Westphälische Erinnerungen

Textdaten
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Autor: Heinrich König
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Titel: Westphälische Erinnerungen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 659–661
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[659]
Westphälische Erinnerungen.
Mitgetheilt von Heinrich König.

Es dürfte nichts schaden, dann und wann wieder an jene Zeit zu erinnern, in der Deutschland durch Selbstvergessenheit schwach und in die tiefste Schmach fremder Unterjochung gesunken war. Innere Feinde bedrohen jetzt jenes stolze Selbstbewußtsein, durch welches wir uns erhoben und gerettet haben. Aus politischer Uneinigkeit, die der deutschen Verfassung und leider auch dem deutschen Charakter so nahe liegt, waren wir einer fremden Macht verfallen; doch unter diesem Drucke, ja durch ihn befördert, nahmen die geistigen Kräfte unserer Nation ihren schönsten und mächtigsten Aufschwung. Wir verstanden und erkannten uns von innen heraus durch Sprache, Poesie, Wissenschaft, freie Forschung und höhere Ueberzeugungen, und mit dieser einigenden Macht warfen wir den fremden Druck ab, und entzogen uns dem fremden Einflusse. Und bei dieser Macht müssen wir uns aufrecht halten gegen Alles, was die Seele der Nation verwirren, unsere geistige Einheit entzweien könnte oder möchte. Aus politischer Entzweiung konnten wir zu geistiger Einheit, — aus geistiger Entzweiung aber würden wir nie zu politischer Einheit gelangen.

Diese Betrachtung, die sich hier nicht weiter ausführen läßt, brachte in ihrem Ausgangspunkte den Verfasser auf jene Erinnerungen an die westphälische Zeit zurück, auf jene Mitteilungen, die er während eines Sommeraufenthaltes in Kassel gesammelt hatte. Manches davon ist durch poetische Umwandlung in Fleisch und Blut seines Romans: „König Jerome’s Carneval“ übergegangen, Vieles ist nicht verwendet worden, und so dürfte das Ganze für viele Leser der Gartenlaube, die mit Liebe an der Geschichte unseres schönen Vaterlandes hängen, nicht ganz uninteressant sein.

Ehe wir auf die Schilderung einzelner Zustände und Persönlichkeiten eingehen, müssen wir, um dieselben richtig würdigen zu können, vor Allem einen Blick auf das Land werfen, und die Leistungen ermessen, die demselben zugemuthet wurden.

Jerome bekam einen Staat zugemessen von noch nicht zwei Millionen Einwohnern, vom Kriege heimgesucht und von fortwährenden Truppendurchzügen gedrückt, mit einer Staatsschuld von mehr als 100 Millionen Franken belastet; die Gewerbthätigkeit gehemmt, die Fabriken nur mittelst Opfern von Seiten der Regierung aufrecht erhalten; — ein Land, dessen Geldquellen auf Getreide- und Wollenausfuhr neben einigem Durchgangshandel beruhten, — Erwerbszweige, die durch den Seekrieg so gut wie vernichtet waren.

Der junge Staat brachte schon von seiner Geburt eine große Schwäche mit, — neben der großen, durch Contributionen aus der Kriegszeit erwachsenen Landesschuld auch noch verminderte Domänen, da die Hälfte dieser Staatsgüter vom Kaiser Napoleon zu Belohnungen für seine Generale zurückbehalten war. Dennoch mußte aus dem neuen Königreiche alsbald eine bewaffnete Macht von zehntausend Mann Infanterie, zweitausend Mann Cavallerie und fünfhundert Mann Artillerie errichtet werden, und ein Armeecorps von 12,500 Mann Franzosen, als Garnison von Magdeburg, gekleidet und besoldet werden, wobei die Kriegscommissaire den Zuschnitt auf Kosten des deutschen Landes machten. Dies Land aber bildete zur Zeit noch die Verbindungslinie zwischen Frankreich und den von den Franzosen besetzten preußischen Festungen, dem Militairdepôt zu Danzig und dem Großherzogthume Warschau, so daß Durchmärsche, Einquartierung, Vorspann u. dgl. fast nie aufhörten.

Dies war das Glück eines Landes, das doch der Fremdherrschaft befreundet, dessen Regent mit dem großen Despoten verbrüdert war. Und während die Abgaben, die zur Bestreitung solcher Lasten oft mit aller Härte beigetrieben wurden, das Land physisch erschöpften, konnte der Gebrauch, den Jerome von seinem Antheil des Aufkommens machte, nicht anders als verderblich auf die Sittlichkeit und auf die Zufriedenheit des Volkes zurückwirken.

