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Autor: Robert Keil
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Titel: Vor fünfzig Jahren
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 408–411
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[408]
Vor fünfzig Jahren.
Von Robert Keil.

„In einem Zeitpunkte, wo sich der Deutsche dem Deutschen überall nähern, wo nur Ein Geist alle Deutsche beleben und ganz Deutschland überströmen soll, wäre es eine Schande, wenn gerade auf Universitäten, von denen doch alles Bessere ausgehen und sich über das gemeinsame Vaterland verbreiten sollte, wenn auf diesen dieser schöne Geist erstarren und Kleinländereien und Erbärmlichkeiten weichen sollte, die doch nur in einem Getrenntsein der verwandten deutschen Stämme ihren Ursprung und ihre Rechtfertigung finden konnten. Nur in der edlen Liebe, nur in dem großen Gedanken an ein gemeinschaftliches, allumfassendes Vaterland, an den gemeinsamen deutschen Vaterheerd, kann sich der Deutsche groß und zu jeder Heldenthat entschlossen fühlen, denn der Gedanke eines Brudervolkes, in dem sich alle einzelnen Stämme vereinen, das lebende Bewußtsein, Kinder des Einen großen mütterlichen Landes zu sein, umschlungen von den Banden des Einen germanischen Volkes, erhebt zu jenen gewaltigen Empfindungen des wahren Gemeingeistes und Volkssinnes, welche die Wunder der Vaterlandsliebe in der Geschichte verrichten lassen.“

Erfüllt von diesem neuerwachten deutschen Nationalgefühl, wie es in vorstehenden, wörtlich treu wiedergegebenen Sätzen der Jenaer Burschenschafts-Verfassungsurkunde vom 12. Juni 1815 ihren energischen Ausdruck gefunden, hatten bekanntlich die aus dem Befreiungskriege nach der Universität Jena zurückgekehrten Jünglinge die erste deutsche Burschenschaft gegründet. Von dort aus war das erste deutsche Nationalfest, die Doppelfeier der Befreiung von kirchlicher Knechtung und napoleonischer Gewaltherrschaft, jenes erhebende Wartburgfest vom 18. und 19. Oktober 1817 und damit zugleich die durchgreifendste Reform des deutschen Universitätslebens in patriotischem Sinn veranlaßt und eingeleitet worden.

Dieser Wartburggeist, diese Wartburgstimmung hatte belebend und befruchtend sich über die deutschen Universitäten ergossen und überall Sittlichkeit, Wissenschaftlichst und Vaterlandsliebe erweckt. In diesem Sinne entstanden die Burschenschaften von Berlin, Breslau, Erlangen, Gießen, Halle, Heidelberg, Kiel, Königsberg, Leipzig, Marburg, Rostock, Tübingen und Würzburg, und gründeten im Verein mit der Jenaer Burschenschaft am 18. Oktober 1818 auf dem Burschentag zu Jena die allgemeine deutsche Burschenschaft.

Diese hohe und heilige Idee deutscher Einheit und Freiheit war der Grundgedanke der allgemeinen deutschen Burschenschaft. Sie wollte, wie sie in ihrer Constitution geradezu aussprach, „ein Bild des in Freiheit und Einheit erblühenden Volkes sein, wollte ein volkstümliches Burschenleben in der Ausbildung einer jeden leiblichen und geistigen Kraft erhalten und im freien, gleichen und geordneten Gemeinwesen ihre Glieder zum Volksleben vorbereiten“. Sie hat diese hohe Aufgabe redlich erfüllt. Die ganze große Einheitsbewegung des deutschen Volkes hat dort ihren Ausgang genommen, dort ihre Basis gefunden.

