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Titel: Was uns die Waldmenschen erzählen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 59–61
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Waldmenschen in München
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[59]
Was uns die Waldmenschen erzählen.


Gustav zu Putlitz hat ein hübsches Märchen erdacht, in welchem sich der Wald erzählt, wie es vordem auf der Erde hergegangen; so harmlos wie in jener Plauderei dürfte es, wenn die Waldmenschen zu erzählen anfangen, nicht abgehen. Ich fürchte, wir werden schreckliche Dinge zu hören bekommen, und will deshalb die weichgeschaffenen Seelen, und Solche, die etwas auf ihre Abstammung halten, im Voraus gewarnt haben. Die Naturspiele und sogenannten Monstra sind heutzutage nicht mehr, wie vor grauen Zeiten, in denen man sie als Drohzeichen des erzürnten Himmels betrachtete, der Gegenstand eines abergläubischen Schreckens, wenn auch, wie wir kürzlich in einer Zeitung lasen, hier und da ein in der Cultur zurückgebliebener Pastor sie wohl heute noch als Strafgerichte und Bußaufforderungen zu betrachten beliebt. Für den Laien ein Gegenstand neugierigen Staunens, können sie dem Forscher oft wichtigere Aufschlüsse über den Verlauf des Bildungsprocesses geben, als selbst die regelmäßig entwickelten Gestalten. Eine phänomenale Erscheinung dieser Art, die sogenannten russischen Waldmenschen Andrian Jeftichew, dessen Portrait wir heute bringen, und sein dreijähriger Sohn Fedor, haben an allen Orten, wo sie sich bisher öffentlich zur Schau stellten, nämlich in Petersburg, Berlin und Paris, an welchem letzteren Orte sie bis vor Kurzem weilten, das höchste Interesse, namentlich bei Aerzten und Naturforschern, hervorgerufen, da sie ganz und gar nichts mit den gewöhnlichen Fällen übermäßigen Behaartseins, z. B. der Frauen, die sich eines Bartes erfreuen, zu thun haben.

Die biographische Nachrichten aus dem Munde des „Directors“ der beiden Waldmenschen sind dürftig genug. Der jetzt fünfundfünfzigjährige Andrian soll von regelmäßig gebildeten Eltern, die im russischen Gouvernement Kostroma wohnhaft waren, abstammen. Da er zwei vollkommen regelmäßig gebildete Geschwister besaß, wurde seine abnorme Erscheinung im Volksmunde natürlicherweise von einem sogenannten Versehen der Mutter abgeleitet. Sie soll sich bei einem unglücklichen Falle ihres Mannes, der ihm alle Oberzähne kostete, und vor einem Pudel, der sie beißen wollte, dermaßen erschreckt haben, daß das Kind einen Pudelkopf und keine Oberzähne bekam. So weit ist die Sache also höchst einfach und natürlich. Von den Bewohnern seines Dorfes als Pudelhund behandelt, zog er sich in eine einsame Waldhöhle zurück und ertränkte seinen Weltschmerz in Branntwein. Durch das Versprechen, von diesem edeln Getränke so viel zu erhalten, wie er vertragen könne, ist er aus seiner Höhle hervorgelockt worden, und wird, dem Vernehmen nach, hauptsächlich mit Sauerkohl und Schnaps ernährt. Mit Ausnahme [60] der Lippen ist sein Gesicht vollständig mit langen, weichen, braun-schwärzlichen Haaren bedeckt; auch der übrige Körper ist stellenweise stark, obgleich nicht in demselben Grade, behaart. Der Kopf empfängt dadurch eine wirklich frappirende Aehnlichkeit mit dem eines schlichthaarigen Pudels oder Spitzes, ja, der Anblick würde noch wilder sein, da hier auch die Nase bis zur Spitze mit Haaren bedeckt ist, wenn nicht Augen und Mundbildung einen menschlichen Zug in ihre thierische Umrahmung zurückbrächten. Jedenfalls bleibt der Anblick für Jeden unvergeßlich. Das Merkwürdigste indessen ist, daß diese ungewöhnliche Behaarung mit einer unvollkommenen Gebißbildung vergesellschaftet ist. Andrian soll bis zu seinem siebenzehnten Jahre vollkommen zahnlos gewesen sein; seitdem hat er vier Schneidezähne im Unterkiefer erhalten, während der hartgaumige Oberkiefer bis auf einen linken Eckzahn gänzlich zahnlos geblieben ist.

