Wilhelm Bauer’s diesjährige Herbstarbeiten am Taucherwerke

Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Wilhelm Bauer’s diesjährige Herbstarbeiten am Taucherwerke
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 758–761
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Gartenlaube (1862) b 757.jpg

Wilhelm Bauer’s Helmtaucher für die Arbeiten am „Ludwig“ im Bodensee.

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Wilhelm Bauer’s diesjährige Herbstarbeiten am Taucherwerke.

Von Dr. Fr. Hofmann.

Ehe ich an die Beschreibung der Herbstarbeiten unseres Wilhelm Bauer an dem Dampfschiff „Ludwig“ im Bodensee gehe, halte ich es für nöthig, die Leser und alle Freunde und Förderer des vom Leipziger Central-Comité in’s Leben gerufenen nationalen Unternehmens auf den richtigen Standpunkt zurück zu versetzen, von welchem sie durch den falschen Zeitungsjubel: „der Ludwig ist gehoben!“ und die Hiobspost: „die Hebearbeiten sind für dieses Jahr eingestellt!“ wohl zum großen Theil entfernt worden sein mögen.

Unser Aufruf an das deutsche Volk sprach es mit klaren Worten aus, daß wir nichts weniger, als die Unterstützung einer Privatspeculation bezweckten. Die Bestimmung der nationalen Beiträge war und ist noch heute einfach die: einem deutschen Manne, dessen bedeutendes Erfindertalent und ungewöhnliche geistige Begabung für die Lösung technischer Aufgaben von den Autoritäten der Naturwissenschaften und der Technik in verschiedenen Ländern einstimmig anerkannt worden ist, die nöthigen Mittel zur Erprobung derjenigen seiner Erfindungen zu bieten, welche für den allgemeinen Nutzen besonders werthvoll erschien. Man wählte nicht sofort eine seiner kriegerischen Erfindungen, weder den Brandtaucher noch die Revolverbatterie, sondern wandte sich vor der Hand der in klaren Plänen dargestellten und durch ein englisches Patent empfohlenen Hebung untergegangener Schiffe und Güter, zunächst aus Tiefen bis 100 Fuß, zu: die Erprobung dieser Erfindung sollte durch nationale Unterstützung möglich gemacht werden, mit der Ausbeutung der Erfindung hat jedoch das Central-Comité nichts zu schaffen, diese muß es seiner Zeit dem allgemeinen deutschen Unternehmungsgeist überlassen.

Von diesem klaren Standpunkt ist man so weit abgeirrt, daß man jetzt, die Hebung des Ludwig für den alleinigen Zweck des Unternehmens hält und somit leicht veranlaßt sein kann, das abermalige Mißlingen der Ausführung derselben als ein Mißlingen des ganzen Unternehmens zu deuten. Von diesem falschen Standpunkt müssen wir unsere Leser auf den richtigen zurückführen, dann werden sie erkennen, daß die Herbstarbeiten Bauer’s auf und in dem Bodensee für die Erprobung der Erfindung nichts weniger als verloren waren.