Aber eben damit war die Veranlassung zu den schmachvollen Anfeindungen und Verfolgungen gegeben, denen die Burschenschaft von ihrem ersten Entstehen an von Seiten der Reaktion ausgesetzt war. Wohl hatten die deutschen Fürsten beim Aufruf des deutschen Volkes zum Befreiungskampf gegen Napoleon's Tyrannei „Rückkehr zu Freiheit und Unabhängigkeit , Wiedergeburt eines ehrwürdigen deutschen Reiches, ein verjüngtes, kräftiges, aus dem [409] ureignen Geiste des deutschen Volkes hervorgehendes, in Einheit gehaltenes Deutschland“ zugesichert; doch als darauf das deutsche Volk in blutigem Verzweiflungskampfe die Ketten fremder Zwingherrschaft gebrochen und Vaterland und Fürsten gerettet hatte, – dachte von all den geretteten deutschen Fürsten (einen Karl August von Weimar ausgenommen) keiner daran, das so feierlich gegebene Wort auszulösen. Das deutsche Volk war von der Diplomatie verrathen und betrogen um seine heiligsten Güter. Dies trat schon auf dem Wiener Congreß zu Tage. Sehr treffend und wahr sprach es Jakob Benedey 1865 am Jubelfest der deutschen Burschenschaft auf dem Jenaer Markt aus: „Der Wiener Congreß ist ein tiefdemüthigendes Schauspiel für den denkenden Geschichtsbeobachter, wenn er die kleine Eifersucht der Großen und Mächtigen steht, der das Heil der Völker zum Opfer gebracht wird; für den deutschen Vaterlandsfreund aber ist er der bitterste Wermuthtropfen in der ganzen Geschichte Deutschlands, wenn er nach den edeln Opfern und der blutigen Hingebung des deutschen Volkes überall die Selbstsucht und die Herrschsucht, die Eitelkeit und die Frivolität, die List und die Eifersucht am Werke sieht, die eigenen Vortheile auf Kosten des Ganzen zu fördern; die Weltgeschichte kennt kein Beispiel, daß ein edles Volk unwürdiger von seinen eigenen Vertretern verlassen, von seinen Neidern herabgeschraubt, von seinen Feinden hintergangen, mißachtet und mißbraucht wurde, wie dies in Wien dem siegreichen, so hoffnungs- und zukunftsreichen Volk deutscher Nation widerfahren ist.“

Bald wagte die Reaction mit den heiligsten und edelsten Gefühlen ganz offen vor aller Welt Spott und Hohn zu treiben. Der Herr Geheime Rath Schmalz in Berlin meinte: „Nur aus Gehorsam sei das Volk zum Befreiungskrieg aufgestanden, der König habe gerufen und das Volk sei gekommen, ohne Begeisterung, nur aus Pflichtgefühl, etwa wie man auf den Lärm der Feuertrommel zum Löschen eilt;“, man erlaubte sich, das deutsche Volk von 1813 mit einer Koppel Jagdhunde zu vergleichen, die sich gierig auf die Beute stürzen, nachdem der Jäger sie vom Stricke losgemacht; und als die deutsche Jugend auf dem Wartenberg bei Eisenach die erbärmlichen Schandschriften eines Ancillon, Janke, v. Kölln, v. Kamptz, v. Haller, Schmalz etc. in das Feuer geworfen, erhoben diese Autoren großes Geschrei über das Schicksal ihrer sauberen Producte. „Euer Königlichen Hoheit ist es ohne Zweifel bereits bekannt, daß ein Haufen verwilderter Professoren und verführter Studenten auf der Wartburg mehrere Schriften öffentlich verbrannt und dadurch das Geständniß abgelegt haben, daß sie zu ihrer Widerlegung unfähig. Wenn in Euer Königlichen Hoheit Staaten wahre Denk- und Preßfreiheit wirklich blüht, so ist mit derselben eine durch Feuer und Mistgabeln, von Schwärmern und Unmündigen geübte Censur und ein terroristisches Bewahren gegen die Denk- und Preßfreiheit in anderen Staaten gewiß nicht vereinbarlich, und immer wird es für die Geschichte ein Räthsel bleiben, wie unter Euer Königlichen Hoheit Regierung jene klassische Burg, von welcher unter Höchst Ihren Ahnherrn deutsche Denkfreiheit und Toleranz ausging, wie der Tag der Feier wiedererlangter deutscher Freiheit, und wie das Andenken an jenen großen und toleranten Mann, ja, wie überhaupt unser Jahrhundert und ein deutscher Boden durch einen solchen recht eigentlichen Vandalismus demagogischer Intoleranz so stark entwürdigt und so tief entheiligt werden konnte etc. Euer Weisheit und Gerechtigkeit unterwerfe ich submissest und im ehrfurchtsvollsten, unbegrenztesten Vertrauen die deshalb gnädigst zu nehmenden Maßregeln, fest überzeugt, daß Eure etc. nicht wollen, daß Höchst Dero Land, auf welches Deutschlands Staaten noch vor Kurzem nur mit Neid und Bewunderung blickten und welchem bisher Deutschland die Bildung seiner Jugend vorzugsweise gern anvertraute – die Pflanzschule von Staatsverbrechern, Pasquillanten und Injurianten sein solle, fest überzeugt, daß Euer etc. nicht wollen, daß das Land, dem bis jetzt kein Staat den Rang und Namen des deutschen Parnasses zu bestreiten wagte, das Asyl für Staatsverbrecher und Pasquillanten sei etc.“

