Die Ritter von der Straße

Textdaten
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Autor: Max Lortzing
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Titel: Die Ritter von der Straße
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die „Ritter von der Straße“.

Aus dem Vagabondenleben der Vereinigten Staaten.

Landstreicher giebt es allenthalben auf der Welt, und selbst wenn sie von verschiedener Nationalität sind, gleichen sie in ihren Eigenschaften und Gewohnheiten einander so sehr, daß man sie beinahe als eine besondere Art der Gattung Mensch, bezeichnen könnte. Und doch unterscheidet sich der amerikanische Vagabond wesentlich von seinem überseeischen Cameraden; er ist kosmopolitischer, vielseitiger, unternehmender; er hat, als typische Gestalt genommen, eine reichere Vergangenheit und eine wechselvollere Gegenwart. Vor dem Secessionskriege war das Stromerthum in den Vereinigten Staaten eine ganz vereinzelte Erscheinung; in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren hat es sich zu einer wahren Landplage entwickelt. Während früher das Wort „tramps“ in dieser Bedeutung überhaupt nicht in unserem amerikanischen Vocabularium stand, ist jetzt der Tramp oder Strolch zu einer socialen Figur geworden.

Auch unter den Landstreichern in Deutschland kommen hin und wieder Personen vor, die sich einst in besseren, ja in glänzenden Verhältnissen befanden und die durch Unglück oder durch Selbstverschuldung, [19] meist durch beides zugleich, Schiffbruch gelitten haben. Bei unserer Brüderschaft der „fahrenden Leute“ jedoch sind nicht nur alle civilisirten Nationen, sondern auch alle Stände, selbst die geachtetsten, in einem Maße vertreten, wie nirgendwo anders auf Erden. Zum Theil hat dies seinen Grund darin, daß uns Europa so gern seinen Ueberschuß an verfehlten Existenzen aller Art herüberschickt, die entweder gar nichts oder etwas, das ihnen hier nichts nützt, gelernt haben. Ferner gehen in Amerika Stellung, Reichthum und Ruf gerade so schnell, wie sie gewonnen worden, und viel, viel leichter verloren als in der alten Welt, und dieser Umstand trägt ebenfalls dazu bei, die Armee der Tramps zu recrutiren.

„Im Sommer das Land, im Winter die Stadt“ lautet die Parole unserer Ritter von der Straße. Sobald der erste Frost das bunte, in den wundervollsten Farben prangende Laub des Indianersommers bleicht und von den Bäumen schüttelt, ziehen sie an, diese Bassermann’schen Gestalten. Ich sehe sie immer wieder, die zerlumpten, schleichenden, schlotternden Menschen, die jeden Vorübergehenden mit prüfenden Blicken betrachten und abschätzen, ob es sich der Mühe lohnt, ihn anzusprechen. Der ehemalige Adjutant Kossuth’s mit den hohen Wasserstiefeln und dem uralten Calabreser muß wohl schon zu seinen Kriegscameraden in die Walhalla der Ewigkeit abcommandirt worden sein; denn seit Jahren vermisse ich ihn, und der stämmige Baron X., der einst als Gesandtschaftsattaché in den Salons der Exkaiserin Eugenie tanzte, hier aber längere Zeit hindurch des Morgens die übernächtigen Bierreste aus den geleerten Fässern schöpfte, die der Kneipwirth vor die Thür gesetzt hatte, und sich eine Brodkruste aus der Abfalltonne hervorzerrte, ist merkwürdiger Weise wieder ein anständiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden. Aber er ist wieder da, der „Gerichtsdirector“, mit dem qualmenden Nasenwärmer in dem runzligen, struppbärtigen Gesicht und der verschossenen, flachen Mütze auf dem Kahlkopf. Auch der blaubrillige Lump hat es nicht vergessen sich einzufinden, der mich immer anruft: „Sprechen Sie deutsch, mein Herr?“ und, da er nie eine Antwort erhält, stets fein: „Parlez-vous français, Monsieur?“ folgen läßt, dann jedoch, wenn man ihn auch bei dieser Frage unbeachtet läßt, wie ein Rohrsperling schimpft.

