Topographische Beschreibung des Dorfes Edelfingen unweit Mergentheim

Textdaten
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Autor: Anonym
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Titel: Topographische Beschreibung des Dorfes Edelfingen unweit Mergentheim
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 5, S. 445-454
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
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V.
Topographische Beschreibung des Dorfes Edelfingen unweit Mergentheim.
Edelfingen[1] liegt an der Landstraße nach Frankfurt 3/4 Stund unter Mergentheim auf einem fruchtbaren Hügel, von dem das Auge eine reizende Aussicht genießet, indem man bey heiterem Himmel wohl auf 5 Stunden weit, längs dem Taubergrunde hinab sehen kann. Zur Linken, am Fuße des Hügels, rieselt die Tauber in sanften Wellen durch fette Wiesen, reich an schönen Karpfen. Über dem Fluße ist eine steile Bergkette, die, so weit das Auge reichet, in gerader Linie bis einige Stunden unterhalb dem Mainzischen Städtchen Bischofsheim ununterbrochen fortläuft, und nur durch den Schüpfergrund, woher ein fischreicher| Bach fließet, den die Tauber zu Königshofen, einem mit einem Walle und doppelten Mauern umgebenen Mainzischen Städtchen, aufnimmt, auf einige hundert Schritte einen Zwischenraum bekommt. Auf dem breiten Gipfel der Berge sind weitschichtige Waldungen, woran 6 Dörfer und 1 Stadt Theil haben. Den Zwischenraum zwischen dem Thal und dem Walde nehmen Weinberge von mittelmäßigem Ertrag, Eilern, Klee- und Kartoffelfelder ein. Zur Rechten des Dorfes steiget abermahl eine Bergkette in langsam fortlaufender Erhöhung ostwärts auf, wo zwischen den Weinbergen und dem Dorfe einige fette Äcker liegen.
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Edelfingen hat dreyerley Herrschaften, den Teutschen Orden, den Grafen von Hatzfeld und die Herren von Adelsheim. Seit 1628 sind die Unterthanen, oder eigentlich die Hofstätten abgetheilt, so daß dem Teutschen Orden 5/8, dem Grafen von Hatzfeld 2/8, und den Herren von Adelsheim 1/8 zugehören. Jede Herrschaft hat einen eigenen Schultheiß, und Adelsheim sogar einen eigenen Beamten hier. Den großen und kleinen, wie auch den Blutzehend ziehet Adelsheim auf der ganzen Markung ganz| allein, die Gülten und Grundzinsen werden von verschiedenen andern Lehenherren eingenommen. Die Schatzung, welche seit der Abtheilung sowohl in Kriegs- als Friedenszeiten für immer auf 1000 fl. rhn. vest gesetzt ist, wird jährlich in 2 Terminen durch die drey Schultheißen gemeinschaftlich eingenommen, sodann jeder Herrschaft ihr Antheil pro rata zugetheilt.
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Die Menschenzahl kann ich nicht genau angeben, doch sind der Unterthanen 250, mit Einschluß der 25 Judenfamilien, die alle, wie jene, ihr Gemeinderecht haben, ihre jährlichen Bürgerlauben, und wenn sie bauen, ihre Holzsteuern aus dem Gemeindewald erhalten. In Rücksicht der Vermögensumstände kann man die Einwohner in 3 Classen theilen, worunter die erste die vermöglichste ist, so daß sie nicht nur keine Schulden, sondern nebst ihren schönen Feldgütern noch ansehnliche Summen auf Interessen liegen haben. Die zweyte Classe hat ebenfalls ihr gemächliches Auskommen, und auch der dritten fehlet es nicht an hinlänglicher Nahrung, indem sie fast alle mehrere Stückchen Feldes haben, welches sie so gut benutzen, daß ihnen der Ertrag desselben die Nahrung aufs ganze Jahr reichet. Minderbegüterte,| oder solche, die gar kein Feld haben, arbeiten im Taglohn, entweder in Mergentheim oder im Dorfe selbst. Unter den 225 Haushaltungen ist nicht eine einzige gezwungen, ihr Brod ausserhalb durch ungestümmes Betteln zu suchen. Die Alters und Schwäche halber zur Arbeit untauglichen Wittwen, ein paar Blödsinnige, und ein alter Burger, welcher die Stelle eines Bettelvogts vertritt, jedoch wegen der vortrefflichen Armenanstalten im Teutschherrischen seit mehrern Jahren sein Ansehen zu gebrauchen nicht nöthig hatte, dürfen wöchentlich zweymahl in dem Dorfe einen Umgang halten, wo ihnen hinlänglicher Unterhalt gereichet wird.
