Der Maler David

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Titel: Der Maler David
Untertitel:
aus: Das Ausland, Nr. 30–31 S.  117–118, 121.
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Originaltitel: Vie de David, premier peintre de Napoléon
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
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Der Maler David.[1]


Die großen Erscheinungen des neufranzösischen Heldencyklus verschwinden nach und nach von der Bühne; die Zeit des Außerordentlichen ist vorüber. Die Männer, die Wunder gethan, sind jetzt wieder geworden wie andere Menschen, seit der Geist ihres Elias von ihnen gewichen. Auch David, der Apelles des neuen Alexanders? Er gehört zu den Wenigen, die dem dunkeln Schicksale nicht erlegen sind. Für verlornen Reichthum und Ehre hätte er Ersatz finden können; aber der edle Franzose wollte der Gunst der Fremden nichts verdanken. Wenn wir die vorurtheilsfreien Anerbietungen einer deutschen Regierung, die für ihn, den verbannten Regicide, ein Ministerium der Künste schaffen wollte, mit Achtung anerkennen müssen, so bewundern wir den hochherzigen Künstler, der diese Anerbietungen ausschlagen konnte. David ist ein antiker Charakter, wie Carnot; solche Menschen sind selten in unsrer Zeit. Ihre Meinungen können falsch seyn, ihr Leben nie. Carnot war dem Stern Napoleon’s nicht gefolgt, weil ihm der kaiserliche Mantel an dem Konsul Bonaparte nicht gefiel. Napoleon und Carnot, getrennt in den Tagen des Glücks, begegnen sich am Abende ihres Lebens, jetzt über manche Räthsel früherer Wirren enttäuscht, und Frankreich erfreut sich noch einmal des schönen Anblicks zweier seiner Heldensöhne, vereinigt kämpfend auf der Bresche des bedrohten Vaterlands. David war wie Carnot ein begeisterter Republikaner; aber mit dem ganzen Ernste seiner hohen Seele huldigte er dem Genius des großen Mannes, der sein Vaterland mit unsterblichem Ruhm verherrlichte. Ob es die allmächtige Persönlichkeit des Helden-Kaisers war, die David’s Geist überwältigte, oder ob er in ihm die Centripetalkraft der Revolution erkannt hatte, wissen wir nicht; ein Mann, der sich blos vor der Macht beugte, war David nicht. Ueberhaupt ist die Zeit vorbei, wo man, um das Unbegreifliche in die Logik und das Erhabene in die Ebene herabzuziehen, sich der Illusion hingab, daß das ganze Gebäude der Napoleon’schen Welt auf Gewalt und Unterdrückung von der einen, auf Kriecherei und Verkäuflichkeit von der andern Seite beruhe. Aus Gründen des Schlechten wollte man Tugenden erklären! Man irrt freilich, besonders im kleinstädtischen Leben, selten, wenn man von dem juridischen Grundsatze ausgeht: quilibet praesumitur malus, donec probetur pessimus; allein eine große Weltansicht ist dieß nicht, und es gibt Dinge, Zeiten und Verhältnisse, wo diese Gemeinheits-Theorie nicht ausreicht, die einem praktischen Kriminalisten gute Dienste leisten mag. Wir wollen also bis auf weitere Beweise präsumiren, daß nicht die jährlichen 12,000 Fr., womit der Kaiser die Verdienste seines ersten Malers ehrte, es waren, die aus David, dem Republikaner, den Napoleonisten machten, und diesen scheinbaren Widerspruch einstweilen auf sich beruhen lassen.

Es kann nicht unsre Absicht seyn, das, was im Leben David’s, wie in jedem Künstlerleben, vorkommt, hier besonders auszuheben; es ist die Neuheit der Erscheinung, wie die Kunst aus der stillen Werkstätte hervortritt, wie der Künstler, auf die Tribüne seines Volks berufen, der Kunst eine Sprache verleiht und eine Repräsentation gibt, die sie nie gehabt. An sie, die Freundin der einsamen Betrachtung und des stillen Schaffens, die ihre geheimen Freuden mit wenigen Vertrauten zu theilen pflegte, erging der Ruf des Vaterlands, das ihren Händen die Verschönerung des Daseyns, die Verewigung ruhmvoller Thaten, die Belohnung des Bürgerverdienstes, einen Theil der höhern Volkserziehung anvertrauen wollte. Seit dem September 1792 befand sich David als Deputirter von Paris in der Nationalversammlung, die er einmal während 14 Tagen präsidirte. In dieser Zeit übte er im Gebiet der Künste eine Art von Diktatur aus: Die Feste der Republik, die Ehren des Pantheons, Standbilder, Denkmünzen, Inschriften, öffentliche Aufzüge, kurz was der neuen Ordnung der Dinge von Seite der Kunst durch sinnvolle Anordnung oder Ausführung Glanz und Achtung verschaffen sollte, dekretirte oder besorgte er, und einige Werke seines Pinsels aus dieser Periode, z. B. die beiden Gemälde von Lepelletier’s und Marat’s Tode, die sich durch ihre dramatische Wahrheit auszeichnen, sind Zeugen seiner politischen Richtung und Befangenheit. Ihm war der Apologist der Setembriseurs, Marat, ein Phocion; in Robespierre sah er einen neuen Marius. Aber wer hat in den Zeiten bürgerlicher Unruhen nicht wenigstens darin gestrauchelt, daß er sich von Menschen imponiren ließ, die keine Tugend hatten als die Kraft ihres Charakters, kein Verdienst als den Muth unerschütterlicher Grundsätze, keine Weisheit, als die Furchtlosigkeit in der Wahl ihrer Mittel? Die Revolution war es nicht die David erst zum Republikaner machte. Sein [118] eben so tiefer als feuriger Geist, frühe schon dem Alterthume zugewendet, hatte in der erhabenen Einfachheit jener edlen Gestalten, welche aus der Griechen- und Römerwelt vor ihm aufstiegen, die Ideale gefunden, an denen die neufranzösische Schule einen Sinn für das Ernste und Würdevolle entwickeln sollte, den sie seit langer Zeit verloren hatte. David war der Schöpfer dieser Schule. Eine Reihe von Produktionen, die noch in die Zeit vor der Revolution fällt, bezeichnete den Weg, den er mit geläutertem Geschmack und bereicherter Erfahrung auch während und nach der Revolution verfolgte. Sein Belisar, seine trauernde Andromache, sein lehrender Sokrates und besonders sein Schwur der Horazier, der selbst auf den Modegeschmack in Costüm und Sprache von nicht geringem Einfluß war, sind Werke, welche vielleicht weniger durch die Schönheit und Vollendung ihrer Formen als durch ihre großartige Auffassung der Momente, durch ihre poetische, eines Corneille würdige Conception der Malerei ein Gebiet eröffneten, dem die oberflächliche auch noch so reiche Darstellung äußerer Erscheinungen oder Phantasien fremd geblieben war. Vor einem solchen Geiste thaten sich alle Tiefen des Lebens auf, das Große und Erhabene aller Zeiten wurde das Eigenthum der Kunst, und die Kunst wurde die Spenderin der Unsterblichkeit; indem sie sich aber nicht von der Wirklichkeit trennte, wurde sie Geschichts-Malerei.

[121] Noch auf Befehl Ludwigs XVI (sonderbar genug) hatte David das Gemälde seines republikanischen Tugendstolzes, dem er selbst einige Jahre später so leidenschaftlich persönlich huldigte, in dem ältern Brutus ausgeführt, der an seinen eigenen Söhnen den Vaterlandsverrath mit dem Tode straft. Aber bald sollte ihm die Gegenwart den reichsten Stoff darbieten. Sein wichtigstes Werk aus der Revolutionszeit ist der Schwur im Ballhause zu Versailles. Die Scene vom 20. Junius 1790. Die Nationalversammlung hatte ihren Sitzungssaal verschlossen gefunden; nach einigem Umherirren in den Straßen begaben sich die Deputirten in das Ballhaus und legten den Schwur ab, sich nicht eher zu trennen, als bis sie Frankreich eine Verfassung gegeben hätten. Der Künstler faßt den Augenblick des Schwurs auf. Alle Personen haben den Ausdruck der tiefsten Bewegung; auf jedem Gesicht liest man die Seele des Schwörenden, die Wahrheit seines Gelübdes, seine Begeisterung: die ganze Versammlung ist ein Herz und eine Seele. Bailly, der ihnen den Eid vorspricht, hat eine ganz ruhige Haltung; aber es liegt etwas ungemein Edles in seinen Zügen: man erkennt den Mann von Genie, dem es gelungen ist, durchzudringen. Durch den Vorhang eines Fensters, welches der Wind aufwirft, sieht man den Himmel, der mit Gewitterwolken bedeckt ist; eine Wolke öffnet sich und Blitz schlägt in die königliche Schloßkapelle. Der tief tragische Sinn dieser Scene ist mit ein Beweis, theils wie David’s ahnender Geist den Begebenheiten vorauseilte, theils wie das Große und Ernste das Feld war, worauf er am liebsten verweilt, mochte der Gegenstand seiner Compositionen ein moderner oder ein antiker seyn. In seiner Vorliebe für das Antike, Große blieb er sich stets treu und so wird es uns auch begreiflich, wie er sich naturgewaltig zu einem Mann hingezogen fühlen mußte, dessen Charakter, Leben und Schicksal ihm so viele antike Gesichtspunkte darbot. In seinem Raub der Sabinerinnen hatte er Romulus gemalt, den stolzen Göttersohn, den Gesetzgeber der weltbeherrschenden Stadt, den siegesfrohen Helden. Wie hätte er sich bedenken können, nach dem Frieden von Campo Formio den Wunsch des französischen Feldherrn, eines Collegen im Institute, zu erfüllen, der von ihm gemalt seyn wollte. „Ich werde Sie malen,“ sagte David, „den Degen in der Hand, auf dem Schlachtfeld.“ „Nein,“ erwiederte Bonaparte, „es ist nicht der Degen, mit welchem man Schlachten gewinnt; ich will gemalt seyn, ruhig auf einem wilden Pferd.“ So malte ihn auch David, wie er den Bernhard ersteigt; in einen Felsen eingegraben liest man die Namen: Hannibal und Karl der Große; die Geschichte ist beschäftigt, den Namen des Siegers von Europa einzugraben. – Der antike Geist Bonapartes war nicht der des Malers. Beide hatten nichts von moderner Schwäche, nichts von französischer Leichtfertigkeit an sich; in ihrem kühnen, treffenden, gedrängten Ausdruck lag etwas, was die Originalität ihres Geistes, in ihrem Benehmen etwas, was die Kraft ihres Charakters, in des einen Thaten und in des andern Werken, was eine edle, großartige Gesinnung verrieth. Aber der Feldherr war mehr Römer, der Maler mehr Grieche. Das stolze Selbstgefühl des persönlichen Ruhms mit Triumphwagen, Trophäen und Fascen ging Bonaparte über alles; David hätte sich mit dem einfachen Bürgerkranze begnügt, und liebte in dem Helden von Marengo den Ruhm seines Vaterlands. Die später aufgeworfene Frage, ob Frankreich mehr Bonaparte, oder Bonaparte mehr Frankreich schuldig sey, hatte für David keinen Sinn; er konnte beide nur vereint denken. Gewiß aber war Bonaparte kein so Begeisterter, daß es nicht Augenblicke geben konnte, wo er diese Frage zu seinen Gunsten beantwortet hätte.

„Was machen Sie gegenwärtig?“ fragte der erste Consul. „Ich arbeite an der Schlacht bei den Thermopylen.“ „Schlimm, wenn Sie sich abmühen, Besiegte zu malen.“ „Doch, Bürger Consul, sind diese Besiegte Helden, die für ihr Vaterland sterben, und trotz ihrer Niederlage haben sie für mehr als hundert Jahre die Perser von Griechenland zurückgeworfen.“ „Gleichgültig; der einzige Name Leonidas ist auf uns gekommen, die Uebrigen sind für die Geschichte verloren.“ Der Maler überzeugte sich nicht, und lange Zeit, nachdem er die Krönung des Kaisers gemalt hatte, vollendete er sein Meisterwerk, sein letztes Werk auf vaterländischem Boden – Leonidas in den Thermopylen.[2]

  1. Vie de David, premier peintre de Napoléon, par M. A. Th. (Thibaudeau) Bruxelles 1826.
    Essai sur J. L. David, peintre d’histoire, par M. P. A. Coupin. Paris 1827
  2. David starb zu Brüssel im Exil den 29 Dezember 1825, 77 J. alt. Seine Kunstthätigkeit umfaßt einen Zeitraum von 54 Jahren.