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ADB:Johann Wilhelm (Kurfürst von der Pfalz)

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Artikel „Johann Wilhelm, Kurfürst von der Pfalz“ von Arthur Kleinschmidt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 314–317, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Johann_Wilhelm_(Kurf%C3%BCrst_von_der_Pfalz)&oldid=- (Version vom 6. Dezember 2019, 21:18 Uhr UTC)
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Band 14 (1881), S. 314–317 (Quelle).
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Johann Wilhelm, Kurfürst von der Pfalz. Als erster Sohn zweiter Ehe des Kurfürsten Philipp Wilhelm von Elisabeth Amalie von Hessen-Darmstadt wurde J. W. in Düsseldorf am 19. April 1658 geboren. Seine Erziehung wurde völlig von den Jesuiten geleitet und er blieb zeitlebens unter ihrer Herrschaft; passiv und lenksam von Natur, fiel es ihm nie ein, ihr Joch drückend zu finden. Kirchlich und politisch waren sie seine Rathgeber, obgleich Kurpfalz fast ganz protestantisch war. Sie bildeten ihn durchaus nicht zum Regenten aus, weckten aber in ihm Kunstsinn und brachten ihm tüchtige Kenntnisse bei. Er bereiste die meisten europäischen Staaten und brachte viel Sinn für höfischen Prunk heim. Am 25. Octbr. 1678 heirathete er die Erzherzogin Maria Anna Josepha, Tochter des Kaisers Ferdinand III., die ihm aber nur zwei sofort wieder gestorbene Prinzen schenkte und am 14. April 1689 verblich. 1678 übernahm er die Verwaltung in Jülich und Berg und begünstigte überall die Katholiken; dem Wiener Hofe bezeugte er die tiefste Ergebenheit und seine Politik wurde vielfach von hier beeinflußt. Als J. W. am 2. Septbr. 1690 seinem Vater als „Kurfürst von der Pfalz“ und Erzschatzmeister des Reichs folgte, traf er sein Land als Einöde an. Mannheim war ein Steinhaufen, die Umgebung Heidelbergs durch die französischen Mordbrenner verwüstet, Heidelberg seiner schönsten Zierden beraubt und die überrheinischen Gebiete waren größtentheils in französischer Hand, Heidelberg zitterte vor einem neuen Ueberfalle. Darum begab sich der neue Kurfürst alsbald nach Düsseldorf und um nur die Bedürfnisse des Augenblicks bestreiten zu können, verpfändete er das Amt Boxberg [315] für 300 000 Gulden an Würzburg. Auch 1691 war die Pfalz links des Rheins von den Franzosen besetzt und auf dem rechten Ufer standen sich Franzosen und Kaiserliche gegenüber. Letztere lagen von Bretten bis Mannheim. J. W. suchte das öde Land wieder zu bevölkern, aber trotz aller Privilegien konnte bei der steten Kriegsnoth kein Wohlstand erblühen. Mannheim erduldete im Februar 1692 neue Unbilden durch die Franzosen und am 22. Mai 1693 überlieferte der feige Commandant Feldmarschall-Lieutenant von Heidersdorf Heidelberg, wo vier kaiserliche Regimenter lagen, den mit dem Vandalisms vertrauten Feinden. Fünf Regimenter plünderten die Stadt aus, überließen sich Bestialitäten jeder Art, zündeten die Stadt an, von der nur wenige Häuser den Flammen trotzten, schleuderten die Gebeine der Kurfürsten aus ihren Grüften auf den Marktplatz, rissen die Stadtmauern ein und vertrieben die unerhört mißhandelten Einwohner; die Universitätslehrer zerstreuten sich nach allen Richtungen. 1694 kamen dann die Franzosen nochmals und nahmen den Bettlern, die in den Ruinen Heidelbergs hausten, noch ihr Letztes weg, während Ludwig XIV. durch Münzen sein schmähliches Werk verewigen ließ. J. W. zeigte anfänglich tolerante Intentionen in Betreff der andersgläubigen Unterthanen und gewährte ihnen bei Eingriffen von Würzburg und Mainz Schutz; unter der französischen Herrschaft aber wurden die Reformirten furchtbar bedrückt, unduldsame Mönche verjagten oder tyrannisirten sie, und während Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg sich für sie in Düsseldorf verwandte, befehdeten sie sich bitterlich mit den Lutheranern, was dem katholischen Hofe große Genugthuung bereitete. Endlich kam im October 1697 der Ryswicker Friede zu Stande, in dem die Pfalz die durch die Reunionen und seit 1688 eingezogenen Landestheile sammt dem Oberamte Germersheim zurück erhielt und der Orleans’sche Erbfolgestreit einem Schiedsgerichte überwiesen wurde; aber zum Entsetzen