Jeder verständige Mensch sieht ein, daß eine Erfindung, welche abermals eine Schranke der Natur den Menschen zu durchbrechen und die Naturkraft in einen neuen Dienst für ihn zu zwingen strebt, nicht mit dem ersten Schritt fix und fertig in’s Leben treten kann. Wäre nun bei den bisherigen Versuchen das Princip derselben als falsch, ja selbst nur als zweifelhaft erkannt worden, so müßte man ein Aufgeben der ganzen Unternehmung in der Ordnung finden und die werkthätige Theilnahme, welche sich bis jetzt für dieselbe gezeigt hat, einer lohnsichernderen Sache zuwenden. Es steht jedoch das Gegentheil fest: die Bauer’sche Schiffhebeweise ist im Princip als durchaus richtig erwiesen, ihre Richtigkeit ist durch dreimalige Hebung des vielberufenen „Ludwig“ von dessen erster Lagerstätte bis nahe zum Niveau des Bodensees erprobt, die Fortbewegung des so gehobenen Schiffs mit Erfolg versucht worden; die Hindernisse, welche sich der vollständigen Durchführung der Erfindung auch bei dem letzten Hebeversuch noch entgegensetzten, sind an sich nicht bedeutend, am wenigsten bieten sie unüberwindliche Schwierigkeiten. Gegen die Feindseligkeiten der Elemente hat Bauer stets die rechten Schutzwaffen herzustellen gewußt, so lange ihm die Mittel dazu zu Gebote standen; sie würden auch diesmal überwunden worden, der „Ludwig“ würde sicherlich jetzt gehoben sein, wenn nicht weit schlimmere Tücken, als die der Natur, wenn nicht Selbstsucht, Bosheit und Unverstand der Menschen gerade an dieser Erprobung der Erfindung sich so schwer versündigt hätten. Der vorliegende Artikel kann nicht dazu bestimmt sein, den geheimen Theil der Geschichte dieser Unternehmung darzulegen; für die Wahrheit meiner Behauptung stelle ich jedoch einen Zeugen, den Niemand zurückweisen wird: Feodor Streit von Coburg, den deutschen Mann, dessen unermüdet thätiger, treuer und stets opferbereiter Patriotismus unserm Wilhelm Bauer die diesjährigen Hebungsarbeiten überhaupt möglich machte und der dem Beginn derselben beiwohnte, wie ich, im Auftrag des Central-Comité’s, dem Schluß derselben. Er wie ich haben das nöthige Material gesammelt, um seiner Zeit in dieser Sache – und zwar ohne Ansehen der Person – der Öffentlichkeit das rechte Licht aufzustecken. Hier und jetzt erzähle ich einfach den äußern Verlauf der Bauer’schen Herbstarbeiten an seinem Werke.

Ungefähr Mitte Juli dieses Jahres war Herr Bauer in den Stand gesetzt worden, an die Vorbereitungsarbeiten zu seinem Taucherwerk zu gehen. Das Nächste mußte die Herstellung der Hebeballons und der Tragkameele sein. Hier zeigte sich, als erste Störung der Kostenberechnung, der schlimme Einfluß des amerikanischen [759] Bürgerkriegs auf den deutschen Markt und auch auf Bauer’s Unternehmen. Kameele und Ballons sollten, nach dem ursprünglichen Plane, aus drei Lagen Leinewand und zwei Lagen Kautschukplatten bestehen; der Preis letzterer war aber zu einer bei dem großen Bedarf Bauer’s geradezu unerschwinglichen Hohe gestiegen, und so mußte er bei einem Theile des Ballons den Versuch wagen, die Leinwandlagen mit einer Kautschuklösung zu bestreichen und so die Luft- und Wasserdichtigkeit zu erzielen. Die Art und Weise der Herstellung dieses Theils der Apparate theilen wir unseren Lesern in einem zweiten Artikel mehr technischen Inhalts mit; sie würde noch weit kostspieliger und zeitraubender geworden sein, als sie ohnedies war, wenn die k. baier. Regierung sich nicht bewogen gefunden hätte, Herrn Bauer für diese Arbeit den Krystallpalast Münchens zur Verfügung zu stellen. Hier begann Bauer die Verfertigung von 6 großen Kameelen von je 780 Centner Tragkraft und 12 Ballons zum Theil von 240, zum Theil von 180 Ctnr. Tragkraft; ehe er jedoch namentlich die letzteren hatte vollkommen austrocknen lassen können, erhielt er am 2. October den Befehl, am 3. Octbr. das Haus vollständig für zehn Tage zu räumen, weil es für eine Gesangproduction zu Gunsten eines abgebrannten Orts und zu einer Ausstellung von landwirthschaftlichen Geräthen bestimmt worden war.

