Zur Oberrheinischen Historiographie des 14. Jahrhunderts

Textdaten
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Autor: Th. Wichert
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Titel: Zur Oberrheinischen Historiographie des 14. Jahrhunderts
Untertitel:
aus: Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 6 (1891), S. 90–92.
Herausgeber: Ludwig Quidde
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Akademische Verlagsbuchhandlung J.C.B. Mohr
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Erscheinungsort: Freiburg i. Br
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Quelle: Scans auf Commons
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[90] Zur Oberrheinischen Historiographie des 14. Jahrhunderts. Von Ludwig Weiland liegen in den Abhh. d. Gesellschaft d. Wiss. zu Göttingen (1891) zwei „Beiträge zur Kenntniss der literarischen Thätigkeit des Mathias von Neuenburg“ vor: „Mathias’ von Neuenburg Fortsetzung der Chronik des Jacobus de Voragine“ und „Kritik der Vita Bertholds von Bucheck“[1]. Der letztere zeichnet sich durch eine eingehendere und genauere Analyse (als sie einst vom Referenten gegeben wurde) der verschiedenen Theile der von Mathias von Neuenburg abgefassten Biographie des Strassburger Bischofs aus; so gewinnen wir nach W. einen klaren Einblick in deren Entstehungsgeschichte sowohl als zugleich in die Arbeitsweise des Autors. – Hervorzuheben ist ferner die von W. aus einer Colmarer Hs. des 14. Jahrhunderts hier zum ersten Male veröffentlichte „Fortsetzung der Chronik des Jacobus de Voragine“: mit derselben beschäftigt sich der erste Beitrag. Wiewohl dieser auch lehrreich ist, kann dennoch Referent keineswegs der Ansicht W.’s beipflichten, dass wir für den Urheber jener Fortsetzung, die sich als ein dürftiger „Auszug“ aus der bekannten Chronik des Mathias von Neuenburg (aus der Strassburger Hs. A) – freilich vermehrt mit einigen nicht in der Chronik vorkommenden Nachrichten – darstellt, eben den Mathias selbst anzusehen haben. Der Charakter des Auszugs lässt sich nicht recht mit der sonstigen literarischen Thätigkeit des Biographen Berthold’s von Bucheck vereinen; und gerade die betreffenden Zusätze, welche also in keiner der uns bisher bekannten Handschriften der Chronik stehen, verrathen einen anderen Verfasser der Fortsetzung.

Was übrigens die in c. 13 derselben bezeichneten selbständigen Nachrichten angeht, und dann besonders c. 17 die Bemerkung über den Defensor pacis, „dessen in der Chronik [des Mathias von Neuenburg] [91] auffallender Weise nirgends Erwähnung geschieht“: so mache ich darauf aufmerksam, dass sich die betreffenden Angaben bei Closener, der aber die Chronik des Mathias von Neuenburg noch nicht gekannt hat, wörtlich übereinstimmend wieder finden, und zwar als dem Closener eigenthümliche. Wir lesen nämlich beiderseits:

I.   II.
Fortsetzung bei Weiland, S. 28:   Closener’s Chronik, hrsg. v. Hegel in Deutschen Städtechroniken VIII p. 68:
Tandem hii duo reges electi habitis multis conflictibus pro imperio cum populis suis ad Bruscam flumen, fluens in Argentinam, in Schaftoltzheim et circiter se cum magno tremore ponunt. Hinc Ludewicus fugam dedit, quem Fridericus cum suo exercitu sequebatur per silvam Forst versus Wissenburg.   Donoch do man zalt von gots geburte 1320 jor, an dem mendag vor unser frowen tag der jungern, do koment die selben zwen erweleten kunige gen Strosseburg, und logent ussewendig der stat zu Schaftoltzheim und ufder Brusche do zu lantwere gegen enander. Do entweiche künig Ludewig dannan. Des streich ime künig Friderich noch untze durch forste.
Fortsetzung bei Weiland, S. 29:   Closener ebd. p. 70:
Isto tempore liber appellatus Defensor pacis editur, in quo

describitur symonia et avaricia pape et cardinalium, et quod papa subjectus sit imperatori.
  In den ziten wart daz buch gemaht, daz do heisset defensor pacis. Daz bewiset mit redelichen Sprüchen der heiligen geschrift, daz ein bobest under eime keiser sol sin und daz er kein weltlich herschaft sol han. es bewiset ouch des bobestes und der cardinal grit und ire hofart und ire simonie, die sü gewonlich tribent und sich des beschonent mit falschen glosen.

Folglich muss an diesen Stellen ein gewisses Verhältniss zwischen den Zusätzen des „Auszugs“ und Closener obwalten; die originalen Nachrichten Closener’s sind offenbar vom unselbständigen Verfasser der Fortsetzung der Chronik des Jacobus benutzt worden, und letzterer steht darum dem Closener auch zeitlich nach. Wir gelangen alsdann zu Königshofen, von dem wir wissen, dass er vor seiner deutschen Chronik auch eine lateinische compilirt hat und dazu allerlei excerpirte, – so für die Zeiten vor Rudolf von Habsburg unter anderem auch die als historia Lampartica öfter citirte Legenda Aurea des Jacobus de Voragine [s. Hegel, Deutsche Städtechroniken VIII, [92] S. 176], ferner für die folgende Zeit schrieb er Closener gänzlich aus und benutzte ausserdem die Chronik des Mathias von Neuenburg (in der verlorenen Strassburger Hs. A). – Der Schlusssatz jenes obigen von W. edirten Auszugs endlich: „Hujus Karoli tempore diversa sunt gesta et facta in Alsacia et Argentina, de quibus in aliis libris scripsi, quare de eis hic causa brevitatis supersedeo“ braucht nicht zweifelsohne mit W. auf Mathias von Neuenburg bezogen zu werden; ebenso könnte sich doch auch ein nicht-originaler Schriftsteller, wie Königshofen, ausgedrückt haben, falls er schon früher die Elsässer und Strassburger Ereignisse aus der Zeit Karl’s IV. darzustellen begonnen hätte, ehe er an’s Excerpiren – zumal gemäss seiner Deutschen Chronik in einer Weise, die sehr an den Verfasser des obigen Auszuges erinnert – der Chronik des Mathias von Neuenburg ging.

In einem nächsten Beitrage dürfen wir von Weiland den lange ersehnten definitiven Aufschluss über die Wiener Hs. der Chronik des Mathias erwarten!

Th. Wichert.     

Anmerkungen

  1. Ein nachträglich erschienener Excurs zu denselben Beiträgen beschäftigt sich mit den „Baseler Nachrichten der Chronik“.