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Textdaten
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Autor: Gustav Heyer
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Titel: Zur Naturgeschichte eines Vielverleumdeten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 248–250
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe Themenseite Tabak
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[248]
Zur Naturgeschichte eines Vielverleumdeten.[1]
Von Gustav Heyer.

O du glückliche Zeit des ersten Katzenjammers!

Ein freundlicher Genius führt mich in meine Knabenjahre zurück; er zeigt mir einen rothbäckigen Buben in Gesellschaft von Altersgenossen, eine Gruppe von Knaben, welche „fern von Madrid“, vor den Späheraugen mißgünstiger Menschen, speciell der neugierigen Herren Lehrer gesichert, den bittern Studien des Cigarrenrauchens ob- und nach mannhaftem Kampf und Sträuben unterliegt. „Es weicht der Mensch der Götterstärke“. Auch jenen rothbäckigen Buben, mein ehemaliges glückseliges Ich, sehe ich erbleichen und seine Erfahrungen durch die Empfindung des ersten Katzenjammers bereichern.

Wohl Manchem von uns mag es ähnlich ergangen sein. [249] Aber Beharrlichkeit führt zum Ziel und zum Schmied wird man durch Schmieden. Dem Schiffbruch des ersten Rauchunternehmens folgten neue Versuche; die Tugend trug endlich den Sieg davon; wir gewöhnten uns allmählich an des Tabaks gefährliche Natur und siehe, im Laufe der Zeiten gelangten wir zur Meisterschaft. Und endlich kamen die Tage, wo wir nach zurückgelegtem Examen der Reife die erlangte Kunstfertigkeit frei und öffentlich der staunenden Mitwelt zeigen durften.

Das ist die Geschichte des Tabakrauchens beim Einzelnen; ähnlich gestaltet sie sich im Entwickelungsgange der Völker im Großen. Alle civilisirten Nationen fröhnen dem seltsamen Gebrauche. Seit den Tagen des Columbus, dessen Augen auf der Insel Guanahani zuerst menschliche Wesen rauchen sahen, also seit dem fünfzehnten Jahrhunderte hat diese Sitte sich auf der ganzen cultivirten Erde mit unaufhaltsamer Schnelligkeit eingebürgert – und zwar trotz der dagegen erlassenen polizeilichen Verbote, trotz der liebenswürdigen, bei Türken und Russen ehemals üblichen Strafe des Nasendurchstoßens und Nasenabschneidens, trotz der Verdammungs- und Donnerpredigten der Geistlichkeit gegen den „höllischen Rauch“. Ja, jene Verbote haben zweifellos nur, wie bei den Schulknaben, das Gegentheil von dem bewirkt, was sie bezwecken sollten.

Bei dem Knaben ist es zum großen Theile Nachahmungstrieb und die Sucht, männlicher zu erscheinen, was ihn, trotz allem anfänglichen Jammer, veranlaßt und anspornt, den Genuß des verdächtigen Krautes zu cultiviren. Was aber trieb die Völker dazu?

Diese Frage findet ihre Beantwortung in dem Hang des Menschengeschlechts, in der geheimen, mit der wachsenden Cultur immer mächtiger und gebieterischer auftretenden Sehnsucht desselben nach Erregungsmitteln, nach Stoffen, welche eine erhöhte Lebens- und Nerventhätigkeit hervorzubringen vermochten. Thee, Kaffee, Wein, Spirituosen und andere Substanzen gehören zu dieser Kategorie. Der Tabak nun zählt zu den interessantesten seiner Gattung, und es verlohnt sich daher wohl der Mühe, wenn wir ein Weilchen von der Naturgeschichte unseres alten Freundes und Wohlthäters plaudern.

Wenige von allen unsern Nahrungs- und Genußmitteln begleiten uns in so verschiedenen Formen, unter so mannigfaltiger Maske durch’s Leben, als der Tabak. Welche Unterschiede zwischen der echten „braunen Tochter der Havanna“ und der sogenannten Volkshaufenauseinandersprengungscigarre, zwischen dem köstlichen Varinasaroma und dem fürchterlichen Bauernkneller eigener Zucht! Welche Mannigfaltigkeit endlich unter den diversen Schnupftabaken!

Und doch waltet ein und dasselbe Princip in allen diesen Metamorphosen ob, nur daß die Wirkung auf die Consumenten und die Ansprüche der letzteren, je nach ihrer Beziehung, Gewöhnung und socialen Stellung, verschiedengradig sind.

