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Textdaten
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Autor: H. S.
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Titel: Zwei Hauptwerkzeuge der Elementarbildung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 330–331
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Zwei Hauptwerkzeuge der Elementarbildung.

„Mutter, meine Tafel ist zerbrochen; ich habe auch keinen Stift mehr.“ Oft genug wird uns diese Klage in weinerlichem Tone von unserer lieben Jugend vorgetragen, und die Antwort erfolgt, je nach dem Stande der elterlichen Finanzen, bald in beruhigenden, bald in zürnenden Worten.

Den Lieferanten, welche der kleinen Armee diese ebenso zweckmäßigen wie zerbrechlichen Waffen für die ersten aller ernsten Gänge herstellen, ist es freilich nur zu gönnen, daß die Kleinen so ungeschickt und die Tafeln und Griffel so kurzlebig sind. Denn dadurch wird für eine im Ganzen arme Gebirgsbevölkerung eine immer fließende Quelle des Erwerbs geschaffen.

Der südöstliche Theil des Thüringer Waldes mit seinen langgezogenen monotonen Bergrücken, wie sie der Grauwackenformation eigen sind, ist seltener als der nordwestliche mit dem Formenreichthum seiner Porphyrbildungen das Ziel der Erholungsreisenden, die Gegend von Schwarzburg etwa ausgenommen. Aber das Gebirge hält seine Bewohner in anderer Weise schadlos. Einst führte das Quarzitgestein der Grauwacke Gold, welches den Anbau hinlänglich lohnte; so bei Steinheide im meiningischen Kreise Sonneberg, bei Reichmannsdorf im Kreise Saalfeld, bei Sachsendorf im Kreise Hildburghausen. Von Reichmannsdorf berichtet die Sage, der Bergbau auf Gold, welcher bereits im 12. Jahrhundert betrieben wurde, sei so ergiebig gewesen, daß die dortigen Einwohner an Festtagen mit Kugeln von Gold nach goldenen Kegeln geschoben hätten.

Diese goldene Zeit ist allerdings längst dahin. In Steinheide schläft der Bergbau schon seit dem dreißigjährigen Kriege, und ein Versuch, der im ersten Viertel unseres Jahrhunderts gemacht wurde, ihn wieder in’s Leben zu rufen, endete mit gänzlicher Erfolglosigkeit. In Sachsendorf zeugen nur noch eine Reihe die Wiesen verunstaltender vergraster Halden, der Abraum der Goldwäsche, von der Arbeit und dem Gewinne der Väter auf diesem Gebiete. In Reichmannsdorf kam bereits im Jahre 1706 dem Herzog Johann Ernst von Coburg, welcher die dortige Goldbergwerke wieder in Betrieb setzte, ein aus diesem Golde geprägter Ducaten auf zwölf Reichsthaler.

Nicht besser ist es dem Thüringer mit manchen anderen Bergwerksanlagen ergangen, und man trifft an vielen Orten verlassene, verfallene Stollen und Schachte.

Dagegen ist ihm neben dem Eisen und dem Kaolin (Porcellanerde) führenden Sandstein, welche jedoch beide erst in zweiter Linie in Betracht kommen, der Thonschiefer treu geblieben. Das der silurischen und devonischen Grauwacke zugehörige Schiefergestein lagert in bedeutender Mächtigkeit in den meiningischen Kreisen Saalfeld und Sonneberg, sowie in den benachbarten baierischen und schwarzburgischen Landestheilen. Es wird zu Dach-, Tafel-, Griffel- und Wetzsteinschiefer verwendet, sowie zu einer Reihe anderer Gegenstände für den häuslichen Gebrauch. Weit berühmter aber sind die Dachschieferbrüche von Lehesten, welche bereits im 13. Jahrhundert in Betrieb waren und an Spaltbarkeit, Feinheit und Dauerhaftigkeit ihres Materials noch heute in Deutschland ihres Gleichen suchen. Wir wählen gerade diese alten Brüche, um den Lesern das Terrain, in welchem die Schieferindustrie ihr Material gewinnt, auch im Bilde vorzuführen.