Um diese kostbare Zeit für sein Werk nicht ganz verloren gehen zu lassen, entschloß sich Bauer, sein sämmtliches Material, trockene und nasse, zum Theil eben erst von den Formen abgelöste Ballons, sofort nach Lindau zu schaffen, weil er glaubte, dort die letzte Hand daran legen und dann ungehindert direct an die Lösung seiner Aufgabe gehen zu können, natürlich günstige Witterung und hilfsbereites Entgegenkommen von Seiten der schiffsbesitzenden Gesellschaften der Bodenseeorte vorausgesetzt. – Leider mußte Bauer sich in Beidem, in der Witterung wie in der Bereitwilligkeit, bitter getäuscht sehen. Am 4. October traf er mit seiner Ladung in Lindau ein, aber weder in den Bahnhofgebäuden fand sich für seine Apparate ein schützender Ort, noch konnte von der Dampfschifffahrtsverwaltung in Lindau ein gedecktes Schleppschiff für ihn, seine Apparate und später für die arbeitende Mannschaft erlangt werden, obwohl zwei derselben derzeit unbenutzt im Lindauer Hafen lagen. Endlich miethete er aus einem österreichischen Uferort ein paar alte Holz- und Steintransportschiffe, die so gebrechlich waren, daß sie diesen Winter zerschlagen werden sollten. Während nun theils in diesen ganz offenen Schiffen, theils auf freiem Platze die Hebeapparate dem unaufhörlichen Regen preisgegeben waren und in einem Torfschuppen die Hand an die Vollendung der letzten Ballons gelegt wurde, ließ die Generaldirection der baier. Verkehrsanstalten am 13. Oct. Bauer durch einen Postbeamten den telegraphischen Befehl mittheilen, daß „die Hebung des „Ludwig“ ohne allerhöchste Genehmigung nicht vorgenommen werden dürfe.“ Unter solchen Umständen mußte Bauer in der That befürchten, das kostspielige Hebungsmaterial verfaulen zu sehen, ehe man ihm nur den ersten Schritt zur Arbeit gestatte, und so entschloß er sich denn zu einer rettenden That. Er ließ am 14. sämmtliches Material, so gut es eben gehen wollte, auf seinen beiden Schiffen unterbringen und verließ am Morgen des 15. mit dem ersten günstigen Wind den Hafen seiner Heimath, um auf Schweizerboden sein Glück zu suchen. Der Anblick der zwei jämmerlichen Fahrzeuge, deren Segel, zerrissen und mit Lappen und Fetzen aller Farben geflickt, der Harmonie des Ganzen keinen Eintrag thaten, erregte in Rorschach erst recht die Achtung vor dem wagenden Mann, man nannte es einen wahrhaften Garibaldizug, mit dem Bauer in den dortigen Hafen kam, und begrüßte ihn mit herzlicher Theilnahme. Bauer stand nun unter schweizerischem Schutz, und die Männer von Rorschach waren fest entschlossen, diesen ihm nöthigenfalls auf das Nachdrücklichste zu gewähren.

Zunächst versah man Bauer mit dem für seine Arbeit nöthigsten Schiffs- und sonstigen Geräthe, mit Krahnen, Rollen, Ankern etc., während andere Requisiten von Friedrichshafen herbeigeschafft wurden, und so konnten, nachdem Bauer am 16. binnen nicht ganz vier Stunden die Lage des „Ludwig“ erlothet hatte,[1] schon am 17. October die Taucher zum ersten Male wieder in die Tiefe.

Schon jetzt zeigte sich die Unmöglichkeit, den alten Schiffen das Leben der Mannschaft und die werthvollen Werkzeuge, dazu auch die neuen von Bauer eigens für seine Taucher- und Hebearbeit construirten und von Maffei in München ausgeführten Luftpumpen, auf die Länge anzuvertrauen; 47 Arbeiter und 3 Taucher bildeten das Dienstpersonal Bauer’s, und diese mußten sich auf einem Verdeck ohne Geländer aufhalten. Gleich am ersten Tage stürzten zwei Mann über Bord und wurden mit Mühe gerettet. Beim geringsten Wetter kam die Besorgniß über die Leute, daß die elenden Kästen auseinander gehen, und mehr als einmal flüchtete man sich nach dem schützenden Rheinhorn hin, um da ruhigere See abzuwarten. Mit Mühe wurden die Lecks verstopft, die Pumpen hatten unaufhörlich zu arbeiten, und an die Herstellung eines Geländers war nicht zu denken, weil das Holz keinen Nagel mehr zu halten vermochte.

