Von der entsetzlichen Ueberschwemmung

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Titel: Von der entsetzlichen Ueberschwemmung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 495–496
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[495] Von der entsetzlichen Ueberschwemmung, welche am 25. Juni die Stadt Tachau im Egerer Kreis in Böhmen betroffen, haben unsere Leser gewiß schon gehört. Neuerdings erhalten wir eine eingehende Schilderung dieses verheerenden Elementarereignisses zugeschickt und wir glauben dieselbe wenigstens auszugsweise umsomehr zur Kenntniß unserer Leser bringen zu sollen, als Tachau eine kerndeutsche Stadt ist und alles Recht hat, auf die werkthätige Theilnahme in Deutschland zu zählen.

Daß die Ueberschwemmung weniger in Folge des am genannten Abend um neun Uhr niedergegangenen Wolkenbruchs erfolgte, ist bekannt. Dieselbe wurde vielmehr dadurch herbeigeführt, daß der Damm des achtzehn Joch Grundfläche umfassenden ungewöhnlich tiefen Albersdorfer Teiches, welcher seit Wochen durch die anhaltend starken Regen bis zum Ueberlaufen gefüllt war, an mehreren Stellen durchbrochen wurde, zuletzt gänzlich wich und daß die entfesselten Wogen auf ihrem Wege noch mehrere weitere Teiche entleerten. Der Wolkenbruch war eigentlich bei Albersdorf, eine halbe Stunde von Tachau, niedergegangen, und als der Regenguß sich in Strömen über letztgenannte Stadt ergoß, war diese selbst schon im nämlichen Augenblick halb unter Wasser gesetzt.

Die Miesa, welche Tachau in zwei Hälften theilt, wälzte, klafterhoch angeschwollen, auf ihren Wogenmassen entwurzelte Bäume, Bauhölzer, Thüren, Thore und Gartenzäune einher, die, nachdem schon die steinerne Brücke in den Fluthen versunken war, nun die der Brandung zunächst ausgesetzten Gebäude mit dem Untergange bedrohten. Von allen Seiten vernahm man durch das undurchdringliche Dunkel der Schreckensnacht Hülferufe und sah bei dem unheimlichen, lange anhaltenden Leuchten der Blitze bald da, bald dort ein Haus zusammenstürzen und in den Fluthen verschwinden.

Der angerichtete Schaden beläuft sich auf mehr als eine halbe Million. Hundertvierundsechszig Häuser mit elfhundert Bewohnern sind beschädigt; davon sind sieben ganz, vierundzwanzig zum größten Theile eingestürzt, siebenundzwanzig sind total baufällig geworden, einundneunzig bedenklich und fünfzehn minder beschädigt; acht Scheunen sind spurlos verschwunden, der Verheerung auf Feldern, Wiesen und Gärten gar nicht zu gedenken.

Wir ersparen uns eine Schilderung des grauenvollen Anblicks, den am andern Tage die nun vom Wasser wieder verlassene, in ihren Straßen mit Möbeltrümmern, fußhohem Schlamm, Thierleichen bedeckte Stadt bot. Halbentblößte, in Lumpen gehüllte, wehklagende Menschen gingen ab und zu und hier und dort lag eine Menschenleiche mit verzerrten Gliedern und Gesichtszügen. Neben diesen knieeten die als Bettler zurückgebliebenen Familienangehörigen. – Eine Großmutter hielt ihre Enkelin fest umschlungen, in einem Hause der Wassergasse war von sechs Bewohnern nur ein siecher Mann übrig geblieben. Der Tod hatte eine reiche Ernte gehalten. Nicht wiederzugeben sind die Erzählungen der Unglücklichen, wie sie in Todesangst und Qual die Schreckensnacht verbrachten. Indem sie ihr Vieh und sonstige werthvollere Sachen in Eile retten wollten, stieg ihnen das eindringende Wasser bis an die Brust, bis an den Mund. Sie retteten sich auf Tische, Schränke und zumeist auf die großen Backöfen. Durch die Thüren war häufig nicht mehr zu entkommen, die Treppe nicht mehr zu erreichen, und als auch hier das todbringende Element sie erreichte, da hieben sie sich, wo man deren hatte, mit Beilen Oeffnungen in die Zimmerdecken oder stießen diese sonst mit der letzten Anstrengung menschlicher Kräfte durch. Hier mußten sie oftmals durch kleine Oeffnungen durchgepreßt werden, wobei sie sich die Gesichtshaut aufschürften, die letzte Kleidung vom Leibe rissen und sonstigen Schaden an ihrem Körper erlitten.

Im einem der letzten Häuser der Wassergasse, das zunächst vom Wasser erfaßt wurde, flüchteten sich die Bewohner auf den Boden, als sie auch da nicht mehr sicher waren, auf das Dach, und als auch das Dach zu stürzen [496] drohte, durchbrachen sie die Dachwand des Nachbargebäudes und retirirten auf diese Weise bis zum sechsten oder siebenten Hause, in welchem sich die Zahl der Flüchtenden bis auf siebenunddreißig Köpfe gesteigert hatte. Nur der kalten Todesverachtung Einzelner ist das Leben vieler Menschen zu verdanken. So rettete mit unglaublicher Bravour der selbst hart betroffene Kaufmann Joseph Steiner drei, der Uhrmacher Joseph Menzel sogar zwölf Personen vor dem sichern Tode. Rühmlichst zu erwähnen ist auch Andreas Gartner, welcher fünf Menschen, halb ohnmächtig, durch die grausen Fluthen trug.

Ein Wort über die Noth in Tachau brauchen wir nach Alledem kaum beizufügen; wenn auch in nächster Nähe Manches zur ersten und augenblicklichen Linderung geschah, so langt dies natürlich noch bei weitem nicht aus und es ist noch nichts gehan, was namentlich die Armen und die brodlos Gewordenen für die Gegenwart vor der bittern Entbehrung schützen und ihnen zugleich neuen Muth für die Zukunft geben könnte. Hier thut Hülfe im weitesten Sinne noth. Sollte sich die Gartenlaube vergebens an ihre Leser wenden, wenn es sich darum handelt, einer kerndeutschen Stadt im Czechenland beizustehen?

Wir freuen uns, unsere Sammlung heute schon mit fünfzig Thalern „vom ovalen Tisch bei Kaltschmidt“ eröffnen zu können; die Redaction der Gartenlaube selbst schließt sich dieser ersten Gabe mit einer zweiten von fünfundzwanzig Thalern an und ist gerne bereit, weitere Spenden entgegenzunehmen.