Herr C. A. v. Kamptz, „Königlich preußischer wirklicher Geheimer Oberkriegsrath und Kammerherr, auch Director im Polizeiministerium“ (wie er selbst sich unterschrieben), war es, der sich erdreistete, diese für jene Zeit so äußerst bezeichnende Denunciation an Karl August zu richten, – einer jener „Schmalzgesellen“, welche vor Kurzem noch die deutschen Anhänger und Schmeichler Bonaparte’s gewesen waren. Man kann unschwer zwischen den Zeilen den Ingrimm lesen, mit welchem die Reactionärs jener Tage gegen das kleine liberale Weimar und dessen Preßfreiheit erfüllt waren. Von eben diesem Gesichtspunkt aus mischten sich denn auch die beiden deutschen Großmächte in die Sache, und erst als die deshalb nach Weimar gekommenen Gesandten, Fürst v. Hardenberg und Graf v. Zichy, sich persönlich von „der Ordnung, der Disciplin und den trefflichen Gesinnungen“ der Jenaer Studirenden überzeugt und daraus entnommen hatten, „daß die Sache nicht so sei, wie man sie dargestellt hatte,“ ging diese erste Anfechtung der Burschenschaft ohne ernstliche Folgen vorüber:

Vom Oktober 1818 an tagte aber in Aachen der Congreß der europäischen Hauptmächte und berieth, wie man zu sagen beliebte, die Mittel zur Erhaltung der äußern und innern Ruhe Europas und zur Abwendung der Revolution, d. h. zur gänzlichen Niederwerfung des Volksgeistes, zur Befestigung des absolutistischen Princips. Hier traten die Bestrebungen der in- und ausländischen Reaction, dem patriotischen akademischen Burschenbunde zu Leibe zu gehen, schon entschiedener hervor. Der russische Staatsrath Alex. von Stourdza überreichte dem Congreß seine ebenso schamlose als von gänzlicher Unkenntniß des deutschen Universitätswesens zeugende Schmähschrift gegen die deutschen Universitäten, – und wer weiß, ob er nicht die gewünschten Maßregeln gegen die Akademien erreicht hätte, wenn nicht die rücksichtslose Abfertigung, welche ihm von Seiten der Jenaer Professoren wurde, und die allgemeine und tiefe Indignation, welche jene Schandschrift in Deutschland überall erregte und den Verfasser selbst, in Furcht vor den Jenaer Klingen und der ihm gewordenen Herausforderung, zur Flucht bewog, den russischen Kaiser veranlaßt hätte, die (auf seinen Befehl geschriebene) Schrift zu desavouiren. Als aber von Kotzebue, der sich zum Vertheidiger jener Stourdza’schen Schrift aufgeworfen hatte und selbst seine verräterischen, freiheitsfeindlichen Bulletins nach St. Petersburg schrieb, am 23. März 1819 vom Dolche des Jenaer Studenten und Burschenschafters Karl Ludwig Sand fiel, hatte man den langersehnten Vorwand zum Einschreiten gegen den verhaßten Burschenbund gefunden. Zwar wurde die Mitschuld der Burschenschaft, die man anfangs geglaubt und gehofft hatte, durch die Untersuchung nicht bestätigt, sondern widerlegt. Wohl war die Theilnahme, welche Sand’s Schicksal erregte, eine innige und allgemeine, es wurden Ringe und Medaillons, worin sich Haare von Sand und Splitter vom Schaffot befanden, getragen, und die Wiese, auf welcher die Hinrichtung vor sich gegangen, vom Volke mit ewigem Klee und Vergißmeinnicht besät und „Sand’s Himmelfahrtswiese“ genannt; weiter als der allgemeine Unwille über Kotzebue’s Verrätherei, weiter als die allgemeine Theilnahme an dem Schicksal des aus edelsten Motiven zum Meuchelmörder gewordenen Jünglings gingen auch die Beziehungen der Burschenschaft zur Sand’schen That nicht. Aber die Herren Diplomaten und Minister erfüllte Sorge und Angst. Konnte nicht in jedem Augenblicke zu der Thür, an der es eben pochte, ein anderer Sand hereintreten? Konnte nicht auf jeder Promenade ein schwärmerischer Jüngling den Dolch zücken?

