Wie man in England ißt und trinkt

Textdaten
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Autor: Corvin
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Titel: Wie man in England ißt und trinkt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 821–824
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Wie man in England ißt und trinkt.


„Sage mir, wie Du ißt; ich will Dir sagen wer Du bist.“ Ich weiß nicht, ob schon vor mir Jemand diesen weisen Ausspruch gethan hat. Eine Dame meiner Bekanntschaft wandte denselben praktisch an. Hatte sie ein Mädchen zu miethen, dann schloß sie nicht früher mit derselben definitiv ab, bis sie Gelegenheit gehabt hatte, sie beim Essen zu beobachten.

„Was ist der Mensch? – halb Thier, halb Engel“ habe ich als Knabe oft mit Verwunderung in der Kirche gesungen. Bei der Ausübung thierischer Verrichtungen kann man am besten beurtheilen, wie viel vom Thiere in jedem Menschen steckt. Da aber Jeder danach strebt, den Nebenmenschen weis zu machen, daß man mehr Engel als Thier sei, so gehört schon einige Beobachtungsgabe dazu, an einem civilisirten Mittagstisch herauszufinden, wie viel Karat Engel in jedem der Anwesenden steckt. Fräulein von Löffelgans will für eine zweiundzwanzigkarätige Dame gelten und ißt sich zu Hause satt, wenn sie zu einem Diner eingeladen ist. Die natürlichsten Esser findet man im zoologischen Garten, und zur Zeit der Fütterung kann man den Charakter der Thiere am besten beobachten. Wer das mit Verstand thut, wird bei jedem Diner die Löwen, Hyänen, Pelikane etc. herausfinden. Das Thema ist ein sehr complicirtes und weitläufiges, und ich muß es den Lesern überlassen, es für sich auszuführen, und mich darauf beschränken mitzutheilen, wie man in London ißt.

Daß der menschliche Körper einer Oellampe gleicht, ist eine alte Geschichte und die daraus hervorgehende Consequenz ebenfalls, daß die Völker warmer Länder weniger Oel auf diese Lampe zu gießen haben als die kalter. Daß die Eskimos Thran saufen, ist keine aus ihrem schlechten Charakter hervorgehende Niederträchtigkeit, ebenso wenig wie es eine besondere Tugend voraussetzt, daß sich der arabische Räuber mit einer Handvoll Datteln begnügt. Daß die Engländer große Fleischesser sind, bringt ihr Klima mit sich.

Ein deutsches und ein englisches Frühstück sind zwei durchaus verschiedene Dinge. Viele Deutsche schaudern förmlich bei dem Gedanken, mit nüchternem Magen Fleisch zu essen, allein in England gewöhnt man sich daran und kehrt ungern in Berlin zu [822] dem Kaffee und den zwei Brödchen der Rechnungsräthin Pfennigmucker zurück. Engländer ziehen beim Frühstück durchweg den Thee dem Kaffee vor, und der Deutsche in England thut es meistens ebenfalls und um so mehr, als der Thee gut und der Kaffee gewöhnlich schlecht ist. In Deutschland begreift man das nicht, weil hier das Verhältniß umgekehrt ist. Das liegt theils am Material, zum größten Theil jedoch an der Bereitung. Daß man das lauwarme Gebräu, welches man in Berlin Thee nennt, mit etwas Arac oder Rum versetzt, oder ihm einen Vanillezusatz giebt, ist eine Verbesserung; in England würde man es als eine Barbarei betrachten. Die Engländer trinken meistens schwarzen Thee, doch wird er auch häufig mit grünem gemischt. Grüner Thee, wie wir ihn in den Läden sehen, ist jedoch Humbug; kein Chinese würde ihn anrühren, denn er ist eigens für den europäischen Markt fabricirt. Grüner und schwarzer Thee wachsen auf demselben Strauch, nur besteht ersterer – wenn echt – aus den ersten jungen Blättern; aber seine Farbe in getrocknetem Zustande ist gelbgrün und nicht blaugrün, wie wir ihn erhalten. Diese Farbe ist künstlich hervorgebracht und verdankt ihren Ursprung den Amerikanern. Ein amerikanisches Haus hatte eine ungeheure Lieferung von grünem Thee übernommen, und da derselbe nicht in der genügenden Quantität in Canton herbeigeschafft werden konnte, so suchte man durch Färben nachzuhelfen. Es ist übrigens ein Irrthum anzunehmen, daß diese Farbe durch das Trocknen des Thees auf Kupferplatten hervorgebracht werde, wenn es auch im Pierer steht. Der Proceß wird allerdings auf erhitzten Kupferplatten vorgenommen, allein nur, weil das Material in China mehr im Gebrauch ist als Eisen, und nicht des Grünspans wegen. Gefärbt wird der Thee mit Curcuma und Berliner Blau. Blaugrün wird er gefärbt, weil die Chinesen sich dem europäischen und amerikanischen Aberglauben fügen.

