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Titel: Skizzen aus deutschen Parlamentssälen: 3. Die nationalliberale Partei
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Skizzen aus deutschen Parlamentssälen.
3. Die nationalliberale Partei.

Keine Partei ist so eng mit der Geschichte unseres jungen deutschen Reiches verwachsen, wie die nationalliberale. Sie hat an dem Zustandekommen der Verfassung des norbdeutschen Bundes, die im Wesentlichen auch die des neuen Reiches ist, einen entscheidenden Antheil, und ebenso an den zahlreichen und wichtigen Gesetzen, welche erst der norddeutsche, dann der gesammtdeutsche Reichstag mit den Regierungen vereinbarte. Ja, man kann mehr sagen: sie ist die Mutter des Gedankens gewesen, der in dem deutschen Reiche endlich seine Verkörperung fand, wenn es auch nicht ihr, sondern einem Andern beschieden war, diesen Gedanken in’s Leben zu führen.

Nach ihren Traditionen, nach dem Geiste der von ihr befolgten Politik, ja auch nach einem Theile, und nicht dem mindest bedeutenden, ihrer Mitglieder und Führer, ist die nationalliberale Partei dieselbe, die 1848 im Frankfurter Parlamente als „Erbkaiserpartei“, 1849 als Partei der sogenannten „Gothaner“, seit 1859 wiederum als „Nationalverein“ thätig und mit allen ihren Bestrebungen fortwährend auf das gleiche Ziel gerichtet war: auf eine kraftvolle Einigung Deutschlands in der Form eines monarchisch-constitutionellen Bundesstaates unter der Führung Preußens.

Zu der Entstehung der nationalliberalen Partei im Reichstage haben zwei Strömungen zusammengewirkt, die sich in ihr verschmolzen, nicht ohne daß jede derselben etwas Eigenartiges von ihrem Ursprunge beibehalten hätte. Für Preußen war das Geburtsjahr der gegenwärtigen nationalliberalen Parteigruppirung – erst im preußischen Abgeordnetenhause, dann in dem altpreußischen Theile der nationalliberalen Fraction im Reichstage – das Jahr 1866. Nationalgesinnte, vor Allem die Einheit des großen deutschen Vaterlandes erstrebende Männer hatte es unter den Liberalen Preußens lange gegeben. Nicht alle freilich waren dies: es fanden sich unter den preußischen Liberalen auch specifische Preußen, ferner solche, welche vor Allem nur den freieren Ausbau des inneren Staatslebens ihres preußischen Vaterlandes betrieben, endlich solche, welche zwar wohl das Ziel, ein kräftiges Gesammtdeutschland, wollten, aber ihre ideologischen Wünsche nach der freiheitlichen Seite hin so hoch spannten, daß sie dadurch jenes Ziel, statt näher, vielmehr in unabsehbare Ferne rückten. Waren es doch preußische Liberale, welche bei der ersten entscheidenden Abstimmung über das zu errichtende deutsche Kaiserreich im Parlament zu Frankfurt durch ihre verneinenden Stimmen die Bildung einer Majorität für dasselbe verhinderten.

Der Nationalverein, diese weitere Etappe in der Entwickelung einer nationalen deutschen Partei, war außerhalb Preußens entstanden und zählte auch unter seinen Mitgliedern und seinen Wortführern eben so viele Nichtpreußen wie Preußen. Jene gehörten großentheils den sogenannten altliberalen Parteien in den Kleinstaaten, die Preußen zumeist der Fortschrittspartei an. Das Hauptinteresse der Liberalen Preußens war indeß damals aus brennende innere Fragen gerichtet, erst aus die Frage der Heeresorganisation, dann auf die damals entsprungene Budget- und Verfassungsfrage. Vor diesen Ausgaben traten alle andern zurück.

