Weshalb lacht man?

Textdaten
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Autor: J. K.
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Titel: Weshalb lacht man?
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 546
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[546] Weshalb lacht man? Es wird vielfach geglaubt, man lacht, weil man sich freut. Dies ist aber durchaus nicht der Fall, und der Irrthum in dieser Hinsicht vielleicht dadurch zu erklären, daß man allerdings beim Lachen ein Gefühl der Freude hat; dieses dürfte aber eher eine Folge des Lachens als dessen Ursache sein. Man freut sich, weil man Grund zum Lachen hat; der Grund des Lachens selbst liegt aber in dem Gegensatze zwischen unserer Vorstellung von einem Ereignisse und der Wahrnehmung, die wir, wenn dasselbe wirklich eintritt, machen. Je größer dieser Gegensatz ist, je mehr Anregung haben wir zum Lachen. Der einfache Umstand, daß wir uns freuen, wird uns nie zum Lachen bringen. Es erhalte Jemand eine Geldsumme, von der vielleicht sehr viel für ihn abhängig ist; er wird sich dann sicherlich freuen, aber nicht über dies Ereigniß lachen. Daß traurige Menschen seltener und weniger leicht lachen, als frohe, liegt lediglich darin, daß das lebendige Spiel der geistigen Kräfte jener eben durch dasjenige, was den Grund ihrer Traurigkeit ausmacht, erheblich beeinträchtigt wird, während der freiere und ungebundene Geist des nicht Bekümmerten leichter im Stande und auch mehr geneigt ist, die sich ihm bietenden Contraste aufzufassen.

Bei dem bekannten Scherz, daß das eine von zwei sich streitenden Kindern, als jedes die Vorzüge seiner Eltern auf’s Höchste erschöpft hat, schließlich noch ausruft: „Ja, mein Vater hat aber eine Hypothek auf seinem Grundstück, Deiner nicht!“ haben wir nicht die mindeste Veranlassung uns zu freuen; der Umstand aber, daß man eine Hypothek auf einem Grundstück für einen Vorzug hält, contrastirt so mit unserer Auffassung davon, daß wir lachen. Ja, bei einem Scherz, den in dieser Art die „Fliegenden Blätter“ im Jahr 1867 brachten, kann man beinahe wehmüthig, respective traurig gestimmt werden und wird doch lachen, denn hier sagte das siegende Kind schließlich: „Ja, morgen wird meine Großmutter begraben und Deine nicht!“ Wäre die Stärke und Häufigkeit des Lachens ein Beweis von häufiger und größerer Freude, so wäre nach dem Ausspruch von Jesus Sirach: „Ein Narr lacht überlaut, ein Weiser lächelt ein wenig,“ der Narr bei weitem häufiger erfreut, also – wenigstens in gewissem Sinne – auch glücklicher als der Weise. Der Gesichtskreis des Narren aber ist ein so beschränkter, daß ihm oft schreiende Gegensätze zu seinen unreifen Vorstellungen auftreten, sodaß er sich durch sein überlautes (wohl auch häufiges) Lachen charakterisirt; während in den Gesichtskreis des weisen und erfahrenen Menschen die meisten Ereignisse, welche er wahrnimmt, hineinpassen, sodaß er also weniger und seltener lacht.
J. K.