der Protestanten mußte in diesen Gebieten die katholische Religion in Geltung bleiben. So sehr auch das Volk widerstrebte, führte der Hof eine katholische Reaction in der Pfalz durch; J. W. wich von der Toleranz seiner ersten Verfügungen ab und bekundete sich als echten Jesuitenzögling. Mit Ludwig XIV., dem Papste Innocenz III. und den Jesuiten conspirirte er, anstatt für Abhülfe der Landesnoth zu sorgen, gegen seine protestantischen Unterthanen. Mit hoher Freude erfüllte es ihn, daß Pfalz und Sachsen wieder katholische Kuren seien, er eiferte gegen die Erhöhung des protestantischen Hauses Hannover zur Kurwürde und hoffte auf Uneinigkeit unter den protestantischen Fürsten, die Religions halber gegen den Ryswicker Frieden sprachen. Es begann in der Pfalz ein kirchlicher Terrorismus ohne Rücksicht, und während der üppige Hof auf den Trümmern des zertretenen Landes tafelte und durch seine Bureaukratie Recht, Duldung und Wohlstand mit Füßen treten ließ, setzten die Jesuiten in frechster Offenheit die Bekehrung des Volkes, selbst durch Militärgewalt unterstützt, fort. Ludwig XIV., auf dessen Schutz J. W. baute, behandelte ihn mit keckem Uebermuthe, hemmte viele pfälzische Zölle, errichtete französische Zollstätten, behielt trotz des Friedensschlusses pfälzische Gebiete noch lange zurück etc., auf des Kurfürsten unterthänige Vorstellungen nicht achtend. Im Juni 1698 erschien J. W. in der Pfalz und nahm in Weinheim, wohin auch die Universität sich verlegte, Residenz. Unter dem Jubel der Jesuiten, die alsbald in Heidelberg, wohin die Hochschule 1700 zurückkehrte, festen Fuß faßten, wurden die unglücklichen Pfälzer durch Edikte gegen die Religion mißhandelt - von Toleranz war keine Rede mehr; Jesuiten und Kapuziner hatten gute Tage, die fleißigen französischen Réfugies wurden ausgewiesen. Die Beschwerden der Unterthanen veranlaßten das Corpus Evangelicorum in Regensburg und einzelne protestantische Reichsstände, voran Brandenburg, zu entschiedenen Vorstellungen bei J. W., doch blieben dieselben lange völlig erfolglos; erst als der König von [316] Preußen drohte, falls die pfälzische Regierung in ihrer Willkür fortfahre, werde er die Güter der katholischen Kirche in den Landen Halberstadt, Magdeburg und Minden einziehen, lenkte J. W. ein und schließlich kam die Religionsdeklaration vom 21. Novbr. 1705 zu Wege: völlige Religionsfreiheit wurde Allen zugesagt und jede gegentheilige Verfügung zurückgenommen, den Protestanten die Wählbarkeit zu allen öffentlichen Aemtern zugesichert, den Reformirten sollten 5/7 aller Kirchen in der Pfalz, den Lutheranern alle, die sie 1624 inne gehabt, zufallen. Die Religionswirren waren freilich hiermit nicht begraben.

J. W. sah mit Entrüstung, wie die armenischen Christen von den Ungläubigen bedrückt wurden, und 1698 regte ein armenischer Kaufmann, Israel Ory, in ihm die Hoffnung an, die Armenier würden römisch-katholisch und er König von Großarmenien werden; 1699 überbrachten Ory und ein armenischer Abt nach Düsseldorf, wohin der Kurfürst wieder übergesiedelt war, ein Schreiben der armenischen Oberhäupter, die ihm versicherten, es fehle ihnen weder an Geld noch an Soldaten, und ihm die Oberherrschaft und Krone Armeniens antrugen; sie wünschten von ihm nur wenige Hülfstruppen und ließen auch für seinen Bruder Karl Philipp (s. d.) die Aussicht auf eine weitere Krone durchblicken. J. W. ging voll Eifer auf die Angelegenheit ein, Ory legte ihm ein Gutachten über die in ihren Consequenzen hochwichtige Frage vor, wurde von ihm an den Papst, den Kaiser und den Czaren gesandt, aber durch den Ausbruch und Gang des spanischen Erbfolgekrieges brach das ganze Luftschloß eines armenischen Königreiches zusammen. – Nach dem Aussterben der Linie Pfalz-Veldenz (29. Septbr. 1694) erhob J. W. Ansprüche an ihr Gebiet, kam deshalb mit den gleich ihm prätendirenden Linien Zweibrücken, Birkenfeld und Sulzbach in Streit und besetzte am 27. Decbr. 1697 das Land – erst unter seinem Nachfolger Karl Philipp wurde der Streit am 29. Decbr. 