kehrte er nach München zurück, um die Stelle seines inzwischen in seine Vaterstadt Bergamo zurückgekehrten Lehrers Rovelli einzunehmen. Es möge hier gleich bemerkt werden, daß M. außer von seinem Vater und Rovelli von keinem andern Meister jemals Unterricht im Violinspiel erhalten hat und niemals ein Schüler Spohr’s gewesen ist, wie so oft irrthümlich behauptet worden. Im J. 1822 machte M., welcher auch ein fertiger Clavierspieler war, seine erste Kunstreise, welche ihn nach Leipzig, Dresden, Berlin, Hannover, Cassel u. s. w. führte und vom glänzendsten Erfolge gekrönt war. 1825 vermählte er sich mit der Nichte des Capellmeisters von Winter in München, Marie Wanney, um ein Jahr darauf einem Rufe als Musikdirector und erster Violinist nach Stuttgart zu folgen. Hier sollte sich auch sein erstaunliches Directionstalent immer mehr bewähren. Die jährlichen Kunstreisen, welche er von Stuttgart aus unternahm, verschafften ihm bald einen europäischen Ruf und die glänzendsten Anerbieten wurden von auswärts ihm gemacht; er lehnte dieselben jedoch alle ab, da es ihn immer wieder zu seinem Stuttgart zog. Ja, als im J. 1844, während seiner Anwesenheit in Petersburg, woselbst die Aufnahme seitens des Publicums eine glänzende war und die kaiserliche Familie ihn mit Ehren überhäufte, Kaiser Nicolaus ihm durch Baron Zoller sagen ließ, er möge sich einen Beweis seiner Huld ausbitten, da bat M. einfach um die schnelle Ausfertigung seines Passes. 1848 brachte er [107] die Saison in London zu; auch im Jahre 1849 ging er wieder nach England, um sich dann für immer dort niederzulassen, da die politischen Unruhen in Deutschland ihn bewogen hatten, den König von Württemberg um seine Entlassung zu bitten. Er blieb in London hochgefeiert und geschätzt, sowol als ausübender Künstler wie als Lehrer, namentlich in der Composition, bis zum J. 1866, in welchem Zeitraume er nur einmal, 1859, Deutschland besuchte. Eine schwere Erkrankung führte ihn 1866 nach seinem Vaterlande zurück; er ließ sich in dem Stuttgart benachbarten Cannstatt nieder, dort vergebliche Heilung seines Leidens suchend, welchem er am 10. Mai 1869 erlag. Die Section constatirte ein Geschwür im Gehirn. – M. war nicht nur einer der bedeutendsten Geiger aller Zeiten, sondern auch ein tüchtiger, mit reicher und gesunder Erfindung begabter Componist. Namentlich sind es seine 6 Concerte für Violine und Orchester (op. 4, 9, 10, 14, 21, 30), sowie seine Duos für Clavier und Violine (op. 33, 20, 24), welche zum Bedeutendsten der musikalischen Litteratur dieser Gattung gehören. Was Kraft und Originalität der Erfindung, thematische Arbeit und Noblesse der Factur betrifft, verdienen diese Werke das Prädicat klassisch in der vollsten Bedeutung des Wortes, und überragen die Spohr’schen Compositionen ganz entschieden. Das gleiche gilt von seinen acht Streichquartetten (op. 16, 17, 18, 28, 42 und 47) und seinen beiden Trios für Clavier, Violine und Violoncell op. 27 und 52. – Im Druck sind 68 Opera erschienen, unter denen wir außer seinen oben angeführten Compositionen noch sein Oratorium „Abraham“ op. 67 und seine Messe op. 72 hervorheben möchten. Auch eine Harmonielehre in englischer Sprache liegt im Druck vor, und in seinem handschriftlichen Nachlaß befindet sich u. A. eine Symphonie, ein Clavierconcert, eine Ouvertüre, Motetten u. s. w.

Wiener Zeitschrift vom 12. Januar 1839; Schwäbischer Mercur vom 21. Mai 1869. Familiennachrichten.