Soweit waren die Vorbereitungen gediehen, als Bauer ein Schreiben der genannten Generaldirection der baierischen Verkehrsanstalten erhielt, in welchem gesagt wurde: „daß Bauer zwar die Vorarbeiten für die Hebung des untergesunkenen Dampfers Ludwig durch Entschließung des Königl. Ministeriums des Handels gestattet seien, daß die Entschließung darüber aber, ob und unter welchen Modalitäten ihm die Hebung selbst zu gestatten sei, noch vorbehalten bleibe.“ – So wenig Ermuthigendes in einer Aussicht lag, bedeutende Kosten, unsägliche Arbeit und viele Zeit möglicherweise vergeblich verwendet zu haben, so setzte doch Bauer seine Thätigkeit rastlos fort. Wir übergehen die mancherlei Drangsale des armen vom inneren Trieb gehetzten und von äußerer Hemmniß gepeinigten „deutschen Erfinders“, um zu berichten, daß er später doch noch ein Schleppschiff von der Lindauer Verwaltung (gegen Vorausbezahlung der Miethe auf 14 Tage und gegen Caution des vollen Werthes für andere ihm noch überlassene Requisiten, wie Kautschukschläuche u. dgl.) erhielt und nun erst wenigstens mit Sicherheit am Bord an die eigentliche Arbeit gehen konnte.

Der Holzschnitt zu meinem Artikel über die „unterseeischen Kameele“ (Bd. X., Nr. 4), welcher die Hebung des „Ludwig“ durch die Lufttonnen darstellt, giebt unseren Lesern ein genügendes Bild auch für den gegenwärtigen Hebeversuch; nur muß er sich an die Stelle der schwerfälligen Schlauchspritzen Bauer’s neue, wenig Raum einnehmende Luftpumpen denken, die wir in einem nächsten Artikel bildlich darstellen und ausführlich beschreiben. Neben dem Schleppschiffe, welches zugleich den Vortheil bot, daß die Mannschaft in ihm übernachten konnte, lag das größere der österr. Schiffe als Magazinboot, in welchem die Ballons, Kameele, Taue, Ketten u. dgl. aufbewahrt waren. Unser Bildchen zeigt uns das Deck des Arbeitsschiffs in dem Augenblicke, wo Bauer den ausgerüsteten Taucher in die Tiefe zu lassen im Begriff ist. Wir sehen Letztern in seiner Wasser- und luftdichten Leinwand- und Kautschukkleidung, die den ganzen Mann umhüllt und von oben vom Helm überdeckt wird. Der Taucherhelm ist das wichtigste Stück der Taucherausrüstung; wir geben von ihm eine besondere bildliche Darstellung in unserem zweiten Artikel, nach welchem wir einige kleine Fehler im vorliegenden Bildchen zu verbessern bitten. Das Wasser hat in den Taucherhabit keinen Zutritt, die durch den Luftschlauch fortwährend in den Helm eingepumpte Luft drängt es unterm Helm zurück, der ganze Mann ist von Luft umgeben, und die Luftblasen steigen fortwährend da aus, wo er eben arbeitet. Um in die Tiefe zu gelangen und sich dort zu erhalten, bedarf er deshalb eine Gewichtsvermehrung, und diese ist ihm in den Metallringen gegeben, die wir wie ein Gürtel ihn umspannen sehen und die er, wenn er rasch emporsteigen will, nöthigenfalls durch einen Ruck abwerfen kann. Der Luftschlauch und das Tau, an welchem er in die Tiefe gelassen wird, sind oben am Helm befestigt, vorn auf der Brust ist die Sigualschnur festgebunden, die seine geistige Verbindung mit der Oberwelt vermittelt. Ich habe mir diesen kurzen Uebergriff in unsern zweiten Artikel erlaubt, um unsern Lesern die Einsicht in die Gefahren zu erleichtern, welchen der Taucher in der Tiefe ausgesetzt ist, wenn Hindernisse, wie diejenigen, welche wir jetzt kennen lernen, sich ihm entgegenstellen.