Die Form, in welcher der grüne Thee zu uns kommt, ist gleichfalls künstlich, und was wir Kugel- und Gunpowderthee nennen, ist Humbug und wird auf folgende Weise erzeugt: die noch feuchten Theeblätter werden nach dem Färbungsproceß in dichte Bündel zusammen gepreßt und dann von chinesischen Arbeitern, die sich dabei mit den Händen an einer quer durch das Zimmer laufenden Stange halten, mit den bloßen Füßen getreten. Nach vollendetem Proceß sind alle Blättchen in kleine Kügelchen zusammengerollt. Wohlfeilere Sorten werden selbst aus Theestaub und Gummi fabricirt. Wer nicht glaubt, daß der blaugrüne Thee gefärbt sei, betrachte einmal den ersten Aufguß.

Der feinste Thee kommt gar nicht zu uns, den trinken die Chinesen selbst. Mandarinen machen sich damit Präsente. Der feinste ist der sogenannte Affenthee. Er wächst auf Felsen, welche den Menschen unzugänglich sind, und Affen sind abgerichtet, die Blätter abzupflücken und in ihren Maultaschen herabzubringen.

Die Chinesen trinken den Thee ohne Zucker und Milch und benützen nur Regenwasser. Brunnenwasser läßt häufig die besten Theile im Thee unaufgelöst. Man verbessert die auflösenden Eigenschaften des Wassers, indem man demselben eine kleine Messerspitze voll doppeltkohlensaures Natron zusetzt. Das thun in England die armen Leute, wodurch sie viel Thee ersparen.

Daß der Thee nur gebrüht und nicht gekocht werden darf, weiß jede Hausfrau, allein in Amerika kocht man ihn häufig und besonders thun das die Negerköchinnen. Der Thee verliert dadurch sein Aroma. Guter Thee darf nicht braun wie Bier, sondern muß dunkelgoldgelb sein. Da sehr viel auf die Bereitung ankommt, so wird der Thee gewöhnlich auch von der Hausfrau am Tische selbst bereitet. Bei uns gießt man erst den Thee in die Tasse; in England thut man zuerst Zucker und Rahm hinein. Das gehört Alles eigentlich in ein Kochbuch, doch schadet es auch hier nichts.

Eine Dame ißt nur ein Ei beim Frühstück; Herren mögen zwei essen; nehmen sie drei, so macht die Hausfrau erstaunte Augen. Trotz dieser Mäßigkeit werden in London eine ungeheure Anzahl von Eiern verbraucht. Es giebt große Geschäfte, die nur mit Eiern handeln, welche sie aus allen Theilen Großbritanniens und hauptsächlich Frankreichs in großen langen Kisten erhalten, die aber häufig nach dem Stroh schmecken, in welches sie gepackt sind. Frischgelegte Eier – new-laid eggs – sind sehr gesucht und kosten drei Mal so viel als andere.

Schlechte Eier sind leicht zu erkennen, indem man sie gegen eine Gasflamme hält; scheint das Licht durch, dann sind sie gut. Ein anderes Mittel ist noch besser und sicherer. Man prüfe die Eier vor dem Kochen mit der Zunge; das breite Ende muß warm, das spitze kälter sein. Sind beide warm oder beide kalt, dann ist das Ei faul. Lange und auffallend große runde Eier enthalten junge Hähnchen, was ich anführe, da diese Notiz den Kopf nicht beschwert, aber vielleicht mancher Hausfrau angenehm ist.

In England ißt man die Eier, wie bei uns, nur mit Löffeln, welche an der Spitze abgerundet und nicht so weit sind, wie gewöhnliche Theelöffel. In Holland schüttet man meist den Inhalt auf einem Teller aus; in Amerika schüttet man ihn in ein Glas oder einen Porcellanbecher, oder läßt es durch den Kellner oder Diener thun.