Der bekannte Wohlthätigkeitssinn und die Gutmüthigkeit der Amerikaner läßt auch diese socialen Schmarotzer nicht verhungern. Der „professional tramp“, der Vagabund von Beruf, weiß genau, wo er mit Erfolg anklopfen, wo er sich amüsiren und wo er ungestört schlafen kann. Barmherzige Vereine in der City sorgen für Asyle und warme Suppen, und als letzter Zufluchtsort winkt ihm die Polizeistation, die er jedoch nur im äußersten Nothfalle aufsucht. Es giebt in New-York eine Menge Herbergen, in denen er gegen Erlegung von fünf Cents ein Nachtquartier, sogar ein – Bett erhält; in den Tagesstunden geht er seinem „Geschäfte“ nach oder treibt sich müßig auf der Straße umher, und macht ihm schlechtes Wetter den Aufenthalt im Freien unbehaglich, so flüchtet er in das Lesezimmer des „Cooper Institute“ und liest oder schläft bei einer Zeitung ein, obwohl der hochehrwürdige Pater Cooper, der über neunzig Jahre zählende Patriarch unter den amerikanischen Philanthropen, diese seine großartige Stiftung keineswegs für die Bequemlichkeit der Strolche geschaffen hat.

Pittsburg, die „Smoky City“, die „Rauchstadt“, besitzt sogar ein „Home“, ein von den Bürgern gegründetes Obdach für die Landstreicher, das auch der „Gerichtsdirector“ – wenigstens giebt er sich für einen solchen aus – auf seiner Tour regelmäßig besucht. Richter zum Mindesten ist er in seiner transatlantischen Heimath gewesen und hat, wegen irgend welchen Vergehens seines Amtes entsetzt, die Thorheit begangen, als Mann in den Fünfzigern auszuwandern. Durch einen engen, von Schnaps, Kautabak und Schmutz duftenden Corridor schreitet er an ein kleines Bureau im „Home“, wo ein Mann durch ein sogenanntes „pigeon hole“, Taubenschlagloch, mit den Kunden verhandelt, welche ihr Nationale in ein großes Buch eintragen müssen und dafür eine Speisemarke empfangen. Zugleich wird den Leuten erklärt, daß sich die Gastfreundschaft des „Home“ für sie auf drei Tage ausdehne, dann aber müssen sie für Logis und Kost bezahlen. Die Anstalt scheidet sich nämlich in zwei Departements, in das „Hôtel“, welches nach den nämlichen Grundsätzen geführt wird wie ein Gasthof niederen Ranges, und in „Bummers Hall“, (Bummlerhalle), wo die Gentlemen von Habenichts diniren und nächtigen; letzteres wird von den Erträgnissen des ersteren unterhalten.

In dem großen mit Dampf geheizten, mit langen Tischen und Bänken ausgestatteten Saale findet unser Freund an vierhundert Collegen bereits versammelt. Jede Nation, jeder Stand, jeder Grad der Verkommenheit hat dort seine Vertreter. Arbeiter und Handwerker, die zeitweise brach liegen, gesellen sich zu gescheiterten Geistlichen, Professoren, Kaufleuten, Literaten, Künstlern, deutschen und österreichischen Garde-Officieren. Hierhin rettet sich auf drei Tage der bürgerliche und adlige Auswurf Europas, und mit ungläubigem Staunen würde man jenseits des Oceans zuhören, wenn man diese Fremdenliste vorläse. Doch ein ständiger Gast fehlt: er hat als Tramp die ganzen Vereinigten Staaten durchwandert und arbeitete zuletzt als Kohlenschaufler in einem Orte Pennsylvaniens. Da starb in diesem Sommer sein Onkel, und er ging nach England, dem Lande seiner Ahnen, zurück – als Earl von Effemere mit einem jährlichen Einkommen von 10,000 Pfund Sterling.

