Über die Quacksalber im Wirzburgischen und dessen Nachbarschaft

Textdaten
<<< >>>
Autor: Anonym
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Über die Quacksalber im Wirzburgischen und dessen Nachbarschaft
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 5, S. 454-462
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: Raw
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Nürnberg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
s. a. Miscellaneen (Journal von und für Franken, Band 2, 2)#2
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Über die Quacksalber im Wirzburgischen und dessen Nachbarschaft.pdf
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


|
VI.
Ueber die Quacksalber im Wirzburgischen und dessen Nachbarschaft.

Da ich in dem letzten Decennium innerhalb eines Districts von mehr als zehen Stunden Gelegenheit hatte, den Gang der ausübenden Arzeneywissenschaft zu beobachten, meinen Aufenthaltsort in dieser kurzen Zeit einigemahl verändern mußte, und eben dadurch mehrere Bekanntschaften in dieser Gegend machte; so wird es mir um so leichter seyn, einen kleinen Beytrag in dieser die menschliche Gesundheit betreffenden Sache zu liefern.

 Die in diesen Gegenden berühmten Quacksalber leben zum Theil noch, und sind zum Theil seit wenigen Jahren gestorben.| Ein Zufall machte, daß ich mich geraume Zeit in dem Fürstl. Schwarzenbergischen Städtchen Marktbreit aufhielt, zu einer Zeit, in welcher die Sorge für die menschliche Gesundheit zwey Ärzten anvertraut war, die mehr guten Willen, als gründliche Wissenschaft hatten. Dem damahls lebenden Apotheker Schneider, der sich viele medicinische Kenntnisse erworben hatte, fielen daher die meisten Kranken unter die Hände; diejenigen ausgenommen, welche noch zu dem Sprößling des abgelebten berühmten Scharfrichters Thomas in Ochsenfurt wanderten, der seines Vaters Gewerbe mit glücklichen Fortschritten, doch minder gesucht, als sein Vater, durch Urinbesehen fortgetrieben hat, nun aber gestorben ist. Ausser diesem wunderthätigen Mann war die dortige Gegend mit keinem mir bekannten Afterarzt gestraft. Die in der Nähe sich aufhaltenden Wundärzte sind meistens geschickte Leute.

 In dem Kitzinger Amte hingegen haben sich schon mehrere schlechte Bader aufgehalten. Aber ein gewisser Schneider in Zeibelrieth lebt, durch sein gutbezahltes Urinbegucken bereichert, ganz ungestört.