Man ißt zum Frühstück außerdem Fische; zum Beispiel zur betreffenden Jahreszeit frische gebackene Heringe. Beefsteaks sind meistens auf dem Rost gebraten; allein trotzdem daß sie in England zu Hause sind, habe ich doch nur in Deutschland ein wirklich gutes Beefsteak gegessen, weil man hierzu meist die Lende verwendet. Wenn Euch ein deutscher Wirth ein „englisches“ Beefsteak vorsetzt, welches inwendig roh ist, dann sagt ihm, daß es keinem Engländer einfalle, rohes Fleisch zu essen. Der beim Durchschneiden herausfließende Saft muß blaßroth gefärbt sein.

Hammelcotelettes, ebenfalls auf dem Rost gebraten, sind zum Frühstück beliebt. Senf zum Hammelfleisch zu essen, wird als Barbarei betrachtet, und beim Essen von Fischen ein Messer zu gebrauchen, schneidet einer Engländerin geradezu in’s Herz. Man schneidet sich ein zierliches Stückchen Brod, nimmt dieses in die linke Hand und in die rechte Gabel. Ist der Fisch hart gebacken, dann darf man auf möglichst discrete Weise ein Messer brauchen. Das Messer in den Mund zu bringen, wie wir das in Deutschland noch häufig sehen, ist in England geradezu Hochverrath gegen die gute Sitte. Legt man seine Messer und Gabel so auf den Teller, daß sie einen Winkel bilden, so zeigt das dem Bedienten an, daß man von demselben Gericht noch etwas wünscht; legt man sie parallel neben einander, so nimmt der Bediente den Teller weg. Fragt die Hausfrau, ob man noch eine Tasse Thee wolle, so sagt man: ich danke, ja, oder: ich danke, nein. Wird man nicht gefragt und wünscht noch eine, so sagt man: I will thank you for another cup of tea. Wird man sehr genöthigt, was übrigens gar nicht Sitte ist, und will man diesem Nöthigen ein Ende machen, dann sagt man: I thank you, I had rather not (ich danke Ihnen, ich ziehe es vor, nicht zu nehmen).

Nicht selten findet man auf dem Frühstückstisch einen mit einer Serviette bedeckten Teller, auf welchem eine Substanz liegt, die wie geriebener Parmesankäse aussieht; es ist gedörrtes Rindfleisch, welches mittelst eines Instruments geschabt ist.

Fast auf keinem englischen Frühstückstisch fehlt Brunnenkresse; nicht die kleine krause, die man bei uns in den Gärten zieht und oft zu Namenszügen verwendet, sondern die große, mit fleischigem Stiel, die an den Bächen wächst. Diese Pflanze wird in der Umgegend von London in großen Massen künstlich gezogen und von Engroshändlern auf einen eigens dazu bestimmtem Markt gebracht. Hier kaufen dieselbe Hunderte von armen Frauen und Kindern, die man zur Frühstückszeit water-cressy! schreiend in allen Straßen sehen kann und womit sie sich ein paar Schillinge sauer genug verdienen. Ich habe zwar ungeheuer viel Leute gesehen, welche die Kresse kaufen, allein verhältnißmäßig wenige, welche sie essen; sie gehört aber auf den Tisch und wechselt manchmal mit Radieschen ab.

Sauce ist in England etwas ganz Anderes als bei uns. Die englische Sauce wird nicht in der Küche gemacht, sondern in Flaschen in den Läden verkauft. Sie ist eine Zusammensetzung pikanter Abkochungen, und man hat dergleichen für Fisch und Fleisch. Anchovissauce, Harveys, Catchsup und wie sie alle heißen, sind auf allen englischen Tischen zu finden. Außerdem hat man noch allerlei scharfe und pikante Präparate, die in Indien gemacht und zum Fleisch gegessen werden. In dieselbe Kategorie gehöre auch ein gelbes Pulver, Curvin, welches sehr beliebt ist, aber einer deutschen Zunge anfangs wenig mundet und wie Medicin schmeckt. Eine Sauce, die von der oben erwähnten Form abweicht, ist Apfelsauce, die gewöhnlich zu Schweinebraten gegeben wird; bei uns nennt man’s Aepfelmus oder Aepfelcompot. Auch zu gekochten Fischen ißt man eine Art Sauce mit Austern oder kleinen Krabben; doch ist das schon eine französische Neuerung. Was wir Sauce nennen, heißt gravy. Die Jus, welche aus dem Braten auf die Schüssel fließt und sich in einer eigens dazu angebrachten Vertiefung sammelt, heißt dish gravy.