Das Diner, welches der bunt zusammengewürfelten Schaar von Strolchen servirt wird, besteht aus einem ebenso mosaikartigen Gericht, den im Hexenkessel der Proletariatsküche zu einem seltsamen Gebräu gemischten Speiseresten des „Hôtels“. Nach der Mahlzeit stellt man Bänke und Tische an die Wand, um Raum zum Schlafen zu schaffen, doch tritt vorher ein geistlicher Herr durch eine Seitenthür ein, vertheilt volksthümliche Lieder unter die Anwesenden und hält eine feierliche Andacht ab, ohne die der Abend so wenig denkbar wäre, wie Brod ohne Salz.

Wenn der Sommer einzieht, tritt die gesammte ungeheure Armee der amerikanischen Tramps ihre Wanderung aus den Winterquartieren an: sie kehrt dem „Pinch“ in Memphis, dem „Under the Hill“ in Natchez, dem „Elephant Johnnie’s“ in New Orleans und wie die unter der nomadisirenden Gilde berühmten Herbergen alle sonst heißen mögen, den Rücken. Vor diesen Wandervögeln breitet sich nun ein unermeßliches, an klimatischen, nationalen und socialen Mannigfaltigkeiten und Gegensätzen überaus reiches Gebiet als Tummelplatz aus, nach allen Richtungen von Eisenbahnen durchschnitten, welche die erwünschtesten Fahrgelegenheiten bieten: denn Fußtouren liebt der amerikanische Tramp nicht und bedient sich dieser Reisemethode nur, wenn er muß oder gerade Lust dazu hat. Auch versäumt er es nicht, sich die ihm unentbehrlichen „Kriegskarten“ zu beschaffen, das sind die Eisenbahnpläne, sowohl diejenigen für die Passagiere, wie die für das Beamtenpersonal; sie geben ihm genau an, wie die Züge laufen, wo sie halten und wo er am besten unentdeckt auf einen derselben springen kann. Der altgediente Vagabond hat neben seinem Spiel Karten, mit welchen er schon in allen Staaten und Territorien der Union das schöne Spiel „cut-throat old-sledge“ um einen Schluck Whisky aus der gemeinsamen Flasche gespielt hat, stets die Fahrpläne aller Bahnen in der Tasche.

Er verschmäht keinen Zug, der ihn in der eingeschlagenen Richtung weiter bringt, doch wählt er am liebsten einen leeren Güterwaggon, in welchem er sich so verbirgt, daß er der Aufmerksamkeit der Bahnbediensteten entgeht; denn diese sind streng angewiesen, mit den „blinden“ Passagieren kurzen Proceß zu machen. Manche Linien haben sogar ihren berufsmäßigen Hinauswerfer, der gewöhnlich zugleich Bremser ist und die Pflicht hat, die Tramps erforderlichen Falls mit Gewalt an die Luft zu setzen. Ist die Reise in einem solchen Waggon wegen der Wachsamkeit des Bahnpersonals nicht mögllch, so nimmt der Stromer auf den Verkuppelungen zwischen den Waggons Stellung. Das ist eine sehr gefährliche Position, die große Erfahrung und Vorsicht verlangt; denn gerade hier ist das Schütteln und Stoßen besonders fühlbar; ein Ausgleiten des Fußes, und Alles ist vorbei.

Dann erklärt das vom amtlichen Leichenbeschauer zusammenberufene Geschwornengericht: der Mann sei ein Tramp gewesen und durch Ueberfahren um’s Leben gekommen. Wer er war, das weiß Niemand: vielleicht führte er einst seine Compagnie durch Kampf zum Siege, oder herrschte über ein Heer von Buchhaltern, oder entzückte die vornehme Welt durch seine chevalereske Liebenswürdigkeit. Wer vermöchte es zu sagen? Er hat nichts an sich, was zu seiner Identificirung führen könnte.

