Über proletarische Dichtung

Textdaten
Autor: Alexander Alexandrowitsch Bogdanow
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Über proletarische Dichtung
Untertitel:
aus: Die Aktion, 11. Jg., Nr. 21/22, 28 May 1921, S. 303–309
Herausgeber: Franz Pfemfert
Auflage: 1.
Entstehungsdatum: 1918
Erscheinungsdatum: 1921
Verlag: Verlag Die Aktion
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin-Wilmersdorf
Übersetzer:
Originaltitel: Что такое пролетарская поэзия
Originalsubtitel:
Originalherkunft: Пролетарская культура, 7/1918, Nº1, Стр. 21–22
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[303]
ÜBER PROLETARISCHE DICHTUNG

Von A. Bogdanow

I

Der Anfang der Dichtung wurzelt an derselben Stelle wie der Anfang der menschlichen Rede überhaupt.

Die Schreie, die die primitiven Menschen bei einer Arbeitsanstrengung unwillkürlich ausstießen, die Arbeitsschreie, waren die ersten Keime des Wortes, die erste Bezeichnung; die natürliche und für die anderen verständliche Bezeichnung der Tätigkeit, bei der sie entstanden sind. Dieselben Arbeitsschreie waren der Keim zum Arbeitslied.

Das Arbeitslied war nicht ein Zeitvertreib oder ein einfaches Vergnügen. In der gemeinsamen Arbeit vereinigte es die Anstrengungen der Arbeitenden, half ihnen, sich aufeinander einzustellen, gab den Anstrengungen eine rhythmische Regelmäßigkeit, einem rhythmischen Zusammenhang. Es war auf diese Weise ein Organisationsmittel der kollektiven Anstrengungen. Dieselbe Bedeutung hat es bis jetzt behalten.

Das Kampflied, das sich später entwickelt hat, dient ebenfalls zum Organisationszwecke, nur mit einer anderen Nuance. Es wurde vor dem Kampfe gesungen und schuf die Einheitlichkeit der Stimmung, den Zusammenhang des kollektiven Gefühls, die Grundbedingung eines einheitlichen Vorgehens im Kampfe. Das war gewissermaßen [304] die vorbereitende Organisation der Kräfte des Kollektivs für die ihm bevorstehende schwierige Aufgabe.

Die zweite Wurzel der Dichtung ist der Mythus; er ist auch der Beginn jedes Wissens.

Ursprünglich bedeuten die Worte menschliche Handlungen; aber Mitteilungen über Erscheinungen und Handlungen der sie umgebenden Natur ihrer elementarischen Kräfte konnten die Menschen nur mit Hilfe derselben Worte machen. Auf diese Weise wurde die Natur auch in der primitivsten Beschreibung oder Erzählung unvermeidlich vermenschlicht; war die Rede von einem Tier oder von einem Baum, von der Sonne oder vom Mond, von einem Fluß oder von einem Bach, von jedem Gegenstand wurde wie von einem Menschen gesprochen: die Sonne „geht“ am Himmel auf und unter, morgens „steht sie auf“, abends geht sie „schlafen“, im Winter „krankt“ sie und „nimmt“ ab u. s. f. Diese unwillkürliche Übertragung der Begriffe vom Menschen auf die Natur nennt man die Grundmetapher. Ohne sie konnte das Nachdenken über die außermenschliche Welt nicht beginnen, konnte die Erkenntnis nicht entstehen.

Später hat dann das menschliche Denken den Unterschied zwischen der inneren menschlichen und der sie umgebenden äußeren Welt erkannt, hat es sich von der Grundmetapher befreit, besonders nachdem Namen für Dinge geschaffen waren. Das Denken ist aber auch jetzt noch von der Grundmetapher nicht ganz frei. Allein schon das Wort Welt (im Russischen Mir, was gleichzeitig auch Gemeinde, Kollektiv bedeutet. Anm. d. Übers.) ist eine ihrer Überbleibsel, denn es bedeutet eigentlich Gemeinde, Menschenkollektiv. In der Dichtung war und ist die Rolle der Grundmetapher gewaltig: die Vermenschlichung der Natur ist eine der hauptsächlichsten Methoden der Dichtung.