Diese Angst vor der akademischen Jugend und der langgehegte Wunsch, das in der Burschenschaft sich darstellende Bild deutscher Einigung, den in der Burschenschaft lebenden Gedanken nationaler Einheit und Freiheit zu vernichten, ließen Sand’s That trotz aller Nichtschuld der Burschenschaft als Vorwand zu deren Verfolgung mißbrauchen. Schon wenige Tage nach Kotzebue’s Ermordung erging von der preußischen Regierung an alle zu Jena studirenden Preußen der Befehl, die Universität Jena binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen.

Von Ostern 1819 an durften in Jena nur solche Ausländer aufgenommen werden, welche eine besondere Erlaubniß, in Jena zu studiren, von ihrer Regierung vorzeigen konnten. Noch suchte Karl August, der warme Freund der Burschenschaft, die akademische Freiheit und die Burschenschaft dadurch zu schützen, daß er beim Bundestag durch eine energische Erklärung seines Gesandten die Universitäten überhaupt und insbesondere die Jena’sche gegen die erhobenen Beschuldigungen rechtfertigte. Aber seine Vorstellung, sein Protest konnte leider die Schritte nicht verhüten, welche die Diplomatie gerade gegen das kleine liberale Weimar und gegen die deutsche Burschenschaft vorbereitete. Mit rücksichtsloser Verhöhnung Weimars wurde auf dem Karlsbader Minister-Congreß im August 1819 die Knebelung der Presse, die Maßregelung der Universitäten und Schulen, die Verfolgung der sogenannten demagogischen [410] Umtriebe und namentlich der deutschen Burschenschaft beschlossen.

Dem deutschen Michel, der (um mit den Worten seiner „wahrhaftigen Geschichte“ zu reden) an seiner neuen Livrée kein sonderliches Gefallen fand, weil sie nicht aus einem Zeuge geschnitten und über die Brust ihm viel zu eng war, – der auch bemerkte, daß man nach zwölf Lappen den dreizehnten völlig vergessen wolle, so daß er seine sämmtlichen Blößen nicht wohl bedecken konnte, – der deshalb Ursache zu haben glaubte, sich beschweren zu dürfen, ihm sollte ein fester, wohlschließender Maulkorb angelegt werden. Was half es, daß einzelne einsichtsvolle Staatsmänner ihre Indignation über diese Beschlüsse äußerten, daß der preußische Staatsminister Wilhelm von Humboldt sie „schändlich, unnational, ein denkendes Volk aufregend“, der würtembergische Staatsminister von Wangenheim sie „schamlos“ nannte? Im September darauf wurden doch diese Beschlüsse durch den Frankfurter Bundestag zum Bundesgesetz erhoben, und insbesondere wurde verfügt, daß mit aller Kraft und Strenge gegen die allgemeine Burschenschaft einzuschreiten sei, da diesem Vereine „die schlechterdings unzulässige Voraussetzung einer fortdauernden Gemeinschaft und Correspondenz zwischen den verschiedenen Universitäten zu Grunde liege“. Die Vertreter der deutschen Regierungen nahmen keinen Anstand, ihrem Bundestagsbeschlusse diese ebenso lächerliche als erbärmliche Motivirung zu geben. War auch damals, als es Fürst und Volk von napoleonischer Botmäßigkeit zu retten galt, die Gemeinschaft eine „schlechterdings unzulässige“ gewesen? Und war dies das verjüngte, kräftige, in Einheit gehaltene Deutschland, welches der Aufruf von Kalisch zugesichert hatte? O, das war ja nur ein Verzweiflungsruf gewesen, wer von den hohen Herren hätte sich dadurch von der gänzlichen Niederwerfung des erwachten Volksgeistes abhalten lassen sollen?! Ja, man ging noch weiter, man setzte die Central-Untersuchungsbehörde in Mainz ein, damit sie ganz Deutschland mit ihrem Netz überziehe, jeden Vaterlands- und Freiheitsfreund als einen dem Absolutismus gefährlichen Demagogen einfange und durch gehorsame Richter dem Zuchthaus, überliefere!