Die deutsche Frage erschien ohnehin damals, und noch 1866, ziemlich hoffnungslos. Die Mittelstaaten und Oesterreich schmiedeten

[225]
Die Gartenlaube (1881) b 225.png

Die Führer der Nationalliberalen.
Nach Photographien auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.
v. Benda.
Miquél. Hobrecht. v. Bennigsen.

[226] ihre „Bundesreformpläne“, von denen man im Voraus wußte, daß sie entweder nicht ernst gemeint oder, wennn dieses, dann nur umso gefährlicher für die wahren Interessen sowohl der Freiheit, wie der Einheit waren. Preußen verhielt sich lediglich ablehnnend, passiv: es hinderte Schlimmeres, aber es that selbst nichts, um das gewünschte Bessere herbeizuführen. Zumal als an die Spitze des preußischen Ministeriums ein Mann gestellt ward, der vom Erfurter Parlament (1850) her als ein Gegner der nationnaldeutschen Bestrebungen, als ein Vertreter des specifischen Preußenthums, als ein warmer Verteidiger der Rechte Oesterreichs bekannnt war, Herr von Bismarck-Schönhausen, schien jede Hoffnung auf eine Verwirklichung des deutschen Gedankens durch Preußen auf unberechenbare Zeit vertagt, und nur das Einne blieb noch übrig: die verfassungsnnnäßige Freiheit im Innern Preußens gegenn die von solcher Seite auch ihr, und ihr zunächst, drohenden Gefahren zu retten.

So schloß sich die schon zuvor, in Folge des sogennannten „Conflicts“, in Preußen enntstandene „Fortschrittspartei“ immer enger zum rühmlichen und mannhaften Kampfe gegen das verfassungswidrige „budgetlose Regiment“ Bismarck's zusammen und wandte alle ihre Kräfte nach dieser Seite. Zwar hatte sie sich bei ihrem Entstehen „Deutsche Fortschrittspartei“ getauft, um damit zu bekunden, daß sie die Fühlung mit den großen gemeinsamen Angelegenheiten Deutschlands über ihren nach innen gerichteten Aufgaben keinesfalls aufgebe; allein die Umstände selbst rissen sie vorwiegend nach dieser innern Seite hin, und überdies konnnte sie mit gutem Grunde sagen, sie bekämpfe in Bismarck zugleich den Feind des deutschen Gedankens und diene damnit auch diesem letztern.

Da geschah plötzlich das Unerwartete, wohl kaum von irgendjemand Geahnte: derselbe Bismarck, den man bisher nur als einen specifisch preußischen Junker gekannt, nahm die deutsche Politik Preußens aus dem Jahre 1849, die er damals bekämpfte, wieder auf, aber nicht in der schwächlichen, schwankennden , unaufrichtigen Weise, wie sie das Ministerium Manteuffel gehandhabt, vielmehr mit einer rücksichtslosen, auch vor einer Lösnnung durch „Blut und Eisen“ nicht zurückschreckender Energie. und derselbe Bismarck, in dem man bisher nur den Anbeter des nacktesten Absolutismus erblickt hatte, der die Fesseln des eonstitnntioneaenn Systems nnnnr unnlviaig zu dnaden schien , nnäherte sich jetzt denn Liberalen , inndenn er einen Aet der Selbftüberwiudung beging, toie er inn der Geschichte parlannnenntaracher Berfa ssnnungskännpfe gewiß seilen, ja vieaeicht olme Gleichenn isl. . Statt nänntich den gewaltiger Umschwung in der Stinnnnnnung des Landes, den die glännzennden Krlegsthatenn vonn ll.^ hervorgebracht , zu. benutzen , nnnnn dnnrch Annslösnnung des ihnnn seinnd- lichenn Abgeordnnetennhannses nnnnd Verannftallnnung vonn Nernw ahler sich einne parlamentarische Mehrheit zu sichern, vieaeicht sogar nnnit deren Hälfe einschneidende Berwndernnungen in der Berfaffnung vorzu.nehnnen - stall diese Gewaltaete annszu.iiben , trat er vor die Volks- verlrelnnung nnnil denn Bekennnntnniß . „die Regierung habe aaerbings in den letzten Jahrenn annßertmlb der Fornnnenn der Berfaffnung sich benvegt, allein sie habe dies gewann anns höherenn Rücksichten aus das Interesse Prennßenns nnnnd Dennach lannds.“ Unnd aus Grnnnd dieses Eingeständnisses sorderte er einne sogennannnnte „Inndennnnnität“, das heißt die nachträgliche Cnntlastnnung des Ministerwnnns vonn der da- durch aus sich gennonnnnennenn Veranntnvortlichkeit dnnrch einn Votnnnnn der Kannnnnnenm.

