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Zwei Künstlerlieblinge des Berner Oberlandes

Textdaten
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Titel: Zwei Künstlerlieblinge des Berner Oberlandes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 40
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[25] 
Die Gartenlaube (1878) b 025.jpg

Das Well- und das Wetterhorn im Berner Oberland.
Originalzeichnung von Ludwig Hofelich in München.

[40] Zwei Künstlerlieblinge des Berner Oberlandes. (Mit Abbildung auf S. 33.[WS 1]) Ein Mann, der es verstehen muß, weil sein Name an der Stirn des von uns bereits besprochenen kunst- und prachtreichsten Buches über „Das Schweizerland“ steht, Woldemar Kaden, sagt in diesem Werke:

„Beginnt die Reihe der ‚erheblichen‘ und ‚interessanten‘ Leistungen auf alpinischem Gebiete erst bei einer Höhe von zwölftausend Fuß, so giebt es doch unter diesem Maße noch eine Menge Gipfel von besten Namen, Gipfel, die auch durch ihre Lage oft interessanter werden, als die ungleich höheren. Dazu gehört nun in erster Linie das berühmte Massiv der Wetterhörner. Es entsteigt wild und schroff der östlichen Ecke des Grindelwaldthales und läßt aus seinen Hochfirnen drei scharf gesonderte Gipfel herauswachsen. Von diesen drei Gipfeln: Hasli-Jungfrau, Mittelhorn und Rosenhorn, springt die erstere als Rivalin der eigentlichen Jungfrau durch edle Kühnheit der Formen und Schärfe der Profile am meisten in die Augen. Ihrer Höhe fehlt ein Fuß zu elftausendvierhundert. So sehr es jetzt Modesache geworden ist, die Saison für Hochgebirgstouren mit einer Ersteigung des Wetterhorns zu eröffnen, so spät hat doch gerade dieses seinen ersten Besteiger gefunden. Denn wenig mehr als ein Vierteljahrhundert ist seit der Expedition auf das Rosenhorn durch die Herren Desor, Dollfuß, Dupasquier und Stengel verflossen. Es wurde bis dahin für unbesteiglich gehalten. Jetzt sind auch Damen oben gewesen, und gegenwärtig, denn auch Berge werden als Modeartikel behandelt, erfreut sich das Wetterhorn mit seinem Nachbar Wellhorn, das seinen Ruhm vielleicht nur dem vertrauten Umgange mit der weltberühmten Größe des Wetterhorns verdankt – Eckermann und Goethe! – großer Beliebtheit und der größten Verbreitung im Kunsthandel.“

Trotz dieses nicht ganz harmlosen Fingerzeigs auf den Modetriumph der beiden Berge hat Kaden von seinen neunzig Tondruckbildern der Schweizer Alpenwelt ihnen nahe an ein halb Dutzend gewidmet und selbst von den etwa vierthalbhundert Textbildern noch einige dazu hergegeben. Um so mehr fühlen wir uns verpflichtet, die Versäumniß des ersten Vierteljahrhunderts der „Gartenlaube“ in dieser Hinsicht sofort gut zu machen, indem wir die von der Meisterhand Ludwig Hofelich’s eigens für unsere Zeitschrift hergestellte Originalzeichnung des Well- und des Wetterhorns in unserem Holzschnitt mittheilen. Dagegen müssen wir das Wellhorn in Schutz nehmen gegen den Kaden’schen Vergleich. Kommen wir von Rosenlaui–Bad her, den Weg zum Reichenbachthal verfolgend, so steht, wenn wir wohl eine Viertelstunde im Wald gewandert sind, plötzlich die thurmartig aufstrebende Felswand des Wellhorns vor uns. Wir staunen freudig seine Herrlichkeit und Erhabenheit an, und wenn hinter ihm das Wetterhorn seine Dreizackkrone noch so stolz in ewigem Lichte strahlen läßt, so ruht der Gletscherarm des Schwarzwalds, den Wetterhorn-Goethe zum Nachbar ausstreckt, durchaus nicht auf eines Eckermann’s Schulter. Auch wenn, im Weitergange, die Brochbrücke überschritten ist und das Wetterhorn in immer gewaltigeren Massen uns entgegentritt, so sinkt der Nachbar nicht dermaßen zusammen, daß zwischen beiden die Ebenbürtigkeit wiche: sie sind zwei Könige des Gebirgs; den Eckermann haben wir dort nicht gesehen.

Für die Nimrode der Gegend ist das Wetterhorn als Heimstätte unzähliger Gemsen ein gesuchtes Bergrevier; sentimentale Wanderer aber versetzte der im Lande hochberühmte Alphornist Rudolf Schlunegger am Fuße des Wetterhorns oft in feierlichste Stimmung, wenn das Echo der Felsen die einfachen Töne seines Instruments in Orgelklänge verwandelte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gemeint ist offensichtlich Seite 25.