Auch der „Gerichtsdirector“ hat sich wiederum dieser Völkerwanderung angeschlossen. Sein unzertrennlicher Begleiter ist der „Evangelist“, ein um zehn Jahre jüngerer, heruntergekommener amerikanischer Geistlicher. Der geneigte Leser wundert sich vielleicht darüber, wie es für einen „Mann Gottes“ möglich ist, so tief zu sinken, und doch ist das so auffallend nicht. Bei uns [20] giebt es keine Staatsreligion; Jeder kann nach seiner Façon selig werden, und alles Kirchliche ist durchaus privater Natur. Jede Gemeinde wählt sich ihren Seelsorger nach ihrem Geschmack; jene zieht einen studirten vor; diese verschmäht den Theologen von Fach und wählt sich einen Laien, den sie wieder absetzt, wenn er ihr nicht mehr gefällt. In Amerika kann Schneider Fips oder Meister Pechdraht Pastor werden, und ich kenne auch wirklich einen deutschen Schuster, der den Knieriemen in den Kehricht schleuderte, sich mit seinen Leisten den Ofen heizte und jetzt auf der Kanzel sein Licht leuchten läßt. Bei derartigen Verhältnissen erklärt es sich, daß geistliche Strolche oder strolchende Geistliche keineswegs so ganz seltene Erscheinungen sind. Der „Evangelist“ ist übrigens Pfarrer von Beruf gewesen, und auch jetzt noch übernimmt er der Abwechselung halber, wenn seine frommen Auftraggeber ihn gut bezahlen, eine Predigertour und hält in einem „camp meeting“ den andächtigen Zuhörern eine donnernde Philippica über ihre Sünden.

Die Karawane der Tramps folgt dem Gang der Ernte von Süd nach Nord; sind sie bei den Farmern doch gern gesehene Gäste; denn es giebt vollauf zu thun, und Arbeiter sind rar. Die Obstzucht wird hier in ungeheurem Maße betrieben, und da heißt es dann: Erdbeeren sammeln, Pfirsichen pflücken und Brombeeren lesen. Später beginnt die Hopfenernte im Staat New-York und nachher in Wisconsin, und das Einheimsen des Weizens in Minnesota bildet den Schluß. Das ist die goldene Reisezeit für den Stromer, die ihn viele Hunderte von Meilen weit führt, seine Sommerfrische, die sich tief hineinerstreckt in unsern wunderschönen Herbst, die ihn stärkt und kräftigt. Sie vertritt bei ihm die Saison der Vergnügungen; denn die Arbeit ist leicht, und es fällt ihm gar nicht ein, sich zu plagen. Auch verdingt er sich nicht etwa bei dem Bauer, um Geld für den Winter zu sparen oder um mit dem Erworbenen ein neues thätiges Leben anzufangen. Nein, nach dem Feierabend wird gezecht und getanzt; denn Frauenzimmer sind genug da, und die Whiskeyflsche macht so lange die Runde, bis der letzte Cent aus der Tasche ist. Gefällt es ihm nicht mehr an dem einen Orte, so wandert er der nächsten Bahn zu, die ihn weiter nördlich oder nordwestlich trägt.

Ist die Ernte vorüber, so wälzt sich das Corps der Landstreicher aufgelöst und trümmerweise, wie ein zerschlagenes und gesprengtes Heer, wieder südwärts. Der „Gerichtsdirector“ und der „Evangelist“ sind auf dem Schienenwege endlich nach St. Louis gelangt. Sie wollen eine klimatische Cur genießen und den sonnenheißen Regionen zupilgern, wo die Orange glüht und der Spottvogel pfeift. Des anstrengenden und gefahrvollen Eisenbahnfahrens müde, beabsichtigen sie auf dem Rücken des „Vaters der Ströme“ nach dem blauen Spiegel des Golfs von Mexico zu schwimmen. Zunächst reinigen sie sich gründlich durch ein Bad und lassen ihren Kleidern, oder vielmehr ihren Lumpen, die ihnen so nothwendige trockene Wäsche zukommen. Sie breiten dieselben sorgsam über eine Ameisencolonie aus und überlassen es den fleißigen Thierchen, die lästigen Parasiten als willkommene Jagdbeute in ihren Bau zu schleppen.

