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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Von der Astrologie
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Achtes Bändchen, Seite 919–930
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Περὶ τῆς Ἀστρολογίας
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[919]
Von der Astrologie.[1]

1. Diese Schrift handelt von dem Himmel und den Gestirnen; nicht aber von dem Himmel und den Gestirnen selbst, sondern von der auf dieselben sich gründenden Wahrsagekunst und Erforschung der Wahrheit, die dadurch den Sterblichen ist möglich gemacht worden. Auch ist meine Absicht nicht, Regeln und Vorschriften zu geben, wie man es in dieser Kunst weit bringen könne; sondern ich will nur zeigen, wie unrecht unsere Gelehrten daran thun, daß sie, während sie so viele andere Gegenstände betreiben und ihren Schülern vortragen, nur allein die Astrologie weder in Ehren halten noch behandeln wollen.

2. Und doch ist diese Wissenschaft eine uralte, die auch zu uns nicht erst seit Kurzem gekommen, sondern die ernste Beschäftigung alter, von den Göttern selbst sehr hochgeschätzter, Könige gewesen ist. Heut zu Tage aber denkt man aus Unkunde, und weil man die Mühe scheut, sich näher mit ihr bekannt zu machen, ganz anders von der Sache als jene Alten: und weil man zuweilen Wahrsager trifft, die uns falsch prophezeien, so klagt man die Sterne an, macht die Astrologie [920] selbst gehässig, und behauptet, daß überall nichts Vernünftiges und Wahres daran, sondern das Ganze ein Gewebe von Lügen und Windbeutelei sey. Dieses Urtheil ist nun, wie mich dünkt, sehr ungerecht. Die Ungeschicklichkeit eines einzelnen Baumeisters ist ja noch kein Beweis, daß die Baukunst selbst nichts tauge, so wenig als die Musik darum eine alberne Kunst ist, weil dieser oder jener Flötenspieler geschmacklos bläst; sondern wenn es gleich in jeder Kunst Stümper gibt, so ist darum doch jede Kunst für sich gut und vernünftig.

3. Die Aethiopier haben diese Wissenschaft zuerst den übrigen Menschen mitgetheilt. Was sie zu Erfindern derselben machte, war theils die diesem Volke besonders eigenthümliche Weisheit (denn auch in andern Stücken sind die Aethiopier klüger als die übrigen Sterblichen), theils die günstige Lage ihrer Wohnsitze. Immer umgibt sie ein reiner und heiterer Himmel: sie erfahren keinen Wechsel der Jahreszeiten, sondern leben in einem beständigen Sommer. Zuerst mußte ihnen der Mond auffallen, wie er, statt immer derselbe zu seyn, sich unter vielerlei Gestalten zeigt und immer aus einer Form in eine andere übergeht. Diese Erscheinung kam ihnen so wunderbar vor, daß sie es der Mühe werth fanden, die Ursache derselben aufzusuchen. Und so fanden sie denn, daß der Mond kein eigenes Licht hat, sondern dasselbe von der Sonne erhält.

4. Eben so entdeckten sie den Lauf einiger andern Sterne, welche wir Wandelsterne nennen, weil sie unter allen die einzigen sind, die sich von ihrer Stelle bewegen; und lernten ihre Natur, ihre Kräfte, Wirkungen und verschiedenen Einflüsse [921] kennen. Auch gaben sie ihnen Namen, aber nicht blos willkührliche, sondern bezeichnende Benennungen.

5. Das waren die ersten Beobachtungen, welche die Aethiopier am Himmel machten. Ihre noch sehr unvollkommene Wissenschaft empfingen von ihnen ihre Nachbarn, die Aegyptier, welche sie weiter ausbildeten, die Zeitmaße der Planeten-Bewegungen bestimmten, und die Eintheilung der Zeit in Jahre, Monate und Stunden festsetzten. Das Maß für die Monate gaben ihnen der Lauf und die Veränderungen des Mondes: das für das Jahr der Umlauf der Sonne.

6. Aber auch noch andere und wichtigere Erfindungen haben sie gemacht. Sie theilten nämlich das ganze Firmament und sämmtliche Fixsterne, die sich nie von ihrer Stelle bewegen, in zwölf Abtheilungen, in welcher die Planeten sich bewegen: und jede dieser Abtheilungen ward dem lebendigen Wesen angewiesen, dessen Bild ihnen von den in jeder derselben enthaltenen Sternen hervorgebracht zu werden schien, als da sind Seegeschöpfe, Vögel, andere wilde und zahme Thiere, und Menschen.