Dem Bundesbeschlusse mußte auch Weimar sich fügen. Eine Studenten-Deputation, A. v. Binzer an der Spitze, eilte von Jena nach Weimar und bat um Schutz der patriotischen Verbindung, konnte aber nur abschläglichen Bescheid erhalten. Von dort aus erging am 26. November 1819 der Befehl an den akademischen Senat zu Jena, die Burschenschaft aufzulösen. Noch an demselben Tage wurde der Befehl dem Vorstande der Burschenschaft eröffnet und von Letzterem sofort für den Abend die letzte Versammlung der Burschenschaft in den Rosensaal berufen. Die Versammlung war zahlreich, Alle in der gespanntesten Erwartung. Der Sprecher verkündigte die landesherrliche Verfügung. Stumm und lautlos hörte man sie an. Erst als die gepreßten Gefühle wieder frei geworden, da wollte des Umarmens und Weinens kein Ende nehmen. Der Vorstand gab den Empfindungen der Trauer und Wehmuth, welche Alle erfüllten, Ausdruck und verband damit beruhigende und Hoffnung erweckende Ansprachen.

Alle Anwesenden waren tief bewegt. Feierlich sang man das von E. M. Arndt gedichtete, von G. F. Hanitsch componirte Bundeslied, mit dem man vier Jahre zuvor, am 12. Juni 1815 im Gasthof zur Tanne in Jena die erste Burschenschaftsversammlung eröffnet hatte, das Lied: „Sind wir vereint zur guten Stunde etc.“

Dann beschlossen die Jünglinge als einen Ausdruck ihrer Dankgefühle für den bisherigen Schutz und zugleich als eine Rechtfertigung der Burschenschaft vor der deutschen Geschichte die nachstehende, von Robert Wesselhöft entworfene Adresse an den Großherzog Karl August. Sie ist für den wahren Geist und die unvergängliche große Bedeutung der Burschenschaft zu bezeichnend, als daß sie nicht wörtliche Aufnahme finden sollte. Sie lautete:

„Durchlauchtigster Großherzog!
Gnädigster Herr und Fürst!

Das Vertrauen, welches wir zu Ew. Königlichen Hoheit gewonnen haben, veranlaßt uns, zu glauben, daß wir es ungehindert wagen dürfen, auch jetzt noch unsere Gesinnung gegen Ew. Königliche Hoheit auszusprechen, wo wir zergliedert und losgerissen sind von den schönen Hoffnungen, welche wir in der Einheit und Eintracht eines geduldeten sittlichen Zusammenlebens in unsern jungen Herzen genährt hatten.

Es ist der Wille Ew. Königlichen Hoheit gewesen, die Burschenschaft aufzulösen. Er ist ausgeführt. Wir selbst erklären hiermit feierlich und öffentlich, daß wir dem Befehl strengen Gehorsam geleistet haben; wir selbst haben die Form zerstört, wie es uns anbefohlen war; wir haben niedergerissen, was wir nach bester Einsicht, nach reiflicher Prüfung mit arglosem unschuldigem Glauben und mit dem frohen Bewußtsein, etwas Gutes zu thun, aufgebaut hatten. Die Folgen hatten unserer Erwartung entsprochen. Ein sittliches freies Leben hatte sich gestaltet, zuversichtliche Oeffentlichkeit war an die Stelle schleichender Heimlichkeit getreten; wir konnten ohne Scheu und mit gutem Gewissen den Augen der Welt darbieten, was wir aus unserem innersten Herzen hervorgesucht und in die Wirklichkeit versetzt hatten; der Geist der Liebe und der Gerechtigkeit hat uns geleitet, und die bessere öffentliche Stimme hat bis auf die neuesten Zeiten unsere Bestrebungen gebilligt.

Tief in das Leben des Einzelnen hat der Geist eingegriffen, der uns vereinigt hatte. Es ist von dem Einzelnen begriffen, wie der deutsche Jüngling zum Andern stehen müsse. Das Recht des Stärkeren war in seiner veralteten Form vernichtet. Sittlichkeit war die erste und letzte Triebfeder unseres vereinigten Handelns. Unser Leben sollte eine Vorschule des künftigen Bürgers sein. Ew. Königlichen Hoheit ist dieses nicht entgangen, und die zwiefache Auslieferung unserer Papiere hat nach unserem besten Wissen kein anderes Resultat liefern können.