Der König bezog zur Unterhaltung seiner Familie und seines Hofes eine jährliche Civilrente von fünf Millionen Franken, die später, beim Zuwachs einiger hannoverscher Länder, auf sechs Millionen erhöht wurde. Mehrmals zog aber auch dieser Kronschatz noch Capitale und Grundstücke an sich, die dem Staate gehörten, und Jerome verwies wohl auch Forderungen an seine Person auf die Staatscasse. So hatte er, um in Frankreich sich von seinen Schulden zu lösen und als König in seinem Westphalen zu erscheinen, zwei Millionen geborgt, die er nun aus der Staatscasse zurückzahlen ließ.

Ein unangemessener Prunk und Aufwand des Hofes, so angenehm er den Residenzbewohnern in die Augen und in die Taschen fiel, gab doch im Lande vielfaches Aergerniß. Er beleuchtete die Noth des Volkes, steigerte den heimischen Adel in seinen Ausgaben, und enthüllte die fremde Sittenlosigkeit im Lichtglanze des Thrones.

Jerome, unter der gebieterischen Gewalt des kaiserlichen Bruders in seiner Macht beschränkt, suchte sich durch den Glanz und Genuß einer ihm über Nacht zugefallenen Krone zu entschädigen, wie es eigentlich auch seiner sinnlichen Jugend und leichtfertigen Bildung mehr zusagte. Lustige Gesellen seiner ausgelassenen Jahre und reizende Damen des Hofes standen zunächst in dem vergoldeten Glanze, — Männer von untergeordneter Herkunft, die er durch Hof- und Staatsämter erhöhte, uns Frauen des besten deutschen Adels, die er durch seine Zumuthungen erniedrigte. Jene, vielleicht, wie er selbst, mit erborgtem Reisegelde gekommen, ließen sich große Gehalte gefallen; diese gefielen sich in seiner verschwenderischen Galanterie.

Jerome war im December 1807 auf Wilhelmshöhe bei Kassel eingetroffen, und beging sein erstes königliches Christfest mit Schenkungen und Rangverleihungen aus der reichen, der Krone heimgefallenen Hinterlassenschaft einer kürzlich ausgestorbenen Adelsfamilie.

Alexander Le Camüs, angeblich Pflanzer von der Insel Martinique, wo ihn Jerome auf einer Expedition kennen gelernt hatte, erhielt die Dotation des Gutes Fürstenstein mit dem Grafentitel. Ein stattlicher Mann, mehr gravitätisch, als leicht und vornehm in seinen Manieren, etwas gesucht in seinen Redensarten, aber beschränkten Geistes, wurde Oberkammerherr und Minister des Auswärtigen.

Ein von derselben Expedition zur See mitgebrachter Schiffslieutenant, Namens Salha, wurde zum Grafen von Höne befördert, Pagengouverneur, Großhofmeister der Königin und Kriegsminister, blieb aber etwas unbehülflich in diesen wechselnden Stellungen und zuweilen etwas matrosenhaft im Benehmen.

Gegen diese und andere Lieblinge Jerome’s wurden die Deutschen keineswegs zurückgesetzt. Im Gegentheil, sie waren um ihrer Kenntnisse willen im höheren Staatsdienste gar nicht zu entbehren, und für die Hofämter blieben Männer und Frauen von altem Adel höchst erwünscht. Sie verliehen dem neuen Hof ein altes Ansehen, und waren gut genug, den Emporkömmling hervorzuheben. Edelsteine geben auch einer Krone von unechtem Golde, bis sie etwa verkauft wird, einen scheinbaren Werth. Nur zu den recht lustigen Gelagen, wenn der König wieder einmal der alte ausgelassene Jerome sein wollte, wurden die französischen Günstlinge vertraulicher gefunden. Doch nennt man auch einen deutschen Grafen von fürstlichem Namen, den er als die Krone der Zechgesellschaften bezeichnet. Der Spaßmacher dabei war aber ein Franzose — Duchambon, Schatzmeister der Civilliste, ein Mann bei Jahren, früher emigrirter Ludwigsritter, eine groteske Figur mit rother Nase, die er sich angetrunken hatte, und die ihm Abends als Leuchtkäfer diente, wenn er in den unsaubern Gäßchen der Altstadt sich eine Geliebte suchte. Die Flasche verschaffte ihm den Karfunkel, mit dem sich ein „Schatz" heben ließ.