Ursprünglich enthielt ein Mythus nichts Erdachtes. Wenn ein Vater seinen Kindern die Erfahrung, die er selber besaß, mitteilte, z. B. ihnen von dem veränderlichen Schicksal der Sonne in ihrem Jahreslauf berichtet, so mußte diese primitive astronomische Vorlesung unvermeidlich den Charakter einer Abenteuergeschichte annehmen von einem mächtigen und gütigen Menschen, der in einem schweren Kampf mit feindlichen Kräften steht, die manchmal vor ihm weichen, manchmal aber ihm Niederlagen und Wunden zufügen, ihn entkräften usw. Daraus entstand dann irgendein dichterischer Mythus. bei den Babyloniern – von dem Helden Gilgamesch, bei den Griechen – von dem Helden Herakles. Wenn der primitive Mensch einem anderen weniger erfahrenen mitteilen wollte, daß Leichen der lebenden Menschen schädlich sind, daß sie Krankheiten verursachen, die den Menschen schwächen oder töten, entstand eine Erzählung von den tückischen Toten, von ihrer Feindschaft gegen die Lebenden, der Stoff, aus dem dann später die Vampirmythen entstanden sind. Damals war dies die einzige Form der Verbreitung der Kenntnisse in der menschlichen Gesellschaft.

Dichtung, Prosa, Wissenschaft waren unzertrennbar in dem unbestimmten Keim verschmolzen, den der primitive Mythus darstellt. Sein lebendiger Sinn jedoch, seine Bedeutung für die menschliche Gesellschaft stellen sich in einem ganz bestimmten Lichte dar: der Mythus war wiederum ein Organisationsmittel der gemeinschaftlichen Arbeit im Leben der Menschen.

Wozu wird von Generation zu Generation das von den Menschen gesammelte Wissen von sich selbst, vom Leben von der Natur weitergegeben? Damit die praktischen Bemühungen der Menschen mit diesen Kenntnissen in Einklang gebracht werden, damit man die menschliche Kraft diesen Kenntnissen gemäß lenken und vereinigen kann, damit kurzum die praktischen Bemühungen des Menschen auf der Grundlage dieser Kenntnisse organisiert werden.

Der ursprüngliche Sonnenmythus, die Schilderung des [305] Jahreszeitenwechsels gab die notwendigen anleitenden Hinweise für das System der landwirtschaftlichen Arbeiten, ebenso für die Jagd, die Fischerei und für alle anderen Beschäftigungen, deren Organisation sich auf eine planmäßige Verteilung der Arbeit nach Jahreszeiten, auf eine „Zeitorientierung“ stützt. Der Mythus von Toten gab Hinweise für die hygienischen Maßnahmen in bezug auf Leichen, damit die letzteren z. B. genügend tief, in genügender Entfernung von den Wohnungen begraben werden usw. Das primitive dichterische Wissen spielte in der damaligen Praxis eine ebenso organisierende Rolle wie die neuesten exakten Wissenschaften in der modernen Produktion.

II

Hat sich eigentlich die Lebensbedeutung der Dichtung sehr verändert?

Erinnern wir uns, was die alten Dichtungen von Homer, Hesiod für das alte Griechenland bedeuteten: ein wichtiges Erziehungsmittel. Und was ist Erziehung? Das ist die grundlegendste Organisationsarbeit, die der Gesellschaft neue Mitglieder zuführt.

Die Menschen werden in einer solchen Richtung vorbereitet, daß sie dann fähig sind, lebendige Glieder im System des gesellschaftlichen Zusammenhangs zu sein, einen bestimmten Platz einzunehmen und eine Funktion im gemeinsamen sozialen Prozeß zu erfüllen. Die Erziehung organisiert das menschliche Kollektiv auf dieselbe Weise, wie man durch Beibringen des Marschierens, der Disziplin und der Kampfmethoden eine Armee organisiert.