Sowohl unser Wilh. Bauer als auch die Taucher machten mir Mittheilungen über den Zustand, in welchem sie das Schiff wieder fanden. Wir müssen hier, für manche unserer Leser vielleicht wiederholt, bemerken, daß nach Bauer’s dritter Hebung des „Ludwig“, wobei dieser von seiner frühern Lagerstelle zu der gegenwärtigen gebracht worden war, die Herren vom Verwaltungsrathe der Dampfschifffahrt in Lindau einen Herrn [760] Hochholzer mit der Hebung des Ludwig beauftragten. Dieser wollte ihn nach der alten Art mit Ketten emporwinden. Da derselbe aber auch den Gebrauch der Taucher verschmähte, vielmehr durch Verschlingung das Schiff mit seinen Ketten und Drahtseilen zu fassen und so emporzuheben suchte, so passirte ihm das Mißgeschick, daß er nicht das Schiff an beiden Enden unten, sondern nur Steuer, Glockenstuhl und dergleichen faßte, hauptsächlich aber die Bauer’schen Hebetonnen erwischte und nun so gewaltig an ihnen zog, daß eine heillose Wirthschaft auf und an dem Schiff dadurch angerichtet wurde. Nach des Tauchers Schroff Erzählung lag und schwamm auf der ganzen Länge des Schiffs Alles durcheinander. Da waren die Haufen der Hochholzer’schen Ketten und Drahtseile und Taustücke, die Bauer’schen Fässer bedeckten zum großen Theil in Trümmern den Boden, zum Theil hielten sie noch fest an ihrer Verbindung, wie zu einer vierten Auferstehung bereit, noch andere lagen neben dem Schiff am Boden, zum Theil noch fest gekettet, aber eingesandet; zwischen den Fässertrümmern, halbverfaulten Stricken und Säcken mit dem ganz verfaulten Getreide des Verdecks spießten empor und ragten durcheinander und über das Schiff hinaus die durch die Hochholzer’sche Kraftentwickelung losgesprengten Balken, Geländer und andere Schiffsstücke; namentlich bot Vorder- wie Hintertheil des „Ludwig“ einen trostlosen Anblick: das Steuer und seine Verbindung vollkommen abgebrochen, das Verdeck an dieser Seite aufgerissen, und ebenso am entgegengesetzten Ende der Glockenstuhl mit Allem, was mit ihm zunächst zusammenhängt, in Trümmer verwandelt, und an und zwischen all diesem Trümmerwerk und Durcheinander das lose Tauwerk nach allen Seiten hinhangend oder mit dem aufgeregten Wasser spielend. – Jedoch nicht diese neue Mehrbelastung des „Ludwig“ durch die Reste der verschiedenen Hebeversuchsapparate trat jetzt der Arbeit störend entgegen; auch diese Mehrlast war zu überwinden; die Verwüstung auf dem Schiffe machte es jedoch den Tauchern unmöglich, an dem Schiff zu arbeiten, die überall vom Verdeck herausragenden Holz- und Eisentheile, die herumhängenden Ketten und Taue, die herumzüngelnden vielen Strickenden bedrohten bei jeder Annäherung an das Schiff den Taucher mit der Gefahr, mit dem Luftschlauche oder dem Tragtau oder der Signalschnur in dem Gewirr hängen zu bleiben und sich selbst die Verbindung mit oben, den einzigen Lebensfaden des Tauchers, abzuschneiden.

