Wie der Tod in die Welt kam

Textdaten
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Autor: W. W.
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Titel: Wie der Tod in die Welt kam
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[383] Wie der Tod in die Welt kam. Bekanntlich geht in der ganzen Welt das Gerede, daß in früherer Zeit die Menschen gar nicht starben oder doch unverhältnißmäßig viel älter wurden als jetzt. Wie aber das Leben gar so kurz geworden sei, darüber ist man verschiedener Ansicht.

Die Zulukaffern erzählen: nachdem die Menschen geschaffen waren, gefielen sie dem großen Gott Umukunkulu, und er schickte das Chamäleon zu ihnen mit der Nachricht, daß sie niemals sterben sollten. Als dies bekannt wurde, so war große Freude auf Erden. Die Menschen betranken sich bei Tag und bei Nacht und thaten, was ihnen nur in den Sinn kam. Da merkte der Gott Umukunkulu, daß er einen faux pas gemacht hatte. Er schickte nun die Eidechse herunter, und – weil es für den Umukunkulu als Gott nicht passend gewesen wäre, sein Wort zu brechen – so mußte die Eidechse den Kaffern erzählen, das Chamäleon habe gelogen. Als die Kaffern solches erfuhren, ergrimmten sie sehr über das Chamäleon und machten Jagd, um es umzubringen. Das Chamäleon aber entsetzte sich dermaßen, daß es ganz weiß wurde vor Schrecken, und da es zuvor braun gewesen war, so erkannten’s die Kaffern nun nicht mehr, und es entging der Verfolgung. Seit dieser Zeit ist bei den Menschen der Tod und beim Chamäleon der Farbenwechsel üblich geworden.

In Amerika unter den Indianern geht die Sage, den ersten Menschen seien die Krankheiten ganz und gar unbekannt gewesen. Deshalb lebten auch die Menschen viel länger als heutzutage. Sie starben erst, wenn sie sich die Beine abgelaufen und den Schlund abgeschluckt hatten. Da konnte Einer viel auf den Füßen sein und manchen käftigen Zug thun und lebte doch seine zweitausend Jahre.

Daß die Weiber, neben vielen andern Calamitäten, auch den Tod in die Welt gebracht haben, das wird fast überall berichtet. Die Caraiben in Südamerika sagen, der Gott Kururuman, der die Welt schuf, habe anfänglich nur Männer zuwege gebracht. Diese lebten einig unter einander, waren guter Dinge und wußten nichts von Krankheit und Tod. Aber das Weib des Kururuman, die Göttin Kulimina, ärgerte sich, daß das schöne Geschlecht nicht auch auf der Erde vertreten sei. Sie ging also hin und machte Weiber. Als nun die Weiber auf der Erde erschienen, verwunderten sich die Männer sehr. „Welch’ niedliche Thierchen das sind,“ sagten sie, „sie sehen beinahe wie wir aus!“ und die Männer und Weiber fingen an, mit einander ein lustiges Leben zu führen. Aber es hielt nicht lange vor. Bald stifteten die Weiber Zwietracht. Es gab Eifersucht und Streit nachher auch Mord und Diebstahl. Und der Gott Kururuman ärgerte sich [384] über den Unfug, und er führte zur Strafe von nun an das Sterben in die Welt ein.

Ein wenig anders ist es bei den Grönländern gewesen. Der erste Mann, erzählt die grönländische Sage, hieß Kaliak und war ganz allein auf der Erde. Ihm ging’s gut, denn Fische und Seehunde hatte er vollauf zu essen, und Thran konnte er trinken nach Herzenslust. Er lebte auch viele tausend Jahre. Aber endlich bekam er Langeweile. Als er wieder im Winter, wo die Nacht vier Monate dauert, in seiner Höhle saß, sah er wehmüthig seinen Daumen an. „O Daumen,“ sagte er, „Du liebster von allen Fingern, ein Stück von Dir gäb’ ich darum, wenn ich nicht mehr allein in der Welt wäre!“ Kaum gesagt, so fing der Daumen an zu wachsen. Zuerst kam ein Kopf mit zwei niedlichen Aeuglein aus ihm hervor, dann sproßten auch zwei kleine Arme und Beine nach, und als das Ganze fertig war, da war es ein Mädchen so fein und zierlich, wie sich’s ein Grönländer nur wünschen mag. Seit der Zeit ist der Daumen um ein Glied kürzer als die andern Finger geblieben. Der Mann aber kroch jetzt zur Winterszeit gern in seine Höhle und langweilte sich nicht mehr. Als vollends das Weib anfing Kinder in die Welt zu setzen, da hatte der Mann eine große Freude. Die Freude aber dauerte nicht lang. Denn die Kinder zeigten einen recht gesunden Appetit, und jedesmal, wenn der Alte Hunger bekam, war die Schüssel schon leer gegessen. Der arme Kaliak wurde nun so mager wie ein Häring und versank in trübselige Gedanken. Das Weib aber sah ein, daß die Sachen so nicht fortgehen konnten. „Höre, Alterchen,“ sagte es, „mit uns ist’s aus. Die Kinder nehmen überhand, und es ist Zeit, daß wir ihnen Platz machen. Wir wollen jetzt einmal sterben!“ Da hatte denn der Mann auch nichts dagegen, und sie legten sich hin und starben. So ist nach der Sage der Grönländer der Tod in die Welt gekommen.

W. W.