Unsere Theoretiker, die aristokratischen und teilweise kapitalistischen Traditionen gemäß die Kunst als einen „Luxus“, als eine „wertvolle Verzierung des Lebens“ betrachten, merken nicht, in welchen Widerspruch sie mit sich selber geraten, wenn sie gleichzeitig der Kunst eine erzieherische, d. h. eine praktisch organisatorische Bedeutung zuerkennen.

Es gibt zwei bürgerliche Theorien: die der „reinen Kunst“ und die der „bürgerlichen Kunst“. Die erste behauptet, die Kunst müsse sich selber zum Zweck haben, sie von den Interessen und Bestrebungen des praktischen Kampfes der Menschheit frei sein. Die andere nimmt an, die Kunst müsse fortschrittliche Tendenzen des Menschheitskampfes verwirklichen. Wir können auf diese beiden Theorien verzichten, wenn wir untersuchen was die Kunst im Leben der Menschheit in Wirklichkeit ist. Die Kunst organisiert die Kräfte der Menschheit ganz unabhängig von den Aufgaben, die sie sich stellt.

Das „reinste“ Gebiet der Dichtung ist die Lyrik, die Kunst der persönlichen Stimmungen, der Gefühlserlebnisse. Sollte auch diese Kunst imstande sein, eine sozial organisierende Bedeutung zu haben?

Wenn die Lyrik nur die persönlichen Erlebnisse des Künstlers zum Ausdruck brächte, wäre sie für niemanden außer für ihn selbst verständlich und interessant, sie wäre dann keine Kunst. Ihr Sinn besteht darin, daß sie einen Typus von Stimmungen gestaltet, der vielen verschiedenen Leuten gemeinsam ist, eine Ähnlichkeit und Verwandtschaft der seelischen Bewegungen. Indem er den Menschen dieses Gemeinsame aufdeckt und erklärt, vereinigt sie der Dichter, er verbindet sie durch die unsichtbaren Fäden des gegenseitigen Verständnisses auf dem Gefühlsgebiet, durch das „Mitfühlen“, das er in ihnen allen erweckt. Gleichzeitig erzieht der Dichter eine Seite der Seele dieser Menschen in ein und derselben Richtung, was die seelische Verwandtschaft, die Festigkeit ihres Klassen- oder sozialen Zusammenhangs vertieft und befestigt. Dadurch wird aber auch die Möglichkeit gemeinsamer, harmonischer Handlungen vorbereitet unnd entwickelt; hier, wie wir es auch beim Kampfliede festgestellt haben, geht es um eine [306] gewisse vorbereitende Organisierung der Kräfte des Kollektivs für irgendwelche Aktionen des gemeinsamen Lebens, des gemeinsamen Kampfes.

Die Dichtung, die das Leben wiedergibt, wie das Epos, das Drama, der Roman, hat eine der Wissenschaft gleiche organisatorische Bedeutung und dient zur Leitung der Menschheit, um auf Grundlage der früheren Erfahrung die gegenseitigen Beziehungen der Menschen einzurichten.

III

Die heutige Gesellschaft ist in Klassen eingeteilt. Das sind Kollektive, die durch viele Lebenswidersprüche voneinander getrennt sind und die sich deshalb einzeln mit verschiedenen Mitteln gegeneinander organisieren. Natürlicherweise sind ihre Organisationswerkzeuge, d. h. ihre Ideologien, verschieden, getrennt voneinander und stehen nicht nur in keinem Einklang, sondern meistenteils im schroffsten Gegensatz zueinander. Dies bezieht sich auch auf die Dichtung; in einer Klassengesellschaft ist auch sie eine Klassendichtung, eine Gutsbesitzer-, Bauern-, Bourgeoisie- und proletarische Dichtung.

