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Zur Geschichte der geheimen Polizei im Königreich Westphalen

Textdaten
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Autor: W. A.
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Titel: Zur Geschichte der geheimen Polizei im Königreich Westphalen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 569-571
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Zur Geschichte der geheimen Polizei im Königreich Westphalen.

In einer Zeit, wo man in Frankreich den Schülern der Lyceen befiehlt, Lobgedichte auf den Prinzen Jerome zu fertigen, und wo deutsche Höfe – artig genug sind, um den einstmaligen Räuber deutscher Fürstenthümer acht Tage Trauer anzulegen, dürfte es wohl nicht ganz unangemessen erscheinen, wenn wir uns der Thaten dieses Herrn erinnern, dessen Tod jetzt so tief betrauert wird. Wir beginnen heute mit der Polizei der damaligen Zeit und bemerken ausdrücklich, daß wir dabei aus authentischen Archivquellen schöpfen und nur erzählen, was dort actenmäßig niedergelegt ist. Später werden wir uns den Bruder „Immer lustick“ selbst „kaufen.“

Unter der Leitung Bongars’, des westphälischen Gensd’armeriegenerals und Polizeidirectors in Kassel, stand ein Heer von vielen tausend Spionen und 900 Gensd’armen, von denen leider sehr viele Deutsche waren. Dieser geheimen Polizei war nichts heilig, weder Kirche, noch Schule, weder Familienbande, das Glück der Ehe, noch Privatbriefe. Man konnte mit Gewißheit darauf rechnen, daß in jeder Gesellschaft, mochte sie groß oder klein sein, wenigstens ein Mitglied dieses teuflischen Bundes sich befand und nur auf die Gelegenheit lauerte oder sie mit den Haaren herbeizog, Jemand anklagen und in’s Unglück stürzen zu können. Die deutsche Gemüthlichkeit, sowie der freie, gesellige Ton, hatte in dem neugebackenen Königreiche aufgehört, wenigstens in den Städten desselben. Einer mußte in dem Andern einen Verräther erwarten, deshalb war das gegenseitige Vertrauen geschwunden, blieben Herzen und Mund verschlossen. Man nahm sich wohl in Acht, in seine Worte einen zweideutigen Sinn hineinzulegen, sowie überhaupt von Politik zu reden. In den geselligen Kreisen entstanden daher aus Mangel an Stoff, oder weil die Worte abgewogen werden mußten, oft langweilige Pausen. Wehe demjenigen, der über die Schmach und Schande des Vaterlandes, über den unerträglichen Druck, über die Demüthigungen, denen man tagtäglich ausgesetzt war, auch nur geseufzt hätte! Körper und Geister lagen in Ketten, und der Zornesröthe im Antlitze der Patrioten allein war es gestattet, sich zu äußern.

Bongars war ein Mann von hohem, stattlichem Wuchse und ausdrucksvollen Zügen, aber von großer Magerkeit. Was die Natur nur immer Falsches, Herzloses, Heimtückisches, Grausames und Arglistiges in den verschiedenen Menschenseelen geschaffen hat, das fand sich in diesem Teufel in Menschengestalt vereinigt. Er wußte seinem Gesichte stets eine huldreiche, freundliche Miene zu geben, so daß er selbst hinter dem grünen Tische der peinlichen Verhöre Zutrauen einflößte, so sehr hatte er die Kunst der Verstellung sich angeeignet. Er war buchstäblich ein reißender Wolf im Schafspelze. Er wußte seine Beute immer um so gewisser zu erhaschen, als er den unglücklichen Opfern gegenüber die bittersten Vorwürfe und schrecklichsten Drohungen stets im wohlmeinenden Tone und in sanfter Stimme aussprach. Seine Krallen sah man nie.

