Zwei Jahre in Konstantinopel und in Morea

Textdaten
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Autor: Charles Deval
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Titel: Zwei Jahre in Konstantinopel und in Morea
Untertitel:
aus: Das Ausland, Nr. 32; 34–35 S.  125–126, 135–136, 142–144.
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[125]

Zwei Jahre in Konstantinopel und in Morea.


Griechische Flüchtlinge. Konstantinopel. Züge des türkischen Nationalcharakters.

Wir theilen in dem Folgenden unsern Lesern einige Stellen aus einem kürzlich erschienenen Werke über Griechenland und die Türkei mit.[1] Hr. C. D., der Verfasser desselben, schiffte sich im Jahre 1825 auf der königl. französischen Fregatte Galathea nach der Levante ein. Auf der Insel Milos erblickte er zum erstenmale die Schlachtopfer muselmännischer Wuth. „Nur zu oft,“ sagte er, „wiederholte sich mir später dieses furchtbare Schauspiel. Die Griechen, die ich hier sah, waren aus Candia herübergeflohen, verjagt von den Truppen des Kapudan Pascha, die dort gelandet, die Ortschaften zerstört und die Einwohner niedergemacht hatten. Die Höhlen von Milos waren angefüllt mit Weibern, Kindern und Greisen. Sie lagen auf bloßer Erde, von Hunger erschöpft, fast nackt, die Alten in dumpfer Verzweiflung, die Kinder weinend und die Frauen wehklagend. Das bleiche entstellte Gesicht, der erloschene Blick, die blauen Lippen dieser Unglücklichen ließ die Lebenden kaum von den da und dort hingesunkenen Todten unterscheiden. Ich verließ nach kurzem Aufenthalte diesen Ort des Schreckens, da der Anblick zu ergreifend war, als daß ich ihn länger hätte aushalten können.“

Wie alle seine Vorgänger ward der Reisende von dem großartigen Schauspiel hingerissen, welches die Hauptstadt des ottomanischen Reichs von der Seeseite her darbietet. Die Fregatte warf mit Anbruch des Tages vor der Stadt Anker. Der Muezzin rief von der Höhe der Minarets die Gläubigen zum Gebet; eine unabsehbare Reihe von Häusern, tausendfarbig glänzenden Kiosken, Gärten, Todtenäckern mit ihren immergrünen Cypressen, Moscheen mit ihren luftigen Minarets; gegenüber der gewaltigen Stadt aber Scutari und Asiens blühende Ufer, dann der herrliche Seehafen, aus dem ein Wald von Masten aufsteigt, während tausend seichte Barken die Fluthen durchschneiden, endlich die Muselmänner selbst, mit ihrem reichen orientalischen Costüme, dem langen glänzenden Bart, den schönen kräftigen Formen und dem düstern Blick – dies ist das prachtvolle Gemälde, welches vor den Augen des erstaunten Reisenden sich entfaltet. „Aber diese reizende Täuschung verschwindet sogleich, so wie man in die Stadt selbst eintritt. Der Kontrast ist so stark, daß man sich eines schmerzlichen Gefühls nicht erwehren kann. Die Straßen sind eng, schlecht gepflastert, krumm und schmutzig, die Häuser unregelmäßig gebaut, von Holz oder Backstein, weder schön noch fest. Die in unsern großen Städten so lebendige, mannigfaltige Volksbewegung hat hier etwas schweres und eintöniges, was die Einbildungskraft, statt sie zu beleben, vielmehr trübt und hemmt. Die Physiognomie des Türken ist ernst und düster; nie tritt ein Lächeln in seine Züge; er weist jedes Gefühl von sich zurück, das, die Seele befreiend, den Geist weckt: man erkennt in ihm den Menschen, der für den Despotismus bestimmt ist. Blickt man blos auf einzelne Züge des türkischen National-Charakters, so wird man geneigt, manche Schriftsteller, die sich darüber aussprachen, der Verläumdung zu beschuldigen. Der Muselmann ist nicht ohne Hochsinn und Edelmuth, aber ich möchte sagen, seiner Sittlichkeit fehle die Seele. Er ist anmaßend aus Rohheit, grausam aus Neigung, fanatisch und abergläubisch aus Unwissenheit, ausschweifend bis zur Wuth, indolent und träge bis zur Wollust.