Das nvar die Gebnnrtsswnnde der natiannalliberatenn Partei inn Preußen. Damals trennte ach . die prennßische Fortschrittspartei inn Solche, nvelche trotz alledennn in ihrer Gegennsteaung zu. Visnnnarck verharrten nnnnd die vonn ihnnn denn Liberalen gereichte Hannd der Versöhnnnnung zu.rlicknviesenn , nnnnd inn Solche, nvelche diese Hannd ann- nahmen , noel ihnen dadnnrch die Möglichkeit geboten schien , an denn Annsbann des, wenn annch olme ihr Znnthnnnn zu. Swnnde nge- wuchten prennßisch - denntschenn Bundesstaates nnnitzu.arbeiten. Diese Letzleren schieden sich vonn ihren bisherigen Kannpsesgenosser inn de Fortschrittspartei nnnnd bildeten fortan eine nenne Parteigruppe , die „uationnalliberale“.

Vonn denn beiden Gründernn der „denntschenn Fortschrittspartei“ trat der eine, Herr vonn Forckenbeck, annf die Seite der nnenenn Partei hinüber nnnnd nvard einner ihrer varnnehnnnstenn Leiter nnnnd Vertreter, während der andere, Herr von Haverbeck, ann der Spitze der Fortschrittspartei verblieb. Annch einer der ältesten prennßischen Parlannnentarler , Herr bann Unnrnnh, inn der trltischenn Perlode knnrz vor der Annslösnung der eanstitnnirenndenn Nationatversannnnnlnnung ll.^

deren Präsident, schloß sich der nnenenn Partei ann, ebenso andere Abgeordnete bann bekannnntenn R annenn nnnd bewährtem Liberal isnnnnns. Annch einn Mann, der erst inn Jahre vorher inn's Abgeordnetennhans eingetreten nvar, dort aber rasch eine hervorragende Stelle inn der Fortschrittspartei eiungenamnnnenn hatte, nnachdennn er zu.vor als Schrat- stelle nnnit nnachdrücklicher Beredsamkeit für die Freiheiksrechte des Volkes eingetreten , Eduard Laster, kreuuke sich jetzk von seinen bisherigen Gennassenn nnnnd bekannnnke sich zu. der Fahne der neueu Vereinnigung.

Diefer Kenn der nnationralliberaleu Partei, der dnnrch Anns- scheidnnug anns der Fortschrittspartei sich gebadet , erhielt alsbald starken Zuwachs aus denn nnenn ausgeuommenenr preußischen Proviuzer Hannuover, Nassau, Hessen. Nudalph von Bennigsen nnud Iohannues Mignnn.a, beide die Führer der staatsrechtlichen Opposition in Haunnaver gegen das Minnisteinnnn vonn Borries, beide die Mitbegründer, Bennigsen der Varsitzennde des denntschen Rationalvereins , Friedrich Oetker, der nnermüdache Vorkämpser der Knrhessen seit der schmach- vattenn Vergewalkignnung dieses rechts- und verfaffnungslrennenn Volkes dnnrch denn Rnnmpfbunndestag innn Jahre l^ls, Karl Brannnn, der nnnehr- jährige Präsident der nnasßnnnischenn Vattskannnnner nnnnd pernnannente Varsitzennde des Coungresses denntscher Vatkswirthe ^ . folche rmd ähnliche Männner brachten der nneungebitdetenn Partei das Gewicht ihrer Nannnenn nnnnd die Fiale vielseitiger, reicher Ersahrnnungenn annf parlannnentarischennn , politischen., wirthschasttichenr rnnnd sinannzieaenn Gebiete, zungteich annch einne Annzahl zu.nnn Thea gleich was bedenntender Kampfgenoffen, die ihrenn Vorgange folgten, als Morgengabe zu..