Schon zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts zogen die Sonneberger Kaufleute die Schiefertafeln und Schieferbücher aus Lehestener Schiefer allen anderen vor. Die dortige Gegend ist daher der Sitz einer regen Schiefertafelindustrie. Die Arbeit auf den hierzu geeigneten Brüchen wird theils zu Tage, theils unterirdisch betrieben. Die Einen brechen das Gestein; Andere verarbeiten es. Das gebrochene Gestein muß bis zur weiteren Verwendung feucht gehalten werden, da es im trockenen Zustande unbrauchbar ist. Zu dem Behufe wird es in Gruben oder in den in der Nähe der Brüche erbauten sogenannten „Spalthütten“ untergebracht. Hier erwärmen auch die Arbeiter in der kalten Jahreszeit, welche in den Bergen oft über sieben Monate dauert, ihre schlotternden Glieder; hier bereiten sie die einfache Mahlzeit, deren immer wiederkehrenden Grundstoff die Kartoffel („Erdapfel“) bildet. In diesen Hütten werden die gebrochenen Schiefer leicht gespalten und mit einem Meißel nothdürftig geebnet. Die Weiber tragen dann das so zubereitete Material in Körben auf dem Rücken nach Hause. Man denke sich dazu die nicht selten steilen Bergwege und den fußtiefen Schnee, und man wird begreifen, daß dies der sauerste Theil der ganzen Arbeit ist, bei welcher sich manche Frau Krankheit und Tod holt, – obgleich die Frauen des Thüringer Waldes unglaubliche Strapazen gewöhnt sind. Daheim legt man die Schieferplatten unter eine rechteckige Form von der Größe, welche die Tafel haben soll, und ihr Umfang wird mit einem eisernen Griffel darnach bezeichnet. Hierauf werden sie mit einem der Zuckerschneide ähnlichen Messer beschnitten, mit einem breiten Meißel eben geschabt und mit einem Wetzstein abgeschliffen. Die Rahmen werden aus dem leichtspältigen Holz der Fichte gespalten und gehobelt, mit der Maschine „genuthet“ und, nachdem die Zapfen ausgeschlossen worden sind, in die Tafel eingefügt. So übernimmt sie der Kaufmann. Will er noch ein Uebriges thun, so läßt er das leichte Gefüge an den am meisten gefährdeten Ecken mit Blech beschlagen und die Rahmen mit bunten Arabesken und nutzbaren Sprüchlein versehen.

Seltener als der Tafelschiefer ist in Deutschland der Griffelschiefer. Der Hauptort ist Steinach, ein Städtchen von viertausend Einwohnern, zwei Stunden nördlich von Sonneberg. Die Ader des brauchbaren Gesteins ist nicht sehr mächtig, die Bloßlegung und Ausbeutung desselben bei der Masse der es umgebenden leichtlöslichen Geschiebe nicht ohne Gefahr. Das gewonnene Steinmaterial muß, wenn es nicht sogleich verarbeitet wird, gerade so aufbewahrt werden wie der Tafelschiefer. Es wird zunächst, und zwar am Griffelbruch selbst, mit einer gewöhnlichen Handsäge in Stücke geschnitten, ungefähr von der Größe und Form der Back- oder Ziegelsteine. Hierauf werden die Steine hinab in’s Dorf befördert und in den Wohnungen der Arbeiter mit der Säge in Plättchen von etwa fünf Centimeter Breite und der Länge und Stärke eines Griffels geschnitten. Von diesen Plättchen werden dann mit der Axt, gerade so wie man Holz spaltet, Stäbchen abgetrennt, welche vermittelst einer einfachen Maschine, deren Hauptbestandtheil ein unten geschärfter Trichter mit Tretvorrichtung zum Niederdrücken des letzteren, die erforderliche Rundung erhalten: die Griffelstäbchen werden einzeln unter die geschärfte Mündung des Trichters gesetzt; dieser wird niedergedrückt und der Griffel oben wohlgerundet herausgenommen.

