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Titel: Wie eine Frau ihren Mann erzog
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 256
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[256] Wie eine Frau ihren Mann erzog. Die Leidenschaft des Trunkes war im siebzehnten Jahrhundert und weit über die Mitte des achtzehnten noch hinaus sehr ausgebreitet. England blieb darin nicht zurück, ja es übertraf noch in nicht seltenen Fällen den Continent, der schon sein Möglichstes leistete. Eine Geschichte der Trinkgelage ist zum größten Theil eine Geschichte der Höfe. Die Frauen waren dabei in übler Stellung, sie litten unsäglich unter dem herrschenden Laster, das den Mann zum wilden Thier erniedrigte, in dessen Hand Alles zur Waffe wurde, und über dessen Zunge die heftigsten Verwünschungen und Beleidigungen kamen, die durch keine Sühne wieder gut zu machen waren. Hier nur ein Beispiel, wie sich eine kluge Frau in einem solchen Falle zu benehmen wußte.

Lord Hair[WS 1], 1673 zu Edinburg geboren, stammte aus der Familie John Dalrymple’s, Viscounts und ersten Earls of Hair, den Wilhelm III. zum Lord-Advocat von Schottland machte. – Lord Hair machte unter Marlborough den spanischen Erbfolgekrieg mit, zeichnete sich bei Oudenarde aus und war der Erste, der die Nachricht des Sieges nach England brachte. 1709 wurde er als Gesandter nach Dresden geschickt, von wo er bei Marlborough’s Sturze zurückberufen wurde. Georg I. ernannte ihn zum Oberbefehlshaber der schottischen Truppen und dann zum Gesandten in Paris. 1730 wurde er Großadmiral von Schottland. Alle diese Ehren hinderten den edlen Lord nicht, daß er bis zu der Katastrophe, von der wir soeben berichten wollen, der Leidenschaft des Trunkes in einem Grade ergeben war, die Alles übertraf, was in diesem Fache bei seinen Landsleuten geleistet wurde. Lady Eleanor Campbell, Tochter des Earl von London[WS 2], war seine Auserkohrene, und zwar hatte er sich in ihren Besitz auf eine etwas eigenthümliche und nicht sehr zu empfehlende Weise gesetzt. Da die schöne Dame sehr wenig Neigung für ihn empfand, und ihm schon ein paar Mal einen Korb gegeben hatte, ging seine Lordschaft darauf aus, die Schöne zu zwingen. Er stahl sich demnach in ein Zimmer ihrer Garderobe, dessen Fenster auf eine belebte Straße Edinburgs führte, und hier, ohne daß die Lady eine Ahnung davon hatte, zeigte er sich am frühen Morgen halbangekleidet am Fenster. Der Ruf der Dame war vernichtet, und wollte sie sich rehabilitiren, so mußte sie, wohl oder übel, dem frechen Manne ihre Hand reichen. So kam die Ehe zu Stande, die bei alledem eine glückliche war, denn Lady Eleanor liebte den Mann, den sie anfangs geflohen, und sie entdeckte gute Eigenschaften an ihm, die sie nicht gesucht; namentlich sprachen sein Muth, seine Ehrenhaftigkeit und seine männliche Energie, die ihm nie erlaubte, ein gegebenes Wort zu brechen, zu seinen Gunsten. Nur einen unvertilgbaren Makel fand sie, und dieser war der Trunk. Lord Hair berauschte sich bis zur Sinnlosigkeit. Lady Eleanor hatte, wenn er sich in solchem gefährlichen Zustande befand, die herkulische Kraft seiner Fäuste mehr als einmal auf ihren zarten Schultern gefühlt, und sie nahm sich fest vor, diesem bösen Spiele ein Ende zu machen. Eines Abends hatte seine Lordschaft der Flasche wiederum über alle Gebühr zugesprochen und er ging in die Gemächer seiner Frau und versetzte ihr einen Faustschlag in’s Gesicht mit solcher Kraft, daß das Blut über Stirn und Wangen sich ergoß und selbst Hals und Busen färbte. Als er diese Heldenthat vollführt, legte er sich zu Bette. Aber Lady Eleanor blieb die ganze Nacht über sitzen, und am andern Tage in der Frühe, als der Trunkenbold ausgeschlafen hatte, trat sie ihm entgegen, ein Schreckbild, ganz in Blut getaucht, und kaum aus den Augen sehend. Der Anblick wirkte wie das Haupt der Medusa, versteinernd auf den Armen, der sich gewöhnlich nur dunkel der Vorgänge des Abends besinnen konnte, jetzt aber in furchtbarer Deutlichkeit sein Werk vor sich sah. Er that das Gelübde, wie Einer, der vor sich selbst einen Abscheu gefaßt, nie wieder einen Tropfen Wein über seine Zunge gleiten zu lassen, außer seine Frau selbst fülle ihm den Becher. Lady Eleanor hatte gesiegt: daß er den Schwur halten würde, das wußte sie. Jetzt ging sie und wusch sich rein. Später, bei allen Gelagen, die er mitfeierte, trank Lord Hair nur das Quantum an geistigen Getränken, das ihm seine Frau zumaß, und er war hierin so gewissenhaft, daß bei den Trinkgelagen, die die Männer nach alter Sitte in England beginnen, wenn die Frauen sich vom Tische erhoben und entfernt haben, er jedesmal die Lady bat, ehe sie sich entfernte, ihm das Maß zu bestimmen, das sie ihm zu trinken erlaube. So that der Großadmiral und Oberbefehlshaber Schottlands!


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gemeint ist hier wie folgend statt Hair der Earl of Stair. Siehe Wikipedia: John Dalrymple, 2. Earl of Stair
  2. Gemeint ist der Earl of Loudoun, siehe Wikipedia