Man muß es nicht in dem Sinn deuten, als verteidigte die Dichtung die Interessen dieser oder jener Klasse; das letztere kommt vor; aber sehr selten, und auch dann nur in politischer, in sozialer Dichtung. Im allgemeinen aber liegt ihr Klassencharakter viel tiefer. Er findet darin seinen Ausdruck, daß der Dichter auf dem Standpunkte einer bestimmten Klasse steht: mit ihren Augen sieht er die Welt, denkt und empfindet so, wie es seiner Klasse, ihrer sozialen Natur entspricht. Hinter dem Verfasser, dem Individuum steckt das Kollektiv als Verfasser, die Klasse; und die Dichtung ist ein Teil des Bewußtseins dieser Klasse, des Kollektivs.

Der Verfasser selbst denkt gar nicht daran, er ahnt es manchmal gar nicht. In seinen Dichtungen findet man manchmal gar keinen Hinweis auf die Klasse, aus der heraus sie entstanden sind.

Die Natur wird mit den verfeinertsten seelischen Bewegungen des Dichters in Einklang gebracht, auf den ersten Blick scheint uns diese Dichtung das vollkommenste Beispiel des „l’art pour l’art“ zu sein, der jede soziale Bedingtheit fehlt. Und doch fanden sich schon damals, als es noch keinen Marxismus gab, Leute, die ähnliche Dichtung als eine „Herren“- – als eine Gutsbesitzerdichtung empfanden. Und eine solche war sie auch, eine von den Stimmungen, von dem Milieu, von den Gedanken- und Lebensformen der Gutsbesitzerklasse bestimmte Poesie.

Die vollständige Abwendung von materiellen, wirtschaftlichen, prosaischen Sorgen, die in dieser Lyrik atmet, war nur für die Herren, die Gutsbesitzerelemente möglich, die sich immer mehr von der Produktion losrissen. Sogar die damals in Entwicklung begriffene Bourgeoisie, die in Gedanken an Gewinst und Konkurrenz aufging, die von der Geschäftsatmosphäre durchdrungen war, konnte es nicht zu einer so feinen Kultivierung der Empfindungen und Gefühle bringen; außerdem war sie als eine vorwiegend städtische Klasse nicht fähig, so feinfühlig die Natur zu verstehen und aufzunehmen wie ein ländlicher Gutsbesitzer. Und es ist offensichtlich, daß diese Dichtung die organisierende Kraft der im Absterben begriffenen Gutsbesitzerklasse sein mußte, die natürlich nicht kampflos ihren geschichtlichen Platz aufzugeben geneigt war und ihre Interessen energisch verteidigte. Diese Dichtung vereinigte die Vertreter des Herrentums nicht nur in einer gewissen Gemeinsamkeit der Stimmung, gleichzeitig stellte sie diese Schicht in einen Gegensatz zu der übrigen Gesellschaft, was wiederum das Gefühl der Zusammengehörigkeit förderte. Sie befestigte in ihr das Gefühl der geistigen Überlegenheit anderen Gesellschaftsschichten gegenüber und folglich auch ihr Recht auf eine [307] privilegierte Lage; sie sagte gleichsam: Was sind wir doch für ästhetische und erhabene Geschöpfe, wie zart und verfeinert sind doch unsere Seelen, wie vornehm ist doch unsere Kultur. Daraus resultierte von selbst das Bestreben dieser Schicht, ihre Kultur mit gemeinsamen Kräften hartnäckig zu verteidigen, d. h. natürlich die äußeren Bedingungen einer Kultur, den materiellen Reichtum und die Vorherrschaft in der Gesellschaft.