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Daß unsere Einwohner sehr industriös sind, und durch Fleiß, Gewerb und Handelschaft ihr Brod verdienen, davon ist auch schon die große Anzahl von Professionisten ein klarer Beweis. Denn wer sollte wohl glauben, daß sich hier 72 Handwerker befinden, die alle ihr gutes Auskommen haben, ob sie schon bey ihren geringen Feldgütern sich fast durchgehends auf ihrem Handwerk ernähren müssen? Man zählt nämlich 26 Leinweber, unter denen einige für wahre Künstler in ihrer Profession gelten können,| 18 Schuhmacher, von welchen einige 3 bis 6 Gesellen haben, 7 Schneidermeister, 9 Bäcker, 2 Schreiner, 3 Hufschmide, 1 Kupferschmid, 1 Nagelschmid, 1 Häfner, 2 Maurermeister, 1 Zimmermeister und 1 Bader, nebst diesen noch 2 beträchtliche Gasthäuser und immerhin einige Heckenwirthe.
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Diejenigen Einwohner, welche im Sommer und Herbste ihr Brod durch den Taglohn verdienen, bauen dabey ihr kleines Eigenthum, ziehen allerley Samenwerk, Stopfzwiebel etc. tragen selbiges zum Verkauf im Winter 10-12 Stunden weit hinaus, und bringen durch ihre Handelschaft das Jahr hindurch ein schönes Stück Geld in das Dorf. Ich getraue mir, ohne die Sache zu übertreiben, sicher behaupten zu dürfen, daß jährlich aus den hier gezogenen Sämereyen und Pflanzen von allen Gattungen des Gemüßes 1000 Rthlr. gelöset und herein gebracht werden. In der Feldökonomie, besonders in Gartengewächsen und der Menge der fruchtbarsten und ausgesuchtesten Obstbäume ist unserm Edelfingen kein benachbartes Dorf gleich, wovon uns Mergentheim in Anbetracht der dortigen Wochenmärkte, welche größtentheils die Edelfinger im Sommer und| Winter mit Butter, Käse[,] Eyern, Schmalz, Obst und grünem Gemüße anfüllen, das beste Zeugniß ablegen kann. Ich will eine einzige Haushaltung zum Beyspiel anführen, weil ich von derselbigen die zuverläßigste Nachricht habe, daß sie aus einem umzäumten, ungefähr 1/4 Morgen haltenden Hausgarten in einem einzigen Sommer für Gemüß als Salat, Zuckererbsen, Bohnen, Rettige, Cucumern, Wirsing, Kohlraben, Gelbenrüben, Zwiebeln, Pflanzen und Rangersensaamen etc. 48 fl. rhn. baares Geld erlöset habe. Wer hier 1/4 Morgen Gartenfeld, soviel Kleefeld, und eben soviel Wiesenfeld hat, kann wenigstens eine Kuh über Winter halten, und noch dazu ein oder zwey Stück Rindvieh mästen, und so sich einen großen Beytrag zur Nahrung verschaffen. Manche mästen schon den Sommer hindurch etliche Stücke Rindvieh, und verkaufen sie im Herbste an die Metzger. Das zur blossen Erhaltung des Viehes nöthige Futter nehmen sie aus ihren Äckern, Weinbergen und Gärten. In den Gemüßegärten entblättern sie die Rangersen und Kappispflanzen, so lange es dem Wachsthum derselben nicht schädlich ist; die Äcker und Weinberge hingegen reinigen sie von dem Unkraut, welches| noch den Nutzen hat, daß die übrigen Früchte desto besser gedeihen. Im October kaufen sie das letzte Stück Rindvieh zum Mästen, und schlachten solches nebst 1, 2 auch 3 Schweinen im December für ihre eigene Küche. Wer eine weniger zahlreiche Familie hat, verkaufet auch noch die geräucherten Schincken von seinen Schweinen, (welche man hier so gut zuzurichten weiß, daß sie den Westfälischen Schinken wenig nachgeben, und daher von den Mergentheimern recht fleißig gesuchet werden) 1, 2 auch 3 Viertel vom Küh- Rind- oder Ochsenfleisch, welches von Martini bis Weihnachten öffentlich nach Mergentheim zum Verkauf gebracht werden darf.