Sein jetzt ungefähr dreijähriger Sohn Fedor scheint die meisten dieser Eigenthümlichkeiten geerbt zu haben. Sein hübsches kindliches Gesicht wird bereits durch zahlreiche Bäuschchen eines ungemein weichen, seidenglänzenden weißblonden Haares, welches über den Augen wohl Zolllänge erreicht hat, entstellt. Wie dem Vater, hängt auch ihm aus dem innern Ohre und den Nasenlöchern je ein Haarlöckchen hervor; das äußere Ohr ist wie bei einem Seidenhäschen lang behaart. Das Kind hat ebenfalls einen zahnlosen Oberkiefer, aber bereits vier Schneidezähne im Unterkiefer. Es scheint von einem ungemein munteren Temperamente zu sein und wendet sich auf den Armen des Wärters, der es bei den Vorstellungen durch den Zuschauerraum trägt, mit der Lebhaftigkeit eines Aeffchens hin und her, hastig nach den Zuckerdüten und Süßigkeiten greifend, welche ihm meist in reichlicher Menge geboten werden. Es küßt die Spender und stößt zuweilen einen hellen Freudenschrei aus, während der Vater, welcher nur Russisch versteht und spricht, bärbeißig hinterdrein schreitet und, wie man sagt, den Jungen um die Gunst des Publicums beneidet. Einigen Personen, die sich mit ihm in seiner Muttersprache unterhalten konnten, soll er sogar gesagt haben, es sei nicht sein Kind, man habe es ihm nur der Aehnlichkeit wegen beigegeben. Uebrigens wird er als ziemlich sanft und im Essen mäßig geschildert; er läßt seine Behaarung und seine Kiefer ohne eine Miene zu verziehen befühlen, obwohl er dabei von übermüthigen jungen Leuten zuweilen, wie ich selbst gesehen, derb an den Haaren gezogen wird.

Das Vorkommen solcher pudelköpfigen Familien scheint nicht so gar selten zu sein, wenn man die große Menge von Berichten überblickt, die von älteren Naturhistorikern und Reisenden über ähnliche Sehenswürdigkeiten gegeben wurden. Die Schriften der Alten sind voll von Erzählungen über europäische, indische und afrikanische Völkerschaften mit behaartem Gesicht und Körper, die sie Hundsköpfe oder gewöhnlicher Waldmenschen nennen. Es ist heute bei den meisten dieser, wie gesagt, sehr zahlreichen Berichte nicht mehr zu unterscheiden, in welchen Fällen etwa ähnliche Phänomene wie das beschriebene, in welchen Verwechselungen mit thierfellumhüllten Wilden, menschenähnlichen Affen, oder bloße Schiffersagen die Veranlassung zu diesen Sagen gegeben haben. Einige darunter lassen sich indessen ziemlich sicher auf entsprechende Abnormitäten zurückführen. Der gelehrte Dominicanermönch Vincentius von Beauvais erzählt, zu seiner Zeit (etwa 1260) habe sich ein Waldmensch am französischen Hofe aufgehalten, im Uebrigen gestaltet wie ein anderer Mensch, nur daß er einen Hundskopf und einen dicht behaarten Rücken gehabt habe. Aldrovandi, einer der Begründer der wissenschaftlichen Zoologie im sechszehnten Jahrhunderte, hat in seiner „Historia monstrorum“ Portraits und Bericht von einer von den canarischen Inseln stammenden Waldmenschenfamilie gegeben. Das Gesicht dieser Menschen war dicht behaart, ebenso der ganze Körper mit Ausnahme der Kehle, Brust, der Hände und Füße. Am stärksten behaart war auch hier der Rücken. Ueber die Beschaffenheit des Gebisses sagt er, oder wenigstens meine unmittelbare Quelle (Caspar Schott’s „Physica curiosa“) leider nichts. Im Jahre 1663 ließ sich wiederum eine Frau mit völlig behaartem Antlitze, Namens Barbara van Beck, in London öffentlich sehen.