Bei tausend Gelegenheiten war ich Zeuge von der natürlichen Grausamkeit der Osmanen; am widerlichsten und gräßlichsten aber spricht sie sich bei den so häufigen öffentlichen Hinrichtungen aus. Zwar zeigt bei ähnlichen Veranlassungen unter allen Nationen der Pöbel eine gefühllose Neugierde; indessen verliert doch hier das Mitleid nicht alle seine Rechte, und jedesmal sieht der Henker mehr als Eine Thräne fließen. In der Türkei hingegen gleichen die Vorbereitungen zu einer Hinrichtung dem Vorspiel eines Festes. Meist wird der Unglückliche auf dem Wege zum Tode mit Hohn und Spott empfangen; sein Jammergeschrei wird lächerlich gemacht, und mit satanischer Freude weidet sich die Menge an den letzten Zuckungen des Schlachtopfers. Ich war eines Tages Zeuge jener fürchterlichen Art von Hinrichtung, durch das Spießen. Von einer spitzigen Eisenstange durchbohrt, die an der linken Seite wieder herausging, erfüllte der Unglückliche den Platz mit seinen gräßlichen Wehklagen; aufs inständigste bat er, bei Gott und seinem Propheten, man möchte ihm [126] einen Trunk Wasser reichen,[2] während zwei Henkersknechte ruhig zusahen und über seinen Jammer lachten, die herumstehende Menge von Neugierigen aber durch seine Leiden belustigt zu werden schien, ohne daß auch nur auf Einem Gesichte die geringste Theilnahme oder Bewegung zu lesen gewesen wäre. Von einer andern, zwar minder schrecklichen Scene, die aber gleichfalls die wilde Rohheit der Muselmänner zeigt, war ich bei einer andern Gelegenheit Augenzeuge. Ein Kaufmann hatte sich falscher Gewichte bedient. Ohne alles gerichtliche Urtheil, ließ der Polizei-Commissair ihn ergreifen, ihm das Gesicht mit Honig bestrechen, um die Insekten herbeizuziehen, und hierauf sein rechtes Ohr an die Thüre seiner Bude nageln. Aehnliche Scenen könnte ich noch viele anführen, wenn sie nicht zu widrig wären, als daß ich mich länger dabei aufhalten möchte.

Jedermann kennt die alte Gewohnheit der türkischen Heerführer, nach einem Siege dem Großherrn eine Anzahl Köpfe und Ohren der getödteten Feinde zu übersenden, die sodann an den Thoren des Serails zur Schau ausgestellt werden. Seit dem Ausbruche der griechischen Revolution wiederholte sich dieses Schauspiel fast jeden Tag; das Volk strömte in Masse herbei, um die schauerlichen Trophäen zu zählen, und sein Jubel vermehrte sich, je mehr christliche Köpfe und Ohren ihm von dem kaiserlichen Palaste entgegenblickten. Als Ibrahim Pascha sich Missolonghi’s bemächtigt hatte, gab er einigen Gefangenen Befehlt, die Ohren ihrer gefallenen Mitkämpfer einzusalzen, um sie dann dem Sultan zu überschicken. Man brachte vier Tonnen voll zusammen. Ibrahim glaubte aber, daß dieß noch nicht hinreiche, um Mahmund eine angemessene Idee von seinem Siege zu geben, und ließ daher auch den unter den Mauern des Platzes gefallenen Türken die Ohren abschneiden, und den griechischen Ohren beipacken. Die Gefangenen aber, um den Betrug an Tag zu bringen, legten einige Zettel bei, mit den Worten: „An der Länge dieser Ohren wird man leicht erkennen, daß sie keine griechischen sind.“ (?)