1733 ausgeglichen und Lautereck mit Veldenz dauernd erworben. – Der Orleans’sche Erbfolgestreit wurde nach langen Verhandlungen durch den Papst Clemens XI. am 17. Febr. 1702 dahin entschieden, daß J. W. dem Verwüster seines Landes, Ludwig XIV., noch 300 000 Scudi auszahlte, wovon natürlich die Herzogin von Orleans keinen erhalten hat. Im spanischen Erbfolgekriege trat J. W. als treuer Anhänger des habsburgischen Hauses auf die Seite des Kaisers; über 10 000 Mann ließ er für ihn fechten, während sein Land vom Kriege wenig heimgesucht wurde. Dafür rastete er nicht, bis es ihm gelang, den Kaiser dahin zu bewegen, daß er ihm und seinen Nachfolgern in der Kur am 23. Juni 1708 wieder die erste Stelle im weltlichen Kurcollegium mit der Erztruchseßwürde, welche seit 1623 bei Baiern gewesen waren, einräumte und ihm die Oberpfalz nebst der Grafschaft Cham zurückgab; die Erzschatzmeisterwürde kam nun an Hannover und Baiern erhielt die achte Kur. Voll Freude hierüber erneuerte J. W. am 29. Septbr. 1708 den 1444 vom Herzoge Gerhard V. von Jülich gestifteten St. Hubertusorden. Aber sein Entzücken sollte nicht lange währen. Im Felde besiegt, erschlich sich Frankreich auf diplomatischem Wege doch den Erfolg und erwirkte zu Rastatt 1714 die Zurückgabe von Oberpfalz und Cham an seinen Verbündeten Kurbaiern, behielt auch Stücke vom Oberamte Germersheim zurück und alle Proteste Johann Wilhelms blieben ohne Wirkung. Aus Erwerbungen, die der Kurfürst 1705 und 1708, einen langen Streit abschließend, vom Bisthume Worms machte, bildete er das Amt Ladenburg. Der gemeinschaftliche Besitz von Baden, Kurpfalz und Pfalz-Simmern in der Grafschaft Sponheim hatte stets zu Irrungen geführt und J. W. schloß darum 24. August 1707 mit der Regentschaft Baden-Badens einen Vertrag, wodurch er 3/5 und Baden-Baden 2/5 der vorderen Grafschaft Sponheim erhielt; aus seinem Antheile errichtete er das Oberamt Kreuznach, in welches er auch das von Kurmainz erlangte Amt Böckelnheim 1714 einfügte. Die Pfalz ließ J. W. in den Händen eigennütziger Beamten [317] während er weit angenehmer in Jülich und Düsseldorf lebte und seinen Genüssen und Liebhabereien fröhnte. Sehr langsam erholte sich die Pfalz, von der Beamtenoligarchie ausgebeutet, von den Schlägen der blutigen Kriege. Dem Glanze seines schwelgerischen Hofes diente das darbende Land zur traurigen Folie. Als echter Sohn der Ludovicianischen Zeit im höchsten Grade auf seine Herrscherwürde eingebildet und voll Genußsucht, sann J. W. wenig auf das Glück seines Volkes, zumal die Confession zwischen ihnen stand; es genügte dem eitlen Fürsten, daß ihn Schmeichler „Magnificus et potens“ nannten und daß sein Hofhalt einer der kostspieligsten des Erdtheils war. Die glänzendsten Bauten entstanden und verschlangen enorme Gelder, 1710 wurde das Lustschloß Bensberg erbaut und Düsseldorf, wo sein überlebensgroßes Reiterbild steht, verdankt J. W. unendlich viel; hier legte er den Grund zu der berühmten Gemäldegallerie, in die er kostbare Perlen fügte; der Maler Adrian van der Werff, dessen geleckter Styl bereits die Entartung der Kunst verräth, lebte lange in dieser Stadt. Da die Lutheraner durch die Declaration von 1705 ohne Mitgenuß am pfälzischen Kirchengute blieben, führte dies zu neuem Streite, den sie und die Reformirten voll Heftigkeit führten. Während desselben nisteten sich Orden und Klöster im Schooße der katholischen Kirche mehr und mehr ein. Die tief gesunkene Universität Heidelberg erhielt zwar wieder eine reformirte theologische Facultät, aber die Jesuiten gewannen auch hier viel Boden und der Jesuiten-Professor Paul Usleben bewies, wie weit ihre Angriffe gegen Andersgläubige gehen durften. J. W. bereicherte die Bibliothek der Hochschule und erbaute auf den Trümmern des Casimirianum seit 1712 das erst 1735 vollendete Universitätsgebäude (Domus Wilhelmiana). Zur Blüthe gelangte die Universität unter ihm ebenso wenig wie die stets als Stiefkind behandelte Pfalz. J. W. starb in Düsseldorf, wo er in der Jesuitenkirche ruht, am 18. Juni 1716.

Häusser, Geschichte der rheinischen Pfalz, Bd. II, Heidelb. 1845. Hautz und von Reichlin-Meldegg, Geschichte der Universität Heidelberg, 2 Bde., Mannheim 1862–64. Joseph von Fink, Ueber die politischen Unterhandlungen des Churfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz zur Befreyung der Christenheit in Armenien vom Joche der Ungläubigen, von 1698–1705. München 1829.