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Autor: Arno Hempel
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Titel: Die Naturgeschichte des deutschen Komödianten - 7. Collectenbrüder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 591–595
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[591]
Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten.
7. Collectenbrüder.


Die Collectenbrüder sind eine so eigenartige Erscheinung innerhalb des deutschen Komödiantenlebens, sie leisten so viel in wehmüthigem Humor und unfreiwilliger Komik, daß es immerhin lohnend ist, ihre nähere Bekanntschaft zu machen.

Gehen wir zunächst ein wenig auf das eigentliche Wesen – oder richtiger Unwesen – der Collectenbrüder ein. Der Collectenbruder ist nur noch Schauspieler „der Collecte wegen“. Man darf keineswegs annehmen, daß er ursprünglich ein talentloser Schauspieler gewesen sei. Im Gegentheile, die Collectenbrüder bestehen meist aus zu Grunde gegangenen Talenten. Dagegen fehlt ihnen vollständig der Charakter, der dem Talente erst seinen Werth verleiht und es entfaltet. Schwache, haltlose Genußsucht, beim Edleren beginnend, um beim durchaus Unedlen zu enden, machte diese Leute meist zu Dem, was sie sind. Nebenbei hassen sie Alles, was man irgendwie mit dem Namen Arbeit bezeichnen könnte. Die Arbeit ist ihr furchtbarster Feind. Außerdem und sie Communisten von reinstem Wasser. Ein wahres Glück, daß ihre angeborene Gutmüthigkeit sie verhindert, das Verlangen nach Theilung anders als in sehr gemüthlicher Weise auszudrücken.

Der Collectenbruder reist immer, findet aber sonderbarer und unglücklicher Weise niemals Engagement. Einzelne unter ihnen capriciren sich auf bestimmte Länder oder Provinzen, die sie für besonders lohnend halten. In regelmäßiger Wiederkehr beglücken sie alle Bühnen dieser Provinz. In ihrer Sprache nennen sie das „eine Gegend abklappern“. Sie haben an alle Bühnen Bekannte oder behaupten wenigstens mit liebenswürdiger Unverschämtheit, solche dort zu haben. „Erinnerst Du Dich nicht, mein Sohn? Wir waren ja vor zwei Jahren in Panken an der Passarge bei dem Galgen-Lindner engagirt.“ – Dieser mit apodiktischer Bestimmtheit auftretenden Anrede fällt der junge Nachwuchs der Mitglieder gewöhnlich zum Opfer, und die, welche den ungläubigen Thomas spielen wollen, werden von dem hartgesottenen Sünder angedonnert: „Aha, merke schon, bist arrogant geworden, Bengelchen – willst einen alten Collegen, der Dir Gehen und Stehen beigebracht hat, nicht mehr kennen – pfui Teufel!“ – Das unglückliche Opfer wankt, um Aufsehen zu vermeiden, so schnell als möglich mit dem „alten Collegen“ in das nächste Wirthshaus, macht für ihn die Collecte, zahlt mehr als jedes andere Mitglied, um sich nicht den donnernden Vorwürfen des „Freundes“ auszusetzen, und athmet erleichtert auf, wenn der Collectenbruder am andern Morgen die Stadt verläßt. Die Nacht über hat es sich der Brave natürlich bei seinem junge Freunde bequem gemacht, und die bescheidene, mit unwiderstehlicher Liebeswürdigkeit vorgetragen Bitte um „ein Hemd, diesen Shlips und jenen Ueberzieher, der Dir ja gar nicht paßt, mein Junge,“ – hat er ihm auch nicht abschlagen können.

Nicht alle Collectenbrüder gehen so energisch auf ihr Ziel los. Die gewöhnliche Art, Collecte zu machen, ist weniger keck. Der Eingewanderte läßt sich im nächsten Wirthshause Papier, Tinte und Feder geben und verfaßt eine mehr oder weniger herzbrechende Epistel an „die hochgeehrten Mitglieder dieser Bühne“. Mit der devoten Bitte nur „Circulation“ wendet er sich dann an den Director, Regisseur oder Inspicienten, findet sich während des letzten Actes wieder ein, um die „unterschriebene Collecte“ in Empfang zu nehmen, überfliegt mit geübtem und prüfendem Blicke die gezeichnete Beiträge, präsentirt die Liste dem Cassirer mit dem tiefen Seufzer eines Armen und Elenden, streicht das Geld mit zitternden Händen ein, thut sich sofort einige Seidel, respective Liqueure an und verschwindet dann spurlos bis – „zum nächste Male“.

Nicht selten findet man unter den Collectenbrüdern Leute, die früher zu den Berühmtheiten gehörten, den Directoren die Cassen gefüllt und Tausende selbst eingestrichen haben. –

Im Jahre 1862 standen wir, eine Anzahl jüngerer Mitglieder des Leipziger Stadttheaters, während einer Opernprobe vor dem alten Theater. Da nahte sich uns mit unsicherem Schritte und einknickenden Beinen eine höchst fragwürdige Gestalt.

„Was mag der Jude hier wollen?“ begann Einer von uns, auf den Herannahenden deutend. „Die Messe ist doch längst vorüber.“

Der Näherkommende schien allerdings zu den Glaubensgenossen aus Jaroczyn oder Schrimm zu gehören, welche in oft unglaublicher Toilette zur Meßzeit Leipzigs Brühl frequentiren. Er trug einen in den letzten Zügen liegenden, ehemals grauen Ueberzieher, ein buntes, baumwollenes Halstuch, zu kurze, jeder Farbe spottende Beinkleider, an dem rechten Fuße einen absterbenden Stiefel und am linken einen halb genesenen gestickten Hausschuh. Den beulenbedeckten Zylinder trug er im Nacken. Das Gesicht zeigte unverkennbar den jüdischen Typus.

Die Gestalt war an uns herangetreten und fixirte uns mit einem halb listigen, halb verworrenen Blicke. Dann fragte sie mit einem leichten Anfluge jüdelnder Sprechweise:

„Ich hab’ die Ehr’, meine Herren. Sie sind gewiß Collegen?“

Wir schauerten.

„Collegen?!“ fragte Einer zweifelnd.

„Mein Name ist Gädemann.“

Gädemann! Da stand er vor uns, von dem uns die Tradition schon so viel erzählt hatte, der berühmte „Heymann Levi“ in Angely’s Posse: „Paris in Pommern“. Er war nur durch diese Rolle berühmt. Er hatte sie „geschaffen“, und sie hatte ihn zu einem gesuchten Virtuosen gemacht, der Deutschlands Städte triumphirend durchzog und Tausende von Thalern einheimste. Die beleidigte Kunst, die Denjenigen, der virtuosenhaft nur eine oder einige Rollen „cultivirt“, niemals zu ihren wahren Jüngern zählen wird, wurde gerächt durch den Menschen Gädemann. Nach einer an Geld und Triumphen reichen Periode sank der schwache, haltlose Mann tiefer und tiefer und gehörte schon seit geraumer Zeit zu den ausgesprochenen Collectenbrüdern. So stand er vor uns.

„Mein Name ist Gädemann. Sie werden mich kennen – ich bin im Unglück – ich komme nirgends mehr zum Spielen,“ und mit einer Art Galgenhumor setzte er halb wehmüthig hinzu: „Man will den Heymann Levi nischt mehr sehen.“

Wir schwiegen und hatten wohl Alle die gleichen Gefühle.

[594] „Ich möcht’ bitten um eine Collecte,“ fuhr er dann ruhig fort, als sei ihm diese Bitte schon eine sehr geläufige.

„Wollen Sie sich an den Secretär L. wenden!“

Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Faul! Ich hab’ mir sagen lassen, der Secretär ist grob und giebt höchstens zwanzig Groschen. Seien die Herren Collegen so freundlich und nehmen Sie die Sach’ in die Hand!“

Er überreichte uns einen Collectenbogen. Wir bedeuteten ihm, er möge in der nahe gelegenen Restauration warten. Wir brachten in aller Eile mehrere Thaler zusammen. Zwei von uns übergaben sie ihm. Er dankte oberflächlich und handwerksmäßig.

„Was gedenken Sie jetzt zu beginnen?“

„Weiß ich’s? Ich werd’ mich nach Magdeburg durchschlagen.“

Wir entfernten uns. Er mag einen guten Gebrauch von seiner Collecte gemacht haben. Am andern Morgen hörten wir, er sei in später Nachtstunde sinnlos betrunken von der Polizei aufgegriffen worden und habe immer gerufen:

„Lassen Sie mich los! Ich bin Gädemann – aber ich kann meinen Gasthof nicht finden!“

Jetzt ist er schon lange todt, der berühmte Heymann Levi, elend verdorben, gestorben. –

Einen mehr heiteren Eindruck machte ein Collectenbruder, den ich etwas früher, während meines Engagements am Stadttheater in H., kennen lernte. Dieser Collectenbruder bereiste vorzugsweise die Provinz Sachsen und Thüringen. Das Stadttheater in H. stand damals, 1861, unter der Leitung eines Directors W. Er war ein geborener Kleinpariser, ein sehr tüchtiger Musiker, aber ein sehr schwacher, allzu gutmüthiger Director. Sein Regisseur und Schwiegersohn war das directe Gegentheil. Eine gallig-giftige, eckige Natur, welcher nur Derjenige ein tüchtiger Regisseur war, dem fortwährend donnernd grobe Ausdrücke zu Gebote standen. Die Proben waren unter diesen Umständen sehr ergötzlich. Der Director hielt es nämlich für seine Pflicht, jeder Stückprobe mindestens eine Stunde beizuwohnen, das heißt schlafend. Sein Armstuhl stand links vom Souffleur. Der Regisseur und Schwiegersohn saß rechts. An die vielen „Donnerwetter!“ seines Eidams war der Director schon gewöhnt; sie störten ihn nicht mehr in seinem Probenschlafe. Nur ein Kraftausdruck ließ ihn stets emporfahren. Rief nämlich der Regisseur-Schwiegersohn im höchsten Zorne aus: „Verfluchte Zucht!“ so sprang a tempo der Director-Schwiegervater aus dem Schlafe empor, stieß einige Male mit seinem Stocke auf das Podium, gab seinem gutmüthigen Gesichte ein möglichst bösartiges Aussehen und rief in hoher Tenorlage: „Aufpass’n müss’n Se, meine Herrschaften, sonst lass’n mer die Sache lieber noch ansteh’n.“

Doch zurück zu meinem Collectenbruder. Eines schönen Tages hatten wir wieder Probe. Wir waren mitten im zweiten Acte eines Benedix’schen Lustspiels, und der Regisseur hatte sich eben das Soufflirbuch geben lassen, um „noch ein Stück zu setzen“. Während einer todtenstillen Pause ließen sich plötzlich die donnernden Worte eines kräftigen Basses vernehmen:

„Jutten Marrrgen!“

Der Donnergruß kam aus dem dunklen Hintergrunde der Bühne. Alles lenkte seine Blicke dahin, den Frevler zu erspähen. Der Regisseur-Schwiegersohn wirft das Buch wüthend hin und schreit:

„Verfluchte Zucht!“

A tempo springt der Director-Schwiegervater empor und ruft pflichtgetreu:

„Aufpass’n müss’n Se, meine Herrschaften –“

Weiter kam er nicht. Langsam und feierlich entwickelte sich aus dem Dunkel des Hintergrundes ein kurzer, dicker Mensch. Der kleine, robuste Jupiter tonans trat gemessenen Schrittes bis in die Mitte der Bühne, zog den Hut, strich mit einem baumwollenen, blauen Taschentuche sorgfältig einige spärliche Haare der vorderen Glatzengegend zurecht, suchte dem allzu engen, unmodernen, braunen Frack vergebens etwas Taillenfaçon zu geben und sprach dann mit kräftiger Würde:

„Ich brauche nicht um Entschuldigung zu bitten, Herr Director, da Sie mich kennen. Meine Herrschaften – mein Name ist Hugo Köhler – Baßbuffo und Heldenvater. Ich bin auf der Durchreise und etwas in Verlegenheit. Herr Director,“ fuhr er fort, diesem nähertretend und den Collectenbogen überreichend, „Sie kennen mich von früher. Darf ich auf Sie rechnen? Vielleicht gastire ich einmal bei Ihnen. Drüben bei Pippert werde ich das Resultat erwarten. Lassen Sie sich nicht stören, meine Herrschaften!“

Sprach’s und verschwand majestätisch wie langsam verrollender Donner. Allgemeine Verblüffung, dann herzliches Lachen. Aber unser Director und sein „artistischer Leiter“ kannten den kurzen, dicken Mann schon.

„Gehen wir nur weiter! ’s ist Hugo Köhler – der kommt alle Jahre zweimal.“

Die Collecte wurde gemacht, und ich begleitete den Inspicienten zu Pippert. Hugo saß beim Seidel. Mit milder Herablassung empfing er uns.

„Setzen Sie sich, meine Herren, und lassen Sie sehen, was Sie mir bringen!“ Er nahm die Collecte entgegen. „Kellner – zwei Seidel für die jungen Leute!“

„Aber Herr –“

„Junger Mann, Sie werden doch einem alten Komödianten keinen Korb geben?“

Ich schwieg resignirt. Der Inspicient, eine durstige Natur, liebäugelte bereits mit dem gebrachten Gerstensafte. Hugo studirte die Liste der Geber. Seine Züge wurden düster, und mit verhaltenem Grimme grollte er:

„Ein Thaler zweiundzwanzig und ein halber Silbergroschen – das ist wenig – sehr wenig! Ich hätte dem Stadttheater in H. mehr Mitgefühl für einen Künstler meines Ranges zugetraut. – Doch – legt’s zu dem Uebrigen! – Prost, Ihr Herren!“

Der schlagflüssige Heldenvater wurde redselig. Er erzählte uns Räubergeschichten aus „seiner guten Zeit“.

„Seht Ihr, Kinder – die Natur, die Natur – das ist die Hauptsache! Ich bin noch in der Iffland’schen Schule gebildet – Goethe war mein Regisseur; die Natur ist mir Alles. Ihr solltet mich als Oberförster in den ‚Jägern‘ sehen! – na, vielleicht gastire ich einmal bei Euch. – Der neuen Schule fehlt die Natur. Das habe ich vor zwei Jahren dem Hendrichs in’s Gesicht gesagt; nur niemals hinter dem Rücken, daran halte ich fest, immer in’s Gesicht! Hendrichs gastirte bei uns in – na – in – wie heißt denn das Nest gleich? Na, ’s ist ganz egal – ich glaube beim ‚Aenne‘ war’s. Ich war dort als erster Vater engagirt. Hendrichs wollte den Tell spielen. Wollte, sag’ ich, denn er hat ihn nie spielen können. Ich spielte den Stauffacher. Macht der Mensch den Blödsinn und betont auf der Probe:

‚Mit diesem zweiten Pfeil durchschoß ich‘ – fünf Minuten Aufenthalt – ‚Euch‘ etc.

Aber, lieber Hermann, sag’ ich, welcher Unsinn! Einen Pfeil hast Du bereits verschossen; den zweiten hast Du in’s Wamms gesteckt. Diesen Pfeil ziehst Du bei diesen Worten hervor und rufst:

‚Mit diesem zweiten Pfeil durchschoß ich Euch etc.‘

So mußt Du den Vers sprechen, mein Junge, denn Geßler ist ja gerade darum so wüthend und läßt Dich dann gefangen nehmen, weil Du, der Tell, ihn hast erschießen wollen. Ist das nicht psychologisch richtig?!“

Hugo sah uns triumphirend an. Wir waren starr. Er weidete sich an unserem Staunen und hauchte dann mit glückseligem Lächeln:

„Ja, ja, Kinder, das ist Iffland’s Schule. Hendrichs hat mir auch nicht ein Wort erwidert. Prost, Ihr Herren!“

Der dicke Hugo ruht wohl schon lange in Frieden. Ebenso sein für das Königreich Sachsen concessionirter Kumpan, Namens Loose. Dieser behauptete allen Ernstes, eine Concession zu besitzen, wonach er „an allen sächsischen Bühnen Collecte machen dürfe“. Auch dieses Original war ein Freund des Wanderns und des Liqueurs. Wurde ihm gesagt: „Loose, fragen Sie doch bei dem und dem Director um Engagement an!“ so hatte er immer dieselbe Geschichte in Bereitschaft.

„Zu allen Directoren – nur nicht zu diesem, mein Sohn! Dieser Mensch ist der Mörder meiner Tochter.“

„Aber –“

„Höre, mein Sohn! Ich bin mit meinem braven Weibe und meiner vierjährigen Tochter bei diesem Menschen in

[595] Engagement. Wir reisen von Tirschtiegel nach Wüstegiersdorf. Es war im Winter und bitter kalt. Unterwegs brechen wir die Achse und müssen in einem Dorfe übernachten. Der Wirth kann uns nur ein heizbares Zimmer geben. Dieses eine heizbare Zimmer nimmt dieser Mensch, dieser Director mit seiner Frau in Beschlag. Ich sage zu ihm: ‚Director, seien Sie human! Sehen Sie, wie mein braves Weib mit den Zähnen klappert und meine Tochter vor Frost zittert – geben Sie uns, Ihren besten Mitgliedern, das heizbare Zimmer!‘ – ‚Nein,‘ antwortet der Schinderhannes. Wir übernachten also in sibirischer Kälte. Am andern Tage bekommt mein armes Kind die Masern.“

„Und stirbt?“

„Nein – Gott sei Dank! – aber sie hätte sterben können, und dann wäre dieser Bandenchef ihr Mörder gewesen. Lieber auf der Landstraße, als in’s Engagement zu solch einem Menschen!“ –

Die Collectenbrüder werden immer seltener. Wenn der Realismus und die auf das Materielle gerichtete Zeitströmung ein Gutes gewirkt haben, so ist es namentlich ein energisches Zusammenfassen der Kräfte, auch des Einzelnen, innerhalb des Standes der Bühnenkünstler. Diese Errungenschaft wird auch die Collectenbrüder wegfegen. Für das unverschuldete Unglück sind ja die „Einigkeit“ und die „Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger“ helfend einspringende Institutionen.

Schließlich noch einen heitern Beweis, daß auch die Collectenbrüder mit der Zeit fortschreiten. Ein herumreisender Collectant hat sich die nachfolgende Epistel fein säuberlich in eleganter Ausstattung auf einen Bogen Velinpapier drucken lassen. Hat er sich eine Bühne zum Opfer erkoren, so sendet er aus einem nahegelegenen Orte die Epistel portofrei unter Kreuzband an die betreffende Direction. Am folgenden Tage oder Abende erscheint er höchst persönlich, um die Moneten in Empfang zu nehmen. Die traurige Historie – denn eine solche ist es – lautet wörtlich und buchstäblich:

     „Hochgeehrter Herr!

Ein fünfundachtzigjähriger Bühnenveteran wagt es, Derenselben dieses Gesuch gedruckt zu übergeben, da eine Verwundung der Hand ein solches Zittern zurückgelassen, daß mir das Schreiben fast beinahe unmöglich wird.

Durch den Krieg 1866 bin ich in einen so hülflosen Zustand gekommen, daß ich mich oft selbst frage, warum ich ein so trauriges Leben noch trage. Ich wollte damals von Coburg nach Dresden, wo ich früher engagirt war, konnte aber nicht mehr des ausgebrochenen Krieges wegen durch. Nun reiste ich über Elster-Eger und kam nach Waldsassen in Baiern. Mein langjähriges Ersparniß war durch eine fünf Monate lange Cur der Hand und auf der Reise d’raufgegangen, und ich mußte meine beste Garderobe veräußern, um mich gegen den nachschleichenden Hunger zu schützen, denn Herrmann mein Rabe kam nicht. Dafür kamen in der Nacht drei Gensdarmen, nahmen meine Sachen in Beschlag und brachten mich in ein Gefängniß. Den Tag darauf vor den Landrichter geführt, sagte dieser: ‚Sie sind der Spionage verdächtig und bleiben hier in Haft, bis von der betreffenden Behörde, an welche Ihre Papiere abgesendet worden, ein Bescheid ankommt!‘ Da half kein Protestiren; ich dachte, wie Talbot in der ‚Jungfrau von Orleans‘ sagt: ‚Unsinn, Du siegst, und ich muß untergehen.‘ – Also zurück in den Thurm, alter Moor! Die Sache hatte aber auch ihre ernste Seite – ich kenne das; mußte ich doch in dem spanischen Kriege 1809 selbst die tödtliche Kugel auf einen vermeintlichen Spion absenden, der nicht überwiesen war. Im Kriege macht man mit einem Menschenleben nicht viel Umstände.

Mein Gefängniß war ein kleines, feuchtes Gewölbe – ein Fensterchen hoch oben, etwas Stroh, keine warme Nahrung etc. Wie nun aber in unseren Operetten und Lustspielen ein Gefängnißwärter gewöhnlich eine hübsche Tochter hat, so auch hier. Die etwa Sechszehnjährige kam immer mit, wenn mir der schweigsame Vater Brod und Wasser brachte. Einmal trat sie eine Minute vor ihm in meine Zelle. Das schien mir ein günstiger Augenblick, mich mit ihr zu verständigen wegen einer Tasse Kaffee, nach der sich mein mißhandelter Magen sehr sehnte. Ich sprach zu ihr; keine Antwort – ich wiederholte – sie sah mich groß an – auch diese Hoffnung war umsonst – das arme Kind war taub – der Alte kam.

Die Folgen dieser Kerkerhaft waren für mich schrecklich. Ich hatte mich erkältet, das fiel auf mein Gehör. Ich blieb drei Jahre ganz taub und höre jetzt nur wieder gedämpft auf dem linken Ohre. – Elendes Künstlerleben! Ueber fünfzig Jahre an der Bühne; immer, sowohl in der Oper wie im Schauspiel, auch auf größeren Bühnen stets in ersten Fächern beschäftigt, muß ich jetzt darben, oft hungern. – Viele leidende Collegen habe ich gern unterstützt, und nun bin ich selbst ein Bittender. Ich wage nun den schweren, demüthigenden Schritt, dieselben ergebenst zu bitten, mein Gesuch um Unterstützung mittelst Collecte den geehrten Herren und Damen mit einigen wohlwollenden Worten an ihr theilnehmend Herz zu legen. Es wird Ihnen Segen bringen. Ich will ja gern den Diener, welchen Sie etwa damit beauftragen, entschädigen. Mit dero Genehmigung werde ich die Ehre haben, mich morgen bei Ihnen anzumelden und mich mit Paß etc. legitimiren. Hochachtungsvoll Dero gehorsamer Diener

Z. Z.
Sänger und Schauspieler.“

Was sagt der geneigte Leser hierzu? Der Mann annectirt ja den ganzen Pomp eines Colportageromans, um zum Ziele zu kommen. Und portofreie Zusendung! Elegante Ausstattung in Papier und Buchstaben! Wenn die Collectenbrüder sich so veredeln, darf man da nicht hoffen, daß sie mit der Zeit ganz verschwinden werden? –

Arno Hempel.