7. Hierin liegt der Ursprung der so mannigfaltigen Verehrung von Thieren bei den Aegyptiern. Es gebrauchen nicht alle Aegyptier sämmtliche zwölf Abtheilungen zum Wahrsagen, sondern die Einen diese, die Andern jene. Diejenigen also, welche zu diesem Behuf den Widder beobachteten, verehren den Widder: wiederum Diejenigen, welche auf das Zeichen der Fische merkten, essen keine Fische; und Die den Steinbock kennen lernten, tödten keinen Bock. Und so erweisen Andere wieder andern Geschöpfen Verehrung. Der Stier wird z. B. zu Ehren des Stieres am Himmel verehrt: [922] und dem Apis ist, als einem hochheiligen Wesen, eine ganze Landstrecke zum Eigenthum angewiesen und ein Orakel gestiftet, als Zeichen der prophetischen Natur des himmlischen Stieres.

8. Nicht lange nach den Aegyptiern haben sich auch die Libyer mit dieser Wissenschaft befaßt. Daher steht denn auch das Ammons-Orakel in Libyen in Beziehung zu dem Himmel und der von dort zu holenden Erkenntnisse, weßwegen dort Ammon mit einem Widderkopfe dargestellt wird.

9. Alle diese Kunde eigneten sich sofort auch die Babylonier an: Diese behaupten sogar, sie vor allen übrigen Völkern besessen zu haben. Meines Dafürhaltens aber ist sie zu ihnen weit später gelangt.

10. Die Griechen aber überkamen ihre astrologischen Kenntnisse weder von den Aethiopiern, noch von den Aegyptiern; sondern Orpheus, des Oeager und der Kalliope Sohn war der Erste, der ihnen hierin Unterricht ertheilte: freilich stellte er die ganze Theorie nicht eben in das hellste Licht, sondern hüllte sie vielmehr, seiner Absicht gemäß, in gewisses zauberhaftes und mystisches Dunkel. So war ihm z. B. die von ihm verfertigte siebensaitige Lyra, mit welcher er bei seinen geheimen Orgien die heiligen Gesänge begleitete, das Symbol der Harmonie der Wandelsterne. Indem Orpheus immer das Geheimnisvolle aufsuchte, und durch dieses die Gemüther aufregte, bezauberte er Alles und unterwarf sich Alles. Nicht jene wirkliche Leyer, noch auch irgend eine wirkliche Musik war ihm die Hauptsache, sondern jene Harmonie war des Orpheus große Lyra. Aus Verehrung wiesen daher die Griechen dieser Lyra einen Platz an dem Firmamente selbst an; und eine zahlreiche Sterngruppe wird [923] mit dem Namen die Leyer des Orpheus bezeichnet. Wenn du einmal eine Abbildung des Orpheus, sey es eine plastische oder ein Gemälde, wirst zu Gesichte bekommen, so wirst du finden, wie er singend und mit seiner Leyer in den Händen mitten unter einer Menge von Thieren sitzt, unter welchen sich auch ein Mensch, ein Stier und ein Löwe, und die übrigen Zeichen des Thierkreises befinden. Wenn du Dieses siehest, so erinnere dich an diese meine Worte, und du wirst verstehen, was jener Gesang und jene Leyer bedeuten, und was das für ein Stier und für ein Löwe ist, die dem Orpheus zuhören. Und wenn du die von mir angegebenen Ursachen wirst gefaßt haben, so werden dir alle diese Dinge auch am Himmel wieder erscheinen.

11. Von dem Böotier Tiresias, dessen Prophetenruhm allgemein verbreitet war, geht die Sage, er habe zuerst die Griechen belehrt, daß die Wandelsterne in ihren Wirkungen verschieden, und die einen von ihnen weiblicher, die andern männlicher Natur seyen; und dieß ist der Ursprung der Fabel, die ihn zu einem Doppelwesen macht, das wechselsweise bald Mann, bald Weib gewesen sey.