Die Verbreitung und der allgemeine Verbrauch des Tabaks wurde und wird durch den Umstand außerordentlich erleichtert, daß die denselben liefernde, in äquatorialer Zone heimische Pflanze sich mit der größten Leichtigkeit in alle gemäßigten Klimata schickt und ihrem Anbau dadurch keine Schwierigkeiten entgegenstellt. Da man zudem nur die Blätter, nicht die Früchte, erntet, so braucht das Gewächs nicht das Stadium seiner völligen Entwickelung zu erreichen. Der beste europäische Tabak wird in der Türkei, in Bosnien und dem südlichen Rußland producirt; ferner cultivirt man denselben in Holland, Belgien und Frankreich, wo Fabrikation und Verschleiß bekanntlich Regierungsmonopol ist; in Deutschland sind besonders das Elsaß, die Rheinpfalz, Franken, Schlesien, Sachsen, Thüringen und Westfalen zu nennen.

Veranschaulichen wir uns die Cultur dieser merkwürdigen Pflanze in den allgemeinsten Umrissen!

Wegen der Kleinheit der Samen (ein Cubikcentimeter enthält deren 6000) säet man den Tabak zunächst in reichgedüngte Mistbeete, aus denen dann die Pflänzchen in parallelen Reihen und in Abständen von etwa je zwei Fuß von einander auf die Felder verpflanzt werden. Je nach der Fruchtbarkeit des Bodens, je nach dem Product, das man zu erzielen beabsichtigt, besetzt man die Hektare Landes mit 10,000 bis 55,000 Individuen. Dieser Anbau findet im Laufe des Mai bis Juni statt. Die meiste Gelegenheit zur vergleichenden Beobachtung bietet die durch eine genaue Controle und centrale Verwaltung geregelte Tabakscultur Frankreichs dar, und viele der hier mitgetheilten Daten verdanken wir den eingehenden Studien des Directors der Ecole d’Application der französischen Tabaksindustrie, des Herrn Theodor Schlösing.

Nach etwa drei Monaten beginnt die Ernte. Während dieser kurzen Zeit ist der Boden per Hektare um dreihundert bis fünfhundert Kilogramm an mineralischen Materien und fünfzig bis neunzig Kilogramm an Stickstoff ärmer geworden. Es leuchtet daher ein, daß die Düngung eine vortreffliche sein muß. Die Wartung außerdem und die Pflege der Pflanzen erstreckt sich auf tausenderlei Kleinigkeiten und findet in ihrer beschwerlichen Art nur bei der mühsamen Behandlung des Weinstocks Aehnliches, der überhaupt manche Analogieen mit der Tabakspflanze bietet.

Wenn man eine Rheingauer Rieslingrebe nach Californien verpflanzt, so gedeiht dieselbe äußerlich vortrefflich, giebt aber ein vom Rheinwein total verschiedenes Getränk, das vollständig jener königlichen Blume der Heimath entbehrt. So auch die Tabakspflanze. Die havannesische Varietät, in unser Klima versetzt, erleidet scheinbar keine Veränderung. Ihr Aeußeres, das Zellengewebe und Geäder der Blätter bleibt dasselbe; selbst der Nicotingehalt erhält sich constant, aber das Hauptsächlichste, Werthvollste degenerirt, nämlich das Aroma, und keine Mittel der Kunst, kein Dünger, kein noch so penibles Nachahmen der heimathlichen klimatischen und Boden-Verhältnisse vermochte diesem kostbaren Verlust vorzubeugen. In Deutschland cultivirt man meistens Virginia und Maryland, selbst den gewöhnlichen Bauerntabak, in Frankreich noch verschiedene andere Varietäten.

Die Stärke des Tabaks hängt von seinem Gehalt an Nicotin ab. Je dicker, je üppiger die Blätter, desto größer der Gehalt an diesem eigenthümlichen Stoff. In Blättern von geringer Parenchymstärke beträgt derselbe ein bis drei Procent; in denen von dickerem Zellgewebe steigt der Gehalt bis zu neun und zehn Procent. Diese merkwürdige Thatsache weiß der rationelle Pflanzer wohl zu verwerthen. Indem er auf einem bestimmten Raum mehr Pflanzen zieht, mehr Blätter und damit, auf Kosten der Dicke derselben, eine größere Blattoberfläche erzeugt, vermindert er den zu großen Nicotingehalt. Ebenso vermag man durch zeitigere Ernten den Gehalt der Blätter herabzusetzen, da die Stärke desselben, mit der Entwickelung und dem Aelterwerden der Pflanzen Hand in Hand gehend, fortwährend zunimmt.

Auf dem gesegneten Cuba pflegt man dreimal im Jahr zu ernten. Die jungen Blätter des ersten Schnittes liefern kostbare, ja sogar kostbarste Regaliadecken; die des zweiten und dritten werden als Einlagen benutzt.

Das Nicotin ist das Hauptcharakteristicum der zur Gattung Nicotiana gehörigen Pflanzen. Im reinen Zustande und frisch bereitet, stellt es eine wasserhelle Flüssigkeit dar, von so betäubendem Geruch, daß ein Tropfen davon genügt, um die Luft eines Salons unathembar zu machen. Seiner stark giftigen Eigenschaften wegen hat es unserem Freund, dem Tabak, zu dem zweideutigen Ruf verholfen, in dem er noch immer, besonders bei Nichtrauchern, steht. In chemischer Hinsicht ähnelt es dem Ammoniak, als dessen etwas complicirter construirten Bruder man dasselbe betrachten kann. Seine Formel: N2 C10 H14.

Aber neben dem Nicotin haben die Gelehrten eine ganze Blumenlese von Substanzen in der Tabakspflanze aufgefunden. Außer den Mineralsubstanzen, welche etwa zwanzig Procent des bei hundert Grad getrockneten Blattes ausmachen und denen man in der zum größten Theil aus kohlensaurem Kalk, daneben aus Phosphaten, Silicaten, Chlorüren und Sulfaten des Kaliums bestehenden Asche wiederbegegnet, enthält unser Vegetabil (Nicotin) aromatisch-ätherisches Oel, Aepfel-, Citronen-, Oxal-, Essigsäure, Pektin, Stärke, Zucker, Cellulose, grüne oder gelbe harzige Materien, endlich stickstoffhaltige Substanzen von dunkler Zusammensetzung. Die letzteren sucht man bei der Fabrikation möglichst durch Gährung zu zerstören, da gerade ihre Gegenwart jenen entsetzlichen Duft der sogenannten guten Freundes- und Jagd-Cigarren verursacht, welche man nur auf hohen Bergen und im Vollbesitz eines tüchtigen Schnupfens zu rauchen vermag.

Alle diese Stoffe spielen durch die Veränderung, welche sie durch die Fabrikation erleiden, eine mehr oder minder bedeutende Rolle. Wir vermögen hier natürlich nicht im Entferntesten auf die Details dieser Zubereitung der Blätter zu Rauchtabak, Cigarren oder Schnupftabak einzugehen, genug, daß die an der Luft oder in Trockenkammern getrockneten Blätter zum Zweck der [250] theilweisen Zerstörung eines zu großen Nicotingehaltes, zur Zersetzung ferner jener eben erwähnten stickstoffhaltigen Materien und zur Entwickelung eines schönen Aromas in große Haufen zusammengeschichtet und, nachdem man sie genügend mit Wasser, respective Salzlösung befeuchtet hat, einer Art von Gährung unterworfen werden. Diese und die Anwendung von sogenannten Saucen (jede Fabrik und jedes Fabrikchen hat ihre eigene als Staatsgeheimniß behütete Sauce) bereitet die Blätter für ihre nunmehrige Bestimmung vor.

Während die Geruchseigenschaften des Tabaks und der Cigarren eigentlich erst durch den Rauchproceß dem Geschmack des Consumenten erschlossen werden, ist das Aroma der Schnupftabake durch eine achtzehn Monate lang währende Präparirungsmethode, durch die im Verlauf derselben statthabenden Oxydationsprocesse, bereits in ganzer Vollständigkeit entwickelt. Hauptsächlich erleiden bei dieser Schnupftabaksgährung die Pflanzensäuren, die Aepfel- und Citronensäure, sowie das Nicotin eine theilweise Zerstörung, während die unlöslichen Stoffe, als oxalsaurer Kalk, Harze, Cellulose etc., kaum verändert werden. Aus den stickstoffhaltigen Materien entwickelt sich reichlich Ammoniak, nebst schwarzen, den Tabak dunkelbraun färbenden Substanzen von saurer Beschaffenheit. Außerdem treten als Gährproducte Essigsäure, kleine Mengen von Methylalkohol und ein angenehmes Aroma auf, dessen Parfüm in Verbindung mit dem des Nicotins und Ammoniaks den charakteristischen Grundgeruch aller Schnupftabake erzeugt.

Anders bei Cigarre und Rauchtabak. Welcher Art, fragen wir uns, ist der Vorgang des Rauchprocesses, der uns hier erst zum Genuß verhilft? Die Beantwortung ist nicht schwer. Zünden wir uns eine Cigarre an! Durch die von Zeit zu Zeit von uns wiederholte Manipulation des Rauchens glimmt dieselbe bis zu ihrer gänzlichen Verzehrung zu Asche ruhig fort. Der dabei auftretende bläuliche Rauch beweist uns zur Genüge, daß die stattfindende Verbrennung nur eine unvollkommene ist. Ehe die der Gluth zunächst liegenden Regionen durch das Feuer in Asche verwandelt werden, verkohlen sie unter Entwickelung von gasförmigen Materien. Sie erleiden eine Art Destillation. Es ist also nicht eigentlich der Tabak, welcher beim Rauchproceß verbrennt, sondern dieses Product der trockenen Destillation – die sich fortwährend erzeugende Kohle. Je mehr dieselbe nun, trotz des stetigen Wärmeverbrauchs, die Temperatur, bei welcher sie Feuer fängt, zu erhalten befähigt ist, desto besseren, desto länger anhaltenden Brand besitzt die Cigarre. Und dieses höchst nothwendige Erforderniß hat seinen Grund wiederum in der nöthigen Porosität unsrer Kohle. Je lockerer dieselbe ausfällt, desto schöner der Cigarrenbrand. Nun hat man die Beobachtung gemacht, daß die Verbrennungsfähigkeit eines Tabaks von dem mehr oder minder großen Gehalt an kohlensaurem Kalium in der Asche abhängt und daß dieser wiederum nur von der Verbrennung organischer Säuren, in unserem Fall von Aepfel- und Citronensäure, herrühren kann. Nicht ein Gehalt an Salpeter ist es, wie oft irrthümlich geglaubt wird, sondern die Gegenwart der genannten Pflanzensalze (äpfelsaures Kalium), welche dadurch, daß sie sich beim Erhitzen aufblähen, die Porosität der Tabakskohle und damit die Fähigkeit derselben erzeugen, längere Zeit die Wärme zu erhalten.

Eine Cigarre, welche Rauchpausen von zwei bis drei Minuten gestattet, gehört, in Bezug auf Brandfähigkeit, zu den besten ihrer Art, die Tugend dagegen, alle halbe Minuten bei Nichtbedienung zu erlöschen, haben die früher erwähnten hohen Berg- und Freundschaftscigarren. Uebrigens findet man unter den Tabaken aller Klimate schlecht brennende Sorten; selbst die geringeren Havanna-Importcigarren der letzten Jahrgänge erfordern eine lästige Aufmerksamkeit, um sie vor dem Erlöschen zu bewahren.

Das, was der Raucher, wenigstens der gebildete Raucher, welcher die Cigarre ohne sie zu zerkauen zwischen den trockenen Lippen hält, im Verlaufe des Rauchprocesses genießt, ist allein der Rauch, das heißt das Product der trockenen Destillation des Tabaks und der Verbrennung der Tabakskohle. Durch das Studium der Zusammensetzung dieser blauen, wohlriechenden Wolken wird das Geheimniß des Rauchgenusses seines Schleiers beraubt. Woraus besteht der Cigarrenrauch?

Nun, außer den gewöhnlichen Producten jeder Verbrennung vegetabilischer Substanzen, außer Kohlenwasserstoff, Kohlensäure, Wasser begegnen wir hier größeren, wahrscheinlich durch Zerstörung des Nicotins erzeugten Mengen von Ammoniak, einigen Säuren, als Essigsäure, Buttersäure, ferner jenen köstlichen, den Werth der Cigarre bestimmenden, brandigt-aromatischen Stoffen von unbekannter Natur, endlich auch außerordentlich geringen, fast unwägbaren Mengen von Nicotin. Ein anständiger Raucher hat daher keinerlei Befürchtungen wegen etwaiger Vergiftung zu hegen; freilich, wer dagegen seine Cigarre zerkaut und aussaugt, bei dem gestalten sich die Verhältnisse anders. Uns überfällt, offen gestanden, beim Anblicke eines solchen zerbissenen Cigarrenstummels immer eine Art von Grauen, aber über den Geschmack ist bekanntlich nicht zu streiten.

Jene brandig-aromatischen Destillationsproducte, das Entzücken des wahren Rauchers, erreichen ihren höchsten Grad von Feinheit und Delicatesse, wie bekannt, in den Cigarren der Havanna. Sie haben die gleiche Bedeutung wie die unerreichbaren Bouquetschätze unserer großen Rheinweine. Aehnlich wie der geschlürfte Johannisberger oder Rauenthaler durch sein kostbares Gewürz einen langwährenden Eindruck, ein nur langsam wieder vergehendes Parfüm im Munde zurückläßt, so erzeugt auch der Rauch einer echten Regalia eine gewisse Fülle auf der Zunge. Das Bedürfniß der Zungen- sowohl wie der Nasennerven wird in vollständigster Weise befriedigt, während man bei kleinen Weinen oder geringen Cigarren vergeblich eine ähnliche Empfindung hervorzuzaubern vermag, auch wenn man noch so viel davon genießt. Man wird wohl berauscht, aber nicht befriedigt.

Die feinen Havannacigarren sind die aromareichsten und nicotinärmsten von allen ihren Schwestern. Sie enthalten von letzterem Stoffe nur zwei Procent, Kentucky und Virginia sechs Procent, Maryland drei. Der Gehalt der heimischen Tabake variirt zwischen zwei bis zehn Procent.

Aber, werden Viele von uns mit Erstaunen fragen, wie reimt sich das eben Erwähnte mit unseren Erfahrungen zusammen? Gerade die Havannacigarren vermögen wir wegen ihrer Stärke kaum zu rauchen.

Diese Bemerkungen entbehren nicht der Wahrheit. Was wir in unsern Cigarrenläden zum Einzelpreise von dreißig bis fünfzig Pfennig pro Stück als Regalia erstehen, ist in der That, seines beträchtlichen Nicotingehaltes wegen, für viele Consumenten zu schwer. Die Verkäufer schützen in der Regel Mißernten auf Cuba vor und können allerdings nichts dafür. Die eigentliche Ursache dieser Erscheinung ist aber die, daß die guten, leichten, aromabeladenen Regalias heutzutage gar nicht mehr in den Kleinhandel gelangen. Jeder ältere Raucher erinnert sich aus früherer Zeit, daß man für verhältnißmäßig wenig Geld vorzügliche Importcigarren erhielt, daß dieselben jedoch mit jedem Jahre schlechter und theurer wurden. Ehemals war der Verbrauch von derartigen Cigarren ein begrenzter; man producirte auf Cuba in Ruhe und Behaglichkeit und bewahrte durch mäßige Anforderungen den Boden vor Erschöpfung. Heute aber will alle Welt Regalias rauchen, die Cultur dieses Tabaks ist in Folge dessen erweitert worden; man nutzt und saugt das Erdreich bis auf’s Aeußerste aus und sucht durch Düngung die Verluste zu paralysiren. Die alte Sorgfalt aber leidet unter der Ueberproduction auf das Empfindlichste, und das Resultat dieser auf Erzielung des höchsten Ertrages gerichteten Bemühungen ist eine bedeutend schlechtere Qualität der Ernten. Zudem gelangen, wie erwähnt, die feineren Sorten, ihrer hohen Preise wegen, nur noch in die Hände einzelner Privaten und der Fürsten.

Unleugbar hat sich indessen die Cultur und Fabrikation der heimischen Producte in den letzten Jahrzehnten bedeutend gehoben. Sie muß bestrebt sein, uns Ersatz für das Verlorene zu schaffen. Wünschen wir daher im eigenen Interesse der inländischen, tausende von Händen bereits beschäftigenden Industrie ein immer kräftigeres Emporblühen!

Der Tabak ist kein Ketzer, kein Verbrecher, sondern ein wahrer Freund, ein Tröster der Menschheit und die dargebotene Pfeife ein Zeichen des Friedens und der Freundschaft.


  1. Bei dem Interesse, welches die Frage der Tabaksbesteuerung augenblicklich in Anspruch nimmt, dürfte obiger Artikel unsern Lesern nicht unwillkommen sein.
    D. Red.