Zwei Junker von der Schwalm

Textdaten
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Autor: J. B.
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Titel: Zwei Junker von der Schwalm
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Zwei Junker von der Schwalm.

Es ist sehr bezeichnend für den denkenden Sinn des Deutschen, daß der urkräftige Bewohner der bekannten Schwalmufer-Landschaft im Hessenlande mit Stolz von seiner Heimath sagt: „Off der Schwalm seng ich derheem!“ – denn der Schwalmfluß ist der Nil seiner schönen Thalheimath, und so heißt diese selbst „die Schwalm“. Von der Schwalm kommt die beliebte „Ziegenhainer Butter“, ein Erzeugniß ihres herrlichen Viehstandes, ihrer saftigen Wiesen; die „Schwälmer Amme“ ist weit und breit gesucht von all’ den vornehmen Städter Damen, denen die heiligste und süßeste ihrer Mutterpflichten zu „gemein,“ zu „unästhetisch“ vorkommt, und – ein großer Theil der kurfürstlichen leibbewachenden Kürassiere (Garde du Corps) besteht aus Kindern der Schwalm, sintemalen es lauter kräftige, himmellange Gestalten sind, die Se. königl. Hoheit zu Allerhöchstihrem Schutze für nöthig hält.

So liefert uns die Schwalm ein scharfausgeprägtes Bild von dem Einfluß des Bodens auf die Beschaffenheit der Bewohner. Diese bilden hier ein eigenthümliches Volk. Durch viele Jahrhunderte hindurch hat es die sonderbare schwerfällige Tracht der Voreltern, aber auch ihre guten, einfachen, harten Sitten aufbewahrt bis auf den heutigen Tag, und hat sich auch hierbei das „königliche Regiment“ des Zeitgeistes geltend gemacht, so bleibt dem Schwälmer doch noch Einzelnes von der Neuzeit einzutauschen, dessen Mangel das anziehende Bild seines Lebens und Schaffens mit einem trüben Schatten überzieht. Alte hessische Geschichtsbücher preisen die Biederkeit des Schwälmervolkes, den großen Reichtum seiner Bauernhöfe. Darin eben liegt ein Widerstreit, der an dem biedern, fleißigen, sittlichen Stamme unangenehm überrascht, den wir uns aber durch das zähe Festhalten desselben an den Gebräuchen vergangener Jahrhunderte leicht erklären können – wir, die Kinder einer Zeit, die vor Allem berufen ist, altheiligen Vorrechten den Garaus zu machen. Was nämlich auf der Schwalm den ungeheuren Reichthum der Hofbesitzer begründet, was dort das Sprüchwort hervorgerufen hat. „Die Bettelleut’ stammen von de reiche Buuern ab!“ – was ein bäuerisches Geld-Junkerthum wie einen giftigen Pilz auf dem Boden angestammter Redlichkeit gedeihen ließ, das ist das Vorrecht der Erstgeburt. Der Erstgeborene erbt das Gut mit Allem, was dazu gehört, und die jüngeren Geschwister werden durchgängig – so will’s die „Sitte“! – mit einer Geldsumme abgefunden, die weit unter dem Maße rechtschaffener Theilung steht. So kommt es, daß der älteste Sohn der „Herr“ und die jüngeren Geschwister die Knechte und Mägde des Bruders werden.

Das ist die Hauptschattenseite eines Volksstammes, an dessen Kraft und Gesundheit, an dessen eisernem Fleiß, an dessen Einfachheit, Sparsamkeit, Sittlichkeit der Blick des Fremden mit stiller Bewunderung hängen müßte.

So wenig Sinn das Völkchen der 13. Dörfer für dichterische Gestalten hat, so lebt doch noch in Einzelnen die Erinnerung an seine Außergewöhnlichkeiten. Eine hiervon hat eine andere Feder bereits in dem Artikel „Fürst und Bauer“ (in Nr. 6 der Gartenlaube) unseren Lesern vorgeführt. Es sei mir vergönnt in kurzen Zügen die Thaten zweier Helden aufzuzeichnen, die auf der Schwalm geboren, doch im Allgemeinen dort fast ebenso vergessen sind, als der Name „Junker Hansens Hof“,[1] von dem der Verfasser des obenerwähnten Artikels irrthümlicherweise erzählt, daß er heute noch gebräuchlich sei.