In einer Klassengesellschaft kann es keine Dichtung außerhalb der Klassen geben; daraus folgt nicht, daß sie in jedem gegebenen Fall ausschließlich dem Interesse einer bestimmten Klasse dienen muß. Njekrassows Dichtung z. B. enthält eine flammende Verteidigung der Interessen der Bauernschaft und tiefes Verständnis für ihr Leben; ebenso ist seine Dichtung ein intensiver Ausdruck der Bestrebungen, Gedanken und Gefühle der in Entwicklung begriffenen, jedoch von den alten Lebensformen beengten städtischen Intelligenz, zu der Njekrassow seiner ganzen Tätigkeit nach gehörte; zweifellos enthielt seine Dichtung Reste von Gutsbesitzerspsychologie, denn er war aus dieser Schicht hervorgekommen. Njekrassows Dichtung ist eine gemischte Klassendichtung. Einen solchen Charakter trägt in unserer Zeit größtenteils die demokratische Dichtung; sie trägt den Stempel der Bauernintelligenz, der Arbeiter-Bauern, der Arbeiter-Bauern-Intelligenz; dies könnte man leicht an vielen unserer neuesten Dichter aus dem Volke nachweisen.

Das Proletariat braucht natürlich nicht eine gemischte, sondern eine rein proletarische Klassendichtung.

Der Charakter der proletarischen Dichtung wird von den grundsätzlichen Lebensbedingungen der Arbeiterklasse bestimmt; von seiner Lage innerhalb der Produktion, der Art seiner Organisation, seinem historischen Schicksal.

Das Proletariat ist eine arbeitende, ausgebeutete, kämpfende, in Entwicklung begriffene Klasse. Es ist eine Klasse, die in großen Massen in den Städten konzentriert ist: für diese Klasse ist die kameradschaftliche Arbeitsgemeinschaft charakteristisch. Alle diese Züge spiegeln sich wider in dem kollektiven Bewußtsein dieser Klasse, in ihrer Ideologie.

IV

Der tiefste Bruch ging durch die Arbeitsnatur des Menschen in den Zeiten, als das „Gehirn“ sich von den „Arbeitshänden“ absonderte, „die Leitung“ von „der Ausführung“, als einer für die anderen zu denken, zu bestimmen und sie anzuleiten begann, und die anderen nur ausführten, was und wie er bestimmte. Das war die Trennung zwischen dem Organisator und dem Ausführenden. Ein Mensch wurde in bezug auf den anderen ein höheres Wesen; das Gefühl der Anbetung entstand. Auf dieser Grundlage konnte sich die religiöse Weltanschauung entwickeln; früher gab es eine solche nicht, es konnte auch eine solche nicht geben, denn die Natur mit ihren grausamen Kräften erweckte im Menschen eine tierische, nicht aber „göttliche Furcht“, den Schrecken vor mächtigen Feinden, nicht aber die Vorstellung von qualitativ höheren Wesen, mit einer sich beugenden Demut vor ihnen, außerhalb deren es keine Religion gibt. Die autoritative Arbeitsgemeinschaft hat im Laufe ihrer Entwicklung und Vertiefung das Bewußtsein der Menschen mit dem Geiste der Autorität durchtränkt: die ganze Natur wurde herrschenden Organisatoren, göttlichen Wesen untergeordnet; jeder Körper erhielt seinen Führer, die Seele usw.

Dem Charakter seiner Tätigkeit nach ist ein Organisator ein in Wirklichkeit qualitativ höherer Typus, der Ausführende ein untergeordneter; bei dem ersteren liegt die Initiative, der Überblick, die Kontrolle, wofür man Erfahrung, Kenntnisse und angestrengte Aufmerksamkeit braucht; beim zweiten liegt die automatische Ausführung, [308] welche alle Qualitäten außer der passiven Disziplin, dem blinden Gehorsam überflüssig macht. Der Sklave, der leibeigene Bauer, der Soldat einer alten Despotenarmee brauchte bei der Ausführung seiner Arbeit nicht zu überlegen; das war überflüssig, sogar schädlich; er war ein lebendiges Werkzeug, nichts weiter.