Jetzt ist die Schule geschlossen. Jeder geht hinweg mit dem, was er in ihr gelernt hat; er wird es behalten, und es wird in ihm fortleben. Was als wahr begriffen ist vom Ganzen, wird auch wahr bleiben im Einzelnen. Der Geist der Burschenschaft, der Geist sittlicher Freiheit und Gleichheit in unserm Burschenleben, der Geist der Gerechtigkeit und der gegenseitigen Liebe zum Vaterland, das Höchste, dessen Menschen sich bewußt werden mögen, dieser Geist wird dem Einzelnen inwohnen und nach dem Maße seiner Kräfte ihn fortwährend zum Guten leiten.

Das aber schmerzt uns tief: einmal, daß uns die Wirksamkeit genommen ist auf die, die nach uns kommen werden, das andere Mal, daß unser Streben verkannt und öffentlich verkannt ist. Wahrlich, schmerzlicher konnte man uns nicht verwunden! Nur das gute Bewußsein in unsrer Brust kann uns lehren, daß unsre innere Ehre Niemand vernichten kann, und uns die Mittel zeigen, wie wir dieses Unrecht verschmerzen.

So bloßgestellt jedem Urtheil, überlassen wir es der Zeit, uns zu rechtfertigen, und geben gern dem Trost in uns Raum, daß es wenigstens eine Zeit gegeben hat, wo unsere Bestrebungen selbst von unserm edlen Fürsten und Herrn nicht mißkannt worden sind. Nichts wird die Liebe zu ihm ändern, und eine bessere Zeit gestattet uns vielleicht dereinst, sie ihm dankbar an den Tag zu legen.

Mit heißen Wünschen für unser Vaterland und für das Wohl Ew. Königlichen Hoheit unterzeichnen wir uns in unwandelbarer Liebe als

Ew. Königlichen Hohen

getreueste Diener

Die Mitglieder der ehemaligen Burschenschaft.“

Fürwahr, eine wahrere, würdigere Gedächtnißrede bei der Bestattung der Burschenschaft hätte sich nicht denken lassen.

Noch einmal erscholl aus ganzem, vollem Herzen die Schlußstrophe des Bundesliedes:

Rückt dichter in der heil’gen Runde
Und klingt den letzten Jubelklang!
Von Herz zu Herz, von Mund zu Munde
Erbrause freudig der Gesang:
Das Wort, das unsern Bund geschürzet,
Das Heil, das uns kein Teufel raubt
Und kein Tyrannentrug uns kürzet,
Das sei gehalten und geglaubt!

Dann ging man in bewegtester Stimmung, aber still und ruhig auseinander.

Eine Anzahl innigst befreundeter Jünglinge, unter ihnen die bisherigen Vorstandsmitglieder, blieb aber noch in ernster Berathung zusammen. Die der Adresse an den Großherzog zu Grunde liegenden Ideen und Hoffnungen waren der Gegenstand der vertraulichen Verhandlung und fanden endlich ihren treuesten, wärmsten Ausdruck in dem einzig schönen, tiefgemüthvollen, an diesem Tage zum ersten Male gesungenen Liede des Vorstands-Mitgliedes August von Binzer:

Wir hatten gebauet
Ein stattliches Haus etc.

[411] Ihm hat die Gartenlaube (Nr. 25, Jahrgang 1868) dafür das verdiente Denkmal gesetzt.

Wie in Jena wurde auch auf den anderen Universitäten die Burschenschaft aufgelöst; und nur mit innigem Behagen glaubte die Reaction den verhaßten Bund deutscher akademischer Jugend gänzlich und für alle Zeit vernichtet. Sie täuschte sich. Man kann (um mit den Worten Palmerston’s zu reden) Ideen nicht mit Kartätschen niederschmettern, man kann sie auch nicht durch Bundestagsbeschlüsse vernichten. Was nicht mehr aufflammen durfte, glühte doch unter der Asche fort.

In Jena folgte noch an jenem oben geschilderten denkwürdigen Abende der bisherige Burschenschafts-Vorstand der Aufforderung seines Mitgliedes Robert Wesselhöft, in dessen Wohnung die Stunden der Nacht zu Berathungen über das Verbindungswesen der nächsten Zukunft zu benutzen. Dort beriethen sie, bis der Morgen graute, wie trotz der zerbrochenen Form der burschenschaftliche Geist und die burschenschaftliche Sitte zu retten, zu bewahren, zu befestigen sei. Wenige Monate später, am 4. Juni 1820, zog der Rest der alten Burschenschaft hinauf auf die sogenannte Wölmse bei Jena und verband sich unter dem Namen „Germania“ mit Wort und Handschlag, die Grundsätze der alten Burschenschaft treulich und energisch aufrecht zu erhalten.