Im Reichstage sodanun, erst innn nnorbdenntschenn , später innn ge- fannnntdenntschenn , verstärkte sich die nationalliberale Partei dnnrch einne Reihe erprobter Kräste nnnnd vielbekannnter Rannen aus denn übrigen Bnnndesftaaten. Die annertannnnter Führer der vereinigten liberalen Partei inn Baiernn (dart „ Fortschrittspartei“ gennannnnk), Margnnard Barth, Freiherr van Stauffenberg , Marguardfen nnnnd Volk, die der „ denntschen Partei“ inn Württemberg, Holder, Rönner, Weber, Elbin, die der nnationalliberalen Partei in Sachsen, Bieder- nnannnn, Stephani, Georgi, Genset ^ ebenso aus Baden de ehemalige Minister Lannney, Kieser nn. A., sernner der Präsident des weimarischen Landtages Fries, der Präfidennt der altennbnnrgischenn Landschaft Wagner, der Brannnschweiger Bode , der alte Freiheitskännnpfer Metz anns Darnnstadt , der Versechter zeitgenössischer Resornnenn in denn fendalen Mecklennbnnrg , die beiden Pogge, Büsing, sowie der bekaunnte Theolog M Bannnungartenn , die Hanseaten H. H. Meier nnnnd. Wotsson nnnnd nnach viele andere theils dnnrch ihre politische Vergangenheit in denn Vertrauen weiter Bevölkermungskreise kies- gewurzelte, theils dnnrch Beruss- nnnnd Lebennserfahrnnungen, dnnrch Scharfsinn, Sachtennnnwiß, Beredfäwkeit mnsgezeulwete Miwnner traten der Partei bei nnnnd hielten, so launge sie. innn Reichstage saßen, ann ihr feft. Auch der Präfidennt Sinusann, schau inn Frank- fürt ein Mikbegrtinder der Erbkaiserp artei, gehörte feiuer

politischen Denkart nnnnd Gesinnnnnnung nnach ihr ann, wem annch seine Steannung ann der Spitze des Reichstags ihnn verhinderte, als eigent- liches Mitglied der Fraetionn zu fignnrtrenn.

Bonn denn vier Männnneru, die nvir als Repräsentanten der henntigen nationaltiberalenn Partei nnnnserenn Lesernn innn Bilde vorführen, sinnd zwei, von Bennigsen nnnnd vonn Benda, gleichzeitig Mitglieder des Reichstages nnnnd des prennßischen abgeordnnetennhannses.. vonn Bennigsen nvar vonn l^ ann bis zu. der Katastrophe vonn lt^l.. erster Präsident des Abgeordnnetennhannses, nvie er früher innn Nord- denntschenn Reichstage. neben Sinnnfonn, dennn Mannnne der Wahl nnicht einner einzelnnenn Partei, sondern des gannzenn Hauses, als Vieeprösidennt seinne Partei innn Direewrwnnn vertreten hatte. Cr ist seit der Se- eession der nnnnbeftrateu nnnaßgebende, ia der einzige die Partei nnach annßenn vertretende Führer der nnalionnalliberalen Frmtion zungteich als „Lanndesdireckor“ Hannnovers ein noichtiger nnnnd einnslnnßreicher Faetor der Setbstvernoallnnung dieser Provinnz . van Benda, Rittegnntsbesitzer anns Knndow inn der Altnuark, nvard zu.nnn Vizepräsidenten des Ab- geordnnetennlnannses gewählt, nnachdennn die Vesetzu.ung dieser Stelle dnnrch ein Mitglied des Cenntrnnnnns, wie sie innn vorigen prennßischen Landtage stattgesnudenn, wegen des Verhaltens der llllrnnnnnonnlannenn beinnn Kölnner Donnnbannseste selbst vonn einem Theile der Cannserlnativenn als nnicht nnnehr statthaft befnnnndenn noard.