Er war ein geborner Franzose und sprach nur gebrochen deutsch. Genauere Beobachter wollen bemerkt haben, daß er nur die in sein Fach schlagenden unumgänglich nothwendigen Ausdrücke, die den Mann allein schon kennzeichnen würden, mechanisch auswendig gelernt habe, wie z. B.: „Schlechter Unterthan – Verräther – falsche Nachricht – feindliche Proclamation – Spion – hart bestrafen“, und dergleichen mehr. Seine Verhöre waren sehr einfach. Hatte er die Beschuldigung mühsam herausgestottert, so folgte die Verurtheilung gleich hinterdrein, die nur in dem einen Falle nicht ausgeführt wurde, wenn der Veruvtheilte mit bedeutenden Geldmitteln dagegen protestirte. Er wurde dann in Freiheit gesetzt, aber unter die „Surveillance“ der geheimen Polizei gestellt, so daß fortan jeder seiner Schritte beobachtet und jedes seiner Worte aufgezeichnet wurde.

Waren intelligente Leute oder Männer von Geistesgegenwart und Muth im Verhör, so waren mehrere seiner Unterbeamten zugegen, die im Augenblicke der Vertheidigung im Zimmer auf- und abschritten, den Beklagten streng in’s Auge fassen und ihn aus der Fassung bringen sollten. Diese mehr als boshafte Art und Weise des Verhörs übte er nicht nur in Kassel, sondern auch auf seinen inquisitorischen Reisen. In diesem letztern Falle bediente er sich besonders der Vagabonden, Glücksritter und vornehmlich der Juden, deren sehr viele in seinen Diensten standen.

Bongars strebte nur danach, sich zu bereichern. Jedes Mittel war ihm recht. Von den unzähligen Schmeißfliegen des Königreichs Westphalen war er zweifelsohne die giftigste und gefährlichste. Er machte sich kein Gewissen daraus, ganze Familien zu Grunde zu richten, Glück, Freiheit und Leben Anderer auf’s Spiel zu setzen – wenn er nur einen Gewinn davon hatte. Ob der Angeklagte unschuldig war, galt ihm gleich. Daher wagte man in Kassel bei der niederträchtigen Justizverwaltung auch gar nicht einmal daran zu denken, Recht und Gerechtigkeit zu finden, selbst wenn die Anklage auf einer bloßen Verleumdung oder böswilligen Beschuldigung beruhte.

Es war also nicht zu verwundern, daß die geheimen Spione, die, ich muß es noch einmal wiederholen, leider! vielfach aus Deutschen bestanden, ihr Augenmerk ganz besonders auf Wohlhabende richteten und diesen Schlingen und Fallstricke legten, während die Armen weniger berücksichtigt wurden und für ihr Vergehen höchstens geringe Freiheitsstrafen zu verbüßen hatten, wie folgendes Beispiel zeigen mag.

Ein Schneider, der überall öffentlich eine baldige Aenderung der Dinge vorhersagte und das Morgenroth der Erlösung und Freiheit vor seinem geistigen Auge in nächster Zukunft erstehen sah, besonders wenn der Branntwein ihn begeistert hatte, trotzte, wo er nur immer konnte, der Polizei, verhöhnte und verspottete sie, als ob es seine Absicht sei, sich eine Märtyrerkrone zu verschaffen und seinen Namen unsterblich zu machen. Von Tag zu Tag wurde er kühner. Weil er aber ein armer Teufel war, ertrug die Polizei lange und mit seltener Geduld seine Schimpfreden und Prophetenworte. Endlich aber machte er es zu arg. Er wurde in’s Gefängniß geworfen, wo er die Festwoche von Weihnachten bis Neujahr Zeit hatte, die Zukunft in Hessen sich so schön wie möglich auszumalen.

Diese Strafe hatte indessen nicht den geringsten Einfluß auf seine Sehergabe und deutsche Gesinnung ausgeübt. Er schimpfte auf die Franzosen nach wie vor und ärger als je; er scheute sich sogar nicht, der Polizei in’s Angesicht zu lachen und sie zum allgemeinen Ergötzen der Zuhörer zu verwünschen und zu verfluchen. Er bedankte sich auch bei ihr, daß sie durch seine Gefangennahme dafür gesorgt hätte, ihm seinen Verdienst zu erhalten, den er in den Festtagen sicherlich verausgabt haben würde. Den Steuerdienern pflegte er bei ihren Mahnungen und Zwangsbefehlen zu erwidern: „Unser allergnädigster König ist ein Bettelbube, der mir nicht einmal vier Wochen die Steuern creditiren kann, sondern mich nach wenigen Tagen schon auspfänden laßt; ich würde mich schämen, mit ihm zu tauschen, denn ich kann meinen Schuldnern Jahre lang borgen.“