Hörschelmann, derselbe Hörschelmann, der (jetzt Superintendent zu Tonndorf) am 18. October 1867 beim Wartburgfest-Jubiläum vom Treppen-Altan des Landgrafenhauses die kernigen Worte sprach – er war es, der damals die Eröffnungsrede hielt und jetzt in Erinnerung daran uns schreibt: „Wenn ich zurückdenke an jene Zeit, fließt mir das Blut immer wieder rascher durch die Adern und ich höre meines Herzens Schläge.“ – Fast gleichzeitig entstanden auch in Berlin, Erlangen, Heidelberg, Leipzig etc. neue Burschenschaften heimlich wieder. Wohl war diese Heimlichkeit ein Hinderniß für die edle patriotische Sache und mit deren eigentlichstem Wesen unvereinbar; – wohl hatte ein Haupt jener heimlichen Jenaer Burschenschaft vollkommen Recht, als es im Jahre 1821 seinem Freunde in das Album schrieb: „Wie kann ich des Lichtes Werke in der Finsterniß vollziehen? unser erstes Streben möge nach Oeffentlichkeit gehen, denn nur in der Oeffentlichkeit kann ein kräftigeres Leben emporkommen,“ – wohl ist auch eben durch den Mangel der Oeffentlichkeit die Burschenschaft in einzelnen Perioden hie und da vom einfach patriotischen Standpunkt auf den Standpunkt einseitiger Partei gedrängt worden; – trotzdem, trotz alle dem und trotz der achtjährigen Dauer der hochnothpeinlichen Mainzer Inquisition, trotz der servilsten und verfolgungssüchtigsten Demagogenriecherei, trotz Zuchthaus und Verbannung hat die deutsche Burschenschaft ihre große, heilige Mission erfüllt, hat als Trägerin des Gedankens der nationalen Einheit das Volk in immer weiteren, weiteren Kreisen mit den Ideen vaterländischer Einheit und Freiheit befruchtet und so allmählich (wie Freund Hofmann in seinem Jenaischen Jubiläums-Festlied es so treffend bezeichnet) „das ganze Volk der deutschen Erde zu einer großen Burschenschaft“ gemacht.

Sie hat es in ihren großen edeln Festen, dem Burschenschaftsjubiläum 1865 und den unvergeßlichen Eisenacher Octobertagen 1867 bethätigt, und die ganze gebildete Welt hat es anerkannt. Es ziemt sich, jetzt, im Jahre 1869, des feierlichen Actes zu gedenken, in welchem vor fünfzig Jahren der patriotische Bund der deutschen akademischen Jugend aufgelöst wurde, und auch zu einem äußern Zeichen der Erinnerung und Sympathie ist den Gliedern und Freunden der Burschenschaft Gelegenheit gegeben. Ehrt man das Andenken des treuesten, des edelsten Burschenschafters wegen seiner Treue zur Burschenschaft, so ehrt man diese selbst. Einer der edelsten, treuesten Burschenschafter war aber Karl Hermann Scheidler. Am 8. Januar 1795 zu Gotha geboren, zog er, ein achtzehnjähriger Jüngling, als freiwilliger Jäger in den Befreiungskrieg, studirte dann in Jena die Rechte. Im Winter 1814 zu 1815 reichten sich auf dem Jenaer Markt Scheidler, Riemann und Dortü die Hand zur Gründung des patriotischen Bundes, der am 12. Juni 1815 erstehen sollte. Scheidler war es namentlich, der im Verein mit seinem lieben Freund Riemann die Veranstaltung des Wartburgfestes betrieb; er wurde Oberanführer des Ganzen, trug das Jenaische Burschenschwert dem Auge voran, leitete am 19. October die freie Burschengemeinde und schuf durch seine Auffordernng jene Versöhnung der Parteien, jene freundschaftliche Einigung, aus welcher die allgemeine deutsche Burschenschaft sich erst gestaltete.