Wenn der Name „Fürstendiener“ heute, wo die Völker mündiger geworden sind, in Verruf gekommen ist, so haftet dagegen unser Blick mit Rührung auf den Getreuen der Vorzeit, wo hie und da im deutschen Lande zwischen Fürst und Volk Verhältnisse bestanden, wie zwischen einem Vater und seinen Kindern. Ein solcher Getreuer – d. h. unter solchen Verhältnissen – war Heinz (Heinrich) von Lüder, ein Zeitgenosse Philipp’s des Großmüthigen, geboren auf dem Schlosse seiner Väter zu Loßhausen bei Ziegenhain. Als der Kaiser (Carl V.) seinen edlen, ritterlichen Landesherrn nach der für den „Schmalkaldischen Bund“ so verhängnißvollen Schlacht von Mühlberg, wo Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen in Gefangenschaft geriet, nach Halle lockte, um ihn dann in Sicherheit bringen zu lassen, saß Heinz von Lüder als Commandant in der Festung Ziegenhain. Dahin entsandte der Kaiser einen seiner Generäle mit großer Heeresmacht und mit dem Befehle, das Commando der Festung zu übernehmen. Als man aber Heinz von Lüder des Kaisers Begehr zu wissen that und hinzufügte, daß sein eigener Landgraf, der Freiheit zu lieb, es selbst verlange, entgegnete der wackere Junker von der Schwalm: „Mein Herr, der Landgraf, hat mir den Befehl gegeben, die Festung zu halten, da er noch frei war, und was der freie Landgraf befohlen hat, das kann der gefangene nicht umstoßen!“ – und fügte nun seinerseits hinzu: „Wenn übrigens der Herr General nicht mache, daß [399] er fortkomme, so wolle er ihm den Weg mit den großen Karthaunen weisen!“

Vor diesem Ereigniß, das sich unauslöschlich in der Brust des Knaben Konrad Wiederhold (des späteren Commandanten von Hohentwiel, dessen wir in Nr. 36 der Gartenlaube 1862 gedachten) festgesetzt hat und diesem, nach eigenem Geständniß, ein steter Leitstern seiner Handlungen gewesen ist – stand Heinz von Lüder auf einem friedlicheren Posten. In Gemeinschaft mit Adam Krafft mußte er im Hessenlande umherreisen, das Kirchenwesen zu untersuchen und die evangelische Kirchenzucht herzustellen, wie dies auf der Kirchenversammlung zu Homberg im Jahre 1526 bestimmt war. Dabei traf es sich auch, daß Heinz von Lüder das Kloster zu Haina von den innewohnenden Mönchen säuberte. Die Aebte beschwerten sich bei dem kaiserlichen Reichskammergericht, so daß kaiserliche Beamte nach Haina kamen, um sich vom Stand der Dinge zu überzeugen. Mittlerweile war aus den Räumen des Betens und Faulenzens ein Zufluchtsort für Gebrechliche und Geistesschwache erstanden, und der zeitige „Abt“ hieß – Heinz von Lüder. Dieser, auf die Frage, weshalb er die Mönche aus ihrem Eigenthum vertrieben, schwieg und ließ die Thüren des Empfangszimmers öffnen. Da traten herein die Blödsinnigen, die Krüppel und Elenden. Die Kaiserlichen aber sahen sich beschämt und vertwundert an, als nun der Ehrenmann sie fragte: „Gnädige Herren, hier sind sie, die die Einkünfte der Abtei genießen; möget Ihr es vor Gott verantworten, daß diese wieder in’s Elend gestoßen werden?“ Mit Hochachtung schieden die Gesandten des Kaisers von der Anstalt, und gar bald erging von Seiten des Letzteren das Urtheil, daß die Mönche ihre Rechte am Kloster einbüßen müßten.

