Wanderungen durch Elsaß und Deutsch-Lothringen

Textdaten
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Autor: Robert Aßmus
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Titel: Wanderungen durch Elsaß und Deutsch-Lothringen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 819–821
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
1. Die Burg der Riesen
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Wanderungen durch Elsaß und Deutsch-Lothringen.
1. Die Burg der Riesen.


Burg Nideck ist im Elsaß der Sage wohl bekannt,
Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun zerfallen, die Stätte wüst und leer,
Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.
 Chamisso.


Wer kennt nicht die Sage vom Riesenspielzeug und der Riesentochter, welche den Bauer sammt Pferden und Pflugschaar vom Felde in der Schürze auf’s Schloß trug, die hübsche Sage, welche Chamisso in schlichter, einfacher Form so poetisch behandelte und dauernd der Nachwelt erhielt? – Ach, wie lange ist es schon her, daß ich „Das Riesenspielzeug“ lernte, damals in der entferntesten Ecke Preußens, auf der Schulbank in Thorn! Zu der Zeit dachte ich freilich nicht daran, daß ich jemals die Burg, als Burg in gut deutschem Lande, von Angesicht zu Angesicht sehen würde.

Es war im Frühjahre dieses Jahres, beim Antritte meiner längeren Reise durch Elsaß und Lothringen, als ich von Zabern aus der „Burg der Riesen“ einen Besuch abstatten wollte. Ich hatte am Abend im Gasthof „Zur Sonne“ liebe Landsleute gefunden und mit ihnen so spät in die Nacht hinein geplaudert, daß mir am nächsten Morgen das Aufstehen schwer genug fallen sollte. Aber drüben vom Schlosse her blies der preußische Hornist in lauten, langgezogenen Tönen zum dritten Male den Weckruf: „Habt ihr noch nicht lang’ genug geschlafen?“ und so schwang ich mich denn schnell heraus. Ein leichter Einspänner nahm mich für eine schwere Miethe auf, um mich nach Nideck zu fahren. Die Elsässer sind gute Kaufleute, welche aus der Gelegenheit Nutzen zu ziehen wissen, was ich auf meiner mehrmonatlichen Reise sehr oft erfahren habe.

Wir fuhren die Hauptstraße aufwärts südlich zur Stadt hinaus. Die Sonne stieg langsam empor und ein frischer, heiterer Frühlingsmorgen lag über Berg und Fluren, ein Morgen, der, wie das jubilirende Lied der Lerche, so recht aus Herzensgrund die Reiselust weckt.

Bäuerinnen in ihren interessanten elsässischen Costümen fuhren mit den Producten des Feldes auf Leiterwagen nach „Zabern“. Es fällt nämlich dort in der ganzen Umgegend keinem Elsässer ein, den französischen Taufnamen „Saverne“ zu brauchen, wie man denn dort überhaupt nur das „Alsasser Dütsch“ hört. Trotz ihrer deutschen Landessprache aber und ihrem im Grunde genommen noch ganz deutschen Wesen thun die vornehmen Bürger der Stadt doch schrecklich traurig, sondern sich vom Militär und den Beamten vollständig ab und sind in ihren Gesinnungen womöglich schlimmer auf uns zu sprechen, als die Metzer, deren Sprache beinahe ausschließlich französisch ist. War doch das Concert, welches unsere Regimentscapelle in diesem Sommer zum Besten der Armen von Zabern gab, nur von unserm Militär, vom Gemeinen bis aufwärts zum Officier, besucht. Der Bürger will dort kein Concert von einer deutschen Regimentscapelle hören, selbst wenn dasselbe zum Besten der Armen seiner Stadt gegeben wird, während man jeden Nachmittag von vier bis sechs Uhr auf der Esplanade in Metz Schaaren der vornehmen Welt sieht, welche dort den Concerten unserer Regimentsmusik beiwohnen.

Kehren wir jedoch zu unserer Fahrt zurück. Nachdem wir Mauersmünster, ein kleines Städtchen, in welchem eines der berühmtesten und ältesten Klöster des ganzen Elsaß liegt, und Goßweiler passirt hatten, nahm uns ein schöner Laubwald auf, durch den sich der Weg in mühsamen Windungen zur Berghöhe hinaufzieht. Mir sind die vielen Wälder, welche ich in den Vogesen gesehen, farbiger, glänzend grüner, die Moosdecken sammetner, die Vegetation üppiger vorgekommen als bei uns. Es giebt allerdings dort noch genug Wälder, in denen nie ein Axtschlag erklungen, nicht weil es Bannwald ist

– Und wer ihn schädigt,
Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe –,

sondern weil das menschliche Leben und Treiben weit ab von ihnen wohnt. Man könnte daraus schließen, daß der Wildstand, namentlich an Hochwild, dort in den Wäldern ein ausgezeichneter sein müsse. Das ist aber nicht der Fall. Hochwild kommt wohl vor, aber nicht häufig, eher selten. „Es ist eben schon viel abgeschossen worden,“ sagen Einem dort die Jäger. Dafür giebt es aber noch viel Rehe, Auerhähne, wilde Kaninchen, Eichkätzchen (die beiden letzteren Wildarten werden zubereitet und gegessen) und eine Unzahl von Wildschweinen, denen man bei dem sehr bergigen Terrain schwer nahe kommen kann.