Die Hofdamen waren von anerkanntem Adel, wie es die Rücksicht für die Königin aus altfürstlichem Hause erforderte. Wir nennen nur die Gräfin Bocholz, eine Thusnelde aus den westphälischen Wäldern, nicht mehr die jüngste, aber noch immer von kraftvoller und majestätischer Anmuth; die Gräfin Pappenheim, mit einem Kalmückennäschen in reizendem Gesicht, Sylphide von Geist und Anmuth; die Gräfin Obenegg, die mit edelm Ausdruck von Leidenschaft und Treue an Heloise erinnerte, die ihren Abälard sucht; die Gräfin Truchseß-Waldburg, auch nicht mehr ganz jung und etwas stolz, liebenswürdig und geistreich, mehr hübsch als schön, mehr ehrgeizig als hingebend, machte sich durch Einmischung in die Staatsgeschäfte dem König unbequem, und ward bei Gelegenheit eines Neigungswechsels desselben auf Betrieb der französischen Partei, wie ihr Freund Bülow, verbannt.

Nur eine Bürgerliche von Herkunft unter diesen Damen that sich dafür durch ihre Schönheit hervor.

[660] Als nämlich Jerome nach seiner erwähnten Expedition zur See aus Baltimore, wohin er vor den Engländern geflüchtet war, zurückgekehrt, seine dort genommene Frau, Elisabeth, Tochter des Großhändlers Patterson, auf des Kaisers Befehl aufgegeben hatte, erhielt er den Auftrag, die in Algier gefangenen Genuesen vom Dey zurückzufordern. Es gelang, und er brachte 250 solcher Unglücklichen nach Genua. Hier, von dem Schimmer eines vorübergehenden Heldenthums umstrahlt, lernte er die schöne Frau seines Gastwirthes La Flêche kennen, eines Kaufmannssohnes aus Marseille, — Bianca, eine geborne Carrega, groß und stark von Gestalt, Kopf und Gesichtsbildung einer griechischen Antike, mir dem blendenden Teint einer Creolin. Nach zwei Jahren, als Jerome König von Westphalen geworden war, zog La Flêche mit der Frau nach Kassel über. Er mochte als Kaufmann schlechte Geschäfte gemacht haben und versuchen wollen, mit seiner schönen Frau bessere zu machen. Wenigstens wird erzählt, daß er zum Staatsrath und Intendanten der Civilliste mit dem Rang eines Barons von Keudelstein ernannt, so unbesonnen ausgezahlt, als früher ausgegeben habe. Es fehlten ihm endlich 100,000 Franken in der Casse, und seine liebenswürdige Bianca mußte in den Riß treten, und den König dahin bringen, daß er die Kleinigkeit übersah. So hatte die herrliche Frau in manche harte Nuß zu beißen. Wie schwer muß es ihr schon geworden sein, mit ihrer bezaubernden Stimme, mit der sie einst sich Bianca Carrega genannt hatte, jetzt ihren Namen und Rang als — Baronin von Keudelstein auszusprechen!

Wenn es nun auch wahr wäre, daß Jerome schöne Blumen nicht nur gern gesehen, sondern auch gern berochen habe: so dürfen wir darum doch nicht Alles glauben, was die Lästerchronik von der schmählichen Hingebung deutscher Frauen, selbst des ersten Adels, erzählt. Sie sahen freilich auch ihre Männer sich bücken und vergessen, und es war so verlockend, seiner persönlichen Würde nicht zu achten, um liebe Angehörige und theure Freunde zu befördern; es war so ’was Apartes, einen magern, blassen, etwas olivenfarbigen König zu lieben, der so reiche Geschenke machte, und so gern zu Gevatter stand. Wir wollen daher auch nichts von den oft so pikanten Liebes-Intriguen, von so manchem köstlichen Quidproquo berichten. Nein, wir wollen lieber zu den 50 echten Shawls greifen, die Jerome auf einmal von Paris zu Geschenken, im Werth von 12 bis 1500 Franken den Shawl, kommen ließ, und wollen, so viele dazu nöthig sind, über die entblößten Schultern dieser Comtessen, Baronessen und Demoisellen werfen, die eben manchmal so schwach waren, sich lieber zu putzen, als zu schämen.