[823] Um zwölf oder ein Uhr nimmt der Londoner sein Luncheon, meist abgekürzt Lunch (Löntsch) genannt, ein. Es besteht meist nur aus Brod, Butter, Käse oder kaltem Fleisch, und man trinkt Bier oder ein Glas Wein dazu. In Familien, welche Kinder haben, die noch nicht der Schulstube entwachsen sind und daher zum eigentlichen Diner nicht zugelassen werden, ist dieses Lunch ein einfaches Mittagessen, dessen Stelle es auch vertreten muß und bei dem die Gouvernante präsidirt.

Zu Mittag speist man in London zwischen fünf und acht Uhr. Das Mittagessen in Familien ist meistens einfach und besteht oft nur aus einem Braten und Zubehör. Eine Suppe ißt man sehr selten, und wenn es geschieht, ist sie gewöhnlich so stark mit Cayennepfeffer gewürzt, daß man meint, ein junger Teufel sei darin abgesotten. Fisch wird manchmal vor dem Braten gegeben und die beliebtesten Arten und Turbtot, Sole, Haddock, Makrelen oder Mullet. Die Braten sind Roastbeef, Hammelrücken oder Schlägel, oder manchmal auch nur ein Schulterblatt, Geflügel oder Wildpret; selten Schweinebraten und noch seltener Kalbsbraten. Eine Hammelsschulter scheint als das gemeinste Gericht betrachtet zu werden, und aus dem Gast, dem man diese kalt vorsetzt, macht man sich nicht viel. Davon kommt die englische Redensart To give him the cold shoulder (ihm die kalte Schulter geben), was soviel heißt, als Jemand geringschätzig oder gleichgültig behandeln. Im Frühjahr ißt man Lammbraten, meistens mit mintsauce (Pfefferminzkrautsauce), die sehr beliebt, mir jedoch ein Gräuel ist. Englands Stolz ist aber und bleibt das Roastbeef, und ich glaube nicht, daß es besseres Rindfleisch irgendwo in der Welt giebt. Der Grund davon liegt in der rationellen Thierzucht der Engländer, die von keinem Volk der Erde mit solcher Beharrlichkeit und Erfolg getrieben wird. Obwohl es nicht hierher gehört, so mögen ein paar Worte darüber, gleichsam als Tischunterhaltung, einen Platz finden.

Man betrachtet in England die Thiere als für den Dienst und Nutzen des Menschen vorhanden und trachtet danach, solche Thiere zu gewinnen, welche seinen speciellen Zwecken am besten entsprechen. Die englischen Pferde sind berühmt durch ihre Schnelligkeit. Die Vollblutpferde stammen von einem arabischen Hengst, allein man vergleiche einmal ein arabisches Pferd mit einem englischen Rennpferde; welche Verschiedenheit! Mag sein, daß dem Laien das arabische Pferd viel schöner erscheint; allein in Bezug auf den Zweck – Schnelligkeit – ist es mit ihm nicht zu vergleichen. Am wunderbarsten erscheinen mir die Veränderungen, welche die Engländer durch rationelle Züchtung, respective Paarung mit Hunden fertig gebracht haben. Für jede besondere Art der Jagd haben die Engländer nach und nach bestimmte neue Hunderacen gezüchtet, die für dieselbe am zweckmäßigsten sind.

Aehnliche Resultate sind in Bezug auf diejenigen Hausthiere erzielt worden, welche zur Nahrung dienen. Bessere und zweckmäßigere Ochsen zum Schlachten giebt es nirgends als in England. Die illustrirten Zeitungen bringen zu Zeiten Abbildungen solcher Preisthiere. Man staunt über die ungeheuren Dimensionen aller derjenigen Theile, welche zum Essen bestimmt sind, während Kopf und Füße, die für diesen Zweck nutzlos sind, durch ihre unverhältnißmäßige Kleinheit Verwunderung erregen. Schneidet man diese letzteren ab, so bleibt ein fast viereckiger Rumpf für den Fleischer übrig.