Nach Beendigung seines Studiums in Jena und Berlin trat er in den preußischen Staatsdienst, mußte denselben aber nach einigen Jahren in Folge einer aus dem Felde mitgebrachten fortwährend zunehmenden Harthörigkeit wieder aufgeben, betrat 1821 in Jena die akademische Laufbahn als Docent der Philosophie und der Staatswissenschaften und erlangte im Jahre 1826 die Professur. Ueber einhundert Werke und Aufsätze in literarische Zeitschriften hat er seitdem geschrieben, und in allen, allen hat er für politische und religiöse Freiheit, für Aufklärung und Charakter-Fortbildung der Jugend, für ein veredeltes deutsches Universitätsleben mit ganzem vollen Herzen und mit den Waffen eines klaren, scharfen Geistes wacker gekämpft. Mit derselben Wahrheits- und Freiheilsliebe sprach er vom Lehrstuhl zur akademischen Jugend und stand mit ihr in treuem, liebevollem Verkehr. Diese Treue, diese Frische zeigte er noch im Greisenalter. Beim fünfzigjährigen Jubiläum der deutschen Burschenschaft 1865 war er der Erste im Festausschuß, und als die Wartburgfahne, das vielverfolgte schwarz-roth-goldene Banner deutschen Einheitsstrebens, sich unter dem jauchzenden Zuruf von tausend Alten und Jungen zum ersten Mal wieder entfaltete, wurde im großen Festzug Scheidler (begleitet von den Jugendfreunden, jetzt Jubilaren Horn und Riemann) ihr Träger. Doch dies sollte zugleich der letzte helle Sonnenblick seines Lebens sein, die Gedächtnißfeier des Wartburgfestes sollte er nicht mehr erleben, – tief betrauert von Jugend und Alter, von Docent, Student und Bürger, von jedem Vaterlands- und Freiheitsfreund, starb er am 22. October 1866 und ruht auf dem Jenaer Friedhofe. Ihm ein einfach-würdiges Grabdenkmal, „gewidmet von der deutschen Burschenschaft“, auf seine Ruhestätte zu setzen, ist die Idee, welche, aus den Kreisen der Wartburgfestgenossen hervorgegangen, bereits in Nähe und Ferne warme Theilnahme gefunden hat. Selbst aus Buenos Ayres ging ein Beitrag ein von „einem alten enthusiastischen Jünger dieses vaterländischen Burschenvereins, dem man mit Fug und Recht die Begründung der Einigung Deutschlands, soweit sie kürzlich zur Ausführung gelangt ist, zuschreiben darf, und dem von unparteiischen Geschichtsschreibern in der Zukunft gebührendermaßen noch weit mehr Anerkennung gezollt werden wird, als es bisher geschehen ist und namentlich eben jetzt geschieht“. Der Anfang ist also gut! So sorgt denn, ihr alten und jungen Burschenschafter im Norden und Süden Deutschlands und ihr Treuen jenseit der Alpen und des Meeres, daß die Worte, mit welchen Friedrich Hofmann in seiner Weihedichtung zu unserm Wartburgfestbuche dieses Denkmal begrüßt, recht bald zur Wahrheit werden:

Hier ist das Grab. Hier schließe
Den Kreis der Burschen Schaar,
Das alte Banner grüße
Ihn, der sein Führer war.
Ihm, unter dieser Erden,
Schwört hoch und hehr auf’s Neu’:
„Wenn Alle untreu werden,
So bleiben wir doch treu!“ – –

Der deutschen Mannestugend
Gilt diese Huldigung:
Daß Dein Bild uns die Jugend
Erhalte deutsch und jung!
Und ist der Kranz der Trauer
Verwelkt mit seiner Zeit:
Des Ehrenkranzes Dauer,
Das sei die Ewigkeit!

Gewiß, ein solch ehrendes Denkmal auf dem Grabe des größten, treuesten Burschenschafters wird auch das schönste, sinnigste Zeichen des Andenkens an die verhängnißvollen Stunden vor fünfzig Jahren sein. Die Mahnung zu Beiträgen (zu deren Empfangnahme die Brüder Dr. Robert und Richard Keil in Weimar sich bereit erklären) geht nicht nur an die ehemaligen und jetzigen Burschenschafter, sondern auch an jeden Freund der Burschenschaft, an die „große deutsche Burschenschaft“. Sie ergeht auch an euch, ihr deutschen Brüder in Oesterreich! Ihr gehört zu uns, wie wir zu euch! Und giebt euch nicht die Entwickelung der Burschenschaft und des Burschenschaftsgeistes, des nationalen Einheitsgedankens selbst die beruhigendste, tröstlichste Hoffnung?

Das Haus mag zerfallen –
Was hat’s denn für Noth?
Der Geist lebt in uns Allen,
Und unsre Burg ist Gott!