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Auf die Menge des hier wachsenden Obstes kann man schon daher schließen, daß in guten Jahren aus dem Zehenden von demselben 100 bis 125 fl. rhn. erlöst werden, obschon das Sommerobst gar nicht, und vom Winterobst nur dasjenige ausgezehendet wird, welches ausser dem gemeinen Dorfsgraben auf der Markung wächst, und man von einem Maltersack nicht mehr als einen Strohnapf mit Obst als den Zehenden nimmt. – Man könnte aber die Zahl der Obstbäume wohl noch um ein Halbtausend| vermehren, wenn man nämlich die beyden Seiten der Straße so wohl oberhalb des Dorfes gegen Mergentheim, als unterhalb desselben mit guten Bäumen besetzen wollte. Man könnte alsdann den Ertrag davon versteigern, das daraus erlöste Geld zur Gemeindecasse schlagen, und mit demselben die Bedürfnisse der Gemeinde bestreiten oder sonstige Verbesserungen treffen. Hingegen sollte man auf keinem einzigen Acker einen Baum dulden, da Wurzel und Schatten des Baumes der Fruchtbarkeit des Ackers weit mehr schaden, als das auf demselben wachsende Obst einträgt.
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Bey unsern Einwohnern herrscht sowohl im Innern ihres Hauswesens, als auch in der Kleidung, gut Ökonomie und Reinlichkeit. Hierin zeichnen sich aber vorzüglich die evangelisch-lutherischen Weibsleute aus,[2] welche durchaus kein kostspieliges Flitterwerk in Kleidungen und ganze Familien ruinirenden Moden lieben, wenig Seidenzeug, Ziz und Cattun, dagegen aber starke, so zu sagen lebenslänglich haltende schwarze Tücher zu Röcken und Jäcken tragen. Der größte| Staat an den höchsten Festtagen und wenn sie zum heiligen Abendmahl gehen, bestehet bey den Mannsleuten in einem saubern schwarzen Mantel über dem blauen oder gleichfalls schwarzen tuchenen Rocke, bey den Weibsleuten, nebst andern schwarzen tuchenen Kleidern, in einer schwarz sammtenen Haube, mit einer 3 Finger breit hervorstehenden weisen Spitze, die sie auch gemeiniglich die Nachtmahlshaube nennen, und öfters noch von ihrer Urgroßmutter her haben, dann einem schönen weißen Holländischen Halstuche und wieder einer schwarzen Damisschürze. Nur gar wenige fangen jetzt an, ihre großelterliche Kleidertracht, zum größten Ärger der Modeverächter, in eine neue Form zu bringen, und ihre Ausgaben für Kleider jährlich um einige Thaler zu erhöhen, welches freylich bey den Männern manches saure Gesicht verursachet. An Werktagen gehen die meisten in ihrer den Winter hindurch selbst zubereiteten Kleidung aus Leinen und Wollenzeug, doch nicht so zerfetzt und zerlumpt, wie viele unserer Nachbarn, wo sogar vermögliche Manns- und Weibsleute mit äusserst schmutzingen und zerfetzten Kleidern – auch an den Sonntagen – in der Kirche erscheinen.
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| Auch sind unsere Einwohner friedfertig, gesellig, tolerant und leisten einander, der katholische so gut als der protestantische, in allen Stücken hülfreiche Hand. Man hört wenig von Diebereyen und Entwendungen der Feldfrüchte, obschon die wenigsten Gärten umzäunet sind. Streithändel und blutige Auftritte sind etwas ganz unbekanntes.



  1. Ehedem hieß es Oedelfingen, welches aus noch nicht gar alten Urkunden, Lager- und Schatzungs-Büchern, ältern Landkarten und Reisebeschreibungen, und selbst der gemeinen Aussprache in der ganzen Nachbarschaft, bewiesen werden kann. Allein vor ungefähr 60 Jahren befahl der damahlige evangelisch-lutherische Pfarrer Baunach den Schulkindern das Oedel in Edel (zweifelsohne wegen der schönen, fruchtbaren Gegend, worin es liegt, und wegen des vortrefflichen Nahrungsstandes der Einwohner) zu verändern, und seitdem schreibt man auch durchgehends Edelfingen.
  2. Der Herr Einsender selbst ist der römisch-katholischen Kirche zugethan. Man vergleiche hiemit Nicolais Reisen, in seiner Beschreibung von Bamberg und Journal von und für Franken 3ten Band. S. 581.