Doch es gab noch stärkere Unterschiede der Auszeichnung. Jerome liebte es nämlich, sein Bild, mit Diamanten besetzt, einzelnen Frauen zu verschenken, die es dann auf der linken Brust trugen, wahrscheinlich als ein Aushängeschild, als ein Bekenntniß des Herzens. Noch höher aber stand ein ausdrücklich für Frauen gestifteter Orden mit dem Sinnbilde zweier überkreuzliegender Schwerter, ebenfalls mit Diamanten besetzt, — eine Auszeichnung, wie es scheint, der Tapferkeit im Kampfe der Liebe. Zwei Schwerter überkreuz deuten auf „pariren“, was bekanntlich nicht blos „einen Angriff abwenden“, sondern auch „gehorchen“ „sich fügen“ ausdrückt. Nebenher wurden auch bloße Schmucksachen von verschiedenem Werthe verschenkt. So weiß man von dem Diamantenschmuck, den eine Gräfin erhielt, und der auf 16,000 Francs geschätzt wurde.

Der Shawls und Diamanten wird denn auch ausdrücklich in einem französischen Spottgedichte gedacht, das nach der Schlacht von Leipzig, bei Jerome’s Flucht, auskam und nach der Melodie: Bon voyage, Monsieur Dumolé gesungen werden konnte. Darin sangen die französischen Palastdamen:

Partons, partons en dilligence,
Sauvons nos châles, nos diamants!
Jerôme se retire en France.

zu deutsch:

Fort, fort mit Post und guten Rappen!
Packt ein die Shawls und Diamanten,
Denn Jerome macht sich aus den Lappen!

Bei so vieler Aufmerksamkeit für liebenswürdige Damen versäumte jedoch Jerome durchaus nichts von liebender Aufmerksamkeit für die Königin. Nur eine wunderliche Artigkeit könnte befremden. Es war nämlich eine Liebhaberei von ihm, seiner geliebten Trinette, wie er Katharina gern nannte, die Nägel der Finger zu beschneiden. Die Königin, zu vornehm von Herkunft, zu unbefangen von Gemüth, lächelte dazu, ohne einen Argwohn gegen diese seltsame Zärtlichkeit zu fassen. Ohne Zweifel war es aber eine Angewöhnung Jerome’s aus früheren Liebschaften, wo er es aus Vorsicht räthlich gefunden hatte, einer Geliebten in günstiger Stunde — voraus für Augenblicke der Eifersucht — die Nägel zu stutzen.

Jerome’s lustige Verschwendung beschränkte sich aber keineswegs auf persönliche Genußsucht; sondern sie erwies sich prunkhaft und mittheilsam. Wir übergehen das Theater der Residenz, auf welchem freilich einige frühere Theaterbekanntschaften, wie Clara Lacome, Adele Louis und andere ihm selbst näher, als dem Publicum standen; so daß sie von der Bühne in seine Loge steigen konnten, um im leichten Costüme ihrer Rollen seinen hohen Beifall persönlich zu empfangen. Aber einen rechten Spielraum für seine prunkende, mittheilende Lustigkeit fand er an den Hofmaskenbällen.

Wohl tausend Billets für Damen und Herrn wurden vom Großmarschall des Palastes, Meyronet, Grafen von Wellingerode, in des Königs Namen zwar ohne Unterschied des Ranges ausgegeben, jedoch bei der Auffahrt um 7 Uhr Abends wiederholt controlirt, — hier am Eingang in das Schloß und beim Betreten der drei großen Säle. Der König und die Königin eröffneten jedesmal den Ball mit einer Française. Dann stahl sich Jerome in seine Gemächer, und kehrte in wechselnden Maskenanzügen zurück. Von seinen Cavalieren ließ er sich diejenigen jungen Damen zeigen, die etwas französisch sprachen, und sobald er Einiges von ihren Familienverhältnissen wußte, ging er darauf aus, sie zu necken und sich zu unterhalten.

Um zwei Uhr nach Mitternacht wurde im großen Speisesaal an doppelten Hufeisentafeln zu Nacht gespeist. Frugal konnte man nicht sagen; denn es herrschte der größte Aufwand, und die Gäste benahmen sich mit aller Maskenfreiheit im Zugreisen. Es kam vor, daß französische und deutsche Herren den Champagner in Dutzend Flaschen verlangten, und sie wurden auf’s Artigste bedient. Aber über alle Gebühr hinaus ging doch einmal eine große Maske in elegantestem Domino. Sie trat an das Büffet, besah sich die aufzutragenden Speisen, ergriff dann rasch eine Serviette, deckte sie über eine kostbare Auerhahnspastete, und eilte mit dem Raub unterm Domino der Thüre zu. Hier von einem Lakaien angehalten, gab sich ein Herr zu erkennen, der an seinem eignen Tische wie oft eine solche Pastete hätte haben können. Auch hatte der Diener soviel Respect vor ihm, daß er ihn mit den Worten ziehen ließ: „Dürfte ich mir nur die Serviette zurück erbitten?"

