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Titel: Zur Kaltwasserbehandlung der Neuzeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 827–828
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Zur Kaltwasserbehandlung der Neuzeit.

Die Behandlung hitziger Krankheiten, besonders des Typhus, mit kaltem Wasser ist an und für sich nicht neu; sie war im Gegentheil schon seit geraumer Zeit von einzelnen Aerzten (Wright, Jackson und Anderen) zur Anwendung gebracht worden. Das Verdienst aber, diese Methode zuerst wissenschaftlich begründet und genauere Regeln der Anwendung angegeben zu haben, gebührt dem englischen Arzt Currie (in Liverpool), welcher am Anfang dieses Jahrhunderts in seinen besten Jahren starb. Indessen, seine Kaltwasserbehandlung des Typhus schlief wieder ein. Die damalige Zeit war eben noch nicht reif für diese so tiefeingreifende Umwälzung. Dr. Ernst Brand in Stettin hat das große Verdienst und den Ruhm, der Neubegründer der Hydrotherapie des Typhus, wie der Hydrotherapie der hitzigen Krankheiten überhaupt zu sein, und ihr diejenige allgemeine Anerkennung verschafft zu haben, welche sie heutzutage genießt.

Die Erfahrungen desselben und die von ihm beobachteten Verhaltungsregeln, welche er in seinen classischen Werk „Die Hydrotherapie des Typhus“ niedergelegt hat, sind seitdem durch zahlreiche Wiederholungen als richtig bestätigt worden, und schon jetzt steht fest, daß die Zahl der Todesfälle bei den mit kalten Wasser behandelten Typhuskranken eine bei Weitem geringere ist, als dies unter andern Verhältnissen vordem der Fall war.

Zwei Hauptwirkungen sind es , welche bei Anwendung des kalten Wassers auf den Körper zur Geltung gelangen: die Wirkung des Temperaturreizes, den wir als Kälte oder Wärme empfinden und zu welchem bei bewegtem Wasser (Wellen-, See-, Strahlbäder [828] etc.) noch die Wirkung der durch das Wasser bewirkten Reibung kommt, und die Wirkung der Abkühlung.

Je nachdem wir die eine oder die andere der oben genannten Methoden anwenden, beziehentlich je nach der Dauer solcher Anwendung, übt entweder der Reiz oder die wärmeentziehende Wirkung den herrschenden Einfluß auf den erkrankten Organismus. Der erste Eindruck aber ist in allen Fällen der des Reizes, und es ist dieser Eindruck ein um so stärkerer, je verschieden die Temperatur der Haut von derjenigen des sie benetzenden Wassers ist. Bei kalten Bädern von nur momentaner Dauer kommt fast lediglich diese Reizwirkung, welche durch Reiben noch bedeutend verstärkt werden kann, zur Geltung. Vermittelst solchen Hautreizes sind wir, wie die neuesten Untersuchungen bewiesen haben, allein schon im Stande – und zwar auf dem Wege des Reflexes, das heißt indem sich jener Reiz auf Hirn und Rückenmark und von hier auf die inneren Theile des Körpers fortpflanzt – einen mächtigen Eindruck auf die inneren Organe, das Herz, die Lunge, das ganze Gefäßsystem, zu machen und verändernd auf die Functionen dieser Organe zu wirken. Dieser Rückschlag auf die inneren Organe kann, z. B. bei durch vorhergegangene Bewegung sehr erregtem Körper, sogar so stark sein, daß sofortiger Tod erfolgt. Pflegt das plötzliche Hineinspringen in’s kalte Wasser beim Baden für gewöhnlich auch unschädlich zu sein, so ist es doch aus eben gesagten Gründen, um den Rückschlag, den der plötzliche starke Reiz auf die inneren Organe bewirkt, einigermaßen abzuschwächen, jedenfalls zu rathen, vorher Brust und Gesicht mit kaltem Wasser zu benetzen. Die augenblickliche, wenn auch rasch vorübergehende Beklommenheit, welche man in dergleichen Fällen plötzlichen Eintauchens in kaltes Wasser fühlt, beruht auf einem momentanen Versagen der Athmung der Herzthätigkeit. Kommt dieselbe nicht sofort wieder in Gang, so erfolgt, wie das leider öfters geschieht, Ohnmacht und Tod.