Wir befanden uns jetzt auf der Höhe und noch immer im Walde. Die Straße wurde breiter, fester und bequemer; nur selten hörten wir in der Waldeinsamkeit Hundegebell, und dann kam meistens eine kleine Waldblöße, auf der sich von grünem Plane ein Forsthaus mit blendend weißen Wänden abhob. Später brach sich die Straße abwärts Bahn durch einen hochstämmigen Tannenwald, und mit der Peitsche auf ein kleines, rechts am Wege liegendes Häuschen deutend, bezeichnete mir der Kutscher das Forsthaus Nideck. Wir hatten für die Fahrt acht Stunden von Zabern aus gebraucht! Es war ein Uhr Mittags, als wir vor dem Forsthause ankamen. Ein freundlicher Wirth, der Förster Stettner, kam uns entgegen und erbot sich bereitwilligst, den Weg nach der Burg zu zeigen.

Wir gingen direct in den Wald hinein, hin und wieder über eine gefällte Riesentanne kletternd. Neben unserm schmalen Pfade liefen mehrere Seitenwege, die ebenfalls in’s Holz führten. Der Förster, ein angehender Fünfziger, oder vielleicht etwas älter, gehörte nicht zu jenen verschlossenen, zugeknöpften Naturen, die dem „Dütschen“ oder „Prüßen“ eher aus dem Wege gehen, ihm lieber irgend einen boshaften Schabernak spielen, als ihm gefällig sind. Er ist vielmehr ein ehrliches, offenes Haus und scheint sich in die neue Wendung der Dinge mit verständigem Sinn gefügt zu haben.

Auf einem recht schlechten, noch mit Baumwurzeln und Steingeröll bedeckten Wege, der gerade im Bau begriffen war, schritten wir bergab weiter und ich hörte vom Förster mit Vergnügen, daß die deutsche Regierung zweifellos daran denken werde, den noch sehr wilden Zugang zur Burg durch bequemere Fußwege dem Touristen zu erleichtern.

Nach einer halbstündigen Wanderung zeigt sich im Walde eine lachende Gebirgsansicht, die so entzückend ist, daß die Versuche des geschicktesten Landschaftsmalers sie wiederzugeben kaum im Stande wären. Schon der ganze Eindruck des Bildes versetzt Einen in Staunen und Bewunderung; dazu kommt der feine, farbige, tiefviolette Duft der in schönen Wellenlinien aufsteigenden hohen Berge. Im Hintergrunde, aber gar nicht fern gerückt, begrenzt der hohe Moosberg das Bild; ihn überschneiden andere Berge, und von diesen hebt sich rechts eine steile, dunkle Felsenwand

[820]
Die Gartenlaube (1871) b 820.jpg

Burg Nideck.
Nach der Natur aufgenommen von Rob. Aßmus.

[821] empor, auf der ein einsamer hoher Kegel steht, der den Eindruck einer Ruine macht. Links steigt eine andere Felsenbrüstung in die Höhe, mit Tannen, alten Edelkastanien, Buchen und Eichen geschmückt.

Das Nideck-Thal öffnet sich ungemein malerisch. Ganz unten zu unseren Füßen zieht sich ein schmaler Fußweg auf sammetner enger Wiese entlang, er führt dann weiter im Thale nach Ober- und Niederhaslach. Dies ist dasselbe Thal, welches Chamisso in seinem Gedichte erwähnt:

Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,
Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Thor
Und stieg hinab den Abhang bis in das Thal hinein,
Neugierig, zu erkunden wie’s unten möchte sein.

Mit wen’gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald,
Erreichte gegen Haslach das Reich der Menschen bald,
Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt. –

Das Thal wäre kirchenstill, wenn nicht einige vierzig Fuß unmittelbar unter uns, aus der Felsenwand, an deren Abgrund wir stehen, der Nideckfall sein Wasser brausend und schäumend hinabstürzte. Links geht der Weg im Zickzack zum Wasserfalle hinab, rechts zur Burg hinauf. Wir wählen den ersteren und haben in kurzer Zeit den schönen Fall vor uns. Waldbänke aus Eichenastwerk gezimmert laden zum Ausruhen ein.

Links oben auf der Felsenwand schaut, Bäume und Gebüsch hoch überragend, der alte viereckige Wartthurm der Riesenburg weit in’s Land hinaus. Rechts von ihm befindet sich noch ein zweiter Thurm, den wir jedoch vom Wasserfalle aus nicht erblicken. Die Landschaft ist echt gebirgig. Porphyrwände, Laub- und hin und wieder auch Nadelholz wechseln ab; hauptsächlich fallen uns wahre Prachtexemplare von alten Edelkastanien mit ihren schönen dickbemoosten Stämmen auf. Der Wasserfall wirft sich in silbernem Gischt steil von dem dunkeln Felsen hinab und nimmt dann seinen Lauf durch das Nideckthal. Von derselben Felsenwand stürzen die Holzschläger häufig Stammhölzer hinab, die dann unten im Thale auf Flößen weitergeschwemmt werden.