Geflügel mit weißem Fleisch, wie Hühner und Truthühner, ißt man in England nie anders als in Begleitung von gekochtem Schinken – rohen ißt man überhaupt nicht – oder Ochsenzunge, weil das Hühnerfleisch nach dem Geschmack der Engländer zu trocken ist. Mir scheint es eine Barbarei, da der grobe Geschmack des Rauchfleisches den feinen des Geflügels verdeckt. Nach dem Braten folgt eine pie (Pei), Pastete, oder vielleicht ein Pudding. Sehr beliebt sind Fruchtpasteten. Eine eiserne, von innen und von außen glasirte, längliche, mäßig tiefe Schüssel wird mit Aepfelschnitten, Kirschen, Johannisbeeren etc. angefüllt und die erforderliche Quantität Zucker herzugethan. In das Centrum der Schüssel stellt man eine umgekehrte Obertasse und das Ganzem wird dann mit einem feinen Teig bedeckt und dieser am Rande der Schüssel befestigt. So zugerichtet kommt die Schüssel zum Backen in den Ofen. Sehr beliebt sind Rhabarber-Pasteten. Deutsche bekommen Leibweh, wenn sie daran denken; allein wenn man sie in England ißt, findet man sie ganz vortrefflich. Der Geschmack des Rhabarbers hat außerordentliche Aehnlichkeit mit dem von Stachelbeeren. Man ißt nämlich nicht die Wurzel, sondern die sehr fleischigen Blätterstiele. Ich glaube, es ist nicht länger als dreißig Jahre, daß ein Gemüsegärtner die ersten vier Bündel Rhabarber auf den Londoner Markt brachte, wovon er zwei wieder mit nach Hause nehmen mußte. Heut zu Tage kann man an jedem Markttage eine große Menge vierspänniger Wagen davon ankommen und verkaufen sehen. Rhabarber ist eins der populärsten Gemüse in England.

Da ein Zusatz von Pflanzennahrung dem menschlichen Körper nöthig ist, so essen die Engländer auch Gemüse; allein sie bereiten dieselben auf eine Weise, welche sie geradezu ungenießbar machen würde, wenn sie nicht von ganz ausgezeichneter Qualität wären. Man kocht die Gemüse blos in Wasser ab, drückt sie aus und servirt sie auf einer Platte mit Löchern, welche in einer Schüssel liegt. Irgend welches Fett an ein Gemüse zu nehmen, erscheint dem Engländer barbarisch.

Man hat in England sämmtliche Gemüse, welche wir in Deutschland haben, und noch einige, die man bei uns nicht ißt, wie zum Beispiel Pflanzenmark, eine gurkenförmige feine Kürbisart, und seakale (Seekohl), ein seltenes und sehr geschätztes, feines Gemüse. – Spargel ißt man in einem Zustande, in welchem man sie bei uns nicht mehr ißt, nämlich wenn sie geschossen sind. Kohlrabi gebraucht man nur als Viehfutter. Gurkensalat ißt man nur zu einer einzigen Speise, zu frischem Lachs.

Puddinge unterscheiden sich von Pasteten wie harte Krabben von weichen; – doch halt, wir essen ja noch nicht in Amerika und haben uns an soft crabs noch nicht den Magen verdorben. Ein Pudding enthält gewöhnlich auch Früchte, die aber nicht in eine Schüssel, sondern in einen Teig geschlagen sind, sind mit diesem nicht gebacken, sondern in einer Serviette gekocht werden. Es gehört ein englischer Magen dazu, diesen Teig zu verdauen, doch liegt er nicht viel schwerer darin als Knödel. Frische Blutwurst und andere Vettern aus der deutschen Familie derer von Schweinichen müssen sich gefallen lassen, in England Pudding gescholten zu werden. Den König der Puddings, Plumpudding, kennt Jeder, wenigstens dem Namen nach. Zur Weihnachtszeit wird er fast in jedem Hause gegessen und Schiffsladungen von Korinthen, Rosinen und Citronat werden dazu in England verbraucht. Ich esse Plumpudding, verstehe aber nicht Englisch genug, um ihn mit Gefühl und Verständniß zu essen. Gleich unverständlich ist für mich der Brautkuchen, der nicht selten über hundert Thaler kostet und wovon Stücke in eigens dazu gemachten dreieckigen Kästchen an die Freundinnen versandt werden. Dieser Brautkuchen ist, soviel ich davon verstehe, weiter nichts als ein höherer Grad von Plumpudding, mit einem zwei Finger dicken, marcipanartigen Zuckerguß; allein ein Stückchen davon unter das Kopfkissen einer unverheiratheten Jungfrau gelegt, bewirkt, daß sie das Bild ihres zukünftigen Gatten im Traume sieht. – Auf der niedrigsten Sprosse der Puddingsleiter steht der Erbsenpudding. Er ist weiter nichts als dicker kalter Erbsenbrei, den die armen Leute die Gemeinheit haben aus Hunger zu essen. Wer davon für einen Penny in seinem Magen besitzt, ist satt, träumt aber, daß er aus Versehen Nordwestwind verschluckt habe.

