ADB:Albertus, Laurentius

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Artikel „Osterfrank, Laurentius Albertus“ von Alexander Reifferscheid in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1887), S. 509–510, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Albertus,_Laurentius&oldid=- (Version vom 27. Februar 2021, 00:13 Uhr UTC)
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Osterfrank: Laurentius Albertus O., Verfasser der ersten deutschen Grammatik. Das seinem Namen beigefügte Ostofrancus ist zwar, wie schon (1747) Reichard bemerkte, nur Angabe seiner Heimath, aber man hat sich schon früh gewöhnt, ihn mit diesem Namen zu bezeichnen. Von seinem Leben und seinen Lebensverhältnissen läßt sich nur wenig mit Bestimmtheit sagen. Er hat dem Lutherthum, zu dem er sich anfangs bekannt hatte, später entsagt und soll dadurch die Gunst des Fürstbischofs von Würzburg, Friedrich v. Wirsberg, erlangt haben, der ihn als Lehrer an seinem Pädagogium angestellt habe. Einige zuverlässige Andeutungen über seine Lebensverhältnisse finden sich in seiner deutschen Grammatik: „Teutsch Grammatick oder Sprachkunst. Certissima ratio discendae, augendae, ornandae, propagandae conservandaeque linguae Alemanorum, sive Germanorum, grammticis regulis comprehensa et conscripta per Laurentium Albertum Ostofrancum. Cum gratia et privilegio imperiali. Augustae Vindelicorum excudebat Michael Manger. MDLXXIII.“ Gewidmet ist dieselbe dem apostolischen Protonotar und herzoglichen Hofrath Joh. Aegolf von Knöringen, späteren Bischof von Augsburg (seit 1573), der als gelehrter und eifriger Förderer wissenschaftlicher Studien bekannt ist. Vgl. über ihn Prantl, Gesch. der Ludwig-Maximiliansuniversität I, 344 f. A. feiert ihn als seinen Mäcen, rühmt die ihm zu Gebote stehende reiche Bücher- und Handschriftensammlung desselben und gesteht, daß v. Knöringen’s lebhaftes Interesse für sprachliche Untersuchungen, besonders seine Vorliebe für die deutsche Sprache ihn zu grammatischen Arbeiten über das Deutsche angeregt habe. Den Bischof Friedrich von Würzburg (s. A. D. B. VIII, 60) nennt er in dieser Dedication, die Würzburg, 20. September 1572 datirt, seinen gnädigsten Herrn, der ihn vieler [510] Gnade und Vertraulichkeit gewürdigt, ja ihm einen Theil seines Unterhaltes gegeben habe. Die Grammatik erschien Ende 1572, sie wird in dem „Verzeichnis der neuen Bücher“ aufgeführt, „welche seidher der nechstverschienenen Herbstmeß in offentlichem Truck ausgangen und zu Frankfurt diese Fastenmeß (1573) mehrenteils feil gehalten worden sindt“. Sie hatte das Unglück, daß sie von dem Straßburger Notar Oelinger in unredlicher Weise benutzt und ihr Verfasser von R. v. Raumer des Plagiates an seinem Plagiator beschuldigt wurde. Die Darlegung des wahren Sachverhaltes habe ich oben S. 301 unter Oelinger gegeben.

L. A. besaß nach Ausweis seines Buches eine gründliche grammatische Bildung, er war in den alten Sprachen wol bewandert und zeigt sich überall als strebsamen Gelehrten, der die litterarischen Hülfsmittel seines Gönners mit Erfolg benutzt hat. Seine deutsche Grammatik schrieb er aus wissenschaftlichem Interesse und aus Liebe zu der deutschen Sprache, die ihm wegen ihres Alters, ihres Reichthums, ihrer großartigen Schönheit verehrungswürdig erschien. Er nahm dabei nicht allein Rücksicht auf örtliche Mundarten, sondern sehr oft auch auf die ältere Gestalt der Sprache, manchmal mit gutem Verständniß, im allgemeinen aber so, wie wir es von einem Grammatiker des 16. Jahrhunderts erwarten können. Lassen wir seine Mißverständnisse und Irrthümer, die er mit den Zeitgenossen gemein hat, und betrachten wir nur, was er vor ihnen voraus hat. Er war der richtigen, aber mit Erfolg erst später von Ratichius vertretenen Ansicht, daß die Kenntniß der deutschen Sprache das Erlernen der fremden erleichtere. Sein Buch ist reich an trefflichen Bemerkungen. Er hatte erkannt, daß die Bedeutung der Wörter in den verschiedenen deutschen Gegenden eine durchaus verschiedene sei, daß z. B. die Sachsen Wörter in gutem Sinne gebrauchten, welche bei den Oberdeutschen eine tadelnde Bedeutung hätten. Die deutschen Mundarten gruppirte er richtig und zählte sorgsam die Stämme auf, die sich ihrer bedienen. Er bemühte sich festzustellen, wo das richtige Deutsch gesprochen und gedruckt werde. Auch auf die Wortbildung richtete er sein Augenmerk, stellte die Endungen zusammen, durch welche Verbalia von Verben und Adjectiven gebildet werden. Er dachte sogar an die Zurückführung des gesammten deutschen Sprachschatzes auf Wurzeln, er wußte, daß die primitiven Wurzeln des Deutschen einsilbig seien. Noch überraschender ist, daß er ein Verständniß hatte für die ältere deutsche Sprache und ihre Eigenthümlichkeiten. Die schönen und bezeichnenden Ausdrücke, die er in alten deutschen Handschriften gefunden, brachten ihn auf den Gedanken, ein umfangreiches deutsches Wörterbuch auszuarbeiten. Bei einer neuen Auflage wollte er seiner Grammatik eine Geschichte der Entwickelung der deutschen Sprache vorausschicken. Ueberhaupt gedachte er seine Grammatik wesentlich zu erweitern. Keiner dieser Pläne ist zur Ausführung gelangt. Der Werth der Beobachtungen des A. auf dem Gebiete der deutschen Prosodie ist schon von Höpfner gebührend hervorgehoben worden, ohne jeden Grund bezweifelt Borinski die Selbständigkeit derselben. Vielfach benutzt wurde die Grammatik des A. durch Joh. Clajus (s. A. D. B. IV, 270), der alle Vorgänger in Schatten stellte mit seiner 1578 auf Luthers deutschen Schriften gegründeten Grammatik.

Reichard, Versuch einer Historie d. d. Sprachkunst (1747) 38 ff. – R. v. Raumer in K. v. Raumer’s Gesch. d. Pädagogik (1847) III, 2, 37 ff. – G. J. Keller, Gründung des Gymnasiums in Würzburg durch den Fürstbischof F. v. Wirsberg. Würzburg 1850, 14 f., wo noch andere Schriften L. A.’s genannt. – Höpfner, Reformbestrebungen auf dem Gebiete d. d. Dichtung des 16. und 17. Jahrh. (1866) 15 ff. – R. v. Raumer, Gesch. d. germ. Philologie (1870) 64 ff. – v. Wegele, Gesch. d. Univ. Wirzburg, I (1882) 100. – Borinski, die Poetik der Renaissance (1886) 36 ff.