Darum mußte vor Allem das Schiff von seiner störenden Belastung befreit werden, eine schwierige Aufgabe, die jedoch, wenn zur Erprobung der Erfindung nun einmal gerade dieses Schiff gehoben werden sollte, auch vollbracht werden mußte. Leider nahm dieselbe von der für die Arbeit auf dem See immer kostbarer werdenden Zeit abermals zehn volle Tage – und wie viel Geld, welche enorme Kosten! – in Anspruch, mehrere andere wurden durch Ungunst des Wetters der Arbeit entzogen. Es wurden durch die Taucher viele für die Hebung unbrauchbar gewordene Fässer, der Anker, Glockenstuhl und andere Theile des Ludwig, viele Ketten und Drahtseile emporgefördert und alle sonstigen Hindernisse für die Befestigung der Ballons und Kameele beseitigt, alle Gefahren für die Taucher entfernt. Es war damit aber auch der ganze October vergangen und so mit Mühen und Kämpfen und mit Ausgaben, welche die von der Nation gebotenen Mittel bereits erschöpft hatten, endlich die Möglichkeit herbeigeführt, an die Hebungsarbeit selbst zu gehen.

Man wird es unserm W. Bauer, dem durch solche an Leib und Seele zehrende Thätigkeit abgehetzten Manne, mit nur einiger Billigkeit nicht zum Vorwurf machen, daß er jetzt, trotzdem er mit seinem Unternehmen bereits in den November hineintrat, Alles und auch sein ganzes eigenes Vermögen daran setzte, kurz, daß er ein Wagstück beging, um noch in diesem Jahre sein Ziel zu erreichen. Wenn wahre Theilnahme ihn von allen Seiten gleich mit dem Beginn seiner Arbeiten begleitet hätte, wenn die Menschen, für deren Wohl er seinen Kampf mit bis jetzt unbesiegten Kräften der Natur aufnahm, ihn mit dem edlen Willen, diesen Kampf ihm möglichst zu erleichtern, nach ihren Kräften unterstützt hätten, wenn man mit rechter Einsicht und Freudigkeit an einem neuen Sieg des Menschengeistes über die Materie ihm an die Hand gegangen wäre, so würde Alles ganz anders gekommen sein. So aber hat der eine Mann den ganzen Kampf allein bestehen müssen, – und es giebt Menschen, die ihre Genugthuung darüber kaum verbergen können, daß er nicht gesiegt hat.

Da Bauer jetzt, wo er den eigentlichen Hebeact vorbereiten wollte, sich durch die Erklärung der baierischen Generaldirection der Verkehrsanstalten störend beengt fühlte, so erkannte er es als eine wohlthätige Entlastung der Seele, daß König Max ihm den „Ludwig“ zur Erprobung seiner Erfindung ganz und gar überließ und die bairische Regierung sich nur vorbehielt, s. Z. nach glücklicher Hebung sowohl das Schiff als die bewährten Hebeapparate „abzulösen “.

Am 1. November, denselben Tag, an welchem eine tückische Zeitungsente die „überraschend schnelle“ Hebung des Ludwig ausschrie, begannen die Taucher mit der Befestigung der Ballons, nachdem das Nachpumpen der noch brauchbaren 22 Fässer schon vorher geschehen war, und rasch ging nun die Arbeit vorwärts, so daß in fünf Tagen zwei Kameele in den Vorderfenstern und fünf Ballons bei der Maschine und an der Hinterkajüte befestigt und letztere aufgepumpt waren und am Mittwoch, den 5. Nov., Nachmittag die Hebung selbst bevorstand. In diesen Tagen war Bauer von den Bürgern aus Rorschach und St. Gallen mit der größten Freudigkeit unterstützt worden, Turner und Feuerwehr arbeiteten beharrlich an den Luftpumpen, während die Bauer’sche Mannschaft mit der Bewältigung der Kameele (jedes wiegt über 7 Centner) und sonst beschäftigt war. Schon mehrere Tage zuvor hatte Bauer sich telegraphisch nach Lindau um die Stellung eines Schleppdampfers gewendet; die (vorausbezahlte) Rückantwort ließ 36 Stunden auf sich warten; während deß war es Bauer gelungen, ein Dampfschiff aus Friedrichshafen zu erhalten, und dieses war eben in Sicht des Arbeitsschiffes Bauer’s, als auch das Lindauer Anerbieten zur Dampferstellung anlangte. Eine große Zuschanermasse bedeckte ein zweites Dampfschiff aus Friedrichshafen, und im großen Kreise um den versunkenen Ludwig schwammen stark besetzte Boote und Gondeln aus den schweizerischen und deutschen Bodenseehäfen. Aller Augen richteten sich nach den beiden Signalstangen, die gleichsam auf der Oberfläche des See’s das tiefe Wogengrab des unseligen Ludwig abstecken.

