ADB:Grimmelshausen, Hans Jakob Christoph von

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Artikel „Grimmelshausen, Johann Jacob Christof von“ von Adelbert von Keller in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 9 (1879), S. 696–699, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Grimmelshausen,_Hans_Jakob_Christoph_von&oldid=- (Version vom 15. Juli 2020, 22:41 Uhr UTC)
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Band 9 (1879), S. 696–699 (Quelle).
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Grimmelshausen: Johann Jacob Christof v. G. Dies ist, wie Hermann Kurz (Spiegel 1837, 19) festgestellt hat, der eigentliche Name des unter verschiedenen Verstecken auftretenden Schriftstellers. Seine angenommenen Namen sind: Samuel Greifenson von Hirschfeld, German Schleifheim von Sulsfort, Philarchus Grossus von Trommenheim, Signeur Meßmahl, Michael Regulin von Sehmsdorff, Erich Stainfels von Grufensholm, Simon Lengfrisch von Hartenfels, Israel Fromschmidt von Hugenfelß, Melchior Sternfels von Fuchshaim. Wenn sich diese Namen anagrammatisch nahezu mit Christof von Grimmelshausen decken, so erscheinen auch andere Pseudonyma, wie Sylvander, [697] Urban von Wurmsknick auf Sturmdorf etc. Ueber sein äußeres Leben ist wenig bekannt. Er ist nicht in Mainz, wie man vermuthete, sondern wahrscheinlich in Gelnhausen geboren. Noch weniger sicher läßt sich das Jahr seiner Geburt feststellen; einige setzen 1622, andere spätestens 1625 an. Am 25. Januar 1635 ward er von den Hessen aufgegriffen und that in früher Jugend Kriegsdienste. Seit dem zehnten Jahre erscheint er als Musketier. Am Schlusse des dreißigjährigen Kriegs war er ungefähr 26 Jahre alt. Einzelne Punkte, die er in jener Zeit besucht hat, wie Offenburg und Philippsburg, sind ziemlich sicher. Am Kriege hat er mit wahrer Lust theilgenommen. Manchfache Reisen, in vielen Gegenden Deutschlands, in der Schweiz, in Böhmen, in Niederland und Frankreich verschafften ihm reiche Menschenkenntniß und Lebenserfahrung. Spätestens 1667 wurde er bischöflicher Schultheiß in Renchen, im jetzigen großherzoglich badischen Amt Oberkirch. Bürgerlicher und armer Abkunft hat er später den Adel erworben. Vielleicht stammt der Name Grimmelshausen auch erst aus jener Zeit, wo er den offenen Helm und ein Wappen erhielt. K. Chr. Becker vermuthet, er habe zu den bei der Zerstörung von Gelnhausen vertriebenen Burgmannen gehört, was ihm später eine höhere Stellung erleichtert hätte. In vorgerückteren Jahren sehen wir ihn in hoher Achtung und in Verbindung mit bedeutenden Familien stehen, worunter die Schauenburg, Crailsheim, Fleckenstein besonders genannt werden. Er starb am 17. August 1676. Seine Kinder waren bei seinem Tode alle in Renchen anwesend. Dort ist seine Spur noch später zu finden. Sein Wohnhaus war das jetzige Gasthaus zum Adler daselbst. Aus dem Kirchenbuche in Renchen ergeben sich noch einzelne Nachweise über seine Familie. Seine Frau hieß Katharina Henninger; 1669 gebar sie ihm eine Tochter; 1675 starb ihm ein Sohn. Noch im J. 1711 kommt in Renchen ein Hauptmann und Postmeister Christof v. G. vor. – Die in der Jugend versäumten Studien muß G. in späteren Jahren mit Erfolg nachgeholt haben, so daß er im Todtenbuche von Renchen als Mann von großem Geist und Gelehrsamkeit bezeichnet werden konnte. Wenn ihm auch ein streng methodisches Wissen fehlte, so beurkunden ihn doch seine Schriften als ausgestattet mit manchfaltigen Kenntnissen, in alten und neuen Sprachen, in der Rechtswissenschaft, Theologie, Mathematik, Astronomie. Bewandert ist er in älterer und neuerer deutscher Dichtung und Sage, dem Heldenbuch, den Volksbüchern, den Meistersängern, besonders Hans Sachs, Fischart, Schupp, Moscherosch, Logau, Zinkgreff, Weise, der Litteratur der Schwänke und Novellen, selbst Italiens und Frankreichs. Bei allem geistigen Streben bleibt G. in der Schranke seiner Zeit befangen in Bezug auf das Zauberwesen und verwandten Aberglauben, wenn auch zuweilen die Skepsis in der Form der Ironie durchzubrechen scheint. In seinen kirchlichen Ansichten steht G. auf freier Warte über den Spaltungen