Ich habe auf meinen Wanderungen schon viele schöne Landschaften gesehen, ich wüßte aber keine, welche ich diesem prächtigen, romantischen Wald- und Gebirgsbilde an die Seite stellen könnte. Der Anblick dieses in weiter Einsamkeit liegenden Bildes, das die Natur wild und großartig componirt hat, wirkt so geheimnißvoll und bezaubernd, daß dort wohl jedem Wanderer die Trennung schwer werden wird. – Tritt man hinter den Bogen, welchen der Wasserfall bildet, der sich aus einer Höhe von nahe neunzig Fuß herabstürzt, so genießt man einen imposanten Eindruck des dicht über den darunter Stehenden hindonnernden Falles.

Wenn auch die Stätte, auf der sich die Burg befindet, nicht gerade „wüst und leer“ ist, denn wild und lustig grünende Gebüsche und Bäume umgeben sie und dickstämmiger Epheu hat die Burg längst mit seinen dunkelgrünen Gehängen poetisch umkränzt – so liegt sie doch völlig einsam und kaum erkennt man den Fußpfad, der zwischen Mauertrümmern, unter dichten Gebüsch fort, von einem Thurme zum andern führt. Mehr als diese beiden Thürme, welche aus kolossalen Mauern aufgeführt sind, ist von der ganzen Burg, deren Gründung man in das zwölfte oder dreizehnte Jahrhundert legt, nicht zu sehen.

Eine Menge Scherben von alten Gefäßen liegen dicht um die Thürme zerstreut. Die Scherben sind auffallend dünn, sehr dunkel, beinahe schwärzlich in der Farbe und außerordentlich hart. Einen derselben nahm ich mir zur Erinnerung mit.

„Ja,“ meinte der Förster, „wenn man hier nur graben könnte, da würde man gewiß Vieles für den Alterthumsfreund finden, denn hier hat noch kein Spatenstich die Trümmer und die Erde berührt.“

Der weithin sichtbare viereckige Thurm enthielt im Innern drei Etagen, er ist auffallend eng gebaut und hat früher wahrscheinlich als Wartthurm oder als Gefängniß gedient. Die außergewöhnlich langen Leitern, welche sich noch vor kurzer Zeit im Thurme befanden und durch deren Ersteigung man eine umfassende Aussicht vom Thurme genoß, sind wegen ihrer morschen Sprossen neuerdings weggenommen worden. Wahrscheinlich werden sie aber, wie der Förster mir sagte, durch neue ersetzt werden.

Eine üppige Flora umgiebt den andern Thurm. Waldmeister und Erdbeeren blühten unter den Büschen um die Wette, so dicht, als ob sie künstlich gesät wären, und dazu gesellte sich das wuchernde, dunkle Blattwerk des Immergrüns. Seltene Schmetterlinge umgaukelten munter die Blüthen des stillen Waldes, während oben in den Lüften Wespenbussard und Hühnerhabicht ruhig ihre Kreise zogen. Ich pflückte mir an dem Thurme der alten Riesenburg eine Hand voll Waldmeister zur Maibowle, die mir später nach vortrefflicher Bewirthung bei Herrn Stettner so ausgezeichnet mundete, wie noch nie eine.

Der Abend war eingebrochen, der Wald dunkelte und die Sterne leuchteten am tiefblauen Himmelszelt.

„Nun, erzählen, Sie zu Hause, wie Ihnen Burg Nideck gefallen,“ rief mir, die Hände schüttelnd, der Wirth beim Abschied zu.

„Ja wohl,“ entgegnete ich, „das werde ich thun und die Zeichnung sollen auch viele Tausende sehen!“

Der Wald war ruhig, das Mondlicht glänzte nur zuweilen zwischen den hohen Stämmen und „es flüsterte, wie in Träumen, die mondbeglänzte Nacht.“ Ich dachte an keine Gefahr, obgleich wir stundenlang durch den Wald fuhren und weit und breit kein Haus zu sehen war. Mein Revolver schlief während der ganzen Rückfahrt ruhig in der Tasche weiter.

Unter allen Partien des Elsaß bleibt diejenige nach Burg Nideck eine der interessantesten. Wird das Reisen in den neudeutschen Provinzen gemüthlicher geworden sein und der Bewohner nicht mehr so zähneknirschend uns ansehen, so werden auch die Gäste zahlreicher herüberkommen und dadurch den neuen Landsleuten in den einsamen Thälern mehr Geld zu verdienen geben, als dies die Franzosen gethan, welche sich bisher wenig genug um das schöne, malerische Elsaß und Lothringen gekümmert haben.
Robert Aßmus.