[135]
Charakterzüge der Türken. Sultan Mahmud.

Nachdem unser Reisender die Fehler und Laster der Türken mit starken Zügen geschildert hat, läßt er auch ihren guten Eigenschaften Gerechtigkeit widerfahren. Eine ihrer schönsten Tugenden ist ihr Festhalten an Treu und Glauben. Betrüger, Diebe und Gauner sind äußerst selten. Man kann ohne Gefahr seine Uhr, seine Börse in einem Cafe oder an jedem andern öffentlichen Orte liegen lassen, und gewiß seyn, daß, wenn man einen oder ein paar Tage darauf wieder zurückkehrt, man das verloren geglaubte mit der gewissenhaftesten Treue zurückerstattet erhält.

Eines Abends ward ein Franke von einigen Soldaten, welche die Ronde machten, in einer abgelegenen Straße angetroffen. Ihr wißt, sagte ihm der Chef der Patrouille, daß Nachts kein Franke ohne Laterne ausgehen soll; ihr seyd daher arretirt und wandert ins Gefängniß. Da der Franke etwas erwiedern will, antwortet der Türke: Gebt mir eure Börse, so erhaltet ihr die Freiheit. Der Franke gehorcht, indem er lieber hundert Piaster bezahlt, ehe er sich ins Gefängniß schleppen läßt. Wie groß aber war sein Erstaunen, als er etwa sechs Monate später dem nämlichen Türken auf der Straße begegnete, der ihm mit den Worten auf die Schulter klopft: „Mein Freund, erinnert ihr Euch meiner und der hundert Piaster, die ich Euch eines Abends abnahm? Ich war damals in Geldnoth. Hier nehmt Eure hundert Piaster zurück. Seit langer Zeit suchte ich Euch vergebens, um sie Euch zurückzustellen.“

Eine weitere Tugend der Türken ist ihre Gastfreundlichkeit und Wohlthätigkeit, die ihnen im Koran vorzüglich zur Pflicht gemacht ist. Dabei muß man ihnen zugestehen, daß während sie vielleicht mit noch größerem Eifer und innigerer Aufrichtigkeit handeln, sie mit der Ausübung ihrer guten Werke viel weniger Ostentation verknüpfen, als in der Regel unsere Wohlthätigkeitsanstalten zu thun pflegen. In ihrer Mildthätigkeit spricht sich so ungeschmückte Einfachheit und Natürlichkeit aus, daß sie mehr eine Folge der Neigung als der Pflicht zu seyn scheint.

Als Beispiel des edlen Gerechtigkeitssinnes, der sich nicht selten bei Muselmännern findet, führt der Reisende eine etwas ältere aber wenig bekannte Anekdote an. Der Sohn eines Großveziers ward von leidenschaftlicher Liebe für eine junge schöne, erst kurz vorher verheirathete Armenierin hingerissen; mehrere Versuche sie zu verführen, waren fruchtlos, und der gereizte Gatte, um allen ferneren Anschlägen auf die Ehre seines Hauses vorzubeugen, stieß ihn, unter Mitwissen seiner Frau, nieder. Der Leichnam ward aufs sorgfältigste verborgen, ohne daß irgend ein Verdacht auf die Thäter gefallen wäre. Die junge Armenierin war, gleich einem großen Theile ihrer in Konstantinopel lebenden Landsleute, von katholischer Religion. Von Gewissensbissen getrieben, beichtete sie ihr Verbrechen einem [136] katholischen Priester. Dieser, im Besitze eines so wichtigen Geheimnisses, gebrauchte es dazu, der geängsteten Frau nicht nur eine bedeutende Geldsumme abzupressen, sondern ihr auch die schändlichsten Vorschläge zu machen. Er ward mit Unwillen zurückgewiesen. Indessen ließ der Großvezier durch die öffentlichen Ausrufer dem, der irgend eine Nachricht über das Schicksal seines Sohnes geben könnte, eine große Belohnung versprechen. Der Priester verräth die beiden Ehegatten. Sie werden eingezogen und zum Geständnisse gebracht. Nun läßt der Großvezier den armenischen Patriarchen fragen, welche Strafe ein Diener des Altars verdiene, der seinem Eide zuwider ein in der Beicht ihm anvertrautes Geheimniß verrathe. Die Antwort lautet: Er ist des Feuertodes schuldig. Der Vezir gibt sofort Befehl, den Priester zu verbrennen; dann wendet er sich an die beiden Ehegatten: „Ich war Vater, aber ich bin auch gerecht. Geht! ich verzeihe euch; mein Sohn war schuldig.“ Hierauf ließ er überdieß der Armenierin die Summe zurückerstatten, die sie dem Priester gegeben hatte, um sein Stillschweigen damit zu erkaufen.