Einmal an einem kleineren solchen Abende stand in einem der Säle eine Bude aufgeschlagen, und erregte verwunderte Neugier. Sobald die Gäste beisammen waren, erschienen, als Handelsleute maskirt, der König und die Königin. Die Bude wurde geöffnet, und ein Reichthum von Schmucksachen, Uhren, Dosen, Ringen und Ketten war ausgelegt. Während man staunte, was damit werden sollte, trat ein Minister hinzu, handelte um eine goldene Repetiruhr, aber mit der Entschuldigung, daß er eben kein Geld bei sich habe. Die Königin übergab ihm sehr freundlich die Uhr, und der König trug den Preis in ein großes Contobuch. Jetzt begriff man das Geschäft, und es läßt sich denken, daß die Sachen reißend Abgang fanden.

Die Hofdame Frau von Schele aus Hannover, die bei jedem Anlasse sich gern mit Stellen aus deutschen Dichtern hören ließ, brachte sehr glücklich aus Schillers Lied „An die Freude“ den pathetischen Vers an:

„Unser Schuldbuch sei vernichtet!“

Mancher, der nicht das Kostbarste erwischt hatte, mag dagegen vertraulich gespottet haben, — wie gut sich doch Jerome in einer Bude ausnehme.

Es war nämlich die Meinung verbreitet, Jerome habe während seines Aufenthaltes in Baltimore bei seinem Schwiegervater als Commis gestanden. Ohne Zweifel eine schalkhafte Erfindung! Denn Jerome war als französischer Flottencapitain nach Martinique gesegelt und als solcher, auf seiner Flucht vor den Engländern, nach Baltimore gekommen. Ob er sich hier bei seiner Bewerbung um Miß Elisabeth Patterson auch ein wenig in Handelsangelegenheiten gemischt habe, steht dahin.

Es konnte nicht fehlen, daß solch ein üppiges, verschwenderisches Hofleben, ob günstig oder mit Mißbilligung angesehen, gerade in Kassel besonders stark in die Augen fiel, weil es auf dunklem Hintergrunde des früheren Hofhaltes doppelt glänzend erschien, und von [661] der trüben, gedrückten Atmosphäre der kriegerischen Zeit umgeben war. Man hatte sich unter dem entflohenen Kurfürsten entwönt, den geringsten fürstlichen Aufwand zu erleben, und nicht der eingefleischteste Hesse hätte sich einmal träumen lassen, fürstlich beschenkt zu werden. Nur die ältere Generation erinnerte sich noch des prunkhaften Hoflebens unter dem Landgrafen Friedrich, dem katholisch gewordenen Vater des jetzt vertriebenen Herrn. Aber auch gleich nach Friedrichs Begräbniß hatte der sparsame Sohn allen heitern Aufwand entfernt, ja, man konnte sagen, verschworen. Von den ehemals strahlenden Kronleuchtern wurden die Wachskerzen jetzt einzeln, in zwei getrennten Wohnungen, der Kurfürstin und des Kurfürsten, verbrannt. Im Bellevue-Palais des Regierenden wurde ein einfaches, zurückgezogenes Privatleben geführt. Selbst der Kurhut, der vor etlichen Jahren sehr vergnügt mit so viel Pomp in Empfang genommen worden, zeigte der Residenz und dem Lande jetzt nur seinen dunklen Filz. Unter ihm war die Dienerschsft gering und oft knauserig bezahlt gewesen, die Handwerker und Händler mithin an ärmliche Beamte gewiesen. Es läßt sich denken, auf welche Sparsamkeit das Residenzleben eingerichtet war, und wie genügsam der Staatsdiener, dessen arbeitsamer Tag regelmäßig hinter einem Teller saurer Milch unterging, seine häuslichen Feste ordnete.