12. Um die Zeit, da sich Atreus und Thyestes um den väterlichen Thron stritten, legten bereits die Griechen der Astrologie und der Kenntniß der himmlischen Dinge offenbar eine hohe Wichtigkeit bei. Denn das Gesammtvolk der Argiver beschloß, Denjenigen von Beiden als seinen König anzuerkennen, der den andern in dieser Wissenschaft übertreffen würde. Da lehrte sie denn Thyestes das Zeichen des Widders am Himmel kennen, woher die Sage entstand, daß Thyestes ein goldenes Schaf gehabt habe. Atreus aber unterrichtete [924] sie von der Sonne und deren Auf- und Untergang, und zeigte, daß sich die Sonne und die Welt nicht in gleicher Richtung bewegen, sondern gegen einander laufen, so daß, wo der Untergang der Sonne ist, der Aufgang der Welt sich befindet, und umgekehrt. Für diese Belehrung machten ihn die Argiver zu ihrem König, und der Ruhm seiner Weisheit erscholl weit und breit.

13. Die Sage von Bellerophon stelle ich mir so vor: denn daß er wirklich ein geflügeltes Pferd gehabt habe, will mir nicht einleuchten. Ich glaube vielmehr, daß er, dieser Wissenschaft eifrig zugethan, über die überirrdischen Dinge fleißig nachdachte, und gleichsam mit den Sternen verkehrte, und also nicht auf einem Pferde, sondern mit seinen Gedanken sich in den Himmel erhob.

14. Dasselbe gilt, behaupte ich, auch von des Athamas Sohn, Phrixus, der, wie die Fabel will, auf einem goldenen Widder die Lüfte durchzogen haben soll. Und so wunderlich die Geschichte des Atheners Dädalus ist, so glaube ich doch, daß sie gleichfalls mit der Astrologie zusammenhängt: Dädalus war ohne Zweifel ein großer Sternkundiger, und hatte auch seinen Sohn Icarus in dieser Wissenschaft unterrichtet.

15. Allein Dieser, im Unverstande der Jugend, strebte Dinge zu erforschen, die zu wissen den Sterblichen versagt ist, verstieg sich zu hoch, fiel aus der Bahn der Wahrheit und gesunden Vernunft, und stürzte in ein bodenloses Meer von Irrthümern. Anders lautet freilich die Griechische Fabel: und dieser zu Folge wird ein Busen des Aegeischen Meeres ohne allen Grund der Icarische genannt.

16. Und weil Pasiphaë aller Wahrscheinlichkeit nach [925] durch eben diesen Dädalus den Stier am Himmel kennen gelernt und überhaupt Kenntniß von der Astrologie erhalten hatte, welcher Wissenschaft sie sofort mit besonderer Liebe zugethan war, so entstand die Meinung, Dädalus hätte sie mit einem Stiere sich vermählen lassen.

17. Auch gab es wohl Astrologen, welche diese Wissenschaft gleichsam unter sich theilten, und von denen der Eine dieses, der Andere jenes Gestirn in nähere Betrachtung zog; so daß z. B. der Lauf, die Gesetze der Bewegung, die Einflüsse der Sonne, des Mondes, des Jupiters u. s. w. von Einzelnen besonders untersucht wurden.

18. So mag Endymion alles Dasjenige, was den Mond betrifft, in eine gewisse Ordnung gebracht haben.

19. Phaëton war bemüht, die Sonnenbahn zu ermessen, konnte aber, weil er darüber starb, die Sache nicht in’s Reine bringen, sondern mußte sie unvollendet hinterlassen. Aus Unkunde machte man ihn denn in der Folge zu einem Sohne des Helios [der Sonne], und erzählte von ihm folgendes, gar abenteuerliche Mährchen: „Er erbat sich einst von seinem Vater die Erlaubniß, den Sonnenwagen zu fahren, was ihm Dieser bewilligte: zugleich gab ihm der Vater einige Regeln, wie er mit den Pferden umzugehen hätte. Phaëton bestieg den Wagen; allein aus jugendlicher Unerfahrenheit kam er bald der Erde zu nahe, bald entfernte er sich wieder von ihr, und fuhr zu hoch in die Lüfte, so daß die Menschen von Hitze und Kälte zugleich zu Grunde gerichtet wurden. Ergrimmt hierüber traf Jupiter den Phaëton mit einem gewaltigen Blitzstrahl: er fiel herab, und seine Schwestern, die sich um seinen Leichnam herumstellten, beweinten ihn so [926] lange, bis sie endlich in Pappeln verwandelt wurden, als welche sie noch heutiges Tages Bernstein statt der Trauerthränen weinen.“ Aber so war die Sache gewiß nicht, und es wäre Versündigung, das Mährchen zu glauben. Denn Helios hatte keinen Sohn; und hätte er einen gehabt, so wäre er nicht gestorben.