Mignnet nnnnd Hobrecht find tedigtich Mitglieder des Ab- geordnetenhanses. Mannet ^ hat, zu.nnn großen Bedannernn seinner Partei- genossen, seinem Reichstagsnnanndate entsagt, setdenn er in die aller- diungs ihnn wohl sehr inn Ansprmch nehnuennde Oberbürgernueifteraeae inn [227] Frankfurt a. M. aus der minder nnühevollenn gleichen Stellung zuOsnabrück übergetreten ist. Er war im Reichstag nächst Bennigsen der Hauptführcr des sogenannten „rechten Flügels“ und mit seiner schneidigen Schärfe eine Art Ergänzung des mehr vermittelnden Bennigsen. Als unvergeßliches Verdienst begleitete ihn aus seiner rcichstäglichen Wirksamkeit seine vortreffliche Führung des Vorsitzes in der Zwischencommissivn des -Reichstages zur Vorbcrathung der großen.Justizgesetze. Hobrecht ist, nachdem er als Oberbürgermeister, erst Breslans, dann Berlins, sich als tüchtiger Vcrwaltnngsmnnn bewährt, nach kurzer Wirksamkeit als preußischer^ Finanzministcr in die Reihe der Volksvertreter eingetreten und hat bereits mehrmals in wichtigen Fragen die Sache der nationalliberalen Partei, der er sich angeschlossen, mit ruhigem Nachdruck erfolgreich verfochten.

Lange Zeit war die nationalliberale Partei nicht allein die zahlreichste Fraetion des Reichstages – auf ihrem Höhepunkte zählte sie 150 Mitglieder von den im Ganzen ungefähr 400 der Versammlung – sondern auch wohl die an Talenten und an allgemein bekannten Namen hervorragendste. Besonders reich war sie auch an sogenannten Specialitäten: waren doch für Rechtsfragen Männer wie Gneist, Rönne, Beseler, R. von Mohl, Hinschins anerkannte wissenschaftliche Autoritäten, während Laster, Miguel und Andere von: Standpunkte praktischer Rechtserfahrnng ebenfalls wirksam eingriffen. In die verschiedenen Gebiete des wirthschaftlichen Lebens, die Zollund Steuer-, die Bankund Währnngsfrage und Achntiches, theilten sich Braun, Bamberger, Unruh, Schaust Michaelis (ehe dieser in den Reichsdienst übertrat) und Andere, und die großen Anliegen des Weltund Sechandcls vertraten die hanseatischen Mitglieder der Partei. Für eine gesunde Entwickelung der landwirthschaftlichen Interessen j aber nicht in einseitig agrarischem Sinne, wirkten von Bcnda, Sombcrt, Birnbaum, nnährend in Fragen der hohen Politik von Bennigsen der regelmäßige Wortführer der Partei war.