In solche Häuslichkeit und Genügsamkeit hinein blendete nun der üppige französische Hof. Glanz und Genuß wirkten aufregend und verlockend; die alte anspruchlose Gemüthlichkeit zog sich allmählich zurück, und ließ ein Pariser Restaurationsleben mehr und mehr um sich greifen. Zunächst nöthigte der prachtliebende Hof die ihn umgebenden höheren Kreise der Gesellschaft zu einem entsprechenden Aufwande. Die einreißende Genußsucht steigerte den lebhaftesten Ehrgeiz; nicht jenen Ehrgeiz, der in einem schwungvollen, freien Staatsleben seine Befriedigung sucht: solche Bahnen gab es hier nicht; sondern es war jener gemeine Wetteifer, bei spärlichen Hülfsquellen eignen Besitzthums in der königlichen Huld, durch ergiebige Aemter, die Mittel des Aufwandes zu gewinnen, den der Mitgenuß eines prunksüchtigen Hoflebens erforderte. Die Einen ängstigten sich um ihre Existenz, die Andern strebten nach Beförderung. Es war jener Ehrgeiz, der den Charakter erniedrigt, indem er den Menschen dahin bringt, durch Sitten- und Gesinnungslosigkeit zu Gunst und Einfluß zu kommen.

Die prunkende Genußsucht des Hofes breitete ihre Verlockung immer weiter aus, bis in die untern Classen der Residenz. Dem Volke nämlich wurden Abfälle des Freudenlebens gegönnt. Familienfeste des Königs setzten, durch Jerome’s Freigebigkeit, an öffentlichen Orten lustige Volksfeste ab. Und daß außerdem Gaukler aller Art, Menageriebesitzer, Kunstreiter, Raritätenführer, Possenreißer einer so fröhlichen Residenz unaufhörlich zuströmten, läßt sich denken.

Zu den einheimischen Vergnügungen gehörten, neben dem glänzenden Theater, das mit Schauspiel, Oper und Ballet das ganze Jahr hindurch bestand, zur Zeit des Carneval die stark besuchten Maskenbälle im Theaterraum. Aber die Maskenlust hielt sich nicht immer innerhalb dieser Wände. Und so sah man eines Fastnachtdienstags eine wunderliche Maskerade von dort aus durch alle Straßen der Stadt ziehen.

Ein großer Korbwagen, von Frauenspersonen gefahren, eröffnete den Zug von Verkleidungen aller Stände, die einen Hanswurst mit sich führten. Die Schauspieler, einen Riesen in ihrer Mitte, hatten den großen Decorationswagen eingenommen, und zogen in ihren tollen Vermummungen noch ein buntes Gefolge der lächerlichsten Figuren hinter sich her, — Schäferinnen in Reiterstiefeln, Soldaten in Unterröcken u. dergl. Hinter denselben her trieben maskirte Metzgergesellen einen aufgeputzten Fastnachtochsen. Diesem folgte die Leiche des selig entschlafenen Carneval, im Schlafrock auf offener Bahre, und dahinter ein Zug von maskirten Leidtragenden. Zwei Gensd’armen zu Pferde geleiteten den ganzen Aufzug.

Dieser machte Halt am Palaste des Königs und Jerome schenkte 40 Louisd’or und einen Freiball zum Vergnügen des Tages. Dann setzte die Maskerade ihre Besuche vor den Wohnungen der Minister und Großbeamten des Hofes fort, um auch hier — Trinkgelder einzutreiben.

Nach allem dem wagen wir es nicht, unsere Leser noch zu den Nachtpartien, den sogenannten parties fines, bei Hofe und eben so wenig zu den Orgien reicher Wüstlinge zu führen, wohin wir eben — wenn wir nicht irren, zum Banquier J. B. — mehrere leichtfertige Theatertänzerinnen in Mänteln gehen sehen. Auch eilen wir an der Wohnung der sogenannten schwedischen Gräfin in der obersten Gasse vorüber, — einer jungen Dame, deren Leichtfertigkeit sprüchwörtlich geworden. Eben so wenig wollen wir uns mit dem Räthsel befassen, wozu wohl die elegante Frau von Steinbach nach Kassel gekommen sei und welches Anliegen sie bei Hofe durchzusetzen beabsichtige.

Wir sehen ohnedies schon, der Zustand bereitet sich vor, den ein Zeitgenosse mit den energischen Worten schildert:

„Die Steuerpflichtigen zahlen nicht mehr, die Beamten erschlaffen, die Soldaten verlieren den Muth, die Minister schlafen ein, der König amüsirt sich, — die ganze Bescheerung geht zum Teufel!“

Und doch hatte diese glänzende Vorderseite noch etwas Bestechendes für Viele; es gab aber noch eine Rückseite, noch eine Nachtseite jener glänzenden Wirtschaft, die einen allgemeinen Unwillen erregte. Wir meinen die geheime Polizei.

(Ein zweiter Artikel: „die geheime Polizei“, später.)