 Nun komme ich von der Gegend zu sprechen, wo noch am meisten solche Afterärzte| ihre Handthierung treiben. Zwey von diesen Quacksalbern sind, wie in dem Schreiben aus dem Wirzburgischen, (in des Journals von und für Franken 2ten Bandes 2ten Heft) gedacht wurde, schon von ihrer Obrigkeit schüchtern gemacht, aber doch noch nicht ganz von ihrem Metier abgebracht worden: denn sie geben im engsten Vertrauen noch Recepte an leichtgläubige Leute. Aber noch blühet einer von ihnen, und zwar der berühmteste, der nun aus seinem Wohnort verscheuchte, sogenannte Doctor von Kollizheim, der jetzt sein Gewerbe zu Traustatt, einem Gräflich Voitischen Orte, ungestört fortsetzt. Unsere ganze hiesige Gegend vertraut sich seinen aus dem Uringlase geschöpften Orakelsprüchen an, er bedienet die meisten Leute mit Hausmitteln, die oft eben so ungereimt sind, als die Quantität des Wassers, womit er seine Wurzeln und Kräuter absieden, und sie von dem Kranken, mit dem schwachen, wie mit dem guten Magen, achtelweis als warmes Getränk nehmen läßt. Ich habe einige traurige Beyspiele von seiner Curart gesehen, aber auch eben so lächerliche z. B einem Bauern, der mit dem Urin zu ihm kam, sagte er: er solle so geschwind als es möglich sey, nach Hause eilen, und den| Patienten mit den heiligen Sacramenten versehen lassen, wenn er ihn noch lebend antreffen wolle. Der Bauer, der mirs selbst erzählt hat, steckte voll Unwillen seinen Urin in die Tasche, und eilte mit Riesenschritten in seine Heimath, die er durch die starke Bewegung und Erschütterung weit gestärkter erreichte, als er sie verlassen hatte. Denn da er der Kranke selbst war, dachte er bey sich: der Wasserprophet versteht sein Gewerbe nicht. Der Erfolg war, daß der Bauer gesund wurde, ohne nur das mindeste von ihm bekommen zu haben. Von seinen übrigen Ungereimtheiten, darunter auch das Aderlassen auf der Nasenspitze für die Gelbsucht gehört, will ich nichts gedenken.
.
 Der zweyte unserer Quacksalber ist der Bauer Winter in dem Wirzburgischen Dorfe Dippach, dessen wundervolle Salben und Pflaster für alle Arten von Wunden passend seyn müssen. Kommt er zu einem Patienten, so ist die leichteste Entzündung der Brand, dem er aber durch zirkelförmige Umspannung mit seiner Hand sogleich seine Gränzen setzen kann. Dann legt er, nachdem er es für dienlich erachtet, entweder seine Salbe, (das eine Quecksilber-Salbe seyn mag) oder sein Pflaster auf. Curirt nun| unter des unwissenden Menschen Hand die gütige und wirksame Natur einen Patienten, so posaunt er und seine Anhänger es der ganzen kleinen Welt seines Bezirks aus. Wie viel aber verstümmelt und beschämt, sich einem Bauern anvertraut zu haben, von ihm verlassen werden, das wissen nur diejenigen zu beurtheilen, die in der Folge die von ihm hülflos verlassenen zu curiren haben. Er bleibt seit einiger Zeit nicht nur bey den äusserlichen Mittel, sondern er wagt es auch innerliche Mittel auszugeben. Er heilt unter andern Kinderkrankheiten auch den sogenannten nagenden Wurm, und zwar folgendermassen: Er bindet eine lebende Grundel (Gründling) auf den Nabel; so wie sich selbige verzehrt, so ist auch der nagende Wurm auf immer aus seiner Stätte verwiesen.
.
 Ein dritter in dieser Gegend sich aufhaltender Quacksalber ist der sogenannte Bauerndoctor, von seiner Völlerey und Unsauberkeit auch Mostdoctor, Läusedoctor genannt. Dieser alte Betrüger rühmt sich wichtiger Dinge, ist aber ein eben so nichtswürdiger Afterarzt, als die vorigen. Er unternimmt alles und führt sich dabey so behutsam auf, daß er beym anscheinenden übeln Ausgang der Cur 5 bis 6 Stunden| weit in der Ferne sich verbirgt, so lange bis seine mißlungene Cur vergessen ist. Er besäuft sich, wenn die Einkünfte gehörig fallen, des Tags wenigstens einmahl, auch 2 und 3 mahl.

 Wir haben auch eine Ärztin in unserer Gegend, die mit ihrer Stärke im Gichtheilen auf eine marktschreyerische Art prahlet. Sie nimmt Bleymittel, kocht sie in Branntewein, und schmiert die leidenden Theile stark damit. Vor kurzer Zeit hat ihr ein wackerer Geistlicher, bey dessen mit Gichtschmerzen behafteten Jungfer Köchin sie sich heimlich einschlich, und welche sie mehr ruinirte, als heilte, sobald er sie entdeckt hat, die Thüre gewiesen, und den Ort verbieten lassen.