Damals grollte Carl V. dem Biedermanne noch nicht, wohl aber etliche Jahre später, nach der Eingangs erzählten ritterlichen Antwort. Da, als sich endlich Landgraf Philipp die Thüren des Gefängnisses öffneten, machte der Kaiser auch seinem Zorne gegen den Commandanten von Ziegenhain Luft und behielt sich vor, als eine Mitbedingung von Philipp’s Freiheit, daß dieser den Heinz von Lüder am Ziegenhainer Festungsthore aufhängen lasse. Herrlich löste der befreite Landgraf sein gegebenes Wort. An einer goldenen Kette, mit Polstern unter die Arme des Missethäters gelegt, ward Heinz von Lüder am Thore sanft in die Höhe gezogen und, nachdem er ein wenig gehangen, wieder herabgelassen. Die Kette aber ist sein Eigenthum geblieben, als ein Zeichen der Dankbarkeit seines Fürsten und ein Sinnbild seiner eigenen Treue, herrlich wie Gold im Feuer der Noth bewährt. –

Mein zweiter Junker von der Schwalm kann nicht mit Waffenthaten prunken oder sich rühmen, seinem Fürsten treu gewesen zu sein bis in den Tod. Doch war er treu sich selbst, treu seiner besseren Ueberzeugung und treu dem guten Rechte seines Volkes. Er heißt Bernhard v. Schwertzell, ist von „gutem Adel“, wie seine Thaten beweisen werden, und 1816 auf dem Schlosse der Freiherrn v. Schwertzell zu Willingshausen, zwei Stunden von Ziegenhain, geboren. In den „tollen Jahren“ kam er, den Keim des Todes in der Brust, aus Oesterreich, wo er als Lieutenant gedient, auf sein Heimathdorf zurück. Hier sah er bald, was dem Schwalmvolk, dessen Gleichgültigkeit an den Bewegungen der Zeit ihn erschreckte, vor Allem Noth that. Es war damals noch die schöne hoffnungsvolle Zeit des Frankfurter Parlamentes, als Bernhard v. Schwertzell – und dies ist seine ganze Heldenthat – von seinem Schmerzenslager aus das „Willingshäuser Wochenblättchen“ gründete, dessen Preis er (beiläufig gesagt), in richtiger Würdigung des Schwälmer Charakters, auf vierteljährlich einen Silbergroschen festsetzte. In volksthümlicher, d. h. den Schwälmern bis auf den letzten Buchstaben verständlicher Sprache erweckte er die Landbewohner aus dem hier und da noch süßen politischen Schlummer, zeichnete ihnen das Bild des Rechtes und suchte sie für gesetzliche Selbsthilfe zu begeistern. Wer die Schwälmer kennt, muß unwillkürlich rufen: „Eine schwierige Aufgabe!“ Aber der Mann mit dem dahinsiechenden Körper und dem frischen Geiste, der „Junker“ mit seinem warmen Herzen für das Volk, war der rechte Mann dazu. Er ruhte nicht eher, bis sein Wort auf der Schwalm die That geboren, und als sich am 29. April 1849 Nachmittags gegen fünf Uhr die von ihm gegründeten sechs Vereine zu dem von ihm unter unsäglichen körperlichen Leiden angestrebten „Schwalmbund“ vereinigten, da ruhte er für immer! Die Hoffnung eines Menschen aber, der ihm sein Leben und Streben durch gemeine Angriffe auch geistig zu verbittern gesucht hatte, die Hoffnung, daß „mit der nahe bevorstehenden Auflösung seines Körpers auch das Blättchen“ sterben werde, wie jener Gegner, ein angehender Geistlicher, in einer Erwiderung meinte, ging nicht in Erfüllung. Ein treuer Freund des Verblichenen setzte fort, was der unvergeßliche Todte begonnen, bis ihn – den armen israelitischen Lehrer von Merzhausen – das Willkürregiment eines Hassenpflug aus seinem doppelten Beruf und seinem Vaterlande vertrieb.

Bernhard v. Schwertzell starb, noch nicht ganz dreiunddreißig Jahre alt. Ein unabsehbarer Leichenzug, darunter der Bürgerverein von Ziegenhain und seine erst durch den Tod mit ihm versöhnten Verwandten, folgte dem Sarge des Frühvollendeten. Auch er ist einer von Denen, die mit der Hoffnung im Herzen gestorben sind, daß die Nacht des zerrissenen Deutschland vorüber und sein Morgenstern aufgegangen sei. Selig sind die Todten der Freiheit alle, die so gestorben sind, kämpfend und hoffend bis an’s Grab, das nach wenig Tagen auch die Freiheit verschlang!

J. B.

  1. Die damit verknüpfte Geschichte ist mir, als einem Ziegenhainer Kind, von meiner frühesten Jugend an bekannt. Aber gar oft habe ich mich geärgert, daß das Schwälmervolk den interessanten Hof nie anders nannte, als „dem Vorgemeester Hooß in Leimbach seng Hoob.“       J. B.