Es würde ihm übel ergangen sein, wenn er ein vermögender Mann gewesen wäre. Wohlhabende Leute wurden ausgepreßt wie ein Schwamm, wie unter Tausenden folgendes Beispiel lehren mag. Ein Kaufmann in Marburg kehrte eines Abends mit einem Freunde aus dem Schauspielhause zurück. Es hatte lange und anhaltend geregnet, und die Gassen waren daher mit Koth bedeckt. Der Kaufmann that einen Fehltritt und gerieth hinein. Aergerlich rief er aus: „Seitdem wir Westphalen sind, müssen wir im Kothe stecken bleiben.“ Der Freund bat ihn, still zu sein, weil auch die Nacht Ohren habe. „Wer in aller Welt will mir etwas thun, wenn ich die Wahrheit rede?“

„Sie sollen aber die Wahrheit nicht reden, wie Sie wohl wissen.“

Während dieses Gesprächs vernahmen sie leise Schritte hinter sich, und als sie sich vor der Hausthüre des Kaufmanns trennten, sahen sie in ihrer Nähe einen Menschen umherschleichen, der aber nicht weiter von ihnen beachtet wurde. Acht Tage später wurde der Kaufmann in der Mitte der Nacht aus dem Schlafe geklopft. Arglos öffnete er die Thür und erblickte zu seinem Entsetzen drei Gensd’armen vor sich. Auf seine Frage, was sie in so später und ungewohnter Stunde von ihm wollten, baten sie ihn, mit ihnen zu gehen, weil sie den Auftrag hätten, ihn zu verhaften.

„Mich verhaften!?“ rief er. „Was für ein Verbrechen habe ich begangen?“

„Darüber sind wir nicht im Stande, Ihnen Auskunft zu geben. Wir thun, was uns befohlen ist, und unser Befehl lautet dahin, Sie mit uns zu nehmen, wenn nicht mit Güte, so mit Gewalt.“

[570] „Gut, doch werden Sie mir gestatten, in Betreff meiner Familie und meiner häuslichen sowie geschäftlichen Verhältnisse noch einige Anordnungen zu treffen.“

„Wir haben keine Befugniß, Ihnen dies zu gestatten. Ziehen Sie sich augenblicklich an, wenn Sie nicht wollen, daß wir Sie unangekleidet mitnehmen.“

Trostlos kehrte sich der Kaufmann um und schritt in Begleitung eines Gensd’armen zu dem Schlafgemache seiner Frau.

„Mein Gott, was bedeutet dies?“ rief sie erschrocken aus, als sie ihren Mann in Begleitung eines Fremden in die Thür treten sah.

„Bitte, mache Dir keine Sorgen,“ entgegnete ihr Gemahl. „Man will mich sofort verhaften, doch darf ich mit um so größerer Ruhe meinem Schicksal und einer baldigen Befreiung entgegen sehen, als ich mir nicht des geringsten Verbrechens oder Vergehens bewußt bin.“

Die Frau kreischte laut auf und fiel in eine Ohnmacht. Auch die Kinder fuhren aus ihrem Schlafe empor und weinten und jammerten, als sie erfuhren, daß man den Vater verhaften wolle. Den Gensd’armen währte die Zeit schon zu lange. Mit Unbarmherzigkeit trieben sie den Kaufmann, an dessen Halse Frau und Kinder jammerten, an, sich zu beeilen. „Es kann nur ein Mißverständniß sein!“ rief er; „ich kehre recht bald wieder zu Euch zurück.“

Er steckte seine Börse zu sich und wurde schließlich gewaltsam von den Schergen aus den Armen seiner Lieben fortgerissen. In den Straßen der Stadt führten die Gensd’armen ihre Pferde am Zügel und gingen neben dem Gefangenen her. Doch sobald das Thor erreicht war, bestiegen sie ihre Rosse und ließen den Gefangenen, der bereits seine fünfzig Jahre zählte, neben sich im tiefen Kothe laufen. Gegen Morgen kehrten sie in einem Gasthofe ein, wo sie frühstückten; sie scherzten und lachten und kümmerten sich wenig um den Schmerz des Gefangenen, dem übrigens die Eßlust vergangen war. Da dieser erklärte, er sei so ermattet, daß er keinen Schritt weiter gehen könne, miethete man auf seine Kosten einen Wagen.