 Was ein benachbarter Wurzelgräber für falsche Arten von Wurzeln ins Ausland liefert, will ich noch nicht genau bestimmen. Nur zwey Pflanzen sind mir vorigen Winter zu Gesichte gekommen, welche er statt der in der Heilkunde so wirksamen Wolverley (arnica montana L.) und radix Rusci verkauft. Erstere scheint mir eine Hypochaeris zu seyn; letztere war nichts anders, als die Wurzel vom Antherico Liliagine und ramoso L. Er sammelt sie in dem Kitzinger Forst.| Dieser gute Alte sündigt nicht aus Bosheit oder Gewinnsucht, sondern weil ihm bis jetzt Niemand besser belehrt hat. Unwissende Materialisten kaufen ihm diese Waare ab, von diesen die Apotheker, und beyde verbreiten inzwischen dadurch Unglück und Schaden über die leidende Menschheit.
.
 Hier war nur die Rede von Fränkischen Einwohnern, die alle Tage entdeckt und gestraft werden können. Ausländische Gesundsheits-Zerstöhrer sind die Kästleinsträger, die unter dem Namen der Ungarn, Tyroler, Schneeberger, Königseer, Bergknappen etc. von einem Dorfe zum andern wandern, und durch ihre marktschreyerische Beredsamkeit eine große Quantität Arzeneyen, die ihrem Angeben nach zu der ganzen Cur erforderlich sind, oder doch wenigstens eine Laxier, meistens in Pillen bestehend, verkaufen. Der Bauer denkt schon genug erspart zu haben, wenn ihm für 6 kr. sein alter Sauertaig tüchtig unter und über sich ausgefeget wird, und weiß nicht, daß dieses Laxans die Ursache zu manchen darauf folgenden Übeln ist. Niemand kann so richtig davon urtheilen, als wer mit dem Bauersmann in Betreff seiner Leibesgebrechen zu thun hat. Wenn schon unter dieser| Classe von Leuten noch einige wären, die in gewissem Betracht gute Arzeneyen führten, darunter man die Hallischen Arzeneymäckler rechnen dürfte; so fehlt sichs doch nicht, daß damit Unterschleif getrieben wird. Wenn man nur den einzigen Artikel, die Pillen, betrachtet, die unter verschiedenen Namen verkauft werden, so muß man sich wundern, wie vernünftige Leute sie kaufen mögen. Diese Pillen werden im Winter in den benachbarten Dörfern von den Bauersleuten Pfundweis verfertiget, und dabey geht viel Unterschleif und Schmiererey vor. Und warum schicken wir das Geld ins Ausland? Warum entziehen wir unsern seßhaften verpflichteten Bürgern ihre Nahrung? Ist noch zu wundern, wenn der Apotheker in den Landstädten nicht genug Absatz für seine Waare hat, wenn ihm mancher Artikel veraltet, und wenn er dadurch genöthiget ist, über seine Taxe zu fordern? Zumahl da noch über dieß gewisse Juden, die man Holländische nennt, von einem Bader und Krämer zum andern mit schlechten Materialwaaren hausiren gehen, und dafür das Geld aus dem Lande schleppen. Erst kürzlich ließ ich einen solchen Juden aus Neugierde seine Waare abpacken, und fand| meist äusserst schlechte Waaren; die Rhabarbara wurmstichig und von schlechter Qualität, die China von der geringsten Sorte, die Jalappa schien mir gar, als wenn ihre resinösen Theile schon ausgezogen wären. Wenn ähnliche Betrüger unangetastet das ganze Land durchziehen dürfen, so ists die höchste Unbilligkeit, daß man die Apotheker mit Visitationen quält. Erst müssen dergleichen Quacksalber ausgereutet, solche gefährliche Arzeneyverkaufer und Verfälscher vertrieben werden, ehe man auf geseegnete Folgen der übrigen Medicinal-Anstalten rechnen kann, durch welche dem Landmann bey sich ereignenden Krankheiten leicht und sicher geholfen werden kann. So lange aber keine Übereinstimmung, wenigstens des ganzen Fränkischen Kreises, die angefangene Verbesserung der Medicinal-Policey unterstützet; so wird immer der Pfuscher, aus fürstlichen Landen vertrieben, in einem oder dem andern ritterschaftlichen Winkel Schutz und Aufnahme finden, aus welchem er, wie ein Pestwind aus angesteckten Landen, die umliegende Gegend vergiftet.