Nachdem der würtembergische Dampfer vor Anker und an zwei Schleppseile gelegt war, befahl Bauer das Aufpumpen der Kameele am Vordertheil des Schiffs, – der Augenblick ist endlich da – die trefflichen Luftpumpen senden mit ruhiger Gewalt ihre Luftströme in die Tiefe – tiefes Schweigen, alle Blicke auf der Fluth – jetzt – eine Bewegung der Signalstangen – Bauer’s Seele jubelt, denn das Schiff ist im Steigen begriffen: – da geschieht, was die Zeitungen bereits aller Welt verkündet haben, – da entschlüpft plötzlich ein Kameel Zaum und Strang und springt frei und ledig an das Licht empor. Die Schnelligkeit und die Gewalt war furchtbar, mit der diese Tragkraft von 780 Centner sich durch das Wasser Bahn brach und noch über die Oberfläche emporsprang; ja für die Gondeln verursachte dieser Kameelsprung in der That – wie die St. Galler Zeitung sagt – einen Seesturm in optima forma. Nur ein Wunder hat Unglück verhütet.

Der erste Eindruck dieses Unfalls war auf alle Zuschauer, trotz der Neuheit der Erscheinung, aus Theilnahme für Bauer ein niederdrückender, auf diesen selbst aber ein niederschmetternder; trotzdem verlor der vom Mißgeschick gehärtete Mann keinen Augenblick seine Fassung, seine Geistesgegenwart. Und schon nach wenigen Minuten trat bei allen Anwesenden die Ueberzeugung hervor, welche die St. Galler Zeitung aussprach. Sie sagt nämlich: „So störend dieser Zwischenfall wirkte, so liegt doch gerade in dieser Erscheinung (der furchtbaren Gewalt, mit welcher das Kameel sein Netz von Banden durchbrochen hatte) die Garantie für die große Kraft desselben und für die Nichtigkeit des Bauer’schen Systems.“

Da der Abend nahe und an einen sofortigen Ersatz für das entsprungene Kameel nicht zu denken war, so stellte Bauer, nachdem er letzteres wieder gebändigt und geborgen hatte, für diesen Tag die Weiterarbeiten ein. Am andern Morgen ging er selbst zum Ludwig hinab, um die Ursachen des gestrigen Unfalls zu untersuchen.

Sie lagen mit dem ersten Blick auf die verlassene Stelle des Kameels klar da. Die Kameele werden nämlich durch ein Netz von starken Gurten umschlossen, und an den Ausgängen der Gurte befinden sich unten die Haken zum Befestigen des Kameels am Schiffe. Die Entfernung dieser Gurthaken von einander entsprach jedoch nicht der Entfernung der Kajütenfenster, in die sie hätten befestigt werden müssen; deshalb befestigte Bauer an die Kajütenfenster eine zwölf Fuß lange Schmiedeeisenstange von 3½ Zoll Durchmesser und an diese das Kameel. Dabei war jedoch Eines übersehen worden, und das ist unsers Bauer’s ehrlich eingestandene [761] Schuld am Mißlingen der Hebung: er hatte nicht berechnet, daß am Ludwig, als einem Schiff von älterer Construction, Maschine und Radkasten weit nach dem Vordertheil hin angebracht sind und daß die Kameele deshalb am Radkasten ein Hinderniß bei ihrer Ausdehnung finden würden. So geschah es aber. Sobald die Kameele sich mit Luft zu füllen begannen, stießen sie und stemmten sie sich am Radkasten an, schoben sich auf der Eisenstange vor, bogen diese, die wachsende Kraft strebte nach oben, und es bedurfte nur das Aufgehen einer Gurtnaht, um dem Kameele Gelegenheit zu geben, all seine Gewalt gegen diesen einen ihm günstigen Punkt zu richten, – es riß die ganze Gurtnaht auf und entschlüpfte seinen Banden, blieb aber bei dem ganzen Vorgang unverletzt. Da mit dem zweiten Kameel dasselbe drohte, so ließ Bauer es sofort abnehmen. Warum aber Bauer überhaupt zum Heben hier sogleich die Kameele mit benutzte, das soll im zweiten Artikel erklärt werden.