Den anderen Bruch in der Arbeitsnatur des Menschen bedeutete die Spezialisierung. Jeder Spezialist hat seine Aufgabe, seine Erfahrung, seine besondere kleine Welt; der Ackerbauer kennt den Acker, den Hakenpflug[WS 1] und das Pferd; der Schmied seinen Amboß, seinen Hammer, seinen Blasebalg; der Schuster sein Leder, seine Ahle, seine Leisten; jeder kann nicht und mag auch nicht die fremde Arbeit kennen, um so besser kann er sich für die eigene sammeln, um so vollkommener beherrscht er sie. Dieser Bruch wird noch mehr vertieft durch die Abgesondertheit, durch die Unabhängigkeit der spezialisierten Wirtschaftskomplexe, die nur auf dem Markt beim Austausch der Waren zusammentreffen. Dort wird dieser Bruch durch den Kampf aller gegen alle noch ganz besonders vertieft, der Käufer gegen die Verkäufer um den Preis, der Verkäufer untereinander um den Absatz, der Käufer um die nötige Ware, wenn sie knapp ist.

Dieser zweite Bruch in der menschlichen Arbeitsnatur bedingt den Individualismus. Der Mensch gewöhnt sich in seinen Gedanken und Gefühlen daran, sich in Gegensatz zu den anderen Menschen zu stellen; er sieht in sich ein absolut gesondertes Wesen mit gesonderten Interessen, ein selbständig schöpferisches Wesen, das in seinen Bestrebungen und Handlungen von der Gesellschaft unabhängig ist. Das Individuum, das persönliche „Ich“ sind für ihn Zentrum der Weltanschauung, des Weltempfindens, die Freiheit dieses „Ich“ das höchste Ideal.

Diese beiden Brüche in der Arbeitsnatur durchdringen das Bewußtsein der alten Klassen und also auch ihre Dichtung. Die Dichtung der rein autoritären Epoche, des Feudalismus, ist durch und durch von dem Geiste der Autorität durchdrungen; ihre Mythen, ihre Epen, wie z. B. die Genesis bei den Juden, die Ilias und Odyssee bei den Griechen, Mahabkarat bei den Indern, die Bylinen und das Epos vom Heere des Igor bei den Russen, reduzieren den ganzen Gang des Lebens, die Verkettung seiner Ereignisse in Taten von Helden, Göttern, Königen, Führern; die Lyrik, das krasse Beispiel einer solchen bieten die Psalmen Davids, empfindet die Natur als eine Äußerung des göttlichen Willens, sie ist von Anbetung und Demut durchdrungen. In der Dichtung der bürgerlichen Welt herrscht der Individualismus; ist das Zentrum die Persönlichkeit, ihre Empfindungen, ihr Schicksal; das Poem, der Roman, das Drama schildern die Zusammenstöße der Persönlichkeit mit der äußeren Welt, ihre Beziehung zu anderen Menschen, zu der Natur, ihren Kampf um Glück, um eine soziale Laufbahn, ihr Schaffen, ihre Siege, ihre Niederlagen; die Lyrik hat nur die individuelle Psychologie, seelische Bewegungen und Stimmungen einer einzelnen Person; ihr subjektives Empfinden der Natur, ihr Leid, ihre Freuden, ihre Träume, ihre Enttäuschungen, ihre geschlechtliche Liebe, ihre Qualen und ihre Begeisterung, das ist der Inhalt der Lyrik.

Es sei erwähnt, daß die Dichtung der bürgerlichen Welt vieles von dem autoritativen Bewußtsein behalten hat, denn die bürgerliche Gesellschaft hat viele Elemente der autoritären Arbeitsgemeinschaft behalten. Elemente der Herrschaft und der Unterordnung, Außerdem bedingte die Verschiedenheit der bürgerlichen Gruppen, die großen und die kleinen Kapitalisten, die höhere Intelligenz, die Konservativen und die fortschrittlichen Landwirte, die Börsenspekulanten und die Rentiers, zusammen mit den verschiedenen Kreuzungen und Mischungen dieser Gruppen, eine Mannigfaltigkeit der Formen und des [309] Inhalts der Dichtung, obwohl ihr Grundcharakter stets derselbe ist.