. Als Mittclpartei zwischen der Gruppe der Rechten und der Linken hatte die nationalliberale Fraetion bei allen Fragen, wo es sich um einen Gegensatz dieser Richtungen handelte, die ausschlaggebende Entscheidung. Sie war es, die bei der Feststellung der Verfassung das so überaus wichtige Amt der Vermittelung zwischen den in der Regel sehr anseinandergchendcn Antrügen und Forderungen der Rechtenn und der Linken übernahm. Ihr hauptsächlich war das Zustandekommen der Gewerbe-Ordnung, ihrenn beharrlichen Andringen war die Durchsetzung der großen Justizgesetze selbst gegen den anfänglichenn Widerspruch der Regierung in erster Linie zu verdanken. Inn Allgemeinen kaun man sagen, das; von den vielen wichtigen und dringenden Reformen, welche in den nunmehr vierzehn Jahren des Bestehens eines deutschenn Bundesstaatcs durch Vereinbarung des Reichstages mit der Regierung in s Lebenn traten, keine ohne oder gegein sie, die allermeistcn aber in Folge entweder ihrer Initiative nnder doch ihres kräftigen Eintretens dafür zu Stande kamen. Das Gleiche gilt von der großenn Verwaltungsreform und anderen wichtigen Gesetzein in Preußen.

Das Verhältniß der Partei zu denn leitenden Staatsmanne, Fürsten Bismarck, nvar ein derartiges, daß sie, bei voller Wahrung ihrer Unabhängigkeit als Partei und der Ueberzeugungen ihrer Mitglieder, ihn doch in allen wichtigen Fragen im Großen und Ganzen unterstützte, wogegen der Fürst wiederum ihr bei der Ausnlud Durchführung seiner Absichten vielfach ein weitgehendes Entgegenkommen zeigte.

Diese Stellung der Nationnlliberalen als einer Mittclpartei, welche zwar durch ihrenn Hinzutritt eine entscheidende Majorität zuwegebringen, für sich allenn aber doch Nichts durchsetzen konnte, machte es nothwendig, daß sie, im Gegensatze zu der stets auf denn Standpunkte des Princips beharrenden „Fortschrittspartei“, öfter nach einer oder der andern Seite hin Vereinbarungen oder Verständigungen suchen, sogenannte „Compromifsc“ eingehen mußte; sie behielt dadurch mit den gemäßigtenn Elementen der Rechtenn, besonders mit der ihr nnicht allzu fern stehendenn freiconservativen Partei, Fühlung.

In den erstenn Jahren ihres Bestehens, bis nahe ain das Ende ihres ersten Jahrzehnts, so lange der frische Schwung und Trieb des Lebens iin den neuen großartigen Verhältnissen ungeschwächt wirksam blieb, hielt die nationalliberale Partei fest in sich zusammen – trotz der Schwierigkeiten, mit denen eine numerisch so starke Genossenschaft immer in Bezug auf die Wahrung einer einheitlichen Taktik und Disciplin zu kämpfen hat. Allmählich aber entstanden innere Conflicte und daraus hervorgehende Schwankungen der Partei.

Schon bei dem Militärgesetz (1875) nvar eine solche Schwankung vorübergehend eingetreten; doch hatte die Partei damals noch inn letzten Augenblicke sich auf ihren traditionellen Standpunkt, den einer streng nationalen, vor Allenn die Sicherheit des Gesammtvaterlandes in’s Auge fassenden Politik zurückgezogen. Auch bei den großenn Justizgcsetzen hielt sie fest an der Maxime, um der Erreichung eines großen Ganzen willen im Einzelnen Opfer selbst an ihren liebsten Wünschen zu bringenn. Sie ward um dieser ihrer Haltung nVillen nicht blos im Reichstage heftig bekämpft, sondern auch außerhalb desselben in der öffentlichenn Meinung vielfach angegriffen und als nnfreifinnig oder charakterlos hingestellt.

Die daraus erwachsende immer schärfere Trennung von der Fortschrittspartei fiel natürlich denen am schwersten, welche vordem selbst der letzteren angehört hatten, gewissermaßen Fleisch von deren Fleische gewesen waren und es mit einem Theile ihrer Sympathien noch waren. Es waren darunter mchrerc gerade der talentvollsten und namentlich der beredtesten Mitglieder der nationallibcralcn Partei, ja einzelne ihrer hervorragendstenn Wortführer. So kam es, daß man allmählich nicht ganz niit Unrecht von einem „rechten“

nnd einem „linken“ Flügel der Partei sprechen konnte. Als Führer des ersteren galt Laster, als der des letzteren von Bennigsen.