Der für die Deutung dieser Abnormitäten neben den russischen Waldmenschen wichtigste Fall wurde indessen in neuerer Zeit bei einer siamesischen Familie beobachtet. John Crawford in seinem „Journal der englischen Gesandtschaft in Ava“[WS 1] erzählt, im Jahre 1829 am dortigen Hofe einen dreißigjährigen Mann gesehen zu haben, dessen Gesicht mit Ausnahme der Lippen, dafür aber bis in die Nasenlöcher und Ohrmuscheln hinein, dicht mit schlichtem silbergrauem Seidenhaare bedeckt war, welches an Wangen und Ohren acht Zoll, an Kinn und Nase etwa halb so lang war. Auch der übrige Körper war mit Ausnahme von Händen und Füßen mit dichtem Seidenhaare bedeckt, welches auf den Schultern eine Länge von fünf Zoll erreichte. Im Uebrigen war er von mittlerer Größe und zarter Körperconstitution; er besaß einen hellen Teint und braune Augen; das Merkwürdigste aber ist, daß dieser Mann, wie Andrian, keine Backzähne erhalten hatte, sondern nur je vier Schneidezähne im Ober- und Unterkiefer und einen Eckzahn im Unterkiefer. Alle diese Zähne waren überdem klein und erst im zwanzigsten Jahre hervorgetreten.

Der König hatte diesen Mann, welcher Schwe-Maon hieß und aus dem Canton Laos gebürtig war, im Alter von fünf Jahren von dem Cantonschef gesendet erhalten und, da er sich für diese Naturmerkwürdigkeit interessirte, den Werbungen des Waldmenschen um eine Frau Vorschub geleistet, um zu sehen, ob die Abnormität fortarten würde. Aus seiner Ehe entsprang ein Mädchen, Maphoon, welches, wie ehemals ihr Vater, mit innen und außen behaarten Ohren geboren wurde. Das Haar verbreitete sich wiederum über den ganzen Körper. Als Capitain Yule im Jahre 1855 diesen Hof besuchte, fand er das Mädchen erwachsen und ihr Antlitz gänzlich behaart, während auch sie nur vier Schneidezähne oben und unten bekommen hatte. Der regierende König hatte Sorge getragen, ihr einen Mann zu verschaffen, was in Ansehung ihres sehr fremdartigen Aussehens nur unter Aufwand einer bedeutenden Summe Geldes gelungen war. Aus dieser Ehe ward ein Knabe geboren, der, obgleich er bei Yule’s Anwesenheit erst vierzehn Monate alt war, schon einen Kinn- und Schnurrbart besaß. Auch die Ohren waren wiederum behaart. Ob er Zähne bekommen hat, weiß ich nicht. Vater und Tochter hatten außerdem andere normal gebildete Kinder.

Man entnimmt leicht aus dem Mitgetheilten, daß dieses Zusammentreffen eines übermäßigen Haarwuchses mit abnormer Zahnbildung in zwei wohlconstatirten Fällen und jedesmal durch mehrere Generationen hindurch doch schwerlich ein bloßer Zufall sein kann, und die Vermuthung des nähern Zusammenhanges der beiden Abnormitäten wird ferner auch durch das Beispiel der wegen ihres behaarten Gesichtes und ihrer abschreckenden Häßlichkeit auf ihren Kunstreisen viel bewunderten spanischen Tänzerin Julia Pastrana bestätigt, welche nach dem Berichte des Zahnarztes Dr. Purland mit einer unregelmäßigen doppelten Zahnreihe im Ober- und Unterkiefer versehen war, wodurch das affenartige Hervorspringen der Kieferpartie ihres Gesichtes bedingt war. Aus allen diesen einen tiefern Zusammenhang mit der Entwickelungsgeschichte bekundenden Abweichungen haben mehrere Naturforscher den Schluß gezogen, daß man es in diesen Fällen mit einer Art von Rückschlagbildung zu thun haben möchte, die uns in mancher Beziehung in der jetzt so vielfach verhandelten Frage nach der Abstammung des Menschen als Wegweiser dienen könne. Selbst der in diesen Fragen so höchst vorsichtige Forscher Professor Virchow in Berlin, welcher der sogenannten Vogt’schen Affen- und Mikrocephalentheorie immer einen entschiedenen Widerstand geleistet hat, empfing bei seiner Untersuchung der russischen Waldmenschen „den Eindruck eines bis zu den Löwenaffen und Affenpintschern zurückgehenden Atavismus“ und gesteht, daß man sich durch den Zahnmangel noch weiter rückwärts bis zu den sogenannten Edentaten (Zahnarmen) leiten lassen könne.