Es würde jetzt vor Allem wohl einer Aenderung an den Gurten bedurft haben, um die Hebung von Neuem zu ermöglichen. Dazu gehörte aber das, was nun jeden Tag theurer wurde, – Zeit. Von allen Seiten vor der sehr nahen Wendung des Wetters gewarnt, sogar von einem Manne, der die Leiche seines Sohnes mit im gesunkenen Schiff weiß, dringend von der Fortsetzung der Arbeiten abgemahnt, mußte Bauer sich entschließen, jetzt entweder das Aeußerste zu wagen, d. h. falls die Winterstürme rasch hereinbrechen sollten, selbst das Hebematerial am Schiffe nicht mehr retten zu können und beim halben Heben (erklärt im nächsten Artikel) Schiff und Material zugleich preiszugeben – oder die Arbeiten für dieses Jahr einzustellen. Nach schwerem, bitterem Kampfe siegte das Gewissen, das ihm sagte, daß er weder das Leben der Taucher noch das von Nationalgeld beschaffte Hebungsmaterial wagen dürfe, – und so gab er den Befehl zum Abnehmen und Bergen des letzteren. Nach zwei Arbeitstagen fuhren am Freitag, den 7., Abends die beiden Arbeitsschiffe in den Hafen von Rorschach ein, und der See war so freundlich, in der Nacht zum Sonnabend mit einem seiner wildesten Stürme den Entschluß Bauer’s zu feiern und ihm den Glückwunsch aller Redlichen und Verständigen zu erwerben.

Schließlich darf nicht verschwiegen werden, daß auch von den Tauchern selbst Mancherlei verschuldet worden ist und daß auch in dieser Beziehung Bauer Erfahrungen gemacht hat, die ihm beim nächsten Hebeversuch zu Statten kommen werden.

Das war der Verlauf und das Ende der Herbstarbeiten am Taucherwerke. Im nächsten Artikel werden wir unseren Lesern auch eine Zeichnung des von Bauer abgelotheten Terrains von der jetzigen Lagerstelle des Ludwig bis zum neuen Hafen von Rorschach mittheilen, um ihnen Bauer’s Hebeplan vollkommen klar darlegen zu können. Dort sollen dann auch die einzelnen neuen Versuche und Erfahrungen Bauer’s bei dieser Arbeit offen mitgetheilt werden. – Das hier Vorliegende möge vor Allem dazu dienen, die hämischen Zeitungsberichte gegen Bauer, die nur darauf angelegt sind, das ganze Unternehmen zu verdächtigen und wenigstens auf dem Bodensee und am Ludwig zu unterdrücken, in das rechte Licht zu stellen. Die Nichtigkeit von Bauer’s Hebeprincip ist erprobt, und die Hindernisse, die sich ihm bis jetzt noch entgegenstellten, sind zu überwinden; darum sei es unser gemeinsamer und entschiedener Entschluß: nun erst recht das Werk zu fördern und ihm zum Sieg zu helfen – trotz alledem und alledem!



  1. Man hatte, nach dem vergeblichen Hochholzer’schen Hebeversuch, die von Bauer am Vorder- und Hintertheil des versunkenen Dampfers befestigten Signalstangen fortgenommen, offenbar in der Absicht, dem so oft aus seinem Schlaf aufgerissenen Ludwig eine fortan ungestörte Ruhe zu sichern.