Bezeichnend nvar, daß der erstere sich vorzugsweise aus den alten preußischen Provinzein recrutirte, während die Hannoveraner, die Hessen und der größere Theil der außcrpreußischen Mitglieder meist zu Bennigsen hielten.

Im Jahre 1877 schien Fürst Bismarck engere Fühlung mit den Rationalliberalen nehmenn zu nvollen. Er hatte damäls schon den Plan gefaßt, durch Vermehrung der indirccten Abgaben die Finanzen des Reichs zu stärkenn und das Reich in Bezug auf seine Einnahmen unabhängiger von den Einzelstaaten zu stellen. Für die Durchführung dieses Planes ngedachte er eine große, cvmpacte Regierungspartei zu bilden. Zu dem Ende wollte er die Nationalliberalen iin der Person ihres Führers von Bennigsen sich ain der Regierung selbst betheiligen lassen, wie er dies > mit den Freiconscrvativen bereits gethan hatte; er wollte Herrn von Bennigsen einen Sitz inn preußischenn Ministerinnn geben.

Eine vertrauliche Unterredung zwischen beidenn Männern fand zu Varzin, auf dem Gute des Fürsten Bismarck, statt, wohin auf dessen Einladung Herr von Bennigsen sich’ begeben hatte. Die Einzelheiten dieser Unterredung sind zur Zeit noch iin das Dunkel des Geheimnisses gehüllt. Auch die Ursachen, wegen deren die versuchte Verständigung scheiterte, lassen sich mit völliger Sicherheit nicht erkennen; doch es ist wahrscheinlich, daß die Schwierigkeiten hauptsächlich von den denn linken Flügel nnnngehörigenn Freunden Bennigsen’s und Mitlcitern der Partei ihren Ansgang nahmen und das; von dieser Seite her namentlich gewisse, an sich vollkommen berechtigte, constitutionelle Bedenken in Bezug auf die Verwendung der bei Mehreinnahmen des Reichs in Preußen flüssig nn’erdenden Staatsgelder in einer Schürfe geltend gemacht wurden, welche zum Abbruch der Verhandlungen führten – Bedenken, deren Erledigung später, durch ein Uebereinkvmmen der preußischen Regierung niit ihrem Landtage, in Folge beiderseitigen Entgegenkommens ohne viel Mühe gelang.

Dieser Bruch der Nationalliberalen mit Bismarck hatte die Folge, das; der Fürst, der fest entschlossen war, seine Finanzpläne durchzusetzen, seine Bundesgenossen nun anderwärts suchte.

Eben damals hatte, in Folge der andauernden Verkehrsstockung, welche auf die Ueberstürzungen der Gründerperiode gefolgt nvar, eine rückläufige Strömung auf handelspolitischem Gebiete iin den Kreisenn der Industriellenn begonnen. Man forderte wirksameren Schutz der nationalen Arbeit. Die nationälliberale Partei hatte von jeher grundsätzlich die handelspolitischen Fragenn von ihrenn eigentlichen Parteiprogramm ausgeschlossen. Offenbar nvar es nicht wohlgethan, daß sie diese Fragen als somit gewissermaßen außerhalb ihres Bereiches stehend betrachtete und gegen die von daher drohende Gefahr die Augen verschloß. Die handelspolitischen Interessen sind heutzutage von einer so großen Bedeutung, daß eine politische Partei schwerlich, auf die Länge sich eine auch nur principielle Betheiligung daran versagen kann. Hätte die nationallibcrale Partei jene Vewegnng gleich in ihren Anfängen mehr beachtet, so Hütte sie möglicher Weise mit einem mäßigen Zugeständniß an dieselbe deren weiteres, Umsichgreifen verhindern können. Nun aber ergriff die Bewegnng allmählich alle industriellen Kreise, [228]