Gegen Abend kamen sie in Kassel an, wo der unglückliche Kaufmann sofort in das Castell gebracht wurde. Es war mehr der Schmerz um seine Familie, der ihn folterte, als die Furcht vor Strafe, weil er sich keines Vergehens bewußt war. In diesem trostlosen Zustande verlebte er vierzehn schreckliche Tage, ohne daß man ein Verhör mit ihm angestellt hätte. Der Seelenschmerz, die Kerkerluft und der Mangel an Eßlust, sowie an gesunden, stärkenden Nahrungsmitteln wirkte so nachtheilig auf seine Gesundheit, daß er ziemlich bedenklich erkrankte. Bongars hatte die Zeit benutzt, sich nach den Vermögensumständen des Gefangenen genauer zu erkundigen. Endlich zu einem Verhöre zugelassen, gab man ihm Schuld, sich gegen die westphälische Regierung entehrende Aeußerungen erlaubt zu haben. Jetzt erst wurde ihm der Grund seiner Gefangennahme klar. Er bat um Verzeihung und wurde dann in den Kerker zurückgeführt; jedoch war man wirklich so menschlich, ihm ein gesunderes Gefängniß und ein Bett zu geben.

Eines Tages trat ein ihm unbekannter Mann in bürgerlicher Kleidung zu ihm in’s Gefängniß und begann also: „Ich habe zufällig in Erfahrung gebracht, daß Sie aus den Armen einer Frau gerissen sind, die Sie sehr lieben. Es muß Ihnen natürlich Alles daran gelegen sein, baldmöglichst Ihre Freiheit wieder zu bekommen und heim zu kehren. Ich nehme Theil an Ihrem Unglück, und wenn Sie mich nicht verrathen wollen, will ich Ihnen ein Mittel an die Hand geben, in kurzer Zeit Ihre Freiheit wieder zu erlangen.“

Wer war froher als der Kaufmann bei solchen lieblich klingenden Worten? „O sprechen Sie!“ rief er aus. „Was soll ich thun? Alles, Alles will ich aufopfern, um nur in den Schooß meiner Familie zurückkehren zu können.“

Der Fremde trat einige Schritte näher zu ihm heran und sagte: „Großer Opfer bedarf es nicht, aber doch einer nicht ganz unbedeutenden Summe. Bitten Sie Ihre Frau, Ihnen 4000 Francs zu senden, und meine Ehre setze ich zum Pfande ein, daß Sie, sobald Sie diese Summe erlegt haben, sogleich wieder auf freien Fuß gesetzt werden.“

Der Fremde überreichte dem Gefangenen Tinte, Papier und Feder und dictirte folgende Worte, die der Kaufmann wörtlich niederschrieb:

„Sende mir nach Empfang dieses, so eilig es geschehen kann, 4000 Francs. Von dem Augenblicke an, wo ich die Summe erhalte, bin ich frei. Aber sprich kein Wort davon. Du würdest durch Mangel an Verschwiegenheit meine Einkerkerung nur verlängern und meine Befreiung erschweren.
Kassel.
L….“

Spätestens nach zwei Tagen hätte die verlangte Summe eintreffen können, aber der Kaufmann hoffte vergebens. Wieder öffnete sich das Gefängniß, und der Fremde trat ein. Der Kaufmann beklagte sich über die Saumseligkeit seiner Frau und sprach die Besorgniß aus, daß sie inzwischen gestorben sein könne. Der Fremde aber versicherte ihn, daß sie lebe, theilte dem Gefangenen aber achselzuckend mit, daß der Bote die Anweisung verloren habe, und damit legte er ihm von Neuem Schreibmaterial vor und dictirte Folgendes:

„Schicke mir durch den Vorzeiger dieses 4000 Francs. Sollte noch eine Anweisung auf Geld bei Dir eintreffen, so zahle sie nicht. Je eher ich die Summe erhalte, je eher bin ich wieder bei Dir.
Kassel.
L….“

