„Ein Poet mit Griffel und Feder“

Textdaten
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Titel: „Ein Poet mit Griffel und Feder“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 459–460
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[459] „Ein Poet mit Griffel und mit Feder.“ So hat der alte Holtei den Künstler genannt, der uns das Leid angethan hat, die Zahl der Todten der „Gartenlaube“ wieder um einen, und zwar um einen der Aeltesten ihrer Künstlerschaar, zu vermehren. Es fällt recht schwer, daran zu glauben daß der rüstige lebensfrohe Geselle, der noch im vorigen Jahre zu seinem Bildnisse in der „Gartenlaube“ die frischen Worte schrieb: „Die Hauptaufgabe, die ich mir gestellt, ist die, unsere Zeit in ihren frappantesten Situationen und Figuren zu schildern, eine Aufgabe, die mir wichtig genug erscheint, um die ganze Arbeitskraft, die mir noch beschieden ist, daran zu setzen“ – daß der Mann mit dieser Thatkraft todt sein soll. Ein Geist und Körper von abgehärteter Festigkeit, frei von Sorgen, froh redlich erworbenen, schönen Besitzes, ein Kämpfer mit Griffel und Feder, den nur ein Herz voll Wohlwollen für seine Mitmenschen zur ätzenden und heilenden Satire hintrieb, ein solcher Mensch von noch nicht sechsundfünfzig Jahren soll überlebt worden sein von so Vielen, deren Schritte zum Grabe er theilnehmend gezählt und deren Bergabschreiten er mit so rührendem Humor darzustellen vermochte?

Der Herbert König soll todt sein, der das Leben so gut verstanden hat? Das Schicksal hatte ihn in eine Schule genommen, aus der man entweder wohl bestanden herauskommt, oder in der man untergeht. Man hat viele Beispiele von beiden Erfolgen. In seiner Selbstbiographie schwieg er über seine Herkunft und früheste Vergangenheit; er verrieth mit keiner Silbe seinen ehemaligen Zusammenhang mit dem Thespiskarren, und doch weiß man, daß ihn noch in späteren Jahren, wo die bildende Kunst ihm schon längst Geliebte und Mutter zugleich geworden war, nicht selten ein geheimer Zug zu den Brettern hinriß, die ihm einst viel verheißen hatten. Der Dresdener Salzverwalterssohn hatte früh auf eigenen Beinen stehen lernen müssen; es war gewiß ein bereits schwer errungenes Glück, als er mit Dawison und Emil Bürde in Hamburg auf derselben Bühne auftrat, und daß er mit hervorragendem Talent zur Menschendarstellung ausgerüstet war, das bewies er später im Kreise seiner Freunde so oft, denn im humoristischen Erzählen und in improvisirter Charakterwiedergabe, besonders komischer Originale, ist er nicht oft übertroffen worden. Das Beobachtungs- und Auffassungsvermögen, das der Mime so eifrig pflegen muß, wenn die Gegenwart wenigstens ihm Kränze flechten soll, hatte offenbar in König’s rührigem Geist bereits eine gute Bildergalerie angesammelt, als er endlich, den inneren Zwiespalt lösend, zu dem Entschluß kam, fortan nur einer Herrschaft zu dienen. Wie treu und wacker er aber in diesem Dienst gewesen, darüber konnte er mit vollem Recht sich selbst das Zeugnis schreiben: „Die Tausende meiner Skizzen, welche die mannigfaltigsten Seiten des Lebens berühren und in fast aller Herren Länder verstreut sind, sind mit wenigen Ausnahmen Naturstudien und das Ergebniß eines consequenten Fleißes, wie ich mit einiger Genugthuung verzeichnen darf.“

Ja, er hat sich’s verdient, daß ihm wohl ward beim Herannahen des Lebensabends. Er hatte, nach einem langen und rastlosen Wanderleben, sich in der Heimath ein eigen Heim gegründet und ließ sein Gemüth fröhlich sein beim Anblick der Landschaft, in welcher er selbst früher in mancherlei Gestalt und Schicksal die Staffage hatte bilden helfen. Jetzt blickte der „gemachte Mann“ sie an und bevölkerte sie mit den Kindern [460] seines Humors, der ihm so lange Aug’ und Herz frisch und jung erhalten hatte. Man konnte an Herbert König nicht anders, wie an einen Glücklichen denken; schäkernde Bilder drängten sich bei der Erinnerung an ihn vor unserem geistigen Auge; man wurde selbst mit froh, wenn man des Frohen im Schooße der Zufriedenheit gedachte. Er hat Recht, der Freund, der aus Berlin dem Heimgegangenen nachsagt: „In die Wehmuth, mit welcher uns die Nachricht von seinem Tode erfüllt, mischt sich unabweislich doch immer wieder das Lächeln bei der Erinnerung an die zahllosen Aeußerungen seiner außerordentlichen humoristischen Kraft, deren Wirkung wir so oft empfunden haben, und wir können seiner nicht anders gedenken, als mit, einem heitern, einem nassen Auge“ – Die Leser der „Gartenlaube“ werden von derselben Wehmuth erfaßt werden, wenn sie im vorigen Jahrgang die Nr. 18 aufschlagen und neben dem geistigfreien Worte das Bildniß betrachten, das nun einen Todten vorstellt. Wir Alle haben es zu beklagen, daß wir ärmer geworden sind um einen Poeten mit Griffel und Feder. Treue Liebe seiner Erinnerung!