Die nächsten uns sichtbaren Veränderungen, welche das kalte Wasser auf der Haut hervorruft, bestehen in einer allgemeinen Zusammenziehung der Blutgefäße, in Folge deren die Haut, da das Blut aus ihr verdrängt wird, erblaßt. Sehr rasch aber folgt die sogenannte Reaction, das heißt ein vermehrtes Zurückströmen des Blutes nach der Haut und lebhafte Röthung durch die jetzt erweiterte Gefäße. Dabei wird die Herzthätigkeit erhöht, und man empfindet im ganzen Körper eine wohlthätige Erregung. Es wird hierbei vorausgesetzt, daß die Kaltwassereinwirkung (Wellen-, Strahl-, Regenbad, Douchen) nur kurze Zeit dauert. Solche rasch abgebrochene Bäder sind, wie sich aus dem Gesagten begreift, da am Platze, wo es gilt, belebend und anregend auf den Stoffwechsel zu wirken, besonders auch bei überkommenden Schwächezuständen (als Sturzbäder, kalte Bespritzungen etc.), ebenso, täglich wiederholt, bei Blutarmen. Derartige Personen vertragen kalte Bäder von längerer Dauer gewöhnlich nicht, weil sie durch den erlittenen Wärmeverlust, welcher einen raschen Ersatz erfordert, zu sehr erschöpft werden, wogegen ihnen die rasch abgebrochene, nur als Hautreiz wirkenden Bäder häufig von größtem Nutzen sind. Durch sie wird besonders die Haut- (und Lungen-)Athmung, das heißt der Austausch zwischen den verbrannten Gasen des Körpers und dem Sauerstoff der Luft, welcher bei den Blutarmen zumeist herabgesetzt ist, bedeutend erhöht, in Folge dessen der Stoffwechsel befördert, der Appetit vermehrt, die Erscheinungen der Blutarmuth vermindert, die ihren Grund in einer mangelhaften, bezüglich abnormen Ernährung haben. Diese Erhöhung der Hautathmung und deren eben geschilderte Folgen, sowie der Umstand, daß durch den Kaltwasserreiz die Spannung in den Gefäßen der innern Organe in wohlthätigster Weise verändert und besonders hierdurch die zu Entzündungen und Katarrhen geneigten Lungen von Blut entlastet werden, sind es auch in erster Linie, welche den großen, oft lebensrettenden Nutzen der Kaltwassercur bei Brustkranken bedingen. Waren diejenigen, welche überhaupt nur sehen wollten, durch die überraschenden Heilungen vieler verzweifelter Fälle längst schon von einem solchen Nutzen überzeugt, so war es doch erst der neuesten Zeit vorbehalten, auf dem Wege des physiologischen Versuches festzustellen, wie der Kaltwasserreiz auf den Körper einwirkt.

Wir wollen hinsichtlich dieser Wirkung nur Folgendes anführen! Beobachtet man bei einem dazu geeigneten Thier die kleinen Blutgefäße der inneren Organe, z. B. des Darmes oder der Lungen durch das Mikroskop, während man die äußere Haut des Thieres mit kaltem Wasser benetzt, so zeigt sich bei mittlerem Kältereiz eine deutliche Verengerung jener Gefäße, welche sich auch auf das übrige Gefäßsystem des Körpers erstreckt. Diese und andere an den Gefäßen und besonders auch an dem Pulse wahrnehmbaren Erscheinungen, welche den ursächlichen Reiz lange Zeit überdauern, beweisen allein schon, welchen mächtigen Einfluß ein die äußere Körperhaut treffender Kältereiz auf sämmtliche Organe ausübt, und es sind diese an den Gefäßen hervortretenden Veränderungen an und für sich schon genügend, um eine tief eingreifende Umwandlung der gesammten Ernährung herbeizuführen.