20. Noch manche andere fabelhafte Dinge erzählen die Griechen, denen ich keinen Glauben beimessen kann. Wäre es z. B. nicht irreligiös, zu glauben, Aeneas sey wirklich der Venus, Minos Jupiter’s, Ascalaphus des Mars, und Autolycus des Mercur Sohn gewesen? Das Ganze an der Sache ist, daß der Eine dieser, der Andere jener Gottheit besonders lieb war, und daß sie unter günstigem Einflusse der Planeten Venus, Jupiter, Mars oder Mercur geboren worden. Denn welcher Planet bei der Geburt eines Menschen eben regiert, der theilt ihm, wie der Vater dem Kinde, seine Eigenthümlichkeit nach Sinnesart, Werken, Gestalt und Farbe mit: also wurde Minos durch Jupiter’s Einfluß ein König, Aeneas erhielt durch die Gunst der Venus körperliche Schönheit, Autolycus nahm von Mercur die Kunst und Neigung zu stehlen an, u. s. f.

21. Auch ist nicht wahr, daß Jupiter den Saturn gefesselt in den Tartarus gestürzt, und Anderes dergleichen gethan habe, was die Leute gewöhnlich glauben. Sondern der Planet Saturn hat die von uns entfernteste Bahn, seine Bewegung ist langsam und von den Menschen nicht leicht wahrzunehmen. Daher sagt man von ihm, er bleibe unbeweglich, weil er gefesselt sey. Was man aber den Tartarus nennt, ist der tiefe Luftraum des Himmels.

[927] 22. Vorzüglich aber kann man aus den Gedichten des Homer und Hesiod die Lehren der alten Astrologen kennen lernen. Wenn z. B. Homer von der Kette des Zeus sprich, und von den Sonnenrindern,[2] womit ohne Zweifel die Tage gemeint sind, und von den Städten, welche Vulcan auf dem Schilde des Achilles anbrachte, so wie dem Chor und dem Weinberge ebendaselbst, so ist alles Dieß, wie ich glaube, astrologisch zu verstehen. Wiederum die Geschichte von der ehebrecherischen Buhlschaft der Venus und des Mars, die so klar an den Tag gekommen, ist nichts anderes als die poetische Darstellung einer astrologischen Wahrheit; und der Gegenstand dieser Dichtung ist eigentlich die Constellation des Mars und der Venus. Ihre beiderseitigen Wirkungen und Einflüsse aber bezeichnet der Dichter an andern Stellen, z. B. wo Jupiter zur Venus spricht:[3]

Nicht dir wurden verliehen, mein Töchterchen, Werke des Krieges:
Ordne du lieber hinfort anmuthige Werke der Hochzeit.
Jene besorgt schon Mars, der Stürmende, und Athenäa.

23. Gemäß diesen Begriffen hielten die Alten sehr viel auf Prophezeiungen, und bedienten sich der Wahrsager als sehr wichtiger Personen. Keine Stadt wurde gegründet, keine Ringmauer erbaut, keine Schlacht geliefert, keine Ehe geschlossen, ohne daß man zuvor einen Wahrsager befragt hatte. Und diese Wahrsagerkunst stand in genauer Verbindung mit der Astrologie. In Delphi bekleidete eine Jungfrau das Prophetenamt als Symbol der Jungfrau am Firmament, [928] und ein redender Drache befindet sich unter dem heiligen Dreifuß, weil auch unter den Gestirnen ein Drache zu sehen ist. Und ich glaube nicht anders, als daß auch das Orakel des Apollo zu Didomi diesen Namen von den himmlischen Zwillingen (Didymi) erhalten hat.