Nach Ablauf von zwei Tagen kam der Unbekannte wieder und brachte ihm seinen Freiheitsbrief mit. Als der Kaufmann dann noch einen Schein unterschrieben hatte, daß er nie von dem ausbezahlten Gelde etwas verrathen wolle, durfte er das Castell verlassen. Zum Ueberfluß gab ihm der Fremde noch den guten Rath mit auf den Weg, niemals über das, was er hier erfahren und gelitten, mitzutheilen; der Arm der geheimen Polizei reiche weit, und es würde ihm dann schwerlich gelingen, so wohlfeilen Kaufs davon zu kommen. „Auch ist es der ausdrückliche Befehl des Herrn Polizeidirectors,“ fügte er hinzu, „die Stadt Kassel, ohne einzukehren, sofort zu verlassen.“

Am folgenden Morgen kam der Befreite auf einem Bauernwagen wieder bei den Seinigen an. Das Wiedersehen mag von der Einbildungskraft der Leser leichter ausgemalt als von mir beschrieben werden. Es stellte sich aber an demselben Tage noch heraus, daß die Frau für die Befreiung ihres Mannes nicht 4000, sondern 8000 Francs bezahlt hatte. War der theilnehmende Unbekannte selbst ein Betrüger gewesen, der die Hälfte der Summe für sich behalten hatte, oder hatte Bongars diesen scheußlichen Betrug allein gespielt und dies Verbrechen dem der Bestechung noch hinzugefügt?

Ein anderer Kaufmann saß sechs Wochen ohne Verhör im Castell. Seine Familie bezahlte die Unterhaltungskosten, aber dennoch wurde er wie ein gemeiner Missethäter behandelt und mit der gewöhnlichen Gefangenkost abgespeist. Als er endlich durch Hunger und Kummer körperlich geknickt plötzlich seine Freiheit erhielt, fragte er bei der Behörde nach der Ursache seiner Gefangenschaft und erbat sich Schadenersatz. Nach einigen Monaten kam der Bescheid, er sei aus Unkenntniß des Vornamens mit einem Andern verwechselt. Von Schadenersatz könne keine Rede sein, weil keine Casse vorhanden sei, aus der solche Zahlungen geleistet würden. Er sei übrigens ernstlich hiermit ermahnt, kein Wort über den Vorfall laut werden zu lassen.

Bongars war übrigens nicht der einzige Blutsauger am Kasseler Hofe. Vom König an bis zum untersten Schergen hinab dachte man an nichts als an Erpressung. Ein Präsident, der Name thut nichts zur Sache, hatte es besonders auf die Juden abgesehen. Die Halberstädter altgläubige Judenschaft hatte sich gegen das Verbot in einem Privathause versammelt und mußte deshalb 1000 Francs Strafe bezahlen. Ueberhaupt mußten die westphälischen Juden jährlich ganz beträchtliche Summen aufbringen. Den Wittwen und Waisen verkaufte man bei dieser Gelegenheit das letzte Stück Bett, wenn sie nicht bezahlen konnten.

Unter allen Schergen und Spionen war ein Deutscher, ein ehemaliger Haarkünstler, der Polizei-Inspector Würtz, der gefürchtetste und verachtetste, der an seiner Frau und den Lustdirnen der Stadt Kassel bei seinem erbärmlichen und gottverfluchten Geschäft geeignete und willige Helfershelferinnen hatte. Wie ein Würgengel schlich er bei Tag und Nacht umher, um sich seine Opfer zu suchen. Tausende sind durch ihn unglücklich geworden. Nicht genug, den Erdboden zu dem Schauplatze seiner fluchwürdigen Menschenjagden zu machen, reichten seine Krallen auch bis in die obern Räume der Häuser, wo er Nachts die Gespräche in Familienkreisen oder kleinen Gesellschaften, auf einer Leiter stehend, [571] belauschte. Wie manche Mutterthräne ist seinetwillen geflossen, wie mancher Seufzer seinetwillen in den eisigen Kerkerwänden des Castells verhallt, wie manches Herz gebrochen, wie manche Unschuld durch ihn selbst oder seine Helfershelfer gemordet!