Dort liegt der stattliche Mississippidampfer vor Anker; noch heute soll er lichten. Die schwarzen Frachtverläder sind damit beschäftigt, die letzten Getreidesäcke zu förmlichen Bergen aufzuthürmen. Die beiden Freunde brauchen sich durchaus nicht zu geniren; ungehindert begeben sie sich an Bord und treffen auf dem Deck schon eine ganze Menge von ihren Schicksalsgenossen an, die gleich ihnen die Fahrt machen wollen. Auf Balken, Kisten und Tonnen sitzen sie oder sie umringen den Ofen, sich Kartoffeln und Maiskolben röstend, welche sie aus den hier aufgestapelten Säcken gestohlen haben. Sie bewegen sich zwanglos und frei; denn von dem Schiffsclerk ist vorläufig nichts zu befürchten. Der hat noch lange keine Muße, sich mit ihnen zu beschäftigen; die große Razzia, die Ausmusterung, nimmt er erst am folgenden Tage vor, sobald Cairo passirt ist. Dann werden die Deckpassagiere, welche ihr Billet gelöst haben, von den blinden Fahrgästen gesondert und letztere am nächsten Landungsplatze ausgesetzt. Es geschieht dies in aller Freundlichkeit und Nächstenliebe; denn man betrachtet auf den Flußdampfern des Westens die Tramps als ein nothwendiges Uebel, mit dem man rechnen muß. Die Procedur des Entfernens kümmert die Stromer indessen wenig; bei ihnen ist Zeit nicht Geld; sie haben von diesem Artikel übergenug auf Lager und sind darum in keiner Eile. Sie warten geduldig auf den nächsten Dampfer und reisen auf ihm weiter, werden nach Zurücklegung einer ganz hübschen Strecke abermals an das Ufer befördert und vollenden die Tour stückweise, aber sicher.

So ist denn unser Tramp eine Art Rentier, der den Winter in behaglicher Muße in einer Großstadt verlebt und den Sommer auf Reisen verbringt. Die vielfachen Gefahren, denen er tagtäglich sich aussetzt, sind für ihn ein Sport, den er nicht fürchtet; sie würzen ihm ein Dasein, welches ihm sonst vielleicht unerträglich würde. Mit seinen Cameraden befindet er sich in bestem Einvernehmen und vollkommenster Harmonie; gleiche Interessen verbinden alle Mitglieder der fahrenden Gilde und schaffen unter ihnen eine gewisse Solidarität. Sie helfen einander, wo sie nur können, und bilden oft Banden, die durch unverschämte Frechheit, durch Androhung von Gewalt nicht nur einsam wohnenden Farmern gefährlich werden, sondern sogar ganzen Ortschaften so lästig fallen, daß diese sich genöthigt sehen, Front gegen sie zu machen und sie zu verjagen. So harmlos sind die Burschen nicht, zumal in Horden vereint; denn es giebt unter ihnen immer genug entlassene oder entlaufene Sträflinge und Zuchthäusler, welche die Führerschaft übernehmen. Nicht selten ereignet es sich, daß eine Stadt, der Schmarotzer überdrüssig, sie nicht in das Arbeitshaus steckt, was zu viel kosten würde, sondern ihnen Fahrbillets für einen im nächsten Staat belegenen Ort kauft und sie fortspedirt.

Es ist ein eigenartiges Leben, das Leben des amerikanischen „Ritters von der Straße“, eine Erscheinung, die nur auf dem Boden der neuen Welt möglich ist und mit deren oben entworfenem Bilde wir dem europäischen Leser etwas wohl nicht ganz Uninteressantes geboten haben.

Max Lortzing.