24. Ja, die Divination galt ihnen für eine so heilige Sache, daß auch Ulysses, als er, des immerwährenden Umherirrens müde, einmal die reine Wahrheit über sein Schicksal erfahren wollte, in die Unterwelt hinabstieg, nicht blos –

– – um die Todten zu schau’n und den Ort des Entsetzens,[4]

sondern um den berühmten Propheten Tiresias zu sprechen. Und wie er an der Stelle, welche ihm Circe bezeichnet, angelangt war, und die Grube gegraben und die Schafe geschlachtet hatte, und eine Menge Todter, unter andern auch seine verstorbene Mutter herbeikam, und von dem Blute zu trinken begehrte, ließ er es Keinem zu, und sogar seiner eigenen Mutter nicht, bevor Tiresias getrunken, und er ihn genöthigt hatte, ihm die Zukunft zu eröffnen: so wichtig war ihm also die Sache, daß er es sogar über’s Herz bringen konnte, den Schatten seiner Mutter dürsten zu sehen.

25. Zu Lacedämon hatte Lycurg die ganze Staatsverfassung nach dem Muster der himmlischen Ordnung eingerichtet, und ein Gesetz gegeben, wornach den Kriegern nicht erlaubt ist, ehe der Vollmond eingetreten, in’s Feld zu rücken. Denn er glaubte, daß die Kraft des Einflusses bei dem zunehmenden und abnehmenden Monde sehr verschieden sey; daß aber Alles unter der Regierung dieses Planeten stehe.

[929] 26. Nur die Arcadier nahmen diese Vorstellungen nicht bei sich auf, und erwiesen der Astrologie keine Achtung. Aus Unverstand und Unwissenheit behaupten sie sogar, noch älter als der Mond zu seyn.

27. So waren denn also unsere Vorältern der Kunst, die Sterne zu deuten, gar sehr zugethan. Unsere Zeitgenossen aber behaupten zum Theil, daß diese Wahrsagerei unmöglich einen festen Grund haben könne, sondern unzuverläßig und unwahr sey. Denn Jupiter und Mars am Himmel bewegten sich nicht unsertwegen, auch trügen sie keine Sorge für die menschlichen Angelegenheiten, als welche sie gar nichts angingen; sie liefen ihre Bahn um ihrer selbst willen und nach einem nothwendigen Gesetze.

28. Andere beschuldigen die Astrologie zwar nicht des Truges, aber läugnen ihren Nutzen. Denn durch das Prophezeien, sagen sie, werde Das nicht geändert, was einmal nach dem Rathe des Verhängnisses eintreten soll.

29. Diesen zwei Meinungen habe ich Folgendes entgegenzuhalten: Die Sterne am Himmel verfolgen zwar ihre eigene Bahn für sich: nebenbei aber ist mit ihrer Bewegung eine Einwirkung auf Alles, was uns betrifft, verbunden. Ein rennendes Pferd, eine anstürmende Männerschaar wirft Steine auf, jagt Staub und Spreu empor im Ungestüm des Laufes, und wie? der gewaltige Umschwung der Gestirne soll weiter nichts zur Folge haben? Ein noch so kleines Feuer hat einen Einfluß auf uns: wiewohl das Feuer nicht unsertwegen den Brennstoff verzehrt, und nicht zur Absicht hat, uns Wärme zu verschaffen. Und die Gestirne sollen keinen Einfluß auf uns ausüben? Zweitens ist die Astrologie [930] freilich nicht im Stande, das Schlimme gut zu machen, und die Einwirkungen der Gestirne zu ändern. Allein Denen, die sie befragen, ist sie doch in so fern von Nutzen, als sie sich auf das Gute, das sie kommen sehen, lange schon voraus freuen, und das Schlimme um so leichter ertragen können. Denn da das Letztere sie nicht unerwartet trifft, sondern die Erwartung ihnen Zeit ließ, sich vorzubereiten, so erscheint es ihnen milder und erträglicher. – Dieß ist meine Ansicht von der Astrologie.



  1. Dieses schwache, und zum Theil absurde Produkt sieht nach Form und Inhalt unserem Schriftsteller zu unähnlich, als daß es auch nur für eine verunglückte Jugendarbeit desselben gehalten werden könnte. Das Original ist, wiewohl mit häufigen Verstößen, in Ionischer Mundart und Manier geschrieben.
  2. βόας nach Barnes Vorschlag zu Odyss. XII, 129.
  3. Iliade V, 429. ff. Voß.
  4. Odyss. XI, 93.