Er war im ganzen Königreiche bekannt, weil er oft Streifzüge in die Provinz unternahm, doch hatten die Kasseler am meisten von ihm zu leiden und fürchteten ihn auch wie eine Schlange. Er ging stets nach der neuesten Mode gekleidet, hatte ein einnehmendes Wesen und wurde dadurch solchen Personen, die ihn noch nicht kannten, nur um so gefährlicher. Er verstand es vortrefflich, die Rolle eines ehrlichen Mannes zu spielen, und gebrauchte in der Regel den Kunstgriff, auf die westphälische Regierung und Polizei zu schimpfen, um seine Opfer zu ähnlichen Aeußerungen zu verleiten. Zu der Stelle eines Polizei-Inspectors hatte ihm Johannes von Müller verholfen, man weiß nicht, aus welchem Grunde. Zweimal ward Würtz wegen Uebertretung seiner Amtsgewalt und wegen verschiedener Verbrechen seines Amtes entsetzt; das erste Mal fand er, wiederum durch Johannes von Müller’s Fürsprache, in Braunschweig bei der Polizei ein Unterkommen. Als er aber daselbst eine Spielbank aufgehoben und das vorgefundene Geld für sich behalten hatte, setzte man ihn zum zweiten Male ab. Er war aber ein zu guter Spion, als daß dieses Talent von Bongars unbenutzt gelassen werden konnte. Dieser verschaffte ihm denn die Stelle eines Polizeicommissars in Kassel, wo er mit Savagner, dem Generalsecretair der hohen Polizei, sowie auch mit dem Polizeiinspector Darlin einen vertrauten Freundschaftsbund schloß, dessen Aufgabe es zu sein schien, so viele Menschen, wie irgend möglich, ihres Vermögens, ihres Glücks und ihrer Freiheit zu berauben. Nach der Flucht seines königlichen Herrn ist er verschollen.

Es war Alles darauf berechnet, das Volk zu demoralisiren. An dem Thorwege der hohen Polizei war eine Oeffnung, eine Art Briefkasten angebracht, wo in der Nachtzeit verrätherische Anzeigen von solchen Personen hineingelegt wurden, die sich noch scheuten, bei Tage als Ankläger ihrer Mitbürger aufzutreten. Herrschaften mußten sogar den Verrath ihrer Dienstboten fürchten, die mehr oder weniger im Solde der geheimen Polizei standen. Treue und Glauben war verschwunden in der Residenzstadt Jerome’s; Mißtrauen und Verrath waren an ihre Stelle getreten.

Die Todten reiten schnell! Es ist auch, als ob die hohe Polizei eine Ahnung von ihrer kurzen Herrschaft in Westphalen gehabt habe, sonst hätte sie unmöglich so rasend und toll wirthschaften, unmöglich alle Mittel und Wege mit einem Male erschöpfen können, das Volk an den Bettelstab zu bringen. Waren keine „Verbrechen“ aufzufinden, so mußten dieselben geschaffen werden. Von diesem Grundsatze ging man aus. „Man muß Verbrechen erschaffen,“ rief Bercagny, der Generaldirector der Polizei, seinen Leuten donnernd entgegen, als sie ihm eines Tages die Polizeistrafenberechnung mit nur unbedeutenden Einnahmen einreichten. Diese Worte fanden natürlich keine tauben Ohren, die Schergen merkten sich dieselben, sowie das Publikum sich den Wahlspruch dieses Mannes gemerkt hatte: „der Mensch denkt, die Polizei lenkt!“

Auffallend ist es und zeugt von dem Mißtrauen, welches der Kaiser Napoleon gegen seinen unwürdigen Bruder hegte, daß die Pariser Polizei mit der westphälischen in genauester Verbindung stand. Von Paris aus wurden mehrere Personen besoldet, die von allen Vorkommnissen am Kasseler Hofe Bericht erstatten mußten. – Die Zeiten dieser Schmachherrschaft liegen nun bereits ein halbes Jahrhundert hinter uns, die Wunden, die sie uns geschlagen, sind vernarbt; doch, wie es bei alten Kriegern zu geschehen pflegt, fühlen wir sie von Neuem, wenn ein Sturm am politischen Himmel im Anzuge ist. Und es ist gut, daß die Erinnerung an jenes Siechthum in uns von Zeit zu Zeit auf’s Neue geweckt wird, damit wir Vorkehrungen treffen, einem ähnlichen oder größern Unglücke auszuweichen.

W. A.