– Der gegenwärtige Sultan, Mahmud, geb. 1804, verdankt seine Gewalt der Ermordung seines Bruders Mustapha, der selbst wieder der Mörder jenes unglücklichen Selim III war. Mahmud verbindet mit einem großen Scharfblick eine seltene Festigkeit und Ausdauer. Sowohl bei den Unruhen zur Zeit von Selims Sturz als neuerlich bei der Auflösung der Janitscharen zeigte er eine Energie, die in ihrer furchtbaren Unbeugsamkeit ans wunderbare grenzte. Als die Janitscharen die Fahne des Aufruhrs erhoben, rief er wüthend aus: „Sie sollen alle niedergehauen werden, oder die Pflugschar geht über die Trümmer von Stambul!“ Man weiß, wie furchtbar er sein Wort gehalten hat.

Die vorherrschenden Momente seines Charakters sind Habsucht und Grausamkeit. Schon Tausende wurden ermordet, deren Reichthum ihr einziges Verbrechen war. „Möge das Schwert der Russen Euch vertilgen, und das christliche Europa den Halbmond von den Thürmen Konstantinopels reißen!“ soll ihm Duz-Oglu, ein reicher armenischer Bankier, unter den Qualen der Folterkammer zugerufen haben, in der er, mit zweien seiner Brüder, in des Sultans Gegenwart zu Tode gemartert wurde.

Ich war eines Tags (erzählt unser Reisender,) in Arnâut-Keny, einem Dorfe an den Ufern des Bosphorus. Vor einem schönen Hause entstand ein lebhaftes Gedränge, und als ich näher trat, sah ich einen Leichnam im Staube ausgestreckt. Auf den ersten Blick erkannte ich in dem Ermordeten einen Mann, den ich wenige Tage zuvor mit seiner ganzen Familie auf dem Bosphorus spazierenfahren gesehen hatte. Es war Chaptchi, einer der angesehensten jüdischen Bankiers von Konstantinopel. Verehrt von allen Israeliten, war er ihre Stütze, ihr Schutzengel; nie ging ein Unglücklicher ohne Trost und Hülfe von ihm. Aber er war reich, und keine Tugend konnte dieses Vergehen vergessen machen. Eines Tags trat ein Bostandschi-Baschi, in Begleitung einiger Offiziere des Serails, in seine Wohnung. Keine Gefahr ahnend empfängt sie Chaptchi mit der höchsten Freude über eine so unerwartete Ehre. Er läßt Pfeifen, Cafee, Confituren bringen, und die Türken unterhalten sich eine Viertelstundelang mit ihm auf die freundlichste Weise von der Welt. Plötzlich aber werfen sie sich über ihn; der Eine stopft ihm den Mund, der Zweite wirft ihm eine Schleife um den Hals, während der Dritte ein Stück Holz zwischen Schleife und Nacken schiebt, und, indem er mittelst desselben die Schnur zusammenzieht, den Unglücklichen erdrosselt. Sein Leichnam wird auf die Straße geworfen, sein Vermögen eine Beute des Sultans.

Die Afenduli, eine der ausgezeichnetsten griechischen Familien, bewohnten während des Winters Kuru thekme, ein freundliches Dorf am europäischen Ufer des Bosphorus, während der schönen Jahreszeit aber ein Landhaus auf den Prinzen-Inseln. Der Vater dieser Familie, ein ehrwürdiger Greis, hatte dem Sultan schon manchen nicht unbedeutenden Dienst geleistet. Die Afenduli waren gerade auf den Prinzen-Inseln, als der Großherr den Vater nebst seinen beiden Söhnen vor sich rufen ließ. Kaum in das Serail getreten, werden sie von den Henkern, welche stets den Thron des Sultans umgeben, ergriffen, auf ihr Landhaus nach Kuru thekme geschleppt, und in den tiefsten See des Gartens gestürzt. Ihre gesammte Habe aber ward sogleich für den Sultan in Beschlag genommen. Der Rest der Familie hatte indessen mit unbeschreiblicher Angst vergebens auf die Rückkehr der Abgegangenen gewartet. Endlich kommt ein Bote des Sultans an. Kaum wird er erblickt, so stürzt ihm Helena, eine der Töchter des Hauses entgegen, im Tone der Verzweiflung ausrufend: „Welche Nachricht bringt Ihr?“ „Beruhigt Euch, (antwortet der Türke mit freundlichem Lächeln) beruhigt Euch, Se. Hoheit hat Euern Vater und Eure Brüder mit Gnade überhäuft. Ihr brennt vor Begierde, sie kennen zu lernen. Gebt mir ein Geschenk und Ihr sollt befriedigt werden.“ Man bringt ihm die reichsten Geschenke. Er nimmt sie, verbindlich dankend, und sagt dann: „Die Afenduli sind todt. Eure Güter sind konfiscirt, und auch dieß Haus, unter dessen Dach wir stehen, gehört nicht mehr Euch.“

Vor allen fällt das Schwert der Tyrannei auf die Raiahs, d. i. die Armenier, die Juden und die Griechen. Indessen soll der Sultan manchmal göttliche Inspirationen haben, wobei er durch ein altes Gesetz berechtigt ist, ohne alle gerichtliche Prozedur, und ohne daß ein Muselmann irgend einen Widerspruch wagen dürfte, täglich vierzig seiner Unterthanen den Kopf abschlagen zu lassen.

Indessen sind es keineswegs Grausamkeiten dieser Art, was die Einwohner Konstantinopels gegen ihren Herrn erbittert hat; vielmehr war es besonders die Veränderung der Münze, welche den Aufruhr in die Gemüther brachte.

[142]
Die Vernichtung der Janitscharen.

Der Verfasser befand sich gerade zu der Zeit der Auflösung der Janitscharen in Konstantinopel. Nie hätte ich gedacht (sagt er,) daß ich je ein Augenzeuge von Ereignissen seyn würde, die man bis dahin fast unter die Unmöglichkeiten rechnete. Das Corps der Janitscharen, allmächtig im Gefühl seiner wilden Kraft, und stets gewohnt, durch Aufruhr selbst den Despotismus zu beherrschen, verging in Nichts vor dem Willen eines einzigen Menschen. Durch ein fürchterliches Blutbad büßten sie alle ihre alten Triumphe, und das Schwert auf das sie ihre Macht gegründet hatten, ward nun das Werkzeug ihres Verderbens. So hatte Peter der Große vor 120 Jahren die Strelitzen ausgerottet, so vertilgte in unsern Tagen Mehemed Ali in wenigen Stunden die Schaar der Mamelukken. Seit achtzehn Jahren hatte Mahmud diesen Staatsstreich beschlossen: ein Beweis hievon ist, daß er sogleich nach dem Tode Mustapha’s die Waffen des Nizam-Djedid (der neuen Truppen) sammeln, und sorgfältig in den Magazinen des Serails aufbewahren ließ. Hier wurden auch, drei Monate vor der großen Katastrophe, 50,000 aus Lüttich gekommene Gewehre aufgestellt. Mahmud wartete nur auf eine günstige Gelegenheit; endlich hatte er den Muth sie selbst herbei zu führen. Seit Selims Sturz war das Wort Nizam-Djedid bei allem Volke ein Wort des Schreckens geworden, das man verfluchte, wie nun den Namen Janitschar. Plötzlich wagte Mahmud selbst in der Mitte der versammelten Ulemas es wieder auszusprechen. Schnell lief das Gerücht hievon durch die Hauptstadt, fand jedoch, da man das Unternehmen als ein tollkühnes Wagstück betrachtete, wenig Glauben. Bald aber warf der Sultan die Maske vollends ab. Sein kaiserlicher [143] Wille ward verkündigt, und sogleich begann in der Hauptstadt selbst die neue Organisirung des Heeres, während nach allen Provinzen Couriere flogen, um auch dort die Befehle des Herrn zur Ausführung zu bringen. Die Bürger Konstantinopels gedachten mit Schrecken der Zeiten Kabaktschi’s und Bairaktar’s, während wir andern, im Quartiere der Franken, uns plötzlich auf einen Vulkan versetzt sahen. Der 16 Junius 1826 schien unsere Furcht bestätigen zu wollen. Um zwei Uhr nach Mitternacht verbreitete sich in Pera das Gerücht, daß auf dem Etmeïdan Geschütz aufgepflanzt würde, und die Janitschren mit großem Geschrei fünf Köpfe forderten: den ihres Agas oder Ober-Befehlshabers, des Ex-Agas Hussein Pascha, des Nedjib-Efendi, Mehemed Alis Gesandten, des Groß-Veziers und des Mufti. Bereits hatten große Exzesse statt gefunden; mehrere Häuser wurden geplündert, und die Janitscharen durchzogen die Straßen der Hauptstadt mit dem Geschrei: „Tod dem Sultan Mahmud! Es lebe sein Sohn Achmet! Nieder mit dem Nizam-Djedid! Es leben die Kinder Haggi-Bektasch’s.“ Der Großherr befand sich gerade auf seinem Landhause von Beschiktasch. Kaum hat er die erste Kunde des Aufruhrs erhalten, so eilt er schnell in sein Serail nach Konstantinopel, umgeben von den Offizieren seines Hofs. Wären die Janitscharen, die 25,000 Mann stark waren, gerade gegen das Serail gerückt, und hätten sich, was ihnen nicht schwer gefallen wäre, desselben so wie der Schätze des Sultans und einiger Batterien bemächtigt, so wäre ihr Aufruhr ohne allen Zweifel geglückt. Statt aber durchgreifende Schritte zu thun, verloren sie die Zeit mit wilden zwecklosen Ausschweifungen; gewöhnt stets Sieger zu bleiben, kam es ihnen gar nicht in den Sinn, daß der Großherr einen Widerstand wagen würde, und so ward ihr Selbstvertrauen die Quelle ihres Verderbens.

Hussein-Pascha, Ex-Aga der Janitscharen, befand sich im Momente der Empörung in der Nähe der Hauptstadt. Unterstützt von wenigen Getreuen, versammelte er schnell die Kanoniere, Bombardiere, so wie die Bostandschi’s, oder die Wachen der Gärten des Serails. Ihm verdankt man die Ehre des Siegs. Als ein wüthender Janitschar unter der Regierung Selims, gehörte dieser Mann, der den Muth des Löwen mit der Grausamkeit des Tigers verbindet, zu der Zahl derer, die den Brudermörder Mustapha bei der Entthronung Selims unterstützten. Aber seine politischen Grundsätze wechselten mit den Umständen. In voller Ergebenheit unterwarf er sich Mahmud, der ihn zum Aga der Janitscharen und später zum Pascha von drei Roßschweifen ernannte. Während er Befehlshaber jenes Corps war, hatte er mehr als einmal Empörungsversuche unterdrückt, und dabei manches Haupt mit eigner Hand abgeschlagen. Er war eben so gefürchet als gehaßt, und sein Kopf wurde daher bei diesem Aufruhr am ungestümsten begehrt. Der Sultan aber schenkte ihm unbedingtes Vertrauen. Der Sandjeak-Scherif, die Fahne des Propheten, auf welche bei Todesstrafe kein Christ die Augen werfen darf, und welche nie entfaltet wird, als wenn das Reich in Gefahr steht, ward bei der Moschee des Sultans Achmet aufgepflanzt. Der Mufti, umgeben von den Ulemas, den Kadis und den Chefs der Derwische, rief dreimal aus: „Im Namen des Einigen Gottes, und Mahomeds, seines Propheten, und auf Befehl des unbesiegbaren Sultans Mahmud sind die Janitscharen außer dem Gesetz erklärt. Tod den Rebellen! Ewiges Heil denen, die sich unter die heilige Fahne des Propheten stellen!“ In allen Straßen verkünden die öffentlichen Ausrufer den Hatti-Scherif des Großherrn, und von der Höhe der Minarets ertönt der Ruf der Muezzins. Auch in Scutari und allen Dörfern auf beiden Ufern des Bosphorus werden die Gläubigen zu den Waffen gerufen. An der Spitze von acht- bis zehntausend Kanonieren und der zusammenströmenden Volksmassen wendet sich Hussein gegen den Etmeïdan und giebt Befehl zum Feuern. Die Janitscharen, obgleich erstaunt über einen so unerwarteten Angriff, vertheidigen sich dennoch aufs tapferste, und machen unter dem Schutze einiger Geschütze den Sieg lange zweifelhaft. Aber die Zahl ihrer Gegner wächst mit jedem Momente. Um nicht von allen Seiten eingeschlossen zu werden, ziehen sie sich in eine ungeheure Kaserne zurück. Hussein läßt die Thore des Gebäudes einschießen, während die Janitscharen aus sechs Geschützen die Stürmenden mit Kartätschen niederwerfen.

Sultan Mahmud befand sich im Serail, und nicht, wie unsere Zeitungen verbreiteten, an der Spitze seiner Truppen; aber hundert Couriere flogen durch die Straßen der Stadt, um von Moment zu Moment ihm Bericht zu erstatten, und seine Befehle in Empfang zu nehmen. Er gibt Hussein den Auftrag, die Kaserne in Brand zu stecken. Schnell lodert die Flamme an allen Ecken des mächtigen Gebäudes auf. Die Hitze, der Rauch, die zusammenstürzenden brennenden Balken treiben die Rebellen aus den Zimmern und Sälen, und die ganze ungeheure Menschenmasse ballt sich in dem weiten Hofraum zusammen, während von allen Thoren volle Kartätschenladungen in die dichtgedrängte Menge schlagen, über deren Häuptern das flammende Gebäude zusammenbricht. Da werfen sich ganze Reihen, um Gnade flehend, auf ihr Angesicht, aber wüthend dringen die Treuen des Sultans vorwärts, mit dem Schwert vertilgend, was das Geschütz und die Flammen verschont hatten.

Noch widerstanden drei andere Kasernen, wurden aber, als jene gefallen, gleichfalls vernichtet. Nur ein kleiner Theil der Janitscharen rettete sich nach Asien oder in den Wald von Belgrade, sieben Stunden von Konstantinopel. Vier und zwanzig Stunden hatten hingereicht, um die furchtbarste Macht des ottomanischen Reichs zu Boden zu werfen. Vor allen tapfer hatten die Kanoniere gefochten. Schon unter Selim waren sie in Regimenter eingetheilt worden, und hatten unter Mahmud das Talim, die neuen Waffenübungen, fortgesetzt. Daraus entsprang zwischen ihnen und den Janitscharen jene Eifersucht, welche dem Großherrn bei dieser Gelegenheit Thron und Leben rettete. Hussein-Aga ward zum Khan und zum Seraskier-Pascha, [144] obersten Befehlshaber der Heere des Reichs, ernannt. Die Truppen, die sich ausgezeichnet, erhielten den Namen Asker-Muhamed, Kämpfer Muhameds.

Der Groß-Vezier, umgeben von Scharfrichtern, schlug sein Zelt in dem Hofe der Moschee Achmet’s auf, wo die siegreiche Fahne des Propheten wehte, während Hussein, mit einigen hundert Bewaffneten, die Stadt durchstreifte und jeden, dem er begegnete fragte: „Bist du ein Muselmann oder ein Janitschar?“ Wer verdächtig war, oder kühn genug sich zum letztern zu bekennen, ward auf den Hippodromus geschleppt, und ohne weitere Prozedur enthauptet. Wer antwortete: „Ich bin ein Muselmann,“ wurde weiter nach Namen und Stand gefragt. Fiel die Antwort nicht ganz befriedigend aus, so ward der Verdächtige vor die aus dem Stegreif organisirten Tribunale gebracht, wo er durch schriftliche oder mündliche Zeugnisse seine beharrliche Treue gegen den Fürsten und die Religion beweisen mußte. Bei einer dieser Untersuchungen glaubte Hussein einen Offizier der Janitscharen unter der Verkleidung eines Armeniers zu erkennen. „Bist du ein häretischer oder ein katholischer Armenier?“ „Ein Katholike.“ „Gut, sag mir dein Glaubensbekenntniß.“ Der arme Janitschar konnte kein Wort hervorbringen; er ward ergriffen, und zum Tode abgeführt.

Volle vierzehn Tage lang dauerten diese Hinrichtungen. Auch diejenigen, welche noch an dem Aufruhr gegen Selim III Antheil genommen hatten, wurden der Rache geopfert. Hussein-Aga, damals einer der Hauptempörer, hatte eine Liste seiner Mitschuldigen, und verschonte keinen, auch wenn er bei der letzten Empörung sich noch so friedlich verhalten hatte. Jeden Tag wurden über tausend Menschen geschlachtet. Das Blut floß in Strömen unter den ermüdeten Armen der Henker. Dennoch glimmte das Feuer des Aufruhrs unter der Asche fort. Meuterische Anschläge wurden an die Thore des Serails geheftet. Neue Hinrichtungen waren die Antwort des Sultans. Die Weiber wehklagten über den Tod ihrer Männer: sie wurden in Säcke genäht und in den Bosphorus gestürzt. Da warf der noch immer nicht erstickte Aufruhr die Brandfackel in die geängstete Stadt. Mehr als fünf und zwanzig tausend Gebäude wurden von der Flamme verzehrt, die erst an den Mauern des Serails verlöschte; seit einem Jahrhundert hatte Konstantinopel keine so furchtbare Zerstörung gesehen. Einen Monat später ward Scutari in Brand gesteckt, und eine dritte Feuersbrunst verzehrte die große Kaserne in der Nähe des Serails. Aber immer schwächer wurden die Versuche der Empörung, die sich endlich dem blutigen Arm und dem unbeugsamen Willen des Machthabers ruhig unterwarf.

  1. Deux années à Constantinople et en Morée (1825, 1826) ou Esquisses historiques sur Mahmoud, les Janissaires, les nouvelles troupes, Ibrahim Pasha etc. par M. C. D., eléve interprète du Roi à Constantinople, Paris 1827.
  2. Es scheint, daß ein Trunk, gleichviel von welcher Art von Flüssigkeit, dem Unglücklichen, der sich in diesem fürchterlichen Zustande befindet, augenblicklich den Tod bringt.