V

Mit der Maschinenproduktion beginnen zum ersten Male die grundsätzlichen Gegensätze in der Natur der Arbeit zusammenzuwachsen. „Arbeiterhände“ sind nicht mehr einfach Hände, der Arbeiter ist kein passiv und automatisch ausführendes Individuum. Er ist untergeordnet, aber auch er lenkt den „eisernen Sklaven“, die Maschine. Je komplizierter und vollkommener die Maschine, um so mehr Arbeit, Beobachtung und Kontrolle, Übersicht über alle Seiten und Bedingungen ihrer Funktion; die Maschine hat zeitweise auch ihre Launen und ihr Versagen, und in solchen Fällen ist ein sicherer Blick für das Geschehene, Initiative und Entschlossenheit von äußerster Wichtigkeit. Dies aber sind grundsätzliche Züge einer organisatorischen Arbeit; die mit Fähigkeit zu angestrengter Aufmerksamkeit verbunden – alles Eigenschaften, die einen Organisator charakterisieren. Die Arbeit bleibt jedoch eine unmittelbare physische Anstrengung; gleichzeitig mit dem Gehirn arbeiten auch die Hände.

Die Spezialisierung betrifft auch nicht mehr so sehr die Arbeiter als die Maschinen; die Arbeit an verschiedenen Maschinen ist ihrem organisatorischen Inhalte nach in den meisten Fällen sehr ähnlich. Das ermöglicht das gegenseitige Verständnis bei einer gemeinsamen Arbeit, gegenseitige Hilfe durch Rat und Tat. Dabei werden die Grundlagen einer kameradschaftlichen Form der Arbeitsgemeinschaft gelegt, auf der dann das Proletariat alle seine Organisationen aufbaut.

Das Charakteristische dieser Form ist das Verschmelzen der organisatorischen Arbeit mit der ausführenden. Aber sowohl die Organisatoren wie die Ausführenden sind hier nicht einzelne Personen, sondern das Kollektiv. Die Angelegenheiten werden gemeinsam besprochen und entschieden; jeder ist an der Ausarbeitung des kollektiven Willens und seiner Verwirklichung beteiligt. Die Organisation[WS 2] wird hier nicht durch Macht und Unterordnung erreicht, sondern durch kameradschaftliche Initiative und Leitung seitens aller, durch kameradschaftliche Disziplin seitens jedes einzelnen.

Die Keime der kameradschaftlichen Arbeitsgemeinschaft waren auch früher schon vorhanden; aber erst in unserer Epoche bekommt sie einen Massencharakter und tritt als Grundtypus der Organisationsform einer ganzen Klasse auf. Mit dem Fortschritt der Technik wird sie vertieft, sie bekommt breitere Dimensionen mit der fortschreitenden Konzentration des Proletariats in den Städten, in den riesenhaften Fabrikunternehmungen.

Die Konzentration des Proletariats in den Städten und Fabriken hat eine ungeheuer komplizierte Wirkung auf seine Psychologie. Sie entwickelt das Bewußtsein, daß die Persönlichkeit, allein genommen, ein machtloses Spielzeug den Händen der äußeren Gewalten sein würde, ein lebensunfähiges Gewebe Fetzen, das von dem mächtigen Organismus abgerissen wurde. Das persönliche „Ich“ wird auf die ihm geziemende Dimension und auf den ihm geziemenden Platz zurückgeführt.

Die kameradschaftliche Arbeitsgemeinschaft ist keine fertige Form; sie befindet sich noch in ihrer Entwicklung, je nach den Umständen auf einer verschiedenen Stufe der Entwicklung; das kameradschaftliche Bewußtsein folgt dieser Entwicklung nach, wobei es immer etwas zurückbleibt. Dies ist die Grundlinie der Bahn des Proletariats; sie ist sogar noch in den fortgeschrittensten Ländern nicht vollendet. Sie wird ihre Vollendung nur im Sozialismus finden, der nichts anderes ist als eine kameradschaftliche Organisation des ganzen Lebens der menschlichen Gesellschaft.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Herkenpflug
  2. Vorlage: Organistiaon