Was es mit jenem Rückschlagen, welches man nach der oft beobachteten Thatsache, daß Kinder zuweilen weniger Aehnlichkeit mit ihrem Vater als mit ihrem Großvater oder einem ihrer Urgroßväter (atavus) zeigen, Atavismus genannt, für Bewandtniß hat, und welche Schlüsse man aus ihm für die Abstammungslehre ziehen kann, wollen wir sogleich sehen. Wenn der geneigte Leser den vortrefflichen Aufsatz über die Abstammungslehre von Professor Bock (Nr. 43 und 44 des vorigen Jahrganges) nachschlagen will, so findet er dort auf Seite 713 eine Erläuterung der Lehre von der Ontogenie, die, namentlich in neuerer Zeit von Häckel entwickelt, ganz abgesehen von allen erdgeschichtlichen Theorien uns von der[WS 2] Entwickelungsgeschichte jedes organischen Wesens, den sichtbaren Beweis liefert, daß dasselbe aus niederen Vorstufen herausgebildet sein muß. Erinnern wir hier kurz an [61] die Hauptstufen der Entwickelung, welche die Anlage des höchsten Naturwesens, welches wir kennen, durchlaufen muß, um die ihm eigene vollkommene Gestalt zu erlangen.

Zuerst erscheint sie als ein kaum mit bloßem Auge wahrnehmbares Bläschen, welches durch kein Mittel der heutigen Wissenschaft von dem Keime irgend eines anderen höheren oder niederen Thieres zu unterscheiden ist. Dieses Bläschen theilt sich in zwei, diese in vier Zellen und so fort, bis die Anlage eines Wirbelthieres deutlich wird. Ob es aber ein Fisch, ein Frosch, ein Vogel oder ein Säugethier werden will, ist auf dieser Stufe nicht zu unterscheiden; der erste Anschein würde für einen Fisch sprechen, denn es sind vier Kiemenbogen in der Nähe des Halses und die deutliche Anlage einer Schwimmblase vorhanden. Aber die Kiemen bilden sich zurück und aus der Schwimmblase wird eine Lunge; statt der Flossen haben sich vier deutliche fünffach getheilte Extremitäten gebildet. Da die Glieder derselben durch Schwimmhäute verbunden sind, so könnten wir, abgesehen von andern Gründen, auf dieser Stufe schließen, einen jungen Frosch oder doch wenigstens einen Sumpfvogel vor uns zu haben. Jetzt wird die Aehnlichkeit mit einem kleinen Hunde oder auch sonst einem Säugethier immer größer. Es ist ein deutliches Schwänzchen vorhanden, und der ganze Leib mit Ausnahme der Hand- und Fußflächen wird von einem dichten Wollhaar überzogen, welches an der Mundpartie am dichtesten zu stehen pflegt. Aber siehe da, auch Schwänzchen und Haar verschwinden wieder, und aus den niedern Anfängen hat sich endlich das anmaßende Wesen entwickelt, welches von alledem nichts wissen will.

Die Gartenlaube (1874) b 061.jpg

Andrian Jeftichew.
Nach einer Photographie.

Angesichts dieses Bildungsprocesses, der gewiß in der Schnelligkeit seines Vollzugs tausend Mal wunderbarer ist, als jener von den Ungläubigen als undenkbar bezeichnete Umwandlungsproceß, durch welchen sich nach Darwin im Laufe der Zeiten die niederen Naturwesen zu höheren entwickelt haben sollen, ist es unbegreiflich, daß es noch Menschen geben kann, welche der Descendenz-Theorie Unwahrscheinlichkeit vorwerfen.

