Zur Heilung des Schreibekrampfes

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Titel: Zur Heilung des Schreibekrampfes
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[20] Zur Heilung des Schreibekrampfes. Vor Kurzem hat Professor von Nußbaum in München eine kleine Broschüre unter dem Titel „Einfache und erfolgreiche Behandlung des Schreibekrampfes“ veröffentlicht. Die günstige Aufnahme, welche ihr in den medicinischen Kreisen zu Theil wurde, veranlaßt uns heute, die Grundidee des Nußbaum’schen Heilverfahrens auch unseren Lesern bekannt zu geben. Wir folgen dabei den Ausführungen des Professor Dr. Friedrich Busch, welcher in seinem soeben erschienenen, trefflichen Werke „Allgemeine Orthopädie, Gymnastik und Massage“ (Leipzig, F. C. W. Vogel) auch dieses Thema behandelt.

Der Gedanke, welcher Nußbaum leitete, war folgender: da das Schreiben fast ausschließlich durch die Thätigkeit der Flexoren und Adductoren der Finger (das heißt derjenigen Muskeln, welche die Finger beugen und an einander drücken) zu Stande kommt und diese sich bei der genannten Krankheit krampfhaft zusammenziehen, so konnte man hoffen, daß eine Methode des Schreibens heilsam wirken würde, bei welcher die Extensoren und Abductoren der Finger (das heißt diejenigen Muskeln, welche die Finger strecken und aus einander spreizen) angespannt werden. Nußbaum construirte zu diesem Zweck einen aus Hartgummi hergestellten ovalen Reifen, welcher an seiner oberen Fläche den Federhalter mit einer Schraube eingeklemmt trägt. Dieser Reifen ist etwas breiter als die Hand und muß daher, wenn er über die Finger hinübergeschoben wird, durch Spreizung der ausgestreckt gehaltenen Finger festgehalten werden. Das Schreiben wird jetzt durch die Bewegungen der ganzen Hand bewerkstelligt. Sowie der Patient in der Thätigkeit seiner Abductoren nachläßt, löst sich der Reifen von den Fingern los, wodurch das Schreiben aufhört. Der Patient ist daher gezwungen, die ganze Nervenreizung, die er früher auf seine Flexoren und Adductoren übertrug, jetzt auf die Extensoren und die Abductoren einwirken zu lassen. Durch diese Anspannung der entgegengesetzt wirkenden Muskeln waren viele Patienten mit Zuhülfenahme des Reifens sehr wohl im Stande, anhaltend zu schreiben, die vorher kaum noch einen einzelnen Buchstaben hatten schreiben können. Nußbaum hofft aber noch einen anderen Erfolg, der sich freilich erst nach längerer Zeit herausstellen kann, zu erzielen. Er hofft, daß, wenn ein Patient eine gewisse Zeit mit Hülfe des Reifens geschrieben und dadurch seine Abductoren und Extensoren stark angespannt haben wird, während die Flexoren und Adductoren in Ruhe verharren, er dann auch wieder zur gewöhnlichen Federhaltung wird zurückkehren können, ohne durch den Krampf belästigt zu sein. Sollte sich diese Hoffnung bewähren, so würde die Nußbaum’sche Methode eine der glänzendsten Entdeckungen auf dem Gebiete der Nervenkrankheiten sein, welche, wie das bei großen Entdeckungen so oft der Fall ist, durch die Einfachheit des ihr zu Grunde liegenden Gedankenganges imponirt. Aber selbst wenn diese Hoffuung sich nicht erfüllt, so bleibt der Nußbaum’sche Reifen eine sehr wesentliche Bereicherung auf diesem der heilenden Thätigkeit des Arztes bisher so schwer zugänglichen Gebiete.