Nach Tisch ißt man Käse und Sellerie- oder Lattichsalat. – Der gewöhnliche Käse ist Chester; der feinste ist jedoch der Stilton, aber auch der theuerste. Ein solcher Käse, ungefähr zehn Zoll hoch und acht im Durchmesser, kostet etwa sieben Thaler. Er steht gewöhnlich auf einer Schüssel, die mit einem gehäkelten weißen Tuch bedeckt ist. Wenn der Käse gut ist, muß er inwendig grün verschimmelt sein und müffig schmecken. Sellerie weicht von dem unsrigen durchaus ab. Man ißt nämlich in England nicht die Wurzel, sondern das Kraut, und die Pflanze wird demgemäß erzogen. Sobald sie anfängt zu wachsen und eine gewisse Höhe erreicht hat, wird ihr unterer Theil mit Erde bedeckt und damit fortgefahren, so lange die Pflanze wächst. Auf diese Weise erlangen die Blattstengel eine große Dicke und Höhe und bleiben weiß; alle Kraft geht in die Stengel, die nicht selten zwei Fuß hoch werden. Bei Tisch stellt man sie in ein hohes mit Wasser gefülltes Glas und ißt sie mit Salz. Lattichsalat von ausgezeichneter Zartheit und Größe wird ebenfalls auf dieselbe ländliche Weise verspeist.

Vor dem Dessert wird das Tischtuch weggenommen und jenes auf den bloßen Tisch gesetzt. Es besteht ungefähr aus denselben Dingen wie bei uns. Zum Dessert werden die Kinder zugelassen. Auf ein Zeichen der Frau vom Hause erheben sich die Damen [824] und gehen in das Drawing-Room, die Herrn bei der Weinflasche zurücklassend.

Ehe man zu essen anfängt, spricht der Hausherr, oder wenn ein Geistlicher bei Tisch ist, dieser ein oft sehr langes Tischgebet und dasselbe wiederholt sich vor dem Abnehmen des Tischtuches. „Gesegnete Mahlzeit“ zu sagen, oder nach Tisch seinem Nachbar eine Verbeugung zu machen, oder der Frau vom Hause die Hand zu küssen, ist nicht Sitte.

Die Damen haben es gar nicht gern, wenn irgend ein Herr, in der Meinung galant zu sein, ihre Gesellschaft der Flasche vorzieht. Sie haben Allerlei unter sich zu reden, was die Herren nicht zu hören brauchen, und schlafen wohl auch gern ein Viertelstündchen in einem bequemen Lehnsessel. Kommen die Herren endlich, mitunter ziemlich angeheitert, in das Drawing-Room, dann wird Thee herumgegeben und dazu ganz außerordentlich dünne zusammengelegte Butterbrode, die als Sandwiches bekannt sind. – Damit enden die regulären Mahlzeiten der Engländer.

An Weihnachten kollern alle Truthähne in England ihr de profundis und nehmen Abschied von ihren Puten. Welchen Zusammenhang die christliche Religion mit dem Geschlecht der Puten hat, ist mir eins der vielen in ihr enthaltenen Mysterien. Der Truthahn heißt bekanntlich auch in Deutschland der Consistorial-Vogel und scheint mit der Theologie in irgend welchem Zusammenhange zu stehen. In England ist es eine Art von religiöser Pflicht, zur Weihnachtszeit einen Truthahn zu essen. Wer dazu nicht im Stande ist, kommt sich wie excommunicirt vor. So fromm die Engländer sich zu sein rühmen, so denken doch um die Weihnachtszeit neunundneunzig von hundert gar nicht an die Geburt Christi, sondern einzig an Truthahn und Plumpudding. Das Weihnachtsfest ist in Deutschland ein Fest für Herz und Magen, in England für Magen und Herz.

Ich habe freilich viel über englische Weihnachtsfestlichkeiten gelesen, die besonders auf dem Lande gefeiert werden; allein da die Familien der Engländer und besonders für einen armen Exilirten schwer zugänglich sind, so kann ich leider aus eigner Erfahrung wenig davon sagen, und muß die Leser auf die Beschreibungen anderer Reisenden hinweisen, die England unter glücklicheren Verhältnissen besuchten.
Corvin.