Die Erscheinungsformen des Atavismus, wie sie namentlich in dem Zurückschlagen der Hausthiere und Culturpflanzen auf ihre Stammeltern in unzähligen Fällen beobachtet sind, erklären sich aus dem entwickelungsgeschichtlichen Grundgesetze – aber auch nur mit dessen Hülfe – ziemlich einfach. Wenn man sich vorstellt, daß jedes einzelne Pflanzen- oder Thierwesen sich wieder durch den Zustand seiner Ahnen selbst hindurcharbeiten, und gleichsam die ihm voraufgegangenen Formen in seiner eigenen Entwickelung kurz – das heißt nur den allgemeinsten Umrissen nach – wieder durchmachen muß, so ist es nicht schwer einzusehen, daß es gelegentlich wenigstens nach der einen oder anderen Richtung auf einer älteren Stufe stehen bleiben kann, wenn auch nur auf einer solchen, die seinem eigentlichen Entwickelungsziele, in welchem es selbstständig lebensfähig wird, nicht allzu fern steht. Man begreift aber auch weiter, daß man aus den hierbei zu Tage tretenden Erscheinungen Rückschlüsse auf die Vorfahren des betreffenden Wesens wird machen können. Von Pferden zum Beispiel, die sich durch nichts von ihres Gleichen unterscheiden, hat man an den verschiedensten Orten zebraartig gestreifte Fohlen fallen sehen; man schließt daraus, daß die Stammform unseres Pferdes ein zebraartig gestreiftes Fell gehabt haben möge. Beim Menschen hat man ähnliche Schlüsse aus entsprechenden Beobachtungen gezogen.

Zuweilen erscheinen bei einzelnen Individuen vorspringende Eckzähne mit Spuren eines Diastema daneben, das heißt jenes offenen Raumes zur Aufnahme des Eckzahnes der anderen Kinnlade beim Schließen des Mundes. Woran soll man dabei anders denken, als daß solche Waffen gewissen Ataven des Menschen eigen und nöthig waren, und nun gelegentlich beim Enkel entstellend wieder erscheinen, um ihn daran zu erinnern, woher er gekommen ist? Aus theoretischen Erwägungen, wie aus Beobachtungen kann man, wie schon angedeutet, erkennen, daß ein Rückschlagen nur auf die nächsten Vorfahren vorkommen kann und also bei dem Menschen mit seiner fortschreitenden Entwickelung immer seltener in das ausgesprochen thierische Bereich fallen wird.

Vielleicht sind die Waldmenschen früher häufiger aufgetreten, und wer möchte nach den ausgezeichneten Beispielen derselben, die man in unseren Tagen gesehen, die alten Berichte von gänzlich behaarten Völkerstämmen unbedingt in’s Fabelreich verweisen? Dem sei nun aber, wie ihm wolle, die allgemeine Behaarung der Waldmenschen lehrt eigentlich dem Embryologen nichts Neues, denn jeder Mann und sogar jede Frau ist in dieser Richtung einmal gründlich Waldmensch gewesen, aber im regelmäßigen Verlaufe bildet sich der allgemeine Pelz zu einem kaum sichtbaren Flaume zurück. Desto lehrreicher ist die Zahnarmuth der Waldmenschen. Sie scheint darauf hinzudeuten, daß der Mensch zu seinen nicht allzu entfernten Vorfahren einen sogenannten Edentaten gehabt, und die erst in neuester Zeit erkannte Verwandtschaft der Lemuren oder Halbaffen mit jener zahnarmen Thierclasse wirft einiges Licht auf die Richtung, in welcher wir den Stammbaum des Menschengeschlechts rückwärts zu verfolgen haben. Und wie sich zuletzt alle Wege der Wissenschaft begegnen, so ist aus anderen Gründen schon längst die Urheimath des Menschen mit derjenigen der Lemuren auf einen jetzt vom Meere bedeckten Welttheil zwischen Vorderindien und Afrika verlegt worden. Es ist mehr als ein Scherz, in unserem Andrian ein vererbtes Abbild eines unserer Ururahnen zu erkennen, und schließlich wird man finden, daß er so ganz und gar abschreckend nicht aussieht, vielmehr einen höchst gemüthlichen Zug um den Mund besitzt. Wie mit diesem Portrait, wird sich die Menschheit mit der Abstammungslehre nach und nach befreunden; wahrscheinlich werden schon nach hundert Jahren unsere Nachkommen fragen, wie es denn nur möglich gewesen ist, daß diese so einfache und einleuchtende Theorie nicht mit einem allgemeinen Jubelgeschrei bei ihrem Auftreten begrüßt worden ist. Aber die Theorie von der Erdbewegung um die Sonne ist auch höchst einfach, und – ich kann mich nicht recht besinnen – ist sie nicht auch einigem Widerspruch bei Gelehrten und Ungelehrten begegnet?

[Berichtigung]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Arta, siehe Berichtigung
  2. Vorlage: und von der, siehe Berichtigung