der Zeit. Er ist ein entschiedener Christ, aber „weder petrisch, noch paulisch“; durch seine Werke geht ein warmer Zug christlich-sittlicher Gesinnung und die Friedenssehnsucht nach allgemeiner Vereinigung der Nachfolger Christi. Als Protestant geboren und erwachsen, an Luthers Bibel genährt, lebte und schrieb er in protestantischem Geiste, wenn er auch später vielleicht, durch äußere Verhältnisse veranlaßt, sich bestimmen ließ, zur katholischen Confession zu halten. Doch ist ein Uebertritt keineswegs beglaubigt und die dafür geltend gemachten Gründe durch K. Chr. Becker (Mittheilungen des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde in Frankfurt a. M., 1861, Bd. 2, Nr. 1, S. 57 ff.) entkräftet. Die Vermuthung, daß er wirklich übergetreten sei, stützt sich vornehmlich auf den Umstand, daß er in späteren Jahren als Schultheiß von Renchen im Dienste des Bischofs von Straßburg (Egon von Fürstenberg) angestellt war, worauf aber kein zwingender Schluß auf seinen Katholicismus zu gründen ist. [698] Ebenso wenig beweist der Eintrag seines Todes in das Renchener Kirchenbuch durch den katholischen Pfarrer, der wohl mit dem angesehenen Beamten auf freundlichem Fuße verkehrte und in den damals noch weniger scharf getrennten Verhältnissen leicht zu einer duldsamen Behandlung veranlaßt sein konnte. Neben seinem amtlichen Berufe (die 1667 entworfene Mühlenordnung ist noch vorhanden) waren seine späteren Lebensjahre besonders durch seine schriftstellerische Thätigkeit in Anspruch genommen, welche sich auf dem Gebiete des Romans und der Satire in großer Fruchtbarkeit entfaltete. Grimmelhausens frühere Schriften bewegen sich noch in den alten Bahnen; dem „Fliegenden Wandersmann nach dem Monde“, 1659 erschienen, liegt ein französisches Original zu Grunde. Der erste Versuch des Verfassers im Roman nach dem Modestil seiner Zeit ist „Der keusche Joseph“ (1667); dazu die Fortsetzung „Des keuschen Josephs Dieners Musai Lebenserzählung“. Es ist eine weitere Ausführung der biblischen Geschichte, die in jener Zeit auch von Philipp v. Zesen behandelt wurde. Aus dem gleichen J. 1667 stammt „Der stolze Melcher“, die Geschichte eines reichen Bauernsohnes, der sich hat verleiten lassen, französische Kriegsdienste gegen Holland zu nehmen, und krank und verarmt heimkehrt. Das Hauptwerk aber und die Frucht seiner eigensten Dichterkraft ist der „Abenteuerliche Simplicissimus“ von German Schleifheim von Sulsfort, zuerst 1669 erschienen. Der Dichter stellt sich hier mitten in seine Zeit und schildert, sichtlich an eigene Erlebnisse anknüpfend und ziemlich genau dem Gang der Geschichte folgend, die Zustände seines Vaterlands während des verheerenden Krieges. Bei der Dürftigkeit urkundlicher Nachrichten über den Verfasser liegt die Versuchung nahe, in den Schicksalen des Simplicissimus das Leben Grimmelshausens in wesentlichen Ereignissen und Wendungen dargestellt zu sehen und das Buch als eine Art Autobiographie und Selbstbekenntniß zu betrachten. Man wird in dieser Annahme bestärkt durch die Geheimthuerei, womit der Verfasser seinen Namen in Anagrammen versteckt. Je mehr er dieser Maske vertraute, um so sicherer durfte er in der Erzählung dem wirklichen Gange seiner Erlebnisse folgen. Aber genauere Vergleichung der Abenteuer des Simplicissimus mit den geschichtlich beglaubigten Thatsachen mahnt zur Vorsicht in Verwerthung des Romans für die Biographie des Verfassers. Litterarisch betrachtet, führte G. mit dem „Simplicissimus“ den Vagabundenroman in das Deutsche ein. Der Geist der Mendoza, Aleman und Cervantes weht hier, aber in ganz deutscher Luft. Man hat vermuthet, daß auf die Anlage des Ganzen der Plan von Wolframs „Parcival“ nicht ohne Einfluß gewesen sei; doch ist die Aehnlichkeit beider Dichtungen nicht über die allgemeinsten Entwickelungspunkte hinaus durchzuführen. Darin jedesfalls sind sich beide Werke gleich, daß der Plan mit großer Kunst durchdacht und ausgeführt ist. Später wurde dem Simplicissimus, sicherlich gegen die ursprüngliche Absicht, noch ein sechstes Buch und mehrere Continuationen beigefügt. Dieses sechste Buch ist bedeutsam als älteste deutsche Robinsonade, vor Robinson Crusoe. Außer den später angefügten „Continuationen“ schließen sich auch einige weitere Romane zunächst an den Simplicissimus an: 1) „Die Lebensbeschreibung der Landstörzerin Courasche“, 1670, einer Gefährtin des Simplicissimus, welche ihn mit ihrer Liebe und einer Frucht derselben beglückt und dadurch zur Flucht nöthigt, das Bild einer frechen landfahrenden Dirne. 2) „Der seltsame Springinsfeld, d. i. Lebensbeschreibung eines frischen, tapfern Soldaten, nunmehro aber ausgemergelten, abgelebten Landstörzers samt seiner wunderlichen Gaukeltasche“, 1670, aber nach der „Courasche“, geschrieben. Springinsfeld begleitet den Simplicissimus auf seinen Kriegsfahrten und ist auch mit der Courasche als ihr Strohmann verbunden. Diese beiden unter einander nahe zusammenhängenden Schriften, dem Inhalte nach manchfach anwidernd, [699] sind von hohem Werthe als treffende Sittenschilderungen aus jener wilden Zeit der Auflösung und Verwüstung nach dem Kriege. 3) „Das wunderbarliche Vogelnest“ (1672) führt wieder in die Zeit nach dem Kriege ein. Mehrere novellistische Stoffe sind darin durch die Fiction von einem unsichtbar-machenden Vogelneste zusammengehalten, das die wechselnden Besitzer zu abenteuerlichen Unternehmungen veranlaßt. Das Ganze ist mit viel Humor und großer Kunst dargestellt. Eine der köstlichsten volksthümlichen Erzählungen ist die vom „Ersten Bärenheuter“, dessen erste Ausgabe von 1670 nun nachzuweisen ist (ein Exemplar im Besitze von Herrn W. Seibt in Frankfurt a. M.), ein heiteres Märchen. Im gleichen Jahr 1670 ist erschienen „Des abenteuerlichen Simplicissimi ewig währender Calender“. Simplicissimus erscheint darin als Kalendermann, der über Alles in das Kalenderwesen, Sterndeuten, Wetterprophezeien u. dgl. einschlagende, zum Theil mit überlegener Laune, berichtet. Im Stile der älteren Zeit gehalten ist „Dietwalds und Amelinden anmuthige Lieb- und Leidsbeschreibung“ (1670), eine romantische Liebesgeschichte, deren Abenteuer an den „Wilhelm von England“ von Chrestien von Troyes und an die Geschichte Magelonens erinnern, und der Roman „Proximus und Lympida“ (1672). Der „Deutsche Michel“ (1673) ist besonders als Ausdruck der vaterländischen Gesinnung des Verfassers von Bedeutung, zunächst gegen die Sprachverderber gerichtet, die in den extremen Gegensätzen der Sprachmengerei und des Purismus lächerlich gemacht werden. Auch aus andern Schriften ist seine warme Vaterlandsliebe und sein weiter politischer Blick ersichtlich, wornach ihm eine Vorahnung der einstigen staatlichen Einigung und Macht Deutschlands zu Theil ward; im „Simplicissimus“ ist in phantastischem Zusammenhang ein künftiger deutscher Held prophezeit, der den Universalfrieden bringen und die Religionen vereinigen werde. Das „Galgenmännlein“ (1673) ist lehrreich über das Zauberwesen der Zeit und des Dichters Verhältniß zu demselben. Von 1683 an erschienen Sammelausgaben seiner Schriften. Von neueren ist zu nennen die kritische Ausgabe des Unterzeichneten, für den litterarischen Verein in Stuttgart in 4 Bänden gedruckt 1854–62; die von Heinrich Kurz, Leipzig 1863 f., 4 Bände, auf unrichtiger Werthung der alten Ausgaben beruhend; die von Julius Tittmann, Leipzig 1877, 2 Bände, mit Modernisirung der Sprache; alle drei Ausgaben mit Abhandlungen und Erläuterungen ausgestattet. Mit Recht ist G. kürzlich von L. Geiger ein Schriftsteller ersten Ranges und der bedeutendste deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts genannt worden, der gründlich das Vorurtheil besiegt, daß jene Zeit nichts Beachtenswerthes in diesem Gebiete hinterlassen habe. Die simplicianischen Schriften sind mit großer Kunst geschrieben, durch reizvollen Humor belebt und durch genaue Schilderung der staatlichen und geselligen Verhältnisse lehrreich und anziehend. Selbst in den Fortsetzungen des Hauptwerkes zeigt sich das große Talent des Culturhistorikers, die üppige Phantasie des Dichters, die sittliche Absicht des Schriftstellers, der nicht reizen und verführen, sondern gewinnen und die Wahrheit in einer Weise sagen wollte, in der sie gerne gehört und angenommen wird.