Leider wird dieses oft einzig rettende Mittel, welches wir in der Kaltwasserheilmethode besitzen und neben welchem natürlich noch andere diätetische Mittel in Anwendung zu bringen sind, bei weitem nicht in dem Umfange benutzt, wie es verdienter Weise geschehen sollte. Und warum? Weil die Durchführung allerdings eine Beharrlichkeit und Ueberwindung erfordert, welche die Mehrheit der betreffenden Kranken, beziehentlich deren Umgebung nicht besitzt. Sie siechen eben lieber unter Verputtelung und Verweichlichung dahin. Obgleich derartige Curen, bei welchen besonders methodische kalte Abreibungen von größtem Vortheile und, in vielen Fällen in der Behausung der Kranken recht gut vorgenommen werden könnten, ist es, eben weil der Wille der Durchführung zu fehlen pflegt, am gerathesten, dieselbe in renommirten Kaltwasserheilanstalten unterzubringen.

Wie auf Blutarmut und Brustkrankheiten, so wirkt die Kaltwasserbehandlung auch auf viele andere chronische Krankheiten in günstigster Weise ein, indem sie die Lebensthätigkeit mächtig anregt und durch Vermehrung der natürlichen Ausscheidungen im Körper angesammelte krankhafte Stoffe entfernt, den Stoffwechsel zur Norm zurückführt.

Ist nun die Art und Weise, in welcher man das kalte Wasser auf den Körper wirken läßt, schon bei chronischen Krankheiten zur Erzielung eines günstigen Erfolges von großer Wichtigkeit, so gilt dies noch weit mehr für acute Fälle. Hier ist bei der Raschheit des Verlaufes ein begangener Fehler oft nicht wieder gut zu machen, und kann eine falsche Anwendungsweise des kalten Wassers geradezu den Tod herbeiführen.

Derartige Wassercuren bei hitzigen Krankheiten haben für den Laien häufig etwas Abschreckendes, und es gehört oft das ganze Ansehen und die ganze Energie des Arztes dazu, sie durchzusetzen. Mit Recht dringt Dr. Brand darauf, die Pflege des Kranken den Angehörigen, wenn irgend möglich, ganz aus den Händen zu nehmen. Manches junge Leben ist nur deshalb zu Grunde gegangen, weil die Angehörigen den Schwächen und Launen des Kranken und nicht den Anordnungen des Arztes gefolgt waren.

So trifft es sich, um nur ein Beispiel anzuführen, oft genug, daß der Kranke nach einem Bad, statt gebessert zu werden, verschlimmert erscheint, der hinzukommende Arzt findet ihn aufgeregter als je und die Angehörigen in größter Besorgniß. Was aber war der Grund dieser Verschlimmerung? Man hatte in übel angebrachter Schwäche die rechtzeitige Wiederholung des Bades unterlassen, und die Fieberhitze war in Folge dessen wiedergekehrt. Sie schwand und es trat Ruhe ein, nachdem das Bad, nicht ohne großes Widerstreben der Angehörigen, wiederholt worden war. Solche Wiederholungen sind aber nicht blos ein- oder zweimal des Tages, sondern zumeist öfter vorzunehmen, im Allgemeinen so oft, als das Fieber einen bestimmten Hitzegrad zu überschreiten droht. Diese Hauptwirkung des kalten Wassers bei acuten Krankheiten, nämlich die Herabsetzung des Fiebers, welche man durch keine andere Behandlungsweise mit gleicher Sicherheit zu erzielen vermag, ist es allein schon, welche seinen Nutzen weit über den aller übrigen Mittel erhebt. Denn die Hauptgefahr, besonders bei Typhus, lag eben in dem anhaltenden hohen Fieber, das man bisher so schwer zu bekämpfen vermochte und welches den Kranken den so nöthigen Schlaf raubte und ihre Kräfte rasch aufrieb. Es mag immerhin möglich sein, daß die ärztliche Kunst noch andere ebenso sichere, aber in der Anwendung bequemere Mittel zur Bekämpfung der acuten Krankheiten erfinden wird wie die Kaltwasserbehandlung. Vor der Hand jedoch dürfte dieselbe nicht so leicht wieder verdrängt werden. Der Kranke aber und seine Umgebung mögen dem Arzt sein schweres Amt nicht durch unbesonnenen Widerspruch zum eigenen Nachtheil noch erschweren!

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