In dieser Gestalt kommen die Griffel schon theilweise zum Versandt und genügen so vollständig dem Bedürfniß. Da jedoch das kleine Völkchen die schön bemalten, vergoldeten und versilberten Griffel den einfach schieferfarbigen bei weitem vorzieht, so werden die Rohgriffel an Ort und Stelle entweder in die Werkstatt des „Malers“ geschickt, welcher sie in möglichst saftigen Farben und mit schraubenförmigen Ringeln bemalt, oder sie gehen durch flinke Frauen- und Kinderhände, welche sie mit buntem Papier bekleben. So übernimmt sie der im Fabrikorte oder in dessen Nähe ansässige Kaufmann. Er verpackt sie in Kästchen zu hundert Stück, diese wieder in größere Kisten und sendet sie in die Welt hinaus, wo sie, bald wie Besenstiele, bald wie die feinste Feder gehandhabt, ihre grundlegende Culturmission erfüllen, aber in den seltensten Fällen ihr – natürliches Ende erreichen.

Letzteres ist übrigens leider auch bei ihren Erzeugern der Fall; denn das Griffelmachen ist vorzüglich wegen der Menge des abfallenden Schieferstaubes eine sehr gesundheitsschädliche Arbeit, und die, welche sich anhaltend damit beschäftigen, sterben meist nach langem Siechthum in den besten Jahren dahin. Dabei hinterlassen sie in der Regel eine zahlreiche Familie in den traurigsten Verhältnissen.

Der Kinderreichthum der Steinacher ist von Alters her sprüchwörtlich. Das Volk behauptet:

Wer durch Steinach geht und sieht kein Kind,
Durch Steinheide und spürt kein’ Wind,
Durchs Sonneberg ohne Spott,
Der hat viel Gnad’ von Gott.

Hatten doch nach verbürgten Nachrichten im vorigen Jahrhunderte drei Brüder daselbst zusammen nicht weniger als [331] siebenundsechszig, drei andere sogar einundsiebenzig Kinder. Daß es gerade Griffelmacher gewesen sind, will ich nicht behaupten. Diese starke Vermehrung der Bevölkerung, verbunden mit dem Rückgange oder der Erschwerung anderer heimischen Industriezweige hat trotz der gesundheitswidrigen Einwirkung des Griffelmachens in den letzten Jahrzehnten dem Geschäfte eine steigende Zahl von Kräften zugeführt und so eine Ueberproduction veranlaßt. Wenn beispielsweise, wie es der Fall ist, dreihundert zu einer Genossenschaft vereinigte Arbeiter mit ihren Familien allein wöchentlich vier Millionen Griffel produciren, so erklären sich Geschäftsstockungen zur Genüge, wie jene, welche in der zweiten Hälfte der sechsziger Jahre die Preise der Griffel auf neunzehn Kreuzer (vierundfünfzig Reichspfennige) für das tausend herabdrückte. Wenn da eine Familie unter Anspannung aller Kräfte bei einer Arbeit vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, wobei auch die Kinder oft noch vor Beginn der Frühschule mithelfen mußten, tausend Rohgriffel an einem Tage fertig brachte, so hatte sie neunzehn Kreuzer, sage neunzehn Kreuzer, verdient. Unter solchen Umständen war der Hunger täglicher Gast am Tische der Armen und sie konnten froh sein, wenn sie noch jene „Päcktlesbrühe“ (Cichorienkaffee) die oft genug nicht einmal die entfernteste Bekanntschaft der edlen Kaffeebohne gemacht hat, und Kartoffeln als einzige Nahrung hatten.

Die Gartenlaube (1878) b 331.jpg

Schieferbruch bei Lehesten im Meiniger Oberland.
Nach der Natur aufgenommen.

Die Zeit solcher Entbehrungen ist glücklicher Weise und hoffentlich für immer vorbei. Im Jahre 1868 vereinigten sich die bis dahin einander entgegenarbeitenden Griffelmacher zu der bereits erwähnten Genossenschaft, welche, dank ihrer Fähigkeit, den Markt zu beherrschen, von Zeit zu Zeit die Production einstellte und die Preise nach und nach bis